Rechter Arm gestreckt, Stiefeltritt, Ausländer klatschen, KZ - das sind wohl die Assoziationen, die einem zu Nazis einfallen. Dieses Bild ist falsch. Das meint zumindest ein junger Mann namens André Goertz. Er kam von selbst zu uns, via Internet (www.nit.de/goertz/indisk.htm). Über das "Nationale Infotelefon" erreicht man seine "Heimatseite" mit dem Namen "Goertz indiskret". André führt dort ein Online-Tagebuch. "Es ist für chronisch Neugierige gedacht (z.B. Verfassungsschützer) und andere, die bisher nicht wußten, daß Nationalisten ganz normale Leute sind."
Normale Leute? Das sind ja wir! Aber wer ist eigentlich Herr Goertz? Der Betriebswirtschaftler war von 1991 bis 1994 Mitglied der mittlerweile verbotenen FAP, dort Landesvorsitzender Hamburg und Bundesschatzmeister, Veranstalter zahlreicher Demos und Kundgebungen, Redner. Seit 1993 macht er beim "Nationalen Infotelefon" mit. Seit 1994 propagiert er einen "progressiven Nationalismus" - ganz schön fleißig, André!
Ein echter Nazi, und der soll ein Mensch sein? Progressiver Nationalismus, das muss so was wie Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz sein. Faschismus ist eine Blume auf der Wiese: Darf ich Sie höflichst bitten, mir zu gestatten, Ihnen mit dem Baseballschläger die Unregelmäßigkeiten Ihres Gaumens zu entfernen?
Deshalb sagt uns André auch, was er alles lieb hat ("Das gefällt mir bzw. mag ich besonders"): Schwarze Farbe, den Frosch als Tier und die deutsche Tanzmusik. Fernsehen tut er auch, vor allem "Verbotene Liebe", natürlich "wegen Kerstin Landsmann". Das Lieblingsessen unseres Freundes: "Kartoffelsalat mit Würstchen".
Für den Feierabend sind geistige Getränke vorgesehen: "Warsteiner, Baileys, Friedrich Hinrichs Kirsch-Weizenkorn". Der knallt wie sonst nur der Randstein-Kick. Als Film findet er "Manche mögen's heiß" heiß, und für's richtige Kampfgewicht: "Alle Sorten Frucht- und Weingummi". Kann man sagen: hart wie Kruppstahl, zäh wie Weingummi? André hat noch mehr menschliche Eigenschaften. So nennt er eine respektable Sammlung von "Energydrinks und Bierseidel" sein Eigen.
Die "Heimatseite" fällt auch wegen der Gestaltung auf: Hakenkreuze und Reichskriegflagge suchen wir vergebens. Stattdessen verwendet der Nazi-Mensch lustige Symbole mit Außerirdischen. Könnte man besser darstellen, dass sich der deutsche Würstchenfresser in seinem Land nicht wohlfühlt, seitdem die Amerikaner alles besetzt halten?
Kommen wir zum Online-Tagebuch. Wer glaubt, Nazis wären allesamt Vollidioten, kann sich hier davon überzeugen, dass sie "ganz normale Leute" sind. Zum Beispiel am 19.12.1998: "Noch etwas Bier und die Baguettebrote gekauft, dann bei strömendem Regen fast ein Kind überfahren." Naja, kann jedem mal passieren. Aber das Weißbrot vom Franzosen fressen? Echt menschlich!
Abends geht es "endlich" zur Wintersonnenwendfeier. "Wir fuhren erstmalig mit dem Reisebus." Es ist der Tag, wo "Verbrecher Clinton und Handlanger Blair" ihre Angriffe auf den Irak begonnen haben. "Leider hatte ich in den letzten Tagen überhaupt keine Zeit, sonst hätte ich mich an den Anti-USA-Demonstrationen beteiligt. Egal, ob von links oder rechts organisiert" - der progressive Nationalist ist flexibel.
Goertz' Heimatseite - eine der wenigen Informationsquellen über das Privatleben deutscher Neonazis. Schauen wir mal, was sonst noch alles passiert ist:
Freitag, 18.12.1998
"Tätigkeiten: Vormittags auf dem Schlachthof gewesen, um die Verpflegung für die Sonnenwendfeier einzukaufen. Wenn man direkt kauft, spart man 50 % gegenüber dem Ladenpreis." Danke für diesen echt menschlichen Verbrauchertip. Es gibt noch mehr Grund zum Feiern: "Die NPD kann morgen in Hannover demonstrieren. Es ist erstaunlich, daß die Verbotsverfügungen fast immer aufgehoben werden." André steht gar nicht so weit weg von der menschlichen Gesellschaft - die fragt sich schon geraume Zeit, warum die "fast immer aufgehoben werden".
