Martín hatte ein Foto gefunden. Es brachte uns nicht nur zum Lachen, auch sonst war es uns noch von manchem Nutzen. Sommer, gleißendes Mittagslicht, wir drei, wie wir etwas verschämt den Angestellten des Wochenendhauses umarmen, in der Hand ein Glas Wein. Außer uns beiden noch Ariel, alle drei mit bloßem Oberkörper und trotz unserer 20 Jahre mit deutlich gewölbten Bäuchen.
Bäuchen und Schnurrbärten, was mich und Martín betraf; wir trugen sie seit dem letzten Jahr auf dem Gymnasium aus einer Mischung aus Nachlässigkeit und heißer Sehnsucht, erwachsen zu werden. Ariel zierte eine kapriziös hohe Mähne, eher an die Haartracht Marge Simpsons als an einen echten Afro erinnernd. Vermutlich war das Bild von Ende í87. Ein paar Monate darauf verließen uns unsere Freundinnen. Vielleicht war ihnen das Foto unter die Augen gekommen (ich stelle mir ihre Telefongespräche vor, ratlos, warum sie eigentlich mit diesen Monstren zusammen waren), aber wahrscheinlich waren sie nur des Geistes müde geworden, der aus diesen Bäuchen, diesen Schnurrbärten und dieser Mähne sprach. Wir begriffen, dass wir nicht vorzeigbar, ja: langweilig waren.
Wir hängten das Bild an die Wand der Garage, in der wir gerade unsere Kopierwerkstatt eröffnet hatten. Es war die Zusammenfassung all dessen, was wir niemals wieder sein wollten. Martín und Ariel hatten den Namen los chicos felices angenommen, die glücklichen Jungs. Mich überzeugte er nicht so recht, aber ein besserer Slogan für unser neues Lebensprogramm fiel mir auch nicht ein. Jedenfalls - jetzt erinnere ich mich - schwebte über uns ein weiterer Name: der unseres neuen Kopierunternehmens, THETES. Wir studierten damals Geschichte an der Philosophischen Fakultät, daher unser Faible für griechische Namen. Natürlich hatten wir uns ein wenig problematische Führer auf dem Weg des Fortschritts erkoren: Die thetes waren noch weniger als Sklaven, Parias, die man aus ihren Familien und aus den Gemeinwesen des homerischen Griechenlands verstoßen hatte.
THETES war der neue Mittelpunkt unseres Lebensprojekts. Alle drei hatten wir dafür unsere Jobs aufgegeben. Wir wollten keine Sekretäre, Laufburschen und Vertreter mehr sein; Chefs und unwürdige Arbeitszeiten sollten ein für allemal der Vergangenheit angehören. Also warfen wir unsere Ersparnisse zusammen und mieteten die Maschinen an. Wir wollten mehr Zeit zum Studieren haben, doch nach ein paar Wochen wurde uns klar, dass es vor allem darum ging, Spaß auch auf der Arbeit zu haben, darum, dass unsere Werkstatt sich in eine Spezialabteilung zur Partyvorbereitung zu verwandeln und unsere einstige Sinnlichkeitsabstinenz (über die das Foto Bände sprach) durch tägliche Genüsse und Festlichkeiten aller Art kompensiert zu werden hatte. Ich vergaß: Überdies hatten wir an der Wand unserer Werkstatt ein Wahlkampfplakat befestigt, auf dem neben dem lächelnden Foto des Kandidaten zu lesen war: »Folgt mir, ich werde euch nicht enttäuschen.« Es war März 1989.
Indes hatte dieses Jahr im Januar begonnen wie kaum eines zuvor. Bei dem Chemiekonzern, für den ich als Vertreter unterwegs war, hatte ich die zweite Monatshälfte frei bekommen. Es dauerte, bis sie mir das Datum bestätigten, deshalb stand ich am Freitag, dem ersten Urlaubstag, mit Ariel, einer Tasche und ohne Ticket am Bahnhof Retiro. Ohne größere Schwierigkeiten schafften wir es, dass sie uns für ein paar Pesos weniger als den regulären Fahrpreis in einem Bus nach Villa Gesell mitfahren ließen. Wir erreichten Gesell zur Frühstückszeit und gingen direkt zum Strand, ohne uns umzuziehen - eigentlich wussten wir nicht mal, wo wir bleiben sollten.
Der Tag war eher bewölkt und windig, wie fast alle an der argentinischen Küste. In der Gegend, wo der Boulevard Buenos Aires endet und der nördliche Strand beginnt, trafen wir El Gurí. Er war ein paar Jahre jünger als wir, wir kannten uns aus der Schule und aus der politischen Arbeit. Mit ein paar Freunden wohnte er in einem Haus auf der Buenos Aires, das ihnen die Mutter seiner Freundin geliehen hatte. Es war nicht besonders klein, aber weil so viele Leute dort schliefen, wirkte es so. El Gurí, seine Freundin Marisa, El Chispa, El Tripa und seine Schwester Mariana, Miguel und noch einige mehr, ein einziges Durcheinander. Er lud uns ein, bei ihnen zu übernachten, ein Sessel und eine Schaumgummi-Matratze waren noch übrig.
