22.03.2000
Dschungelbuch

Welches Buch passt zu mir?

Dinge, die man vor dem Bücherkauf wissen sollte.

Nicht nur die Mode tut sich ein wenig schwer im neuen Jahrtausend, auch das Bürgertum hat Nachwuchsprobleme und befindet sich in der so called ideologischen Krise. Was die Ideologie angeht: Die soll hier nicht die Sache sein. Beim Nachwuchs jedoch vermag ein bunter Strauß an Lifestyle-Tipps oft Wunder zu wirken. Was ist das also: Bürgertum? Nun, einen klassischen Bürger enthüllt sein Wille zum Wert. Was gut ist, bleibt für ihn gut - gerade in Fragen der Werte sind Bürger eher konservativ. Und was stellt einen gültigen, wenn nicht sogar übergültigen Wert dar: oui, oui, der Wille zum Wissen. Und was wissen, na, wer will das denn nicht?

Nun manifestiert sich Wissenwollen vor allem im Lesen von Büchern. Und nun trifft es sich, dass gerade die Linke in oft ganz vorzüglicher Weise sich aus blutjungen Leuten zusammensetzt. Das lässt sich formen. Und: Sind nicht schon viele bald der Linken entwachsen und haben sich zu regelrecht fanatischen Buchbesitzern entwickelt (zum Beispiel F.J. Raddatz, Jan Philipp Reemtsma, Georg Ringswandl)?

Daher hier eine kleine, probate Anleitung zum Bücherbürgerwerden für Linke: Erst einmal muss das Buch beschafft werden, im Fachhandel kann man günstig an welche kommen. Zunächst ist die Haptik des Buchbestandes zu prüfen. Hat das Leinen eines Umschlags zu viele Knötchen, kommt es vermutlich aus der DDR. Die zwang ihre Bewohner, die natürliche Sehnsucht nach stil- und personalitybildender Bücherästhetik zu unterdrücken. Bis heute sieht man daher die ehemalige DDR-Elite ungezügelt ihre Sucht nach dem guten und teueren Buch befriedigen. Ein hässliches Buch macht nur einen halben Intellektuellen. Aber nicht übertreiben, sonst gilt man als Streber. Schöne Schutzumschläge sind ein Must in der Szene. Sollten sich unter den Büchern vergriffene Klassiker befinden, umso besser, aber ein altes Medizinbuch oder ein Atlas genügt oft. Merke: Mit Büchern ist es wie mit Wein, das Alter macht ihn wertvoller.

Selbstredend muss man seine Bücher gut sichtbar aufstellen, ein wie zufällig da liegender Kunstband reicht nicht! Schön ist es, wenn man genug Bücher besitzt, um sie in einer Regalwand wie in einem »Museum des eigenen Wissens« zu präsentieren, das Bürgertum schätzt alles Denkmalhafte. Sollten Ihre Freunde daraufhin ausrufen müssen: »Haben Sie die alle gelesen?«, so darf das als Lob gewertet werden. Eine Antwort ist nicht vonnöten. Besonders chic ist eine Ordnung nach Sachgebieten - als erfrischend frech gilt eine konsequent durchgehaltene alphabetische Reihenfolge.

Für die Studierenden unter den Lesern gilt Obiges auch, allerdings dürfen sich deutlich mehr Taschenbücher unter den ausgestellten Werken befinden. Abzusehen ist von Trivialliteratur, und auch SciFi, Fantasy oder Erotisches sollte nur mit Vorsicht ausgestellt werden. Von Kinderbüchern ist grundsätzlich abzuraten, außer Sie wollen Ihre Weiblichkeit betonen. Hundebücher und Comics sind grundsätzlich out of sight zu halten, desgleichen Etiketteberater. Seit der Rechtschreibreform oft wieder gern gesehen: der Duden.

Wenn Sie diese Tipps beherzigen, werden Sie schon bald sicher im Bürgertum auftreten können. Verfeinern können Sie ihr Buchregal mit der Auswahl spezieller Titel: Simmel und »Anleitung zum Unglücklichsein«, wahlweise auch der Klassiker »Betty Blue« machen sich immer gut. Als besonders raffiniert gilt heute ein Nick Hornby dort, wo früher nicht von Balzac gelassen werden konnte, alternativ: statt »Zettels Traum« Stephen Kings »Es« als Hardcover-Ausgabe. Auch gut: ein Henscheid in einer Zweitausendeins-Ausgabe von 1986.

Zu guter Letzt noch ein paar ganz spezielle Tipps: Da seit einigen Jahren das Wort »Pop« kaum noch wegzudenken ist unter den jungen Leseratten, stellen Sie ruhig einmal ihre Magazine ins Regal. Spex und Groove werden bereits mit Aufstellrücken produziert, De:Bug und konkret werden folgen. Für Junglinke macht sich ein Hakim Bey gut - Anti-Abhörtechnik-Bücher »knallen« aber mehr. Bücher des Verlags Merve »geil, weil scheiße« finden, ist noch immer angesagt, ebenso ist es en vogue, Maas nicht zu kennen.

Völlig out: Bücher neben dem Bett. Ebenso: den Namen Gabriel Garc'a Márquez mit Zischton auszusprechen. Sehr in dagegen: Witze über das »Buch zum Film«. Das Feuilleton verachten. Weiterhin bewährt: kafkaesk, profan, peripher und Bouillabaisse sagen können. Eigene Buchprägemaschine haben, witzige Lesezeichen sammeln und den Fouqué- oder den Frieling-Verlag zu kennen, nicht aber deren Bücher.

Und zu guter Letzt der dernier cri: Öffentlich davon zu träumen, mit einer Cellistin verheiratet zu sein oder einem Klavierzertrümmerer verzeihen zu können. Wahlweise: als Reporter etwas Schlimmes aufdecken.