01.03.2000
Zum Blauen Affen III

Schöner Saufen

In Bonn ist es ruhig geworden, seit die Regierung umgezogen ist: Neuerdings stehen jedenfalls weniger Autos im Stau auf der Reuterstraße. Da schaukelten früher die Politarbeiter zum Büro. Diese Woche wird das allerdings noch mal anders sein. Da steht nämlich Karneval an, und der Jeck ist ja im Rheinland geboren.

Zu den unschlagbaren Höhepunkten der Session zählt die Bonner Weiberfastnacht, die im rechtsrheinischen Beuel erfunden wurde. Wie ausgewechselt, die ganze Bevölkerung. Auf einmal haben Bonns Frauen doch schicken Fummel im Kleiderschrank - zu winterlichen Temperaturen wird er stolz aufgetragen. Damit gehen sie dann zur Arbeit, also zum Bonner Stadthaus, und machen die Molli. Z.B. wird dem Chef der, ähem, Schlips abgeschnitten. Dass die Frauen außer Rand und Band sind, lässt manches Männerhirn verwirrt zurück. Die Hemmschwelle zum rüpelhaften Benehmen sinkt jedenfalls ganz rapide. Auf den Straßen rufen sie den Bonner Madams größten Unflat als unmissverständliche Aufforderung zwischengeschlechtlicher Handlungen hinterher (»Komm her, du Votze!«).

Ein großer Gewinn sind auch die abendlichen Schlägereien - meistens geht's um die Mädels. Mein persönlicher Favorit ereignete sich vor ein paar Jahren. Ich spaziere durch die Südstadt. Plötzlich steht ein großer Kreis von Menschen auf der Straße. Inmitten des Getümmels zwei Männer. Der eine sitzt auf dem anderen und schlägt dem Untenliegenden unablässig in die Schnauze. Doch als ich weiter rumgehe, muss ich feststellen: Der Typ unten drückt dem oberen eine abgebrochene Biertulpe in den Mund!

Da hätte ich auch draufgehauen. Aber auch die Frauen liefern genug Diskussionsstoff. Das musste ich feststellen, als ich den Fehler beging, an Weiberfastnacht in der Südstadt-Pinte »Laterne« zu kellnern - leider ohne Sonderabsprache, will sagen: für zehn Mark die Stunde. Das Publikum: zu Geld gekommene Alt-68er und Ministerialbeamte, die mit ihrer Frühverfettung sowohl ihres Körpers als auch ihres Portemonnaies protzten. Also ungefähr die jetzige Klientel der Berliner »Ständigen Vertretung« - nur besoffener.

»Du kommst jetzt sofort hierher«, befahl mir eine angeschickerte Mittvierzigerin, die Bier, Schnaps oder sonstwas brauchte. Und als ich das nicht hören wollte: »Du kommst hierher, du Arschloch!« Als ich wegen Arbeitsüberlastung immer noch nicht folgte, flog mir ein Glas an den Kopf. Na prima.

Aber in Bonn und Umgebung folgen ja immer noch ein paar tolle Tage. Absolut empfehlenswert: der Karnevalsumzug in Alfter, einem Dorf im Vorgebirge zwischen Köln und Bonn. Dort gehen die Leute hin und haben Apfelkorn aus der Babyflasche im Anschlag. Ein irrer Anblick: Das ganz Dorf säuft Berentzen aus der Nuckelflasche! Und das macht vielleicht aggressiv, das Zeug. Am Schluss liegen immer amputierte Arme und ausgeschlagene Augen auf der Straße - zumindest sieht es so aus. Oder war's doch nur ausgekotzte Erbsensuppe?

Mehrmals verbrachte ich den Rosenmontag in Köln. Das sind da aber alles Abzocker. Als ich dort mal übernachtet hatte, nach einem anstrengenden Abend im Etablissement »Durst«, und am nächsten Morgen ins Auto steigen wollte, hatten sie es abgeschleppt. Und überall mobile Parkverbotsschilder aufgestellt. Anschließend steckte ich mit 300 Kölner Arschlöchern in der Straßenbahn fest.

Apropros Fest: Das sind doch noch Feste! Wie langweilig dagegen die Saufereien in Berlin: Neulich, an einem Weddinger Kiosk, standen sechs Glatzen um einen Schwarzen herum. Alle soffen Dosenbier und Kleiner Feigling. Die eine Glatze fasste »Ick werd' zun Schwein»-mäßig zusammen: »Ick hasse euch Nigger, ick find' euch scheiße, ick weiß nich', wat ihr hier wollt, aber jut saufen, dit kannste.«

Das ist der Unterschied zwischen Bonn und Berlin. In Berlin ist sogar das Koma-Saufen politisch korrekt.