Wir hatten eine richtig gute Zeit. Die ersten Tage in Gesell - wie viele mögen es gewesen sein? Fünf, zehn Tage? - waren wunderbar. Ich war von meiner Fröhlichkeit selbst überrascht, mehr noch aber darüber, zu keinem Zeitpunkt dieses verhasste Gefühl zu verspüren, das mich immer zur Ferienzeit heimsuchte, seit ich mich mit 16 zum Revolutionär erklärt hatte, das Gefühl, woanders meine Pflicht gegenüber jemand oder etwas zu versäumen und deren Erwähnung unsere Stimmen mit einem ehrfürchtigen Ton belegte.
Wir gingen zu beliebigen Zeiten ins Bett, zogen nachts herum, kifften. Schokoplätzchen mit Kakao. All das war für mich schon ganz schön heftig. Worüber wir sprachen, weiß ich nicht mehr, nur dass die Musik von den Redondos de Ricota und der einzigen wirklich guten Platte von Fito Páez, »Ey!«, dazu den ständigen Klangteppich lieferte.
Das Ende kam abrupt. Erst in der Dämmerung waren wir ins Zentrum gegangen. Unterwegs sahen wir die Schlagzeilen in den Zeitungen vom Nachmittag. An diesem Abend reagierte noch niemand; wir dachten, es handele sich um irgendein Fake der Milicos, das die Zeitungen aufgebauscht hatten. Beim Einschlafen versuchte ich mich zu überzeugen, dass es nichts als eine große Lüge sein konnte. Am nächsten Tag stand es außer Zweifel. Sebastián war gefangen genommen worden, Marcelo war tot und El Loco entkommen. Abends betranken wir uns, ich rannte stumpf die Avenida 3 hinunter und hasste jeden einzelnen Sommerfrischler.
Es hätten wir sein können. í89 schon nicht mehr, aber zwei, drei Jahre vorher fast mit Sicherheit. Als wir í86, kurz vor dem XVI. Kongress der Kommunistischen Partei, vom ultralinken Furor angesteckt wurden, träumten wir von der Besetzung von tausend Tabladas. Wir trainierten, wo immer wir konnten. Jede Demo kam gerade recht, um sie mit einer Prise Gewalt zu würzen, und wenn es nur ein flüchtiges, unartikuliertes Taumeln war. Wir wollten damit beginnen, uns an sie zu gewöhnen. Damals war uns aufgegangen, dass unsere Partei Mäßigung bis zur Selbstverleugnung und zum Verrat übte, und wir beschlossen, einen neuen Anfang zu machen. Doch wenn wir es hätten sein können, warum waren wir es nicht? Ich misstraue jedem Versuch einer Erklärung.
Einen Monat vor dem Desaster, im Dezember, hatte mich Sebastián eingeladen, an einer politischen Aktion teilzunehmen, die er nicht genauer beschrieb. Noch í87, als uns das Ungestüm schon wieder vergangen war, mit dem wir Waffen zum ewigen Gesprächsthema und Experimentierfeld erkoren hatten, pflegten sie uns in der KP vorzuwerfen, insgeheim die politische Linie des Movimiento Todos por la Patria, der Bewegung »Alle fürs Vaterland«, durchsetzen zu wollen. Zuweilen wurden wir direkt beschuldigt, vom MTP in die Partei infiltriert worden zu sein. Tatsächlich gefielen mir die Leute vom MTP, ich fand ihre Basisarbeit gut und ihre politische Linie durchaus richtig. Sie räumten ein, dass es in Argentinien eine Niederlage gegeben habe und dass es zunächst eine minimale soziale Anbindung wiederherzustellen galt, bevor diese mit Geduld aufs Neue zu einer revolutionären Strategie ausgebaut werden konnte. Der Vorwurf, sie riefen zur Auflösung der Partei in einer nur vage bezeichneten Massenbewegung auf, war durchaus zutreffend.
Sebastián und ich hatten uns immer mal wieder getroffen und geredet. Obwohl er mit der KP ziemlich über Kreuz war, respektierte ich ihn sehr. Ende í88 lief er mir bei einem Redondos-Konzert im Cemento über den Weg. An der Bar, über die Hitze und den Lärm hinweg, sagte er, dass wir uns dringend treffen müssten und dass die Dinge sich zugespitzt hätten und vor der Entscheidung stünden. Ich verstand kein Wort. Am Tag darauf weckte er mich in aller Frühe am Telefon. Wir verabredeten uns für den Nachmittag in einer Bar bei der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften.
Er kam in Begleitung eines älteren Typen, der hauptsächlich das Wort führte und aus dem Treffen etwas viel Förmlicheres machte. Sie sprachen von Alfonsín und der Putschstimmung unter den gespaltenen und geschwächten Streitkräften, von Fidel und der Moncada. Meine Verwunderung wuchs zusehends, denn ihre Argumente widersprachen ganz und gar dem, was sie immer gepredigt hatten. Aber der traditionellen Linken schon ziemlich überdrüssig, ging ich davon aus, dass im Reich der Ideen eben alles möglich war; niemals hätte ich vermutet, dass dies zu realen Konsequenzen führen würde. Als ich nicht auf das einging, was sie mir unter der Hand vorschlugen, baten sie mich um Namen von anderen Ex-Genossen, die vielleicht Interesse an dieser zukünftigen Aktion haben könnten.
