Voodoo verkehrt rum
Applaus. Ein Vorhang öffnet sich. Eine schwarze, unräumliche Bühne. Eine Puppe, die einen bärtigen Mann mit langen Haaren darstellt, betrachtet sich im Spiegel. Dann schlägt sie auf ihr Bild ein: O je, wieder ein Film über das wild gewordene, zersplitterte Künstler-Subjekt? Aber dann ist das kleine Drama auch schon vorbei, die Kamera fährt an den gut sichtbaren Fäden der Puppe entlang aufwärts. Dem Puppenspieler, einem Mann mit Bart und langen Haaren, rinnt vor Anstrengung der Schweiß über das Gesicht.
Die Schauspieler sind in diesem Film kaum wiederzuerkennen: John Cusack, bisher als glatt rasierter, smarter East-Coast-Junge bekannt, spielt den schmierigen vollbärtigen Puppenspieler Craig Schwartz. Cameron Diaz, sonst das sexy Erfolgsmodell der Generation junger Hispanic-Quotenfrauen, spielt Craigs Frau Lotte, die in einer Zoohandlung arbeitet und mit ausladendem Mutter-Instinkt alle kranken Kreaturen in der gemeinsamen Wohnung gesund pflegt. Ihre langen Korkenzieherlocken und weiten, bunten Pullover machen aus ihr das Abbild einer Spät-Siebziger-Hippie-Nervensäge.
John Malkovich hat bisher noch alle Rollen - vom zeitgenössischen Berufskiller bis zum barocken Verführer - veredelt. Mit seinem besonderen So-Sein verleiht er ihnen einen bestimmten Wahnsinn, verunsichert aber zugleich prinzipiell Wiedererkennbarkeit. Wenn ein Berufschamäleon wie er plötzlich sich selbst darstellen soll und der Film noch dazu eine schockierend banale Real-Existenz behauptet, dann ist auch die vertraute Marke JM nicht mehr wiederzuerkennen.
Wie kommen ein Starschauspieler und zwei erfundene Loser-Biografien in einer Geschichte zusammen?
Durch einen Zufall. Craig Schwartz entdeckt bei seinem Gelegenheitsjob als Bürohilfe hinter einem Aktenschrank eine kleine Tür. Er öffnet sie: Ihm offenbart sich ein feuchter dunkler enger Gang. Er kriecht hinein und erblickt ein fernes Licht. Plötzlich gerät er ins Rutschen, und ehe er sich versieht, befindet er sich - im Kopf von John Malkovich. Der kommt gerade aus der Dusche. Dieser Aufenthalt dauert fünfzehn Minuten, dann fällt Craig an einer New Yorker Ausfallstraße wie ein Mehlsack vom Himmel. Er weiht seine Arbeitskollegin Maxine, dargestellt von Catherine Keener, in das Geheimnis des Tunnels ein. Dabei treibt ihn auch der Hintergedanke an, mit der dominanten Frau eine Affäre zu beginnen. Die aber hat zunächst keinerlei erotisches Interesse an Craig. Stattdessen entsteht eine Geschäftsbeziehung: Gemeinsam vermarkten sie nächtliche Butterfahrten zur Hirnrinde von John Malkovich.
Malkovichs Innenleben trägt zwar einen Großteil der Filmhandlung, aber nur, damit die Geschichte übermütige Kapriolen schlagen kann. Aus dem absurden Seelen-Drama wird ein freudianischer Action-Film. Die Darstellung könnte auch aus der noch zu drehenden Kinder-TV-Serie »Was ist eigentlich das Unterbewusstsein?« stammen. Bei John Malkovich sieht es jedenfalls aus wie in einem Wachsfigurenkabinett, in dem die Traumata der Kindheit ausgestellt sind. Wir bekommen es vorgeführt, als die vor Liebesschmerz rasend gewordene und wild um sich ballernde Lotte in einer irrwitzigen Jagd Maxine durch diese innere Welt verfolgt.
Denn inzwischen ist einiges passiert: Auch Lotte hatte sich mittlerweile in Malkovichs Kopf umgeschaut und dabei eine verdrängte männliche Seite an sich entdeckt. Bei ihren Stippvisiten in Malkovichs Hirn erlebt sie häufiger sexuellen Begegnungen zwischen Malkovich und Maxine. Auch sie verliebt sich in Maxine. Der ist auch schnell klar, mit wem sie da eigentlich die ganze Zeit was gehabt hat. Unmittelbaren Sex mit Lotte lehnt sie aber weiterhin ab.
