The Making of Trepca
Seit Monaten kommt es in Kosovska Mitrovica, der Metropole des nördlichen Kosovo, immer wieder zu Zusammenstößen, vor allem zwischen Kfor-Truppen und Angehörigen der serbischsprachigen Bevölkerungsminderheit. In der zweitgrößten Stadt des Kosovo, die in besseren Zeiten Titova Mitrovica hieß, leben heute etwa 90 000 Menschen: 70 000 im von der UCK dominierten Südteil, knapp 20 000 im Nordteil.
Zwei Brücken über den Ibar verbinden die beiden Stadthälften. Dort verhindern Nato-Soldaten mit Stacheldraht-Sperren regelmäßig ein Vordringen der von der UCK organisierten Demonstrationen in den Nordteil. Dort sind Tageszeitungen aus Belgrad erhältlich, der jugoslawische Staat bezahlt Renten aus, und die Währung ist der jugoslawische Dinar. Das ist eine große Ausnahme im Kosovo, das nach der Uno-Resolution 1244 nach wie vor Teil des Staates Jugoslawien ist. Die AnhängerInnen einer unabhängigen Republik Kosova fordern daher auch die Auflösung der serbischen Enklave im Nordteil der Stadt.
Zwölf Kilometer oberhalb der Stadt liegt in einem engen Tal die Mine von Stari Trg. Das Werksgelände ist abgeriegelt, einige Soldaten der Kfor-Truppen sind hier stationiert. Unter den kargen Berghängen liegen die bis zu 1000 Meter tiefen Schächte. Die Mine ist die Rohstoff-Basis für zahlreiche Weiterverarbeitungsbetriebe. Rund um Stari Trg hat das Bergbau- und Industriekombinat Trepca die Konzession für die Förderung der Kohlenreserven, die auf 17 Milliarden Tonnen geschätzt werden. Auch Edelmetalle werden hier gefördert: »Man sitzt auf Gold und muss hungern«, sagt Kadre Sadriu, ein ehemaliger Minenarbeiter, der FR.
Vor zehn Jahren wurde er entlassen, seit dem Nato-Krieg liegt die Mine völlig brach. Obwohl Stari Trg schon seit den zwanziger Jahren in Betrieb ist, ist es noch immer die reichhaltigste Blei- und Zinkmine in Europa. Die Kapazitäten der Blei- und Zinkhütten in Zvecan sind die drittgrößten der Welt. Auch Gold und Silber werden gewonnen, dazu für neue Technologien unverzichtbare Metalle wie Kadmium, Nickel, Wismut und Gallium. Insgesamt gehören 14 Minen zum Trepca-Kombinat, acht Schmelzwerke und 18 Fabriken. Einige der Betriebe liegen in Montenegro und Serbien.
Vor dem Nato-Bombenkrieg erwirtschaftete Trepca mit dem Export der Bunt- und Edelmetalle die höchsten Devisen-Erlöse Jugoslawiens. Für die Ökonomie Jugoslawiens, die durch die Teilungskriege und den Nato-Krieg auf den Stand von 1900 zurückgeworfen ist, ist es ein unverzichtbarer Bestandteil.
In einem ausführlichen Papier beschäftigte sich die International Crisis Goup (ICG) - ein von den West-Alliierten finanzierter Think-Tank, der Konzepte zur Beherrschung des Südbalkan entwickelt - mit Trepca als »größter Exportfirma in der Bundesrepublik Jugoslawien«. (ICG: »Trepca - Making Sense of the Labyrinth«, 26. November 1999, in: crisisweb. org/projects/sbalkans/reports/ kos30rep. htm) Trepcas Metallerz-Vorkommen sind für die ICG die Basis der Ökonomie des Kosovo: »Die Zukunft von Trepca schneidet ins Herz der Identität der Kosovaren.« Ohne Nationalsülze ausgedrückt: Die Verfügungsgewalt über Trepca ist begehrt und umkämpft.