Mir fiel niemand Geeignetes ein, aber ich versprach, noch einmal anzurufen. Wir verabschiedeten uns, Sebastián freundschaftlich, der andere unterschwellig fluchend über die verschwendete Zeit. Als ich die Bar verließ, rief Sebastián, er werde mir einen Laufburschenjob für den Tag nach der Revolution freihalten, die sie, und nicht ich, machen würden. Danach hörte ich nichts mehr von ihm und dachte nicht mehr an das Gespräch, bis zu jenem Tag im Januar.
Als ich Anfang Februar zurück auf die Arbeit kam, machten sich zwei Freunde, die im gleichen Gebäude arbeiteten und meine Beziehung zu Sebastián kannten, einen Scherz. Kurz nachdem ich in Urlaub gefahren sei, und einige Tage vor La Tablada, sagten sie, habe Sebastián nach mir gefragt. Sie hätten sogar auf dem Notizblock der Sekretärin mehr als einmal seinen Namen gesehen. Sie wollten mich nur warnen, sagten sie, für den Fall, dass jemand den Namen erkannte und meine Bekanntschaft mit ihm herausfand und so weiter. Der Scherz dauerte einen ganzen Tag. Ich bekam keinen Schreck.
Was wir jetzt brauchten, dringend, waren Partys. Noch lange danach konnte ich mich ihretwegen an jedes einzelne Wochenende dieser ersten Jahreshälfte erinnern. Sie fanden irgendwo zu Hause oder in Wochenendhäusern statt. Ich gefiel mir in der Rolle des Gastgebers: Ich kannte damals viele Leute und sobald ich von einer Party hörte, lud ich alle dorthin ein. Eine ziemlich bescheidene Rolle, versteht sich, aber sie machte mir Spaß.
Die durchschlagendste Party von allen jedenfalls, von der bis heute gesprochen wird, veranstalteten wir selbst. Sie fand in Martíns Wochenendhaus statt, mehr als hundert Leute waren da, und es regnete Bindfäden; wie es sich gehört, ging einiges zu Bruch und die Leute waren mehr als zufrieden. An einer guten Dosis Sex für die, die es wünschten, fehlte es nicht. Ich tanzte mit einem Mädchen, das mich entzückte, als mir ein Freund im Schutz der Dunkelheit und des Gedränges mit einer groben Geste etwas unter die Nase schob. Ich war fasziniert, und auch dieses Mädchen und diese Party waren mit einem Schlag noch faszinierender geworden.
Marina hieß sie, und kurz darauf wählte sie Menem. Genau wie Martín, wie El Gurí, wie Francis, wie Yuri, wie Marisa, wie Osvaldo, wie Ana, Fabio und vermutlich auch Arnold. Von meinen engsten Freunden, einschließlich meines Bruders, enthielten sich nur Ariel, El Ruso und El Chispa. Wir anderen sammelten uns mit unterschiedlichem, wenn auch nie mehr als gedämpftem, Enthusiasmus um diese für manche karikatureske, für andere bedrohliche und für uns liebenswert verheißungsvolle Figur. Auf seine Veranstaltungen gingen wir nicht, an seinen Umzügen nahmen wir nicht teil. Ich habe noch ein paar Hefte mit Aufzeichnungen aus einer Vorlesung zu mittelalterlicher Geschichte, auf deren Titelseite der berühmte Aufkleber prangt. Unsere Zustimmung ging nicht viel weiter als bis zu solchen Schmuckstücken, nicht besonders hitzigen Familienstreits, in denen wir ihn mit denselben Argumenten verteidigten, mit denen er normalerweise angegriffen wurde, und Rangeleien mit den Weicheiern von den Jungen Radikalen, die vor der Fakultät für Angeloz Werbung machten.
Welches Versprechen haben wir, die wir von der Linken kamen, damals auf Menem projiziert? Es fällt mir schwer, das heute zu beantworten. Vielleicht sollte man bedenken, dass wir von einer Linken kamen, die schon allzu oft aufgerieben worden war. Die Verzweiflung derer, die wir Anfang der Achtziger in ihren Reihen aktiv geworden waren, war nicht das Ergebnis der Peitsche. Unsere Illusionen hatte nicht die Grausamkeit des Feindes gefrieren lassen.
Wenn ich das Kapitel zu erinnern versuche, das die Niederlage der Linken für uns vorgesehen hatte, steht mir immerzu der Eindruck vor Augen, der mich - ich weiß nicht, warum - während des Militäraufstandes zu Ostern 1987 überfiel: der, dass niemand das einzige Spiel noch spielen wollte, das uns wirklich und ernsthaft interessierte. (1) Für einen Augenblick hatte ich das ziemlich traurige Gefühl, dass die Menschenmenge, die zur Unterstützung des demokratischen Systems auf die Straße gegangen war, nicht nur gegen die Carapintadas demonstrierte, sondern ebenso gegen uns.
In einem Traum sah ich mich auf dem Schafott; kurz davor, von einem massenhaften Tribunal aus respektablen und friedenshungrigen Staatsbürgern gelyncht zu werden. Bis dahin hatten wir uns auf die Geschichte verlassen; auf eine, die besagte, dass die Linke ein ums andere Mal verfolgt worden war, um so vergebens die Erfüllung ihres glorreichen Schicksals zu verhindern. Uns mit diesen Erzählungen aus den Katakomben zu identifizieren ließ uns das ganze Maß der Möglichkeiten erblicken, die noch immer in unserer Botschaft lagen und, somit, auch in uns selbst.
