Da sind wir aber immer noch. Die Ostzonenzeitung junge Welt hatte zur Rosa- Luxemburg- Konferenz und zum Bankett für geladene Gäste gerufen, und alle kamen: Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler, Hans Modrow und Täve Schur. Nicht jedes Blatt hat so treue Leser. Um auch bei der westdeutschen Politprominenz nicht leer auszugehen, hatte man sich Dieter Dehm ins Boot geholt. Der macht schließlich alles mit.
Beim Bankett für die Ehrengäste, in das ich mich hinterrücks eingeschleust hatte, stehen alle da und futtern, als gäb's kein Morgen: Fleischtöpfe, Brotkörbe, Rote Grütze, Letscho, Bier, Sekt, Wein. Alles muss rein. Da sage noch einer, die junge Welt habe kein Geld. Vielleicht stimmt das Gerücht über die Geldversorgung aus Nordkorea ja doch.
Ein ostdeutscher junge Welt-Leser aus Dresden erkennt mich an meinem westdeutschen Dialekt und fragt, woher ich stamme. »Aus Westdeutschland«, sage ich ängstlich, bemerke seine verengten Augen und füge hinzu: »Ist das ein Problem für dich?« - »Nein, das kann doch jedem passieren«, sagt er. Er weiß, dass heute nicht mein Tag ist, sondern seiner. »Und warum bist du dann hier?« fragt er schnippisch. »Weil ich wissen will, wer meine Feinde sind«, möchte ich ihm antworten, lasse es aber dann doch bleiben und hole mir lieber noch einen Rotkäppchen-Sekt.
Diesem riesigen Ostalgiker-Haufen muss man einfach ordentlich was wegsaufen. Schließlich zahlt die junge Welt. Ich mache mir gleich zwei Gläser voll, eins geht auf ex weg. Sogar die Pressevertreter sind aus dem Osten: MDR und ORB. Andauernd interviewen sie Egon Krenz und Karl Eduard von Schnitzler. Pressegeier über Berlin.
Als ich schließlich betrunken genug bin, wanke ich zu Egon Krenz und bitte ihn um ein Autogramm für einen Freund, für einen »verdienten Genossen«, der sich im »aufrechten Kampf gegen den Faschismus« befinde. Ich buchstabiere dem Genossen Krenz den Namen, und er schreibt seinen eigenen darunter. So geht das mit dem Kommunismus. Immer den Kontakt mit den Massen halten.
Erst kommt das Fressen, dann die Kultur. Man will sich ja präsentieren. Als revolutionär-ostdeutsche Tageszeitung - mit Jazz, Lyrik und Prosa. Hier hält man das für extrem modern, weil es zu Zeiten der DDR das Coolste und Hipste war, was es legal zu hören gab. Seither scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.
Alle Zuschauer sitzen wie angefroren auf ihren Stühlen und klatschen nur dann, wenn von der Bühne dazu aufgerufen wird. Wie früher. Alles ist wie beim Altherrenabend der PDS-Senioren. Und doch sind auch mehrere Menschen unter 70 anwesend.
Egon Krenz, der schon seit einiger Zeit mit Unbehagen die künstlerischen Darbietungen über sich ergehen lässt, blickt zunehmend trübe auf die Bühne, während von dort altbackener improvisierter Jazz erklingt. Das scheint seine Sache nicht zu sein. Aber verbieten kann er das dekadente Zeug heute nicht mehr. Schade eigentlich.