Die ICG-Mitarbeiterin Susan Blaustein schrieb am 23. Februar im Toronto Star, wegen Trepca könnte in Mitrovica der nächste Balkan-Krieg ausbrechen. Schuld sei natürlich Milosevic: »Er hat ein starkes finanzielles Interesse am Trepca-Komplex.« Dass der Komplex dem Kosovo von Nato und UCK gehört, wird dabei vorausgesetzt.
Die Teilung Mitrovicas in einen von der UCK beherrschten Südteil und einen von sich serbisch verstehenden Gruppen dominierten Nordteil setzt sich auch vor der Stadt fort: Das Bergwerk Stari Trg liegt südlich des Ibar, das ebenfalls zum Trepca-Komplex gehörende Schmelzwerk von Zvecan ein paar Kilometer vor Mitrovica auf der nördlichen Seite. Statt Erzen aus Stari Trg werden hier jetzt Blei, Gold, Silber und Zink aus anderen Bergwerken aufbereitet.
Sowohl die nördliche als auch die südliche Seite erhebt Anspruch auf das ganze Bergbaukombinat von Trepca. Der Kombinatsdirektor auf der nördlichen Seite hat Kontakt zu Slobodan Milosevic, die konkurrierenden Kombinatsdirektoren auf der Südseite verhandeln mit den Kfor-Nato-Kommandanten und Unmik, der Uno-Mission im Kosovo. Novak Bjelic, der Nördliche, beharrt auf dem Besitzanspruch der durch die Republik Serbien bestätigten Anteilseigner der Aktiengesellschaft Trepca Mining Corp.
Die Borba aus Belgrad berichtete am 9. Februar von einem Treffen der Manager und der Anteilseigner von Trepca in Zvecan. Dort beklagten sie, dass 40 Prozent ihres Eigentums von albanischen Terroristen und der Unmik besetzt seien. Bjelic wies darauf hin, dass zwischen 1995 und 1998 in Trepca drei Millionen Tonnen Metalle gewonnen worden sind. Die Manager beklagten den Verlust der Verfügungsgewalt nicht nur über die Mine von Stari Trg, sondern auch über verstreut im Kosovo befindliche Fabriken: etwa die Farbenfabrik in Vucitrn oder das Werk für Jagdwaffen in Srbica. 192 Millionen US-Dollar Verlust seien dadurch 1999 entstanden.
Wirtschaftskrise, Streiks, Ethnisierung
Der Ansatz des titoistischen Jugoslawien, die regionalen Ungleichheiten innerhalb des Staates auszugleichen, indem die industrialisierten nördlichen Teil-Republiken den agrarischen südlichen Gewinne abgeben, scheiterte an der durch die Beteiligung am kapitalistischen Weltmarkt bedingten internen Desintegration Jugoslawiens.
Das Kosovo war innerhalb Jugoslawiens eine periphere Region: Trotz des mineralischen Reichtums ist hier extensive Landwirtschaft vorherrschend. 1979 wurde im Kosovo der höchste Analphabetismus Jugoslawiens registriert: 31,5 Prozent der über Zehnjährigen konnten nicht lesen und schreiben. Das Pro-Kopf-Einkommen lag bei 795 US-Dollar jährlich, weit unter dem jugoslawischen Durchschnitt von 2 635 Dollar. Die Arbeitslosigkeit stieg von 19 Prozent (1971) über 27,5 Prozent (1981) auf 57 Prozent im Jahr 1989. Danach kamen Privatisierungen und Massenentlassungen.
Die Region ist kaum industrialisiert, nur rund um die Rohstoffgewinnung gab es etwas Schwerindustrie. Trepca lieferte innerhalb Jugoslawiens Metalle weit unter Weltmarktpreis, wovon die Metallindustrie Sloweniens und Kroatiens profitierte. 1988 kündigten diese beiden Teil-Republiken die Zahlungen an den Bundesentwicklungsfonds, aus dem insbesondere das Kosovo und Bosnien Ausgleichszahlungen erhielten.