Von jener Oster-Woche an wussten wir uns nicht mehr stolz verfolgt, sondern nur noch ignoriert. Die Worte, die wir am stärksten fühlten, die uns mitzureißen vermochten, waren lediglich unsere eigenen gewesen. Und zu allem Überdruss hatten wir gerade den Rückzug im Galopp angetreten.
Ich erinnere mich an einen Sonntagmittag auf meinem Zimmer, die Vorhänge verschlossen gegen ein Sonnenlicht, das allmählich jeden Respekt verlor, an dem ich Maricarmen davon zu überzeugen versuchte, Menem zu wählen. Ich weiß nicht, ob sie ihn später gewählt hat; dieses Gespräch jedenfalls beendete sie ohne großen Enthusiasmus. Mein Argument, warum es abstreiten, war reichlich primitiv, aber immerhin sprach nicht allzu vieles offensichtlich dagegen.
Der Umstand, sagte ich, dass die peronistische Basis aus Arbeitern und einfacher Bevölkerung bestand, würde es wie schon so oft verhindern, dass eine Regierung dieser Orientierung eine regressive Wirtschafts- und Sozialpolitik betreibe. Dass, sollte Menem seine Versprechen nicht einlösen - Lohnanstieg, produktive Revolution -, sollte er nicht auf die Forderungen der sozial benachteiligten Sektoren eingehen, sich diese Massen von ihm abwenden und sich radikalisieren würden. Der so oft ersehnte Linksruck der peronistischen Massen.
Das Schlimmste, was passieren konnte - auch wenn ich, dank meiner marxistischen Schulung, bestimmt keine Träne darüber vergossen hätte -, war die Zuspitzung der sozialen Spannungen bis zu einem Punkt, an dem sie die Demokratie in die Krise stürzen und einer neuen Diktatur den Weg ebnen würden. Ein unvermeidliches Zwischenglied der Geschichte, das wir passieren mussten, wenn wir zu einer sozial gerechteren Ordnung vorstoßen wollten. Meine Bemühungen um eine Stimme für den Kandidaten aus La Rioja dauerten, glaube ich, kaum mehr als zwanzig Minuten.
Doch warum den Worten nicht Glauben schenken, die wir damals benutzten? Sie scheinen mir allenfalls unzureichend, ohne Schwung dahinter. Sie klingen berechnend, von einer politischen Logik angetrieben, die schon nicht mehr die unsere war. Denn die Politik war nicht länger der lebendige Mittelpunkt unserer Tage, ich bezweifle sogar, dass noch allzu viel von unserem einstigen Glauben an die sozialistische Zukunft übrig war. Dunklere, kaum aussprechliche Kräfte trieben uns an.
Nach dem Zusammenbruch unseres einstmals blinden Vertrauens in die Partei und die Idee der revolutionären Avantgarde, und angesichts der Schatten, die unseren Glauben nicht nur an die Möglichkeit des Sozialismus befallen hatten, sondern auch daran, dass in ihm die Lösung unserer dringlichsten Probleme liegen könnte, blieb nur noch unsere Faszination für die Volkskultur intakt, wenn auch jetzt ohne Attribute und beinahe ohne pädagogischen Impetus. Die Volkskultur als Antithese des Mittelklasse-Radikalismus und seiner verfurzten Veranstaltungen auf der Avenida Santa Fé, dort, wo sie die Coronel Díaz kreuzt, von Jairo und - schon damals - auch von Mercedes Sosa. (2)
Unsere Liebe zu den Massen sollte niemals eine Liebe unter Gleichen sein. Wir waren bestimmt, uns zu ihren Lehrern zu machen. Nun hatte sich die Beziehung umgekehrt: In uns selbst fanden wir nur Wertloses, dagegen begeisterte uns ihre Offenheit, ihr Wagemut, ja sogar ihre Grobheit. Und besaß nicht auch Menem diese Offenheit, diesen Wagemut, diese Grobheit?
»Erschrecke deine Tante, wähl Menem!« Was mochten die Tanten raunen, was schreckte sie so sehr an Menem? Man hörte, dass er sich mit Gaddafi verbünden würde, dass er den Populismus wiedereinführen und die so teuer erkämpften Bürgerrechte beschneiden würde ... (wenn Tanten sich ausgerechnet um die Freiheit Sorgen machten, stimmte was nicht).
Zudem war er hässlich, eine Mischung aus Faun und Briefmarken-Caudillo. Diese Gerüchte brachten uns die Lebensfreude wieder; je mehr und je extremer sie kursierten, desto munterer wurden wir. Warum denn nicht? Wenn schon die Träume, für die es sich zu kämpfen lohnte, fast ausnahmslos erschöpft waren, war es denn das Schlechteste, wenn sich Argentinien in eine kopflose Politik der Bündnisse mit der arabischen Welt und in einen wundersam wiederbelebten Wohlfahrtsstaat verrannte?
Ich phantasierte von einem neuen Mittelalter, in dem wir vom Westen isoliert und, unter dem Schutz unseres Caudillos, ausschließlich von Maisbrei leben würden. »Ich wärí ein guter Vasall, hättí ich einen guten Lehnsherrn.« Es sollte immerhin so etwas wie Rache sein: Wenn uns schon niemand zuhören wollte, als wir die ganze Freiheit verlangt hatten, so gab es jetzt eben Obskurantismus für alle.