Craig, der sich von beiden Frauen betrogen fühlt, tritt die Flucht nach vorn an und setzt sich mit Hilfe seiner manipulativen Fähigkeiten auf Dauer in Malkovichs Kopf fest. Maxine ist beeindruckt davon, wie Craig den Schauspieler beherrscht, und beschließt, nun doch mit der Craig-Version von Malkovich zusammenzuleben.
»Being John Malkovich« macht sich einen Spaß daraus, Erwartbarkeiten umzulenken in ernsthaften Unsinn: Die psychische Deformation eines Schimpansen wird in einem Tierfilm mit untertitelter Affensprache aufgeklärt. Das nur 1 Meter 50 hohe Stockwerk 7 1/2, in dem Craig arbeitet, bekommt in einer Industriefilm-mäßigen Dokumentation einen Geschichtsexkurs mit zwergenhaften Darstellern in historischen Kostümen.
Der Film legt Wert darauf, seine Handlung und seine merkwürdig gestauchten Räume immer wieder als Selbstverständlichkeiten zu behaupten. Er tanzt dabei nicht mit der Eleganz eines Fred-Astaire-Musicals über ein makelloses Studio-Parcours, eher stolpert und rutscht er wie ein Slapstick durch unwahrscheinliche Realitäten. Die Beteiligten agieren, als sei nichts Besonderes geschehen. Wir sind hier in Amerika, und die Leute sind pragmatisch.
Wie immer mehr Filmemacher seiner Generation hat Regisseur Spike Jonze seine handwerkliche Sozialisation bei Videoproduktionen gelernt. Dazu gibt es in den USA den passenden Slogan: »Video turns feature.« Möglicherweise hat das Einfluss auch auf die grundsätzliche Erzählhaltung: Wie haben Geschichten in Filmen auszusehen? Wie sind sie zu verstehen? Was Regisseure wie Jonze, Liman und Fincher gemein haben, ist eine Erzählweise, die vielleicht tatsächlich von Videos ausgeht und der narrative correctness - den Erzählvorschriften des Wahrscheinlichkeits- und Archetypen-Kinos - ein Schnippchen schlagen kann. Die besten Videos von Jonze zeichnet eben aus, dass sie auf die Hast, die die kurze Clip-Form vorzugeben scheint, mit neuen narrativen Formen und Stilmixes antworten.
In den drei Musik-Videos, die Jonze für Daft Punk, Beastie Boys und Fat Boy Slim realisierte, gibt es Bedeutungsverschiebungen und Verkleidungen wie auf einem Kindergeburtstag - mit derselben Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit betrieben, wie sie Kindern zu Eigen ist.
Die Verschiebung, insbesondere beim Daft-Punk-Clip, ist eine, die in großer struktureller Klarheit und ohne jedes Augenzwinkern von allen Beteiligten durchgehalten wird: Die Hauptrolle wird von einem sprechenden Hund eingenommen, weil die Geschichte einfach die eines großen traurigen Hundes und keine Metapher ist. Die Wahrnehmung der eigentlichen Situation, der Bedingungen des Hundelebens, wird dadurch geschärft. Genau dasselbe trifft auch auf das Beastie-Boy-Video und Fat Boy Slim zu: das Vergnügen einer vollkommenen Transparenz sämtlicher Operationen, kein dal'esker Surrealismus, keine kafkaeske Metaphysik, sondern brechtischer Materialismus.
Ähnlich verhält sich das in »Being John Malkovich« mit den Verkleidungen, dem 7 1/2. Stockwerk des Bürohaus und mit dem Tunnel in das Gehirn eines realen Schauspielers. Der Gang z.B. wird schnell als etwas begriffen, womit man gleichzeitig Geld verdienen und den Sex verfeinern kann.
Diesen Tunnel hatte der lieb-verwirrte Chef des Unternehmens, bei dem Craig als Büro-Hilfe arbeitet, in dem Gebäude angelegt, um sich ein ewiges Leben zu ermöglichen. Er erweist sich als Reinkarnation des Erbauers des Geschäftshauses und wandert seit Generationen mit einem exklusiven Club Unsterblicher in den als Schiffen bezeichneten Körpern ausgewählter Menschen durch die Zeit. Der jeweilige Übergang von einem Körper-Schiff zum nächsten findet immer am 44. Geburtstag des ausgesuchten Trägers - dieses Mal also John Malkovich - statt.
