Hate-Speech in Reimen
Was schaffen sie denn, die Linkslinken, die sich so gute Menschen dünken?
Für 'Freiheit' (nur für ihresgleichen!) scheu'n sie nicht Lügen, Trug und Leichen« ist eine seiner berüchtigten Holprigkeiten: Seit Jahren bringt Wolf Martin, der Haus-Poet der Wiener Neuen Kronen Zeitung, die Österreicher mit Kaffeehaus-Literatur der etwas anderen Art in Stimmung. Täglich finden die rund 2,6 Millionen Leser des hochpolitischen Boulevardblattes auf Seite zwei oder drei einen Zehnzeiler mit bescheidenem intellektuellem, aber umso rabiaterem politischem Anspruch vor.
Wolf Martin wurde mit seiner Rubrik »In den Wind gereimt« zur politischen Wetterfahne der Alpenrepublik. Wer wissen möchte, welche politische Kampagne die größte Zeitung des Landes in den nächsten Tagen fährt, der muss nur den Rächer des Versmaßes lesen. Der gefällige Berufsreimer wurde besonders seit dem Aufstieg Jörg Haiders zu einer wichtigen Stimme der mächtigen Neue Kronen Zeitung.
Besonderen Eifer legte Wolf Martin in den vergangenen Wochen an den Tag: Das Lichtermeer der rund 50 000 Demonstranten, die Anfang November gegen die »Verhaiderung des Landes« protestierten, gab ihm genügend Stoff für mehrere Windreime. »Der Eingebor'ne merkt nicht viel. Ihr Anspruch: Menschen zu beglücken. Ihr Mittel: sie zu unterdrücken. Sie sind ein Teil von jener Kraft, die Gutes will (?) und Böses schafft«, dichtete Wolf Martin am 13. November.
Ähnlich Sinnstiftendes hatte der Dichter auch schon für die Lichterketten-Demo im Februar 1993 parat, als rund 300 000 Menschen in Wien gegen Ausländerfeindlichkeit demonstrierten. Wolf Martin hat die Argumentation Haiders übernommen und bedient sich seiner Terminologie. Wenn Haider das Wort »Gutmenschen« verwendet, in der Absicht, die mehr oder minder Intellektuellen der österreichischen Linken zu denunzieren, findet der Begriff nur wenige Tage später Eingang in das Reimgeflecht des Kronen-Dichters.
Eine andere Konstante der politischen Flurbereinigung von Wolf Martin ist der Antisemitismus, den er immer dann bedient, wenn es gilt, auch wirklich dem letzten Leser die Verwerflichkeit der Linken beizubringen. So reimte Martin im November: »Antifaschisten gerne lügen, und zwar daß sich die Balken biegen. Auch weiß man, daß sie Fälscher sind und auf dem linken Auge blind. (...) Es scheint, daß dies nun vielen dämmert, denn dieses Land ist nicht belämmert. Und was in Schülerhirnen sitzt, wird auch noch einmal ausgeschwitzt.«
Mit diesem Vers ist Martin ein ganz besonderer Clou gelungen: Er konnte die antifaschistische Erziehung in Österreichs Schulen aushebeln und auch noch ein Wortspiel mit dem KZ Auschwitz platzieren. Antisemitismus hat in der Neuen Kronen Zeitung schon seit der Waldheim-Ära Saison. In ihrem Anspruch, die österreichische Nation vor Anwürfen aus dem Ausland zu schützen, wurden damals besonders US-amerikanische Juden attackiert. Schließlich hätten sie dafür gesorgt, dass Waldheims Ruf nachhaltig geschädigt worden sei.
Mit eindeutigen Liebeserklärungen an den Chef der rechtsextremen österreichischen Freiheitlichen hält sich Martin dennoch zurück. Ein gerüttelt Maß an Ironie reicht schon, um seinen geübten Lesern zu signalisieren, wer in der politischen Werte-Skala der Favorit ist: »Mit roten Krampuslichtern kamen die tugendsamen Herren und Damen, und ausgetrieben ward mit Eifer durch linker Rede frommer Geifer - der Böse, welcher auf der Stelle abfuhr in seine Stammtisch-Hölle. Jörgs Wählerschaft, hab ich gehört, hat drauf geschlossen sich bekehrt.« Getarnt wird die eigentlich schon langweilige Anbiederung an Haider mit dem Argument, die Nation vor der »Vernaderung« und den »Nestbeschmutzern« aus dem In- und Ausland zu schützen.