Unterdes hatten die Preise immer mehr die Gestalt von Pegeln auf jenen Spielwaagen aus dem Italpark oder den Arkaden der Calle Lavalle angenommen, diesen Dingern, die von muskulösen Jünglingen in Begleitung junger Damen mit einem Hammer- oder Faustschlag auf den obersten Punkt der Skala befördert werden. Natürlich hatten wir einen Verdacht, welcher Herkules für diesen Senkrechtstart ohne anschließenden Fall verantwortlich war. Aber was sollte man machen? Es versteht sich fast von selbst, dass THETES bald zu den Opfern dieser Mutationen zählte. Unser Hauptarbeitgeber war die Fachschaft der Philosophischen Fakultät, die uns monatlich auszahlte. Es war ein Sturz ins Bodenlose. Die Fachschaft und ihr heiß umkämpftes Publikationssekretariat wurden von Compa-eros de Base geleitet, einer linken studentischen Gruppe mit trotzkistischem Hintergrund. Ihre Politik stand im Einklang mit dem Zeitgeist: Sie sanierten sich auf Kosten der Zulieferer, die allesamt in den Fluten der Preisstürze versanken.
Ohne ersichtlichen Grund trafen wir uns weiterhin jeden Morgen in der Werkstatt. Wir tranken Mate und gegen Mittag Coca-Cola mit Salzbiskuits. Dann und wann reinigten wir die Maschinen. Wöchentlich begleiteten wir Martín zur Fakultät, damit er seine Verhandlungen mit dem Publikationssekretariat fortsetzte. Im Grunde ging es darum, den Chef von Compa-eros de Base dazu zu bringen, dass er uns irgendeinen Auftrag gab oder wenigstens einen Teil seiner Schulden bezahlte. Er war ein etwas älterer Typ mit vagen Anklängen an Nero, der sich zudem, ohne entfernt an die Brillanz des Brandstifters von Rom heranzureichen, als marxistischer Theoretiker gefiel.
Außerdem, auch wenn es sich dabei womöglich nur um eine Illusion mehr handelte, waren Ariel und ich überzeugt, dass er eine Schwäche für Martín hatte, den wir folglich mit seiner Erweichung beauftragten. Ein treuer Soldat von THETES und der Verzweiflung, übernahm Martín die Mission. Allwöchentlich bearbeitete er ihn und bei günstigen Bedingungen - nicht viele Leute im Sekretariat und der Chef brünstig und mit Lust auf etwas Entspannung - verabreichte er ihm Massagen. Doch trotz allem wollte uns diese unbestechliche Person keinerlei Vorteil verschaffen.
Die Partys gingen weiter. Es durfte keine Pause geben in diesem Herbst, so dringend hatten wir sie nötig, ganz als ob erst durch sie ein ansonsten schwer gefährdetes Gleichgewicht wiederhergestellt würde. Und noch etwas drängte mich: Die Hyperinflation hatte dazu geführt, dass das Verlangen nach neuen Frauen mit dem gnadenlosen Anstieg der Preise Hand in Hand ging, und Partys waren immer eine gute Gelegenheit, sein Glück zu versuchen. »Jagdgefilde«, nannte sie ein Freund. Die letzte gute war die bei Pato, an der Calle Jufré kurz vor Estado de Israel. Die Partys waren sichtbar ärmlicher als zu Jahresanfang, dunkler, aber auch länger und entfesselter. Die Erotik ebbte ab, und Extravaganzen hielten Einzug.
Es waren Spektakel, die immer mehr jenen glichen, die schon seit einiger Zeit in einer infamen Höhle namens Mediomundo Variété an der Ecke Corrientes und Riobamba dargeboten wurden; aber dennoch fühlte man sich, ganz den eigenen Lüsten überlassen, wohl dabei. In jener kalten Nacht bei Pato stellte irgendwann Nacho, mit dem wir »Das Kapital« studierten, die Musik leiser, kletterte auf einen Stuhl und bat die Anwesenden um ein, zwei Scheine für ein paar Flaschen Genever. Alkohol war vollkommen überteuert, jede dieser bernsteinfarbenen Flaschen machte dich zum Verwalter eines kleinen Schatzes. Ich spürte, dass die Raucher mit dieser Verzweiflung auf noch bitterere und belastendere Weise zu kämpfen hatten. Dies, zum Glück, blieb mir erspart.
Juli war einfach nur scheiße. Fast wie ein schwarzes Loch in meinem Gedächtnis, nur mehr vereinzelte, beinahe unbewegliche Bilder wie frühe Kindheitserinnerungen, von denen du nie weißt, ob es ein Foto oder nur die Summe der Dinge ist, die du von anderen gehört hast. Ein Freund aus einem Basiskomitee in Villa Luro - einem von denen, die bald darauf den Peronismus verlassen sollten -, hatte mich gebeten, einige Geschichtskurse zu halten, ich weiß nicht mehr zu welchem Thema. Eigentlich hatte ich es vollkommen vergessen, bis ich ihn in diesen Tagen wiedersehe; er besteht drauf, ich müsse mich doch erinnern, aber so sehr ich mich anstrenge, mir fällt kein Kurs ein. Ich glaube ihm dennoch. Und erzähle ihm von etwas anderem, was er nie erlebt zu haben glaubt: einen Samstag - womöglich aus Anlass von Evitas Geburtstag? - besuchen wir mit dem Basiskomitee und einfachen Leuten aus dem Umkreis eine Messe in der kleinen Kirche des Viertels. Wir alle beten.
