Rationierte Solidarität
Es war am 8. März 1972. Ich, damals 16jährige Schülerin, nahm an einer Frauentagsfeier mit vietnamesischen Schwesternschülerinnen in meiner Heimatstadt Eisenach teil. Mit einer der vietnamesischen Frauen hatte ich mich lange unterhalten. Das war mein erster persönlicher Kontakt mit einem Menschen aus Vietnam.
Die Frau war mir sympathisch. Wir begannen uns Briefe zu schreiben. Von Eisenach nach Eisenach. Dann sah ich, dass die Vietnamesinnen einmal in der Woche zum Sport-Unterricht in meine Schule kamen. Ich wollte meine Bekannte mit einem Oster-Geschenk überraschen.
Als die deutsche Betreuerin der Schwesternschülerinnen uns vor der Turnhalle nebeneinander stehen sah, wollte sie wissen, woher ich die Frau kenne, welcher Art unsere Kontakte seien, ob wir uns Briefe schrieben usw. Sie fragte mich in einem Ton, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Sie forderte mich auf, die Kontakte unverzüglich einzustellen, andernfalls würde sie meinen Schuldirektor informieren. Für meine Bekannte wären die Folgen schwerwiegender gewesen: Sie hätte die DDR verlassen müssen, wenn wir uns weiterhin getroffen oder Briefe geschrieben hätten.
Ich verstand nicht. Warum sollte, was auf einer Frauentagsfeier selbstverständlich war, im informellen Rahmen ein Vergehen sein? Die Vietnamesinnen bewegten sich nur in der Gruppe durch die Stadt, in der Gruppe waren ihnen kontrollierbare Kontakte zu DDR-Bürgern auch erlaubt.
Individuelle Kontakte aber sollten nicht sein. »Ich bin für die Sicherheit der Frauen verantwortlich«, hatte die Betreuerin gesagt. Und eine 16jährige Schülerin sollte ein Sicherheitsrisiko darstellen?
Gut ein Jahr später nahm ich an den Weltfestspielen 1973 in Berlin teil. Kontakte zu Teilnehmern aus aller Welt waren hier erlaubt. Ich hatte den Eindruck, es hätte eine Öffnung in der Politik gegeben. Und tatsächlich stand ich von nun an im Briefwechsel zu einem Laoten, der in Moskau studierte. Niemand störte sich daran.
Doch Jahre später - inzwischen war ich Promovendin in Leipzig - kam es wieder zu einem Konflikt. Meine Dissertation hatte ein äthiopisches Thema zum Gegenstand. Ich erlernte die amharische Sprache und bereitete mich auf einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt in Äthiopien vor. Ganz selbstverständlich knüpfte ich Kontakte zu Studenten und Dozenten aus Äthiopien, die damals in Leipzig waren. Zunächst wurde das auch von meinem Umfeld akzeptiert.
Das änderte sich, als meine Ehescheidung bevorstand. Ich war mir nicht darüber im Klaren, als »Auslandskader« beobachtet zu werden. Plötzlich wurde meinen Kontakten zu äthiopischen Studenten und Dozenten eine neue Bedeutung zugewiesen. Mein Doktor-Vater unterstellte mir, ich würde diese Beziehungen zu Äthiopiern ausnutzen, um an Informationen aus deren Heimat heranzukommen. Was hätte er sich von seiner Promovendin Besseres wünschen können? Geschieden und im Besitz dieser Informationen jedoch war ich in seinen Augen ein Sicherheitsrisiko für die DDR.
Meine ganz private Entscheidung, mich von meinem Mann zu trennen, wurde zum Gegenstand von Parteiversammlungen. Als moralisch fragwürdiges Subjekt und Sicherheitsrisiko war ich nicht mehr würdig, ins Ausland geschickt zu werden. Ich durfte nicht einmal meine Sprachausbildung fortsetzen. Damit war mein Dissertationsthema für mich gestorben. Ich wollte mich keinem entwürdigenden Verhaltensdiktat beugen und ging von der Uni.
In meinem Beruf als Lehrerin für Philosophie fand ich keine Anstellung, obwohl überall Lehrer gesucht wurden. Mehrere Bildungseinrichtungen hatten mich gern einstellen wollen. Nachdem sie jedoch meine Personalunterlagen erhalten hatten, ließ das Interesse merklich nach. Dieses Spiel war schnell zu durchschauen. Ich wechselte schließlich in eine berufsfremde Tätigkeit im Kulturbereich, weil ich eine Existenzgrundlage brauchte.
Erst sehr viel später war ich in der Lage, unabhängig von meinen persönlichen Erlebnissen die Zusammenhänge zu durchschauen: Der Umgang mit Ausländern und den eigenen Staatsbürgern unterlag einer Sicherheitsdoktrin, die auf Abschottung und staatlich kontrolliertem Handeln beruhte und Menschen zu unmündigen Bürgern machte. Das war die Kehrseite des allseits propagierten sozialistischen Internationalismus und der internationalen Solidarität.