Dass Wolf Martin noch immer auf Jörg Haider als Schutzschild vor den Anti-Österreichern schwört, hat im politischen Ränkespiel der Neuen Kronen Zeitung eigentlich schon fast fossilen Charakter. Denn als der Sozialdemokrat Viktor Klima im Januar 1997 seinen Parteifreund Franz Vranitzky als Kanzler beerbte, setzte auch bei der Neuen Kronen Zeitung ein Umdenken ein: Vranitzky war wegen seiner radikalen Abgrenzung zu Haider und seiner eher traditionell sozialdemokratischen Gesinnung zum Feindbild der Neuen Kronen Zeitung aufgestiegen, doch Klima wurde bald zum Liebling der einflussreichen Tageszeitung. Rechtzeitig setzte der zähnefletschende Smilie der österreichischen Politik die richtigen und rechten Signale, um die mächtigste Zeitung des Landes auf seine Person einzuschwören.
Die Ausländerpolitik wurde restriktiver, die Ideen Jörg Haiders von der sozialdemokratischen Regierung umgesetzt. Klimas junge Gattin Sonja und ihre beiden Hunde waren Themen für die Society-Spalten der Neuen Kronen Zeitung. Dazu passend übrigens eine ganz und gar nicht gesellschaftsfähige Studie der Vereinten Nationen: Die Neue Kronen Zeitung berichtet zu satten 57 Prozent negativ über Ausländer und Flüchtlinge.
Endgültig zusammengeschweißt wurden die mächtigste Zeitung und der mächtigste Politiker des beschaulichen Landes, als die Sozialdemokraten mit ihrer Unterstützung Bundespräsident Thomas Klestil zu einer zweiten Amtszeit verhalfen. Zwar kommt Klestil aus den Reihen der mit den Sozialdemokraten koalierenden ÖVP, aber er und Viktor Klima sind ein Herz und eine Seele.
Im Wahlkampf für die letzten Nationalratswahlen im Oktober setzte die Neue Kronen Zeitung ganz bewusst auf Klima: Beinahe täglich war er lächelnd auf der Titelseite des Kleinformates zu sehen, beinahe täglich wurde ihm für jeden Sager eine breite Plattform eingeräumt. Dass dies alles nichts nützte, die Sozialdemokraten auf 32 Prozent abstürzten und Jörg Haider der eigentliche Wahlsieger war, ist für die Neue Kronen Zeitung eher peinlich.
Gegen die proportional zur Bevölkerung auflagenstärkste Tageszeitung der Welt Politik zu machen, ist nahezu unmöglich. Das zumindest musste das Liberale Forum erfahren, das sich im Wahlkampf ganz eindeutig gegen die Neue Kronen Zeitung positionierte. So verlasen die Liberalen beispielsweise zu Beginn ihrer Wahlkampfveranstaltungen regelmäßig Kommentare und Berichte aus der Neuen Kronen Zeitung. Die Liberalen nannten ihre Frontstellung eine »Koalition gegen den Boulevard«. Die Begründung: »Sie wirken mit bei dem bedenklichen Spiel von Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit, bei der Demontage des Rechtsstaatsbewußtseins und lassen die Verunglimpfung von KünstlerInnen zu.« Wählerstimmen brachte dieser Protest freilich nicht, die Liberalen flogen aus dem Parlament.
In den letzten Tagen wiederum hat Vizekanzler und ÖVP-Chef Wolfgang Schüssel ein größeres Problem mit der Neuen Kronen Zeitung. Mehrere Tage lang erschien auf Seite drei des Blattes ein geheimnisvoller »Kommentar von besonderer Stelle«, der mit allen Tricks gegen Schüssel arbeitete. Der nämlich weigert sich bislang beharrlich, mit den Sozialdemokraten abermals eine Koalition zu bilden und liebäugelt mit den Freiheitlichen. Doch Klestil, Klima und die Neue Kronen Zeitung sind eher für eine Neuauflage der rot-schwarzen Koalition, und das bekommt Schüssel nun zu spüren.
Wolf Martin aber wird auch weiterhin für das gesunde Volksempfinden dichten, denn auch ohne einen Kanzler Haider weiß er rassistische Hetze und rechte Propaganda gut aufgehoben: Sie werden zur Staatsräson. Ob Klima oder Haider Kanzler wird, ist da auch schon egal. Die Nation hat gesiegt.