Am Tag von Menems Amtsantritt bin ich auf der Plaza de Mayo, auf der Protestkundgebung (warum?). Zu Hause, am Schreibtisch, bekleidet mit einem Pyjama, den ich seit Tagen nicht mehr wechsle, für die Endklausur in amerikanischer Kolonialgeschichte lernend. Eine Nacht in der Bar Bolivia, später drehten wir in Nachos Dodge noch ein paar Runden durch La Boca. Im Fernsehen bringen sie das lang erwartete Pink-Floyd-Konzert in Venedig. Ich sehe es mir bei Maricarmen draußen in San Martín an. Wenn Statistiken über solche Dinge geführt würden, käme dabei vermutlich heraus, dass dies einer der Samstage war, an denen in der Stadt am meisten Joints und Acids konsumiert wurden. Copa América in Brasilien, Argentinien gegen die Gastgeber. Ich war mit Gurí und Chispa zusammen.
Wir aßen Nudeln und tranken Wein; später Genever dazu. Das Spielfeld schien riesengroß, ein Ozean, und das Team von Bilardo kam nie raus aus der eigenen Hälfte. Ich glaube, es war Romario, der erst zwei Schwalben hintereinander in unserem Strafraum machte und dann ein Traumtor schoss. Keine Ahnung, was zum Teufel eigentlich los war, aber die ganze Zeit lief »Artaud« von Spinetta auf Gurís Plattenspieler, bis es am Ende unerträglich wurde. (3) Stockbesoffen - ich weiß nicht, ob es ihnen besser ging - begleitete ich die beiden auf einen Spaziergang die Avenida Pueyrred-n hinunter.
Kurz darauf, vermutlich im August, ging ich auf eine Demo; die letzte in diesem Jahr und für lange Zeit, auf die ich meine Knochen schleppte. Aussichtslos jeder Versuch, mich zu erinnern, was genau der Anlass war und was gefordert wurde. Ich wünschte, es wäre einfach alles gewesen. Ich war mittendrin und todmüde, ein paar Jungs, die ich von der Fakultät kannte, fragten mich, ob ich eine der Stangen ihrer Fahne halten könnte. Das tat ich, aber mehr, um mich daranzulehnen als um sie zu tragen. Bald fühlte ich mich richtig behaglich. Ich lief langsam vorwärts und hörte nichts mehr. Ich weiß nicht - und ich glaube nicht, dass ich es damals gewusst habe - zu wem diese Fahne eigentlich gehörte.
Die Demo war zu Ende, und ich ging mich meinen Liebhaberpflichten widmen, von denen ich heute genauso wenig weiß, weshalb ich ihnen mit solcher Hingabe nachkam. Es handelte sich um ein ziemlich fertiges Mädchen, das ich auf einer Party kennen gelernt hatte. Sie wohnte in der Nähe des Kongresses. Es war schon spät nachts, wir setzten uns in eine Bar auf der Avenida Rivadavia, eins von diesen Dingern, wo uniformierte Kellner den Kaffee mit Keksen und Orangensaft aus Kanistern servieren. Wir redeten über Literatur. Am Ende gingen wir zu ihr und hatten Sex, bei dem ich mir keine Mühe gab und sie vermutlich einen Orgasmus simulierte. Die romantische Zweisamkeit fand ihr jähes Ende, als ein scheußlicher Geruch ins Zimmer strömte. Es dauerte eine Weile, bis wir darauf kamen, dass gerade die Bluse verbrannte, die wir über die Lampe gehängt hatten, um das Licht ansprechender zu machen. Wie es mir zur Gewohnheit geworden war, ergriff ich die Flucht.
Eigentlich wollte ich nur noch, dass das Jahr endlich vorbei wäre. Ich hatte immer mehr das Gefühl, wenn es nur endlich zu Ende ging, würde sich alles ändern. In mein Leben würde wieder Ordnung einkehren. Ich hatte immer mehr Lust, allein zu sein. Gerade noch erwärmen konnten mich Gespräche über nichtige Dinge mit ruhigen Leuten, die sich nicht für Partys interessierten und feste Partner und Jobs besaßen. Ich stellte Berechnungen an, um die mathematische Logik meiner schlimmsten Jahre herauszubekommen und mich für die kommenden zu wappnen.
Zu allem Überdruss spürte ich, dass einigen meiner Freunde mein Zustand und meine diversen Fluchtversuche aufgefallen waren. Das fehlte mir noch, dass hinter meinem Rücken über mich geredet wurde, und womöglich sogar nichts Gutes. Der Verdacht begann sich eines Samstags zur Paranoia auszuwachsen. Ich war mit Maricarmen auf der Plaza von Villa Devoto verabredet. Sie kam etwas zu spät, doch nicht so sehr, dass sie deshalb Schuldgefühle bekommen hätte und milder gestimmt gewesen wäre.