Donnerstag, 17.12.1998
"Am Vormittag Post und Bank. Am Abend zum Konzert von Pöbel und Gesocks, ein Haufen Skins und Punks vor Ort, außerdem ein Deutsch-Türke als Skinhead." Nicht mal beim Pöbel-und-Gesocks-Konzert hat man seine Ruhe. Aber wir sind hier bei den progressiven Nationalisten. Der Autor entschuldigt sich für seine unbedachten Äußerungen: "Den Deutsch-Türken nehme ich zurück. Wie wär's mit türkisch geborenem Deutschen?" Vielleicht sollte man doch mal den Weingummi-Konsum etwas einschränken. Der hört sich ja an wie Junge Union. An dem Tag schafft er gerade noch den Absprung. "Die Westeuropäer", zieht André die Schrauben nach, "kriechen den Amis wie immer in denÖ" Glück gehabt.
Mittwoch, 16.12.1998
Identitätskrise überstanden. "Durch den Streß der letzten Tage habe ich einige Dinge einfach zu kompliziert gesehen. Nun, wo einiges erledigt ist, kommen mir auch Lösungen für andere Probleme in den Sinn." Die Endlösung vielleicht? "Am Abend an einem ungezwungenen Treffen politischer Kräfte in Hamburg teilgenommen. Es wird Zeit, daß auch in Hamburg wieder etwas Konstruktives entsteht." Vielleicht das KZ Neuengamme? Nein, neue Internetseiten! "Seitdem wir täglich neu berichten, sind die Zugriffszahlen erheblich gestiegen. Danke an alle unsere Freunde!" Menschlichkeitsfaktor Zehn.
Dienstag, 15.12.1998
"Wegen des praktizierten Schlafentzugs reichte die Kraft nur noch bis Mitternacht. Ich werde daher am Mittwoch früher aufstehen müssen" - bestechende Logik. Was war los? "Die NPD-Demo am Sonnabend wurde verboten. Es ist einfach zum Kotzen, wie jedes Mal wieder das gleiche, schmutzige Spiel betrieben wird. Diese Intoleranz, gepaart mit Machtmißbrauch, ekelt mich an." Das ist ja wie im Nationalsozialismus! Hört das denn nie auf mit dem Miss-brauch von aufrechten Menschen? Erstmal ein bißchen Pop in die Stereoanlage, "Lied des Tages: 'Du und die, das geht nie'; Michelle."
Sonntag, 13.12.1998
Eine letztinstanzliche menschliche Eigenschaft ist die Tierliebe. André hat sich einen Köter besorgt. "Der Hund ist eingetroffen. Es handelt sich um einen sieben Wochen alten Kangal, ein spezieller Hirtenhund, der für seine Aufgaben bei uns noch abgerichtet werden wird." Was wird er wohl tun, Führers Hund: Kanaken-Finger mampfen, Antifa-Waden klammern? "Weil ja immer wieder unangenehme Gestalten das Grundstück betreten, müssen andere Saiten aufgezogen werden." Bello wird für Ordnung sorgen. "Jetzt ist er aber noch zu klein und daher ganz Liebling der Kinder."
Ganz schön anstrengend so ein Leben als progressiver Nationalist. Was ein Glück, dass wenigstens bei der Arbeit ein Licht am Horizont aufgeht. "Die Bundeswehr ist unbeliebter denn je. In diesem Jahr stieg der Anteil der Drückeberger und Wehrdienstverweigerer auf 34 %, folglich weigert sich schon jeder Dritte." Schande. Aber: "Da mittlerweile mindestens 10 % aller jungen Männer (in Mitteldeutschland sind es noch mehr) nationalistisch gesinnt sind, wird ihr Anteil bei der Bundeswehr künftig bei 15 % liegen (100-34=66, darunter 10 Nationale. Tendenz steigend)." Nach diesem Bravourstück im Rechnen bricht das Online-Tagebuch der Heimatseite ab. Gut so. Uns war schon ganz dusselig vor soviel Menschlichkeit.