08.03.2000
taz-Relaunch

Neuer Pulli

Die tageszeitung hat ihren Schlabberpulli ausgezogen, sie hat redaktionell umgebaut. Relaunch, wie am PC, weil nichts mehr geht. Jetzt sind die Achtziger in Deutschland endgültig Vergangenheit.

Rückblende, wir erinnern uns: Friedens- und Ökobewegung, WG-Probleme, die Grünen, Frühstückstisch mit taz drauf, Neue Unübersichtlichkeit in der Uni, Trinken und Rauschen, WG-Tisch, immer noch mit taz drauf (erst später kamen FR und Zeit hinzu).

Die taz als Form erschien bis letzte Woche wie ein mattes Abbild dieser Zeit und der Lebenswelt ihrer Akteure. Amorphe Seiten, ohne Struktur und Dramaturgie. Inhalte, Themen, Fotos, Textblöcke, Versicherungsanzeigen wie zufällig oder aus Lustlosigkeit zusammengewürfelt. Groß und klein, Wichtiges und Belangloses, Völkermord und ÖPNV, alles neben- und durcheinander. Immer irgendwie liebenswürdig, auch pädagogisch wertvoll, aber so uncool wie ein endloser Tag mit der WG am Frühstückstisch. Da passte schon lange nichts mehr zusammen. Wer konnte, hatte die Redaktion Richtung Spiegel oder Tagesspiegel verlassen. Eine Generation liberaler jüngerer Redakteurinnen und Redakteure, der zur alten taz nichts mehr einfiel, sorgte für gepflegte, professionelle Blattroutine. Über die Runden gebracht haben die taz nicht ihre Rettungskampagnen, sondern der ältere Teil der Leserschaft, der aus Sentimentalität oder Trotz oder weil er es sich inzwischen finanziell leisten kann, einfach immer weiter abonnierte.

Mit dem neuen Konzept werden nun einige Zöpfe abgeschnitten. In der Seitenabfolge des Politikteils ist erstmals eine Struktur erkennbar. Der Umfang der Ressorts wurde gestutzt zu Gunsten thematischer, aktueller Schwerpunktseiten. Die Leser und Leserinnen waren bereits vorauseilend beruhigt worden: Nicht mehr und längeres Lesen sei das Ziel, sondern kurze Information, aktuelle Hintergrundberichterstattung, Meinung und Diskussion.

Das alles scheint durchaus plausibel: Für die Älteren empfiehlt man sich weiterhin als ideale Zweitzeitung neben FR oder Lokalblatt. Den Lesestilen Jüngerer sollen schnellere Übersicht und die Möglichkeit der ausgewählten Lektüre von Hintergrundtexten entgegenkommen. Der Schnitt des neuen Pullis selbst ist nicht wirklich aufregend ausgefallen. Kleine Infoboxen, wo Redakeure immer nicht wissen, was sie reinschreiben sollen. Freigestellte Porträts mit etwas Auslauf fürs Weiße gibt's auch schon in Zeit und Woche. Die angekündigte Großzügigkeit der Themenseiten wird von einer neuen Pusseligkeit des Kästchenwesens bedroht. Insgesamt blitzt in der visuellen Tonalität der Zeitung kurz etwas von Urbanität und Weltläufigkeit auf, aber auch vom Berlinteil des ND.

Die nachholende Modernisierung der taz hat tatsächlich etwas Tragisches. Die Frage ist nämlich noch nicht beantwortet, wer Tag für Tag bis zur nächsten Blattreform den ganzen Hintergrund in sich hineinfressen soll. Braucht das heute noch jemand? Ist nicht längst irgendwie klar, wie alles läuft? Die Frage ist, wo kommen die Leser her, vor allem die jungen? Wo die stecken, wird klar, wenn man in Berlin morgens mit der U-Bahn fährt, bevor die Uni anfängt. Bei der Berliner Zeitung. Die hat zwar auch keinen sonderlichen Vorteil, aber dafür einen großen: dass sie fast eine Mark billiger ist.