Es war schwül und regnete. Wir gingen in eine sehr saubere Bar, ich trank Schokolade. Ich weiß nicht, ob der Auslöser am Ende war, dass ich abgetaucht war und sie schon eine Weile nicht mehr angerufen hatte, oder dass ich mit einer anderen Frau zusammen gewesen war. Wie auch immer, an Gründen fehlte es nicht. Sie fragte mich kühl, ob ich mich an »Recuerdos de la muerte« erinnerte, das Buch von Bonasso. (4) »Natürlich«, antwortete ich ihr, »wenn ich es dir doch letztes Jahr geschenkt habe.« - »Gut«, sagte sie mit ruhiger Stimme, »ich habe nachgedacht und mir ist klar geworden, dass du einer der Folterer hättest sein können, die in dem Buch vorkommen.« Okay ...
Es fehlt nicht mehr viel. Ich lese, was ich bisher geschrieben habe und mir wird bewusst, wie gern ich diese Erzählung mit einem soliden Plot aus Ideen und Konzepten versehen hätte, um endlich eine Erklärung zu wagen. Vielleicht hätte ich eine andere Erzählform wählen können; eine, die das Gedächtnismaterial entschiedener von diesem zufälligen Ende her angeordnet hätte, an dem ich mich befinde, fern aller Exzesse. Ich glaube, dass ich dennoch meiner Verunsicherung die Treue halten wollte, obschon es wahr ist, dass die Verunsicherung, leiser und unmerklicher, andauert und jedes Aufräumen vereitelt.
Alles was mir einfallen will ist, dass die Welt immer mehr einem Stachelschwein glich, das uns auf seinem Körper einen trügerischen Halt bot, nur um schnurstracks seine Dornen auszufahren und uns Hals über Kopf zur Flucht zu zwingen. Welche böse Kraft hatte uns den Glauben verlieren lassen? Ich hätte mich gern aufs Neue von der revolutionären Wahrheit gefangen gesehen. Gefangen, eingeschnürt, aufgelöst. Bei Mariátegui gibt es ein Wort, das mich fasziniert: tramontar, sich über die Berge davonmachen. Nun galt es, die Flucht nach hinten anzutreten. Zurück ins alte Tal, zurück zu den so kritisierten alten Bräuchen. Ich hätte allen Sex für einen Augenblick der Überzeugung und des Genusses eingetauscht, noch einmal das zukünftige Glück herbeizuphantasieren.
Derlei besorgte Selbstgespräche gehörten vor allem den Wochentagen. Die Nächte am Wochenende trieben uns in andere Breiten. Es gab eine Freitagnacht, die auf der Plaza Serrano begann; lauschig, eine Rockband spielte. Danach ein Fußmarsch bis Avenida Santa Fé, um den Zwölfer zum Mediomundo Variété zu nehmen, von dort aus weiter zu der Bierstube mit dem deutschen Namen, gleich neben dem Kino Los Angeles. Die Ausflüge zu den Toiletten wurden häufiger. Ziemlich spät endeten wir in der Suffkneipe Ecke Corrientes und Montevideo, heute Café »Astral»; Oski, Yuri mit einem sehr hübschen Mädchen mit einer irgendwie besonderen Haut, und ein Junge, der mit Pablito befreundet und bei uns hängen geblieben war. Niemand wusste seinen Namen. Er war ziemlich fesch, Rollkragenpullover und makelloses Sakko. Für uns hatte er Ähnlichkeit mit Cerati, dem Sänger von Soda Stereo.
Vermutlich sprachen wir in einem fort über Kino, vor allem über Scorsese. Auf die Toilette wollten wir nicht mehr, wir fanden es ein zu umständliches Ritual. Die Tischplatte ersetzte den Klodeckel, ich weiß nicht mehr, wer sich traute und die erste Linie legte. Der spanische Kellner brachte ungerührt weiter Fernet-Colas. Yuri verschwand mit seinem Mädchen, und zurück blieben wir sprechenden Statuen. Cerati wollte nicht allein ins Bett, also stand er kurzentschlossen auf und ging hinaus, trotz der Morgendämmerung sicher, dass er dort irgendetwas finden würde.
Ein echter Gewinner, wenig später kam er mit drei Mädchen im Schlepptau zurück, eine hässlicher als die andere. Mir war die Lust zu reden schon vergangen; selbst im Sitzen begannen mir die Beine allmählich nachzugeben. Die Mädchen waren Rockfans auf Besuch in Buenos Aires. Sie verstanden nicht recht, was mit uns los war, doch sie schienen sich zu amüsieren. Ich wollte weg und wusste nicht wie. Ein paar Typen in der Bar begannen zu streiten. Der Morgen dämmerte, Cerati schlug vor, zu ihm nach Hause zu gehen, was nur wenige Blocks entfernt lag. Ich dachte nur noch an die Flucht.
Als wir Corrientes überqueren, gebe ich Oski Bescheid, doch der Unhold antwortet, dass er schon so lange nicht mehr gefickt hätte und große Lust, es heute nacht zu probieren. Ich lasse mich überreden, ihn zu begleiten. Eine Weile, die schier kein Ende nehmen will, vertreiben wir uns in Ceratis ziemlich schickem Appartement die Zeit über und unter den Mädchen. Oski kam dann nicht zu seinem Sex. Wir machten uns davon und sangen - sehr einfallsreich - einen Song von den Redondos: »Verdammt, es wird ein schöner Tag«.
