Die Ökonomie des Lesens
Der Ökonom Gary S. Becker hat seinerzeit einen Nobelpreis erhalten dafür, dass er die ökonomische Theorie auf sämtliche Lebensbereiche ausgedehnt sehen wollte. In zahlreichen Schriften wies er mehr oder minder schlüssig nach, wie die egoistisch-rationale Räson die unterschiedlichen Bereiche durchdringt: Ehe, Religion, Verbrechen, Drogen, Selbstmord ... egal, alles!
Allein, über die Literatur hat sich Becker meines Wissens nicht explizit geäußert. Dabei wäre das in der Tat einmal ein lohnenswertes Unterfangen: eine Ökonomie des Bücherlesens. Schnöde Bereiche wie Buchmarkt, Buchpreisbindung etc. blieben komplett außen vor; es ginge einzig um das individuelle Kalkül, die Entscheidung für oder gegen ein Buch, ob man es anfängt, ob man es zu Ende liest und warum. Natürlich könnte man sagen: »Lesen kann nie schaden« und hätte in den meisten Fällen sogar Recht damit.
Aber das ist nicht ökonomisch gedacht. Nach Becker müssen nämlich auch die Opportunitätskosten in das Kalkül mit einfließen. Der Begriff Opportunitätskosten des Bücherlesens meint all das, was man in der Zeit, die man dem Buch widmet, anderweitig anstellen könnte: Wohnung aufräumen, ins Kino gehen, ein anderes Buch lesen, shoppen und ficken.
Ich selbst habe mich oft dabei ertappt, dass ich ein halb gelesenes Buch weg legte und ein anderes begann, in dem Moment, als mir aufging, dass der Protagonist ein langweiligeres Leben führt als ich selbst. Umgekehrt habe ich mich in langweiligeren Phasen auch mit drögerem Material zufrieden gegeben.
Zugegeben, natürlich ist das ein sehr verkürztes Verständnis von Literatur, das auf der hundertprozentigen Identifikation basiert. Allgemeiner könnte man sagen: Um einen bei der Stange zu halten, muss das, was man innerhalb eines Buches als Dritter, als voyeuristischer Außenstehender, als Beobachter zweiter Ordnung erlebt und erfährt, auf eine Art und Weise unterhaltsamer und kurzweiliger sein als das, was man in derselben Zeit wirklich erleben könnte. Hm. Schwierig.
Wahrscheinlich stimmt es auf einer abstrakteren Ebene. Wahrscheinlich stimmt es auf einer Metaebene. Manchmal ist es nämlich gerade die gediegene Langeweile, die man an Büchern schätzt, während einen der unbedingte Wille zum Plot in anderen mit bleierner Langeweile anfüllt. Und anders kann ich mir auch kaum erklären, warum mich noch stets diejenigen Bücher am stärksten in Bann geschlagen haben, die gänzlich auf krachende Handlung verzichteten und im Wesentlichen davon handeln, wie (je)man(d) ein Buch schreibt bzw. bei dem Versuch scheitert: »Information« von Martin Amis, »Ich Ich Ich« von Robert Gernhardt, »U and I« von Nicholson Baker, »Wenn ein Reisender in einer Winternacht« von Italo Calvino »Mulligan Stew« von Gilbert Sorrentino, und Julia Kristeva sollte ich wohl auch endlich mal lesen, damit nicht nur Männer in meiner Liste vorkommen. Streng mathematisch wären das allesamt Beobachtungen der dritten Art.
In einer Besprechung zu einem Buch von Don DeLillo nimmt Martin Amis eine kurze Bestandsaufnahme dieser Literatur vor und räumt ein, dass »selbst die Exponenten in der Postmoderne das Potenzial für große Langeweile« erkannt hätten. »Warum diese Vertracktheit und Selbstreflexion? Warum haben Schreiber aufgehört, Geschichten zu erzählen und angefangen, endlos darüber zu schwafeln, wie sie sie erzählen?« fragt er weiter und versucht selbst eine Antwort: »Nun, heutzutage sieht die Welt in vielerlei Hinsicht selbst ziemlich postmodern aus. Sie ist gleichermaßen fantastisch und verkopft, und das Spiel der Images kämpft um die Vorherrschaft mit einer unschuldigen Realität. Der Postmodernismus mag nicht großartig irgendwohin geführt haben; aber er war auch keine falsche Fährte.«
Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, in groben Zügen würde ich das genau so sehen und es im Zweifel eher mit Martin Amis als mit Gary S. Becker halten. Obwohl der ja, wie gesagt, gar nichts über Literatur geschrieben hat. Deshalb muss da also zwangsläufig gar kein Widerspruch bestehen. Denn hätte Becker über Literatur geschrieben, dann wäre vermutlich nolens volens ein interessantes Stück postmoderner Literatur dabei herausgekommen. Wie es einmal, ich glaube Bernd Eilert, sinngemäß formuliert hat: Es ist schwierig, wenn man etwas aufschreibt, überhaupt etwas anderes als Literatur zu produzieren.
Und es mag trivial klingen, aber die Anzeichen verdichten sich, dass das Interessante an Literatur wirklich nur die Literatur selbst ist. Ist nicht am Ende die Literatur, das gesamte Leben so kryptisch wie dieser Text? Sieht fast danach aus.