03.05.2000
Für Frieden und Freundschaft

Die Ossis von Namibia

Mit der Ausbildung von Ausländern hat die DDR in der ganzen Welt Spuren hinterlassen.

Dienstags ist Ossi-Club in Windhoek im südwestafrikanischen Namibia. Es sind vor allem Jugendliche, die sich in der Bismarckstraße, im Haus der Namibisch-Deutschen Stiftung, unweit des Stadtzentrums, treffen. Die »schwarzen Deutschen«, wie die jungen Leute hier heißen, haben sie sich viel zu erzählen: über ihre Arbeit, über Freunde, aber auch immer wieder über »alte Zeiten« in der DDR. Die jungen Leute, schwarze Namibier, sprechen deutsch miteinander - es sind »DDR-Kinder«. Die meisten von ihnen haben die prägende Zeit ihrer Kindheit und frühen Jugend in der DDR verbracht.

1978, nach einem Massaker südafrikanischer Truppen im Swapo-Flüchtlingslager Cassinga in Südangola, bat die Swapo-Führung die DDR-Regierung, vom Krieg bedrohte namibische Kinder aufzunehmen. Zuerst kamen 80 Vorschulkinder. Darunter waren Waisen und Kinder von Swapo-Kämpfern. Bis 1989 kamen nach und nach insgesamt 430 Kinder in die DDR.

Die Kleineren lebten in einem Kinderheim, einem alten Schloss, im mecklenburgischen Bellin bei Güstrow, und die Größeren in einem Heim in Staßfurt. Neben Sicherheit fanden sie eine Schulbildung und eine wirkliche Kindheit - fernab vom Befreiungskrieg. Ihr Aufenthalt war von der DDR wie von der Swapo zeitlich befristet gedacht worden. Als sich Anfang der achtziger Jahre wider Erwarten kein Ende der kriegerischen Konflikte abzeichnete, sollten sie in der DDR zur Schule gehen und auch noch eine berufliche Ausbildung oder ein Studium aufnehmen. Eine Integration in die DDR-Gesellschaft war weder von der DDR-Regierung noch von der Swapo beabsichtigt worden. Finanziert wurde der DDR-Aufenthalt dieser Kinder aus Solidaritätsgeldern.

Im August 1990 wurden die Kinder überstürzt und ohne eine Vorbereitung zurück nach Namibia geschickt, das die meisten von ihnen zuvor überhaupt nicht oder nicht bewusst erlebt hatten. Der Kultur-Schock war gewaltig, insbesondere für die Größeren, die bis zu elf Jahren in der DDR gelebt hatten. Alle hatten ihre Schule abrupt abbrechen müssen. Die Kinder waren 1989/90 erneut zwischen die politischen Fronten geraten. Die Schaffung eines Aufenthaltsrechtes für sie zumindest bis zum Ende der Schulbildung gehörte zu den vielen unerledigten Hausaufgaben der Regierung de Maizière.

Die jungen Leute sind durch ihren Aufenthalt in der DDR geprägt. Die ungewöhnlich selbstbewusste Kellnerin in einem Restaurant der namibischen Hauptstadt etwa. Die Bestellung der Kunden nimmt sie auf Englisch entgegen. Später gibt sie sie im besten Deutsch an ihre Kollegin am Tresen weiter. Beide kennen sich aus Staßfurt. Und die junge Frau am Empfang eines Windhoeker Bürogebäude spricht mit ihren Kollegen englisch. Ihre persönlichen Arbeitsnotizen schreibt sie deutsch.

Dass die »schwarzen Deutschen« innerhalb der community der deutschstämmigen Namibier heute akzeptiert werden, ist ihnen nicht in den Schoß gefallen. Als sie 1990 in deutsche Schulen aufgenommen wurden, waren sie die ersten Schwarzen in Namibia, denen das Privileg zukam, eine höhere Schule besuchen zu dürfen. Das ging nicht ohne Widerstände ihrer weißen Mitschüler ab. Zumal die »schwarzen Deutschen« dieses Privileg als eine Selbstverständlichkeit hinnahmen und es nicht für nötig hielten, sich ehrfurchtsvoll zu bedanken.

Sowohl die namibischen Behörden als auch deutsche Organisationen erkannten schnell, dass den aus der DDR zurückgekehrten Waisenkinder geholfen werden mussten. Einige deutsche Farmer in Namibia haben es damals als einen Akt der Barmherzigkeit empfunden, ein deutschsprechendes schwarzes Waisenkind zu Ferienaufenthalten in ihre Familien einzuladen. Doch die in einem europäischen Kulturkreis geprägten Kinder entsprachen so ganz und gar nicht den Idealen eines hilfsbedürftigen Kindes in einer traditionellen Gesellschaft, in der man Alter und Besitz zu achten hat. Statt Unterwürfigkeit begegnete den barmherzigen Farmern ein selbstbewusstes Kind, das sich nicht scheute, seine Meinung zu sagen.

Die »schwarzen Deutschen« haben untereinander über all die Jahre hinweg Kontakt gehalten, da die Erfahrungen, die sie in der alten und doch so neuen Heimat machten, dieselben waren. 1995 gründeten sie mit Unterstützung der Namibisch-Deutschen Stiftung den Club »Die Ossis«. Die »Ossis« sind stolz auf ihre Gruppenidentität.

Der Zusammenhalt, aber auch das günstige politische Klima in Namibia gegenüber Schwarzen, die mit traditioneller Unterdrückung brechen, hat den meisten GDR kids geholfen, sich zu behaupten.

Hilda z.B. ist Journalistin beim The Namibian, Ipumbu studiert an der Universität, Nangula und Cliffy arbeiten beim namibischen Rundfunk, Taapanga in einer großen Spedition, Utoni ist Reiseleiter. Kaum sonst in Namibia gibt es eine Gruppe so gut ausgebildeter Schwarzer, die in »Weißenberufe« haben vordringen können. Viele der jungen Leute haben sich um eine weitere Ausbildung in Deutschland bemüht. Etwa dreißig gelang es, wieder einige Zeit in die Bundesrepublik zu kommen: zum Studium, zur Berufsausbildung, zu Praktika oder auf Au-pair-Stellen.

Den wenigen, die ihre Eltern nicht im Krieg verloren haben, ist der Kulturschock ebenfalls nicht erspart geblieben. Die Namibierin Fenni Nauyala hat 1990 zwei Kinder, die in der DDR gelebt hatten, wieder in ihre Familie aufgenommen. Ihre kulturelle Identität, ihre Interessen und sogar die Essgewohnheiten sind durch die Jahre in Bellin bzw. Staßfurt geprägt. Ihnen sind die Traditionen des ländlichen Ovambolandes, der Heimat ihrer Eltern, fast so fremd wie dem ausländischen Gast.