Nachdem ich den größten Teil des Nachmittags versucht hatte zu schlafen, machte ich mich aufs Neue an die Lektüre Halperín Donghis, genauer gesagt von »Revoluci-n y Guerra«. (5) Ich hatte Halperín im Laufe von »Argentinische Geschichte 1« entdeckt, dem einzigen Kurs, den ich dieses Semester belegte. Bis dahin kannte ich ihn nur von den Titeln seiner Bücher, die ich bei meinem Vater in der Bibliothek gesehen hatte. Die Titel waren viel versprechend, aber ich war nie über die erste Seite hinausgekommen (ich erinnere mich, wie ich einmal mit fünfzehn allein ins Kino gegangen war, um mir »Kagemusha« von Kurosawa anzusehen. Zum Lesen in der U-Bahn und während des Wartens auf den Beginn des Films hatte ich mir die »Zeitgenössische Geschichte Lateinamerikas« mitgenommen. Welch eine Enttäuschung! Am Ende blätterte ich darin herum, um zu sehen, wann er endlich den Ché Guevara erwähnte.)
Halperíns späte Entdeckung kam fast einem Beruhigungsmittel gleich. »Revolution und Krieg«, »Die Bildung einer Führungselite in Argentinien»; ich las diese Bücher aufmerksam und andächtig, ohne mich zu überfordern. Von Zeit zu Zeit blickte ich auf und las danach weiter. Die Trockenheit des Themas faszinierte mich fast ebenso wie die besessene Syntax. Ich verbrachte viel Zeit mit dieser Lektüre, zugleich ein Spiel mit therapeutischer Wirkung. Beim Lesen dieser eng bedruckten Seiten überkam mich jedes Mal das Gefühl, dass die Formlosigkeit der Wüste - oder auch das Übermaß ihrer Formen - von der Sprache des Historikers selbst Besitz ergiffen hatte, der ohne Gegenstand in Sicht und ohne Erzählfolge umherirrte.
Doch trotz seiner Beharrlichkeit wich dieser Eindruck bald der Bewunderung für die sichere Hand Halperíns, die kein Adjektiv zufällig und jeden Nebensatz mit formvollendeter Sicherheit platzierte. Obgleich die Figuren, die dabei vorbeidefilierten, in mehr als einer Episode Hampelmännern glichen, blieb die beruhigende Gewissheit, dass es in ihnen einen Autor gab. »Revolution und Krieg« wirkte auf den ersten Blick wie urzeitliches Chaos, der Triumph des Amorphen, aber tatsächlich war es etwas anderes. Nicht mehr als ein Labyrinth, aus dem herauszufinden war.
Das Jahr ging zu Ende, die Redondos spielten in Obras, eine einzige Katastrophe. Das neue Jahr emfing mich unverändert, bei Yuri zu Hause. Aber eines Nachmittags, während ich über einer Partie Schach mit meinem Großvater sprach, beschloss ich, die Luft zu wechseln. Ich fuhr in den Süden. Nach ein paar Tagen traf ich Chispa. Wir wanderten viel und hatten eine wunderbare Zeit.
Anmerkungen
(1) Militäraufstand Ostern 1987: Nachdem im April ein Armeeoffizier, der vor ein Menschenrechtstribunal zitiert worden war, sich in eine Kaserne in C-rdoba geflüchtet und die dortige Garnison sich mit diesem solidarisch erklärt hatte, erhoben sich im Militärhauptquartier Campo de Mayo in Buenos Aires wenige Tage darauf Verbände um den faschistischen carapintada-Offizier Aldo Rico. Präsident Alfonsín besuchte die Aufständischen und überzeugte sie, die Waffen niederzulegen, bevor er vor die auf der Plaza de Mayo zusammengekommenen 400 000 Protestdemonstranten trat und diesen mit den Worten: »Das Haus ist in Ordnung« frohe Ostern wünschte. Kurz darauf wurden mit dem »Dekret über die Gehorsamspflicht« die meisten bereits verurteilten bzw. mit Prozessen wegen Menschenrechtsverstößen belegten Militärs amnestiert.
(2) Santa Fé / Coronel Díaz ist eine der wichtigsten Kreuzungen des mondänen Barrio Norte von Buenos Aires, wo die gehobene Mittelschicht residiert.- Jairo und Mercedes Sosa sind argentinische Folkloremusiker, die Alfonsín und seine Radikale Zivile Union öffentlich unterstützen.
(3) Luis Alberto Spinetta, argentinischer Rockmusiker, u.a. Sänger der Gruppen Almendra und Pescado Rabioso. Bekannt für seine kryptische Lyrik.
(4) Miguel Bonasso, »Recuerdos de la muerte« (»Erinnerungen an den Tod«), Buenos Aires 1984.
(5) Tulio Halperín Donghi, »Revoluci-n y guerra«. La formaci-n de una élite dirigente en la Argentina criolla. Buenos Aires 1972.
Javier Trímboli ist Mitherausgeber von La escena contemporánea, Historiker und Autor von Texten vor allem zur Geschichte der argentinischen Linken. Zuletzt erschien »Mil nuevecientos cuatro«, ein Protokoll einer Reise durch Argentinien auf den Spuren eines Sozialreformers der Jahrhundertwende und zugleich eine Frage nach dem Verschwinden des Politischen. - Die von Jens Andermann ins Deutsche übertragene Erzählung erschien zuerst in La escena contemporánea, Nr. 2/1999.