Deutsche Passiva

Unterhändler mit Vorgeschichte

Schröders Entschädigungsbeauftragter Otto Graf Lambsdorff ist ein Mann mit Vergangenheit. Dennoch halten ihn auch Organisationen der Nazi-Opfer für den richtigen Unterhändler
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Wie sind Sie darauf gekommen, die Biografie von Otto Graf Lambsdorff unter die Lupe zu nehmen?

Es war ein Zufallsfund. Im Bundesarchiv in Koblenz stieß ich im Zusammenhang mit geflüchteten Nazi-Kriegsverbrechern auf BKA-Akten aus dem Jahr 1953, in denen der Name Lambsdorff in einem Vernehmungsbericht auftauchte. Es ging um einen verurteilten holländischen SS-Angehörigen, der im Raum Aachen untergetaucht war und mit Hilfe damaliger FDP-Größen versteckt wurde.

Und was hat Otto Graf Lambsdorff damit zu tun?
Der Mann, damals 28 Jahre alt, war dort 1952/53 Bezirksvorsitzender der FDP. Man muss dazu wissen, dass die FDP in Nordrhein-Westfalen von ehemaligen SS-Funktions-Eliten und HJ-Führern unterwandert war. Kurz: Otto Graf Lambsdorff ist zumindest kraft seiner damaligen Funktionen als Bezirksvorsitzender und Geschäftsführer mit verantwortlich und beteiligt gewesen an einer Reihe von Aktivitäten, die in Hilfe für ehemalige Kriegsverbrecher und Propaganda für deren Generalamnestie bestand.

Lambsdorff unterschied sich damit nicht von seinen Parteikollegen, denn die Unterstützung für NS-Täter gehörte zum politischen Programm der FDP bis etwa 1956.

Vom Auschwitz-Komitee und anderen NS-Opferverbänden wurde Lambsdorff wegen dieser Vergangenheit als "untragbar" bezeichnet. Haben Sie seinen Rücktritt wirklich erwartet?

Wir wollten Druck auf die Verhandlungen ausüben, den Zwangsarbeiter-Organisationen und ihren Anwälten Argumente in die Hand geben, um dem sich abzeichnenden souveränen Gebaren Lambsdorffs etwas entgegen zu setzen. Wichtig war uns eine Kritik an der Bundesregierung, nicht allein an der Person des Verhandlungsführers, sondern der Position, die er symbolisiert.

Wie hat Lambsdorff auf Ihre Veröffentlichungen reagiert?

Gegenüber einem Spiegel-Redakteur, der ihn ganz taufrisch ans Telefon bekam, sagte er, es handele sich um eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit, er könne sich an diesen Kriegsverbrecher nicht erinnern, auch mit dem Stellvertreter Heydrichs sei er nie zusammengetroffen. Auf der Pressekonferenz am 24. August in Bonn haben wir dann die Dokumente vorgelegt. Danach schickte Lambsdorff Faxe z. B. an den WDR, in denen nur noch stand, unsere Belege seien oberflächlich recherchiert.

Bis heute gibt es kein wirkliches Dementi, keine Unterlassungsklage, keine angedrohten Strafanzeigen - all das, was sonst in derartigen Fällen zum Anwaltsspiel gehört. In der Sache hat er nichts wirklich entgegnen können.

Was könnte Lambsdorff mit "Dichtung" neben der Wahrheit meinen?

Von unserer Seite können wir sämtliche Vorwürfe belegen. Natürlich hat Lambsdorff an einzelnen Punkten seine persönliche Verantwortung zurückgewiesen. Er habe Veranstaltungen mit ehemaligen Nazi-Funktionären machen müssen, weil die eben auch in der FDP waren.

Hat - unabhängig von Lambsdorff - die FDP auf Ihre Anwürfe reagiert?

Ich habe Guido Westerwelle auf einer Wahlkampfveranstaltung in Aachen angesprochen. Er hat es nicht ganz verstanden und meinte, ich hätte Lambsdorff als "Nazi" bezeichnet. Das ist natürlich Quatsch. Der Vorwurf war und ist, dass Lambsdorff als politischer Helfershelfer von Nazi-Kriegsverbrechern in den fünfziger Jahren agiert hat.

Es gibt eine Zusicherung der Aachener FDP gegenüber dem WDR, dass sie sich nach den Kommunalwahlen zu den Vorwürfen äußern will. Bislang haben wir aber noch nichts davon gehört.

Es gibt offensichtlich bis in die Verhandlungsebenen hinein geteilte Auffassungen, welche Konsequenzen aus den Vorwürfen gegen Lambsdorff zu ziehen sind. Der Mann gilt als zumindest durchsetzungsfähiger als sein Vorgänger Bodo Hombach.

Das mag sein. Der kennt sich mit deutschen Industriellen aus. Lambsdorff hat langjährige Erfahrungen in dieser Szene - er gehört ja zu den Verurteilten der Flick-Affäre in den achtziger Jahren. Es ist kein Widerspruch, dass jemand, den man politisch ablehnt, sein Handwerk verstehen kann.

Wir haben uns an den Interessen der Zwangsarbeiter orientiert. Interessant war ja auch, dass wir im Laufe der Recherche auch jünger datierte Dokumente gefunden haben, die eine gewisse Kontinuität in seiner Karriere aufzeigten. Und es ist nur legitim, dies dann auch der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Sind Sie in Ihren Recherchen behindert worden?

Nein, in keiner Weise. Die Archiv-Mitarbeiter waren überall sehr kooperationsbereit. Im Übrigen haben wir die Informationen bereits vor der Weitergabe an die Presse an die an den Verhandlungen beteiligten Organisationen gegeben. Erstaunlich ist, dass Lambsdorff offensichtlich von niemandem gewarnt worden ist.

Ich habe nicht einmal erwartet, dass die Angelegenheit sich so schnell zuspitzt. Wir hatten diese Möglichkeit natürlich diskutiert - gerade bei den Überlebenden-Verbänden gibt es ein sehr starkes und berechtigtes Interesse daran, dass die Verhandlungen nicht unnötig herausgezögert werden.

Unsere Einschätzungen waren unterschiedlich. Ich glaube aber, niemand aus diesem Spektrum findet es wirklich verwerflich oder falsch, sich mit der Vorgeschichte des Verhandlungsführers auseinanderzusetzen. Die Frage ist nur, welche Konsequenzen realistisch zu fordern sind.

Es ist wahrscheinlich nicht so leicht für die Bundesregierung, einen Verhandlungsführer mit einer gewissen - auch historischen - Lebenserfahrung zu finden, männlich, mit guten Kontakten zur deutschen Industrie und mit Verhandlungsgeschick - der keinen mit dem NS verbundenen Dreck am Stecken hat?

Ja, doch das ist mir zu allgemein. Wenn Lambsdorff - der gern damit hausieren geht, er habe gute Kontakte auch zu jüdischen, US-amerikanischen Kreisen - öffentlich sagt, für ihn seien gerade die Nürnberger Prozesse so wichtig gewesen, um zu kapieren, was im NS passiert ist - wenn dieser Mensch aber eben mehrere Jahre nach den Nürnberger Prozessen an führender Stelle einschlägig mit genau diesen Nazi-Kriegsverbrechern zu tun hatte, Kampagnen mit organisiert hat für deren Amnestie, dann stimmt da ja was nicht.

Im Übrigen geht es bei unserer Kritik nicht nur um diese nun gut 45 Jahre alten Geschichten. Noch 1992 trat, wie die taz berichtete, Graf Lambsdorff beim Kyffhäuserbund auf und stellte dort öffentlich fest, dass die deutschen Werte und Tugenden wieder gepflegt würden, "trotz der Versuche der Nürnberger Richter, das nationale Denken zu vernichten". Es gibt da eine Kontinuität, die den Mann nicht sehr vertrauenswürdig macht.

Wagen Sie eine Voraussage über den Ausgang der Verhandlungen?

Ich glaube nicht wirklich, dass es eine befriedigende Lösung geben wird. Aber ich würde mich freuen, wenn es dazu käme. Dass dann Lambsdorff lächelte, das würde ich schon in Kauf nehmen... Auf unserer Pressekonferenz hat Kurt Goldstein vom Auschwitz-Komitee dem Sinne nach gesagt: Für eine angemessene Entschädigung führen wir die Verhandlungen notfalls mit dem Teufel.