Malkovich wird allerdings immer noch von Craig okkupiert. Das macht einen Transfer unmöglich. Wie ein Diktator manipuliert er Malkovichs Existenz. Er lässt ihn die Schauspielerei aufgeben und baut eine neue Karriere als medienwirksamer Puppenmagier auf. Maxine ist seine Managerin und Gattin in Personalunion - und sie ist schwanger. Doch weil Craig-Malkovich nur noch mit sich und seinem Erfolg beschäftigt ist, geht er der Liebe Maxines bald wieder verlustig. Die kehrt zu Lotte zurück und gesteht ihr, dass das Mädchen, das sie erwartet, ohnehin während Lottes Aufenthalten in Malkovichs Kopf gezeugt wurde. Am Schluss des Films sind Maxine und Lotte also ein lesbisches Paar mit Kind.
Und Craig? Da scheint ein Unfall passiert zu sein, irgendwie steckt er jetzt fest im Kopf des Kindes. Jedenfalls hört man am Schluss seine verzweifelte Bitte im Off, der Subjektiven-Blick des Mädchens möge sich von dem Frauenpaar abwenden. Being a girl - gefangen im Körper der Tochter seiner beiden Ehefrauen erleidet der Manipulator Craig die Qual von Kontrollverlust und Machtlosigkeit: Das Kind gehorcht nicht, es guckt nicht weg. Im letzten Bild des Films taucht es im Schwimmbecken eines Freibades auf, und obwohl seine Bewegungen geschmeidig und schön anzuschauen sind, kommt man nicht auf den Gedanken, sie einer Beeinflussung durch Craig zuzuschreiben.
Dieses kleine Mädchen ist ganz bei sich. Sein Lächeln scheint von großer Selbstgewissheit zu zeugen. Sie gleitet dahin, umarmt von flüssiger lichtdurchlässiger Materie - ein vielleicht wirklich universelles Bild für Glück. Und wie durch das glitzernde Wasser gebrochen, erklingt die Elfenstimme von Björk, deren Lied uns in den Abspann begleitet.
Der Film erzählt von Wandlungen, von Veränderungen des Starren, von einem alles belebenden Prinzip, das man vielleicht Sexualität, aber auch Darstellen nennen könnte. Sexualität und Darstellen sind in »Being John Malkovich« nicht an fixe, ein für allemal festgelegte Vorstellungen und Geschlechterrollen gebunden.
Die Verfahren des Films lassen aber auch an so etwas denken wie umgekehrtes Voodoo, einen nicht-abendländischen Umgang mit Puppen. Wie in vielen anderen Ahnenkulten und Besessenheitsritualen fahren im Voodoo durch Trance-Techniken aufgerufene Gottheiten in Menschen hinein und demonstrieren an ihnen ihre Anwesenheit.
In »Being John Malkovich« fahren nicht die Götter in die Menschen, sondern diese fahren in den Ersatzgott der säkularen Welt, in den Star. Das produziert aber keine quasi-religiöse Ekstase mehr, auch kein Mysterium. Das Chaos des Selbst ist bekannt. Geheimnislos und doch nicht zu ordnen, realisiert es einfach eine Möglichkeit von vielen.
Die Innerspace Invaders in »Being John Malkovich« wirken manchmal wie die personifizierte Ideengeschichte. Sie führen auf, wie Ideen beim Einzelnen ankommen. So ist das innere Durcheinander, dieses Sprechen mit mehreren Zungen, ein fast schon drolliges Ergebnis von gesellschaftlichen Prozessen. Der Film beklagt dies Chaos aber nicht.
Im Gegenteil: Hier bringen alle Akteure höchst freiwillig ihr Dasein in immer größere Unordnung. Personen, denen man es am wenigsten zutraut, wollen urplötzlich radikale Veränderungen - bis hin zum Wunsch nach Geschlechtsumwandlung. Der Film, so könnte man sagen, bejaht das Leben in seiner unausweichlichen Kompliziertheit.
Im Unterschied etwa zu David Finchers »Fight Club« wird in »Being John Malkovich« das verwirrende Andere des Selbst nicht vernichtet, sondern ganz selbstverständlich zugelassen.