26.01.2000
Depressionen III

Katze im Kopf

Morgens meistens, wenn man noch taumelig ist. Und nicht gerade besonders gut mit sich zu sprechen. Weil man wieder getrunken hat, 100 Liter Schnaps, 1 000 Liter Bier, und da haben wir jetzt die Weinchen und die Eierpunschtassen noch gar nicht mirgerechnet. Verrückt, sagt man sich, und hält die Omme fest in beiden Händen, damit das Gehirn nicht aus der Welt fällt.

Wir kennen ihn alle, oder jedenfalls fast alle, den Kater, der die Exzesse so schön macht im reuigen Rückblick und den Ratschlägen der Eltern immer noch Recht gibt. Aber abgesehen von der sozialen Funktion, seine Opfer im sündenbewusst-autoritätsgläubigen Regressionszustand zu halten, ist über den Kater so gut wie nichts bekannt. Wer ist sein Vater, wo kommen seine Verhaltensweisen her, bezahlt ihn die Mafia? Absolut unklar.

Fragen wir also Professor Wissenschaft. Doch Herr Wissenschaft rückelt sich nur machtbewusst seine Hornbrille zurecht, um dann sonor ins Mikrofon zu soften: »Gesicherte Erkenntnise gibt es nicht.« Beziehungsweise eben zu viele, miteinander nur schwer vereinbare.

So sagen die einen, dass Menge, Art und Mischung der konsumierten Flüssigkeit überhaupt gar nichts sagt über Entstehung und Ausmaß des Katers. »Yo!« ruft die Theke und haut sich einen Anislikör zu dem Gummibärchenbier in den Hals. Anders die Begleitstofftheoretiker, die in den Ölen des Fusels die Wurzel des Übels vermuten: Nicht alles durcheinander soll der selbstbewusste Katervermeider von heute zu sich nehmen, sondern preußisch hart ausschließlich bei Jägermeister oder Amaretto verbleiben. »Gemacht!« brüllt die Theke und hält den Kopf in das Fass.

Doch da erscheint die kleine, aber unnachgiebige Methanol-Fraktion der Katerforschung. »Es...«, hebt sie an, da schubst sie bereits diejenige Fraktion beseite, die das Acetaldehyd als den Katervater ausgemacht hat, ein Zwischenprodukt, das in der Leber anfällt, während das teure Zeug in gewöhnliche Pisse umgesetzt wird. Es geht zu wie in der Kneipe beim Fußball. Denn schon wird aus einer anderen Ecken »Quickelquackel« gerufen, jenes Bannwort der Wissenschaft, mit dem blöde Theorien versehen werden, um danach an Reformhäuser als Diätbuch verkauft zu werden.

»Alles Quickelquackel«, insistiert die Gruppe, nach deren Mutmaß einzig und allein der Wiederherstellungsprozess für die am Vorabend verlustig gegangenen Hormone und Flüssigkeiten Verursacher allen Unwohlseins ist. Mit anderen Worten: Die Körperpolizei zwingt uns gnadenlose Selbstraubbaubetreiber, all das Zeugs, dass man vorher so hundertprozentig absolut verschwendet hat, ganz brav wieder zu ersetzen - und zwar zackzack, Freundchen!

Vielleicht aber ist der Kater gar psychosomatisch, versucht die Freud-verseuchte Studentenfraktion einen Gedanken unterzubringen, der so gar nicht in das biologistische Positivisten-Trara der Jetztzeit passt. Aber niemand lauscht ihren Ausführungen über Frühkindheit und Über-Ich.

Man sieht, gegen den Alkoholabusus-Kater ist noch kein medizinischer Hund gewachsen, auch die Chemie weiß noch keinen Ausweg. »Nimm Kaffee mit Rührei«, brüllt die Theke, »oder Kokain! Das hilft auch!« Wir wenden uns entsetzt ab. Und wissen im Stillen: Am Abend schmeckt es ja doch wieder.