In den achtziger Jahren lief Jugoslawien in die Verschuldungsfalle des kapitalistischen Weltmarktes. Die regionalen Eliten reagierten, indem sie letztlich erfolgreich versuchten, aus Teil-Republiken Nationen zu machen, um sich in offener Konkurrenz Vorteile zu verschaffen. In dieser Situation verstand es der stellvertretende Vorsitzende des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BDKJ), Slobodan Milosevic, sich zum Sprecher einer nationalen serbischen Sache zu machen.
Im September 1987 wurde in Serbien das regionale titoistische ZK des BDKJ entmachtet. Zum neuen Vorsitzenden wurde Milosevic gewählt. Die chauvinistische Kampagne gegen die als »Albaner« ausgrenzbare kleinbäuerliche Bevölkerung im Kosovo wurde verschärft. In Zeitungen hieß es, Albaner seien »arbeitsscheu und polygam«. Der alte, titoistische Vertreter des Kosovo im Staatspräsidium Jugoslawiens, Fadil Hoxha, der sich gegen diesen Rassismus aussprach, wurde gestürzt. Milosevic unterstützte Demonstrationen, auf denen gefordert wurde: »Fadil Hoxha an den Galgen« und »Azem Vllassi raus aus Jugoslawien«. Vllassi war zu dieser Zeit regionaler Parteivorsitzender des BDKJ im Kosovo.
Ein Jahr später, im Oktober 1988, wurde in Trepca gegen die Absetzung Vllassis durch Belgrad und seine Ersetzung durch Rahman Morina gestreikt. Morina war zuvor als Polizeichef des Kosovo für die Repression verantwortlich gewesen. Der Streik richtete sich aber auch gegen die drohende Privatisierung des Trepca-Kombinates.
Anfang 1989 gaben Staat und Partei die serbische Wirtschaft zur Privatisierung frei. Im Februar verbarrikadierten sich 1 300 Beschäftigte der Mine Stari Trg unter Tage und traten dort in einen achttägigen Hunger-Streik. Ihre Forderung: Die Prinzipien der jugoslawischen Verfassung von 1974 sollten weiterhin gelten. Zuvor war Albanisch als Amtssprache verboten worden. Über Tage gab es Demonstrationen gegen die drohende Privatisierung und die bevorstehende Rücknahme der Autonomie-Rechte der Region Kosovo durch die serbische Teil-Republik.
Diese Streiks waren noch geprägt von Tito-Bildern und jugoslawischen Fahnen. Trotzdem wurde der Streik gewaltsam beendet. Es gab 29 Tote. Über die Provinz wurde der Ausnahmezustand verhängt. Als die Hungerstreikenden die Schachtanlagen verließen, wurden viele von ihnen verhaftet. Sie saßen bis zu 14 Monate im Gefängnis. Auch andere Beteiligte - darunter Vllassi - wurden wegen »Gefährdung der sozialen Ordnung« verhaftet.
Am 28. März 1989 hob das serbische Parlament die Autonomie-Rechte für die Vojvodina und das Kosovo auf. Im Frühjahr 1990 schlossen sich viele der beim Trepca-Kombinat Beschäftigten einem Generalstreik an, mit dem gegen die Folgen der Abschaffung der Autonomie protestiert wurde. Belgrad reagierte mit Repression: 18 000 der 23 000 Trepca-Beschäftigten wurden wegen Teilnahme an dem Streik entlassen. Viele von ihnen sind seitdem ohne reguläre Einkünfte. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Erinnerung an die Arbeitskämpfe Ende der achtziger Jahre noch heute präsent und mittlerweile nationalistisch aufgeladen: Es sei der Beginn des Kampfs um die Unabhängigkeit des Kosovo gewesen, behaupten die neuen nationalistischen Eliten.
Durch die repressive und ausgrenzende Reaktion der serbischen Staatsorgane wurde der soziale Konflikt stark ethnisiert. Albanischsprachige Fernseh- und Radio-Stationen und Tageszeitungen wurden geschlossen. Die Botschaft war klar: Mit dem Jugoslawien Titos ist es vorbei.
Die als AlbanerInnen Ausgegrenzten, ob sie nun selbst nationalistisch-albanisch oder pro-jugoslawisch orientiert waren, wurden in die Polarisierung serbisch kontra albanisch gedrängt - davon waren auch die als SerbInnen Bevorteilten betroffen. Um alle als AlbanerInnen Entlassenen ersetzen zu können, wurden Arbeitskräfte in Polen und Bulgarien angeworben, später kamen aus Bosnien und Kroatien als SerbInnen Vertriebene.
Im Juli 1990 beschloss das serbische Parlament ein Gesetz, das nur im Kosovo galt. Das Streik-Recht wurde abgeschafft. Wer Arbeit hatte, musste eine Loyalitätserklärung für die serbische Teil-Republik unterschreiben. Albanisch am Arbeitsplatz wurde verboten. Die ArbeiterInnen mussten sich Arztbesuche von den Direktoren genehmigen lassen - zugelassen waren nur Ärzte, die ausschließlich Serbokroatisch sprachen. Wer gegen das Gesetz verstieß, verlor den Anspruch auf Arbeitslosengeld und die damals übliche Werkswohnung.
Bis 1996 wurden mit diesen Methoden der nationalistischen Sortierung etwa 145 000 gelernte albanischsprachige ArbeiterInnen entlassen. Wer albanisch sprach und sich nicht zu Serbien bekannte, konnte nur als HilfsarbeiterIn Geld verdienen. Bereits der Rausschmiss der Streikenden wurde zur Rationalisierung genutzt: Von 1989 bis 1998 sank die Zahl der bei Trepca Beschäftigten von 23 000 auf 15 000. Nur 2 000 davon waren albanischsprachige Bergarbeiter, die sich den serbisch-nationalen Spielregeln angepasst hatten.
Verstaatlichung und Privatisierung
Um die Betriebe verkaufen zu können, wurden sie zuerst verstaatlicht. Das war nötig, weil die Industriebetriebe im staatssozialistischen Jugoslawien formell im Besitz der jeweiligen Kernbelegschaften waren: Diese so genannte Arbeiterselbstverwaltung basierte darauf, dass die Beschäftigten in ihrem Betrieb die Direktoren wählen konnten und die Betriebe miteinander konkurrierten. Im Vergleich zur zentralen Planwirtschaft hatte diese marktwirtschaftliche Konkurrenz den Vorteil, dass die Arbeitsbedingungen angenehmer gestaltet wurden. Andererseits verstärkte sie in den Zeiten der Verschuldungskrise die Ableitung der sozialen Probleme in nationalistische Konkurrenz der einzelnen jugoslawischen Teil-Republiken.
So waren ArbeitsmigrantInnen aus Bosnien, Serbien und dem Kosovo zwar in vielen Betrieben der industrialisierteren nördlichen Teil-Republiken Slowenien und Kroatien angestellt, aber ohne volle Mitspracherechte bei der Arbeiterselbstverwaltung. In Krisen-Zeiten wurden sie nach ethnisierten Kriterien entlassen. Es begann in Slowenien, wo die ArbeitsmigrantInnen aus Serbien und dem Kosovo zuerst entlassen wurden. Nach Abschaffung der Arbeiterselbstverwaltung wurden die Staatsbetriebe in Aktiengesellschaften umgewandelt. Die Beschäftigten erhielten dafür Anteilsscheine.
Aus dem Trepca-Kombinat wurde die Trepca Mining Corp. 1990 erwarb die griechische Mytilineos-Holding einen Anteil an Trepca, die nun ein Joint-Venture ist. Mytilineos wurde danach zum Marktführer für Zink und Blei: zuerst in Griechenland, ab 1995 auf dem gesamten Balkan. Ende 1995 investierte Mytilineos 50 Millionen US-Dollar in die Trepca Mining Corp., Ende 1997 nochmals 519 Millionen US-Dollar für die Aufbereitung der in Trepca gewonnenen Mineralien und für die Vertriebsfirmen. Nicht viel Geld, im Vergleich zu den Ertragsmöglichkeiten. Allein 1998 exportierte Trepca Produkte im Wert von 370 Millionen US-Dollar. Der Trepca-Bergbaukomplex ist das wertvollste Stück Grund und Boden auf dem Balkan und hat, so ein Analyst der New York Times, einen Wert von über fünf Milliarden US-Dollar.
Krieg als Arbeitskampf
Im März 1999 war die Vorbereitung des Bombenkrieges der Nato gegen Jugoslawien im Endstadium. Täglich wurde mit den ersten Angriffen gerechnet. Trepca war bereits vorher umkämpft gewesen, aber je eindeutiger die Nato auf Krieg gegen Jugoslawien setzte, umso mehr verschärften sich die Kampfhandlungen. Die UCK saß auf den Berghängen rund um die Mine von Stari Trg und bekämpfte die jugoslawische Armee mit Scharfschützen. Ihr Ziel waren die seit Herbst 1998 in Stari Trg stationierten 12 000 Soldaten.
In Bonn erfand Verteidigungsminister Rudolf Scharping den »Hufeisen-Plan«. Scharping deutete einfach die Bewegungen der Armee zur Aufstandsbekämpfung gegen die UCK zur heimtückischen Attacke auf die Zivilbevölkerung um. Dazu passten die Armee-Bewegungen in Stari Trg: Am 21. März kamen aus Mitrovica Schützenpanzer und Infanterie zur Verstärkung gegen die UCK.
Für die UCK war die Einnahme der Mine ein wichtiges Kriegsziel. Qamil Meholli, der Kommandant des 1. Bataillons der UCK, erklärte im Juli 1999 dem Wall Street Journal, die UCK-Führung habe ihn instruiert, »Trepca um jeden Preis einzunehmen und zu halten und unser Leben zu geben für dieses wirtschaftliche Ziel«. Zuerst sollte die Mine von Stari Trg erobert werden, von dort aus die südlich davon Richtung Mitrovica gelegenen Fabriken.
Etwa 1 000 UCK-KämpferInnen lagen zu dieser Zeit in den Berghängen über der Mine. Die Auseinandersetzungen zwischen ihnen und der Armee wurden durch den Nato-Krieg erheblich verschärft. Die jugoslawische Artillerie beschoss die Hänge den ganzen Tag. Der UCK-Mann Kadriu Bequri, früher in der Mine beschäftigt, brüstete sich damit, dass er einen Soldaten mit dem Messer abgestochen habe. Der UCK-Kommandant Qamil Meholli, auch ein arbeitsloser Bergarbeiter, erklärte, der Kampf sei »hart und verlustreich« gewesen, aber: »Wir haben um unsere Jobs gekämpft.« In einer 42 Tage dauernden Schlacht wurden viele Dörfer der Umgebung bei Angriffen und Gegenangriffen zerstört. Die jugoslawische Armee setzte 20 000 Soldaten und Panzer und Kampfjets ein, Paramilitärs mischten mit. Die Scharfschützen und Einheiten der UCK mit Granatenwerfern blieben auf den Berghängen und wurden zusammengeschossen.
Die meisten der Toten, die im Juli gefunden wurden, gehörten zur jugoslawischen Armee und waren bei fünf Luftangriffen der Nato gestorben. Quamil Meholli berichtet, zwei bewaffnete und zivil gekleidete Kommandogruppen der Bundeswehr hätten die fünf Luftangriffe der Nato vor Ort vom Boden aus gesteuert. Ein Sprecher der Bundeswehr in Pristina stritt dies ab. Immerