13.10.1999
Dschungelbuch

Paradise Lost

Toni Morrison erzählt von den Opfern des Rassismus, die selbst zu Tätern werden.

Daria Wißbaum

Ruby heißt eine Kleinstadt im Bundesstaat Oklahoma. 1890, kurz nach dem Bürgerkrieg, wurde sie von den ersten in die Freiheit entlassenen schwarzen Sklaven gegründet. Die "all black community" von Ruby, deren Einwohner ebenso stolz darauf sind, das "Knie nur vor Gott zu beugen", wie darauf, alle Angelegenheiten unter sich zu regeln, hat sich über die Jahrzehnte durch strenge religiöse Gebote und Rassen-Gesetze von der Umwelt abgeschottet.

1968: Auf Häuserwänden tauchen Graffities mit der Black Panther-Faust auf, ein Zeichen dafür, dass auch Ruby kein völlig von der Außenwelt abgeschlossener Ort mehr ist. Die Leute in Ruby beginnen, unruhig zu werden, die Gerüchteküche brodelt, man tuschelt über Abtreibungen und über Jugendliche, die lieber Spaß statt Arbeit wollten: Das Paradies ist keins mehr.

17 Meilen entfernt von Ruby siedelt eine Community anderen Zuschnitts; keine von Männern dominierte Gemeinschaft, die sich auf ihre gemeinsame Herkunft beruft, sondern fünf Frauen, darunter schwarze und weiße, die im Kloster Zuflucht gesucht haben, weil sie an diesem Ort ein Leben ohne äußeren Zwang führen können.

Aus Sicht der 360 Einwohner von Ruby, die jeden Kontakt mit den Bewohnerinnen des Klosters meiden, steht fest, dass die Frauen Promiskuität, Satanismus und Kindermord praktizieren und verantwortlich sind für die jüngsten Vorkommnisse im Ort. An einem Sommermorgen im Jahr 1976 machen sich neun bewaffnete Männer auf den Weg zum Kloster.

Die Situation eskaliert: denen immer häufiger gemunkelt worden war, nahmen die Gestalt von Tatsachen an. Eine Mutter wurde von ihrer kalt blickenden Tochter die Treppe hinabgestoßen. Vier missgebildete Kinder kamen in einer einzigen Familie zur Welt. Töchter weigerten sich, das Bett zu verlassen. Bräute verschwanden in den Flitterwochen. (...) Die Beweise, die sie seit der schrecklichen Entdeckung im Frühjahr zusammengetragen hatten, ließen sich nicht länger leugnen: Die eine Gemeinsamkeit, die alle diese Katastrophen miteinander verband, war im Kloster zu finden. Und im Kloster waren diese Frauen."

Mit dem Satz "Das weiße Mädchen erschießen sie zuerst" beginnt der Roman. In Rückblenden erzählt Morrison die Geschichten der fünf Frauen. Das Schicksal von Mavis etwa, die ihren gewalttätigen Mann und die gemeinsamen Kinder verließ, weil sie befürchten musste, totgeschlagen zu werden. Oder das von Consolata, die, obwohl tief religiös, die Geliebte eines verheirateten Mannes war; von Seneca, die sich aus lauter Selbsthass mit Drogen und Alkohol fast selbst zerstört hätte; und von Grace, die die kürzesten Miniröcke trägt, die in Ruby je gesehen wurden.

Wer von ihnen welche Hautfarbe hat, beschäftigt den Leser bis zum Schluss. "Ich wollte", sagt Morrison in einem Interview mit dem Time-Magazine, "dass der Leser über die Hautfarbe der Frauen rätselt, so lange, bis ihm klar wird, dass sie keine Rolle spielt. Die Hautfarbe ist die am wenigsten zuverlässige Information, die man über jemanden erhalten kann."

"Paradise" ist der erste Roman, den Toni Morrison nach ihrer Auszeichnung mit dem Nobelpreis im Jahr 1993 geschrieben hat und der dritte Teil der mit "Menschenkind" (1987) und "Jazz" (1992) begonnenen Trilogie über die Geschichte der Schwarzen in den USA, des Rassismus und des Traumas der Sklaverei. Toni Morrison erzählt von den Opfern des Rassismus, die die erfahrene Gewalt weitergeben und selbst zu Unterdrückern werden. Und es sind die schwarzen Frauen, die doppelt unter dem Rassismus zu leiden haben, als Opfer rassistischer Unterdrückung wie als Opfer männlicher Gewalt.

Allerdings möchte die Autorin "Paradies" nicht als eine Parabel über Männergewalt verstanden wissen. Ihr Roman handele, so Toni Morrison, "davon, dass jede Vorstellung von einem Paradies auch immer Aus- und Abgrenzung beinhaltet".

Toni Morrison: Paradies. Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Reinbek 1999, 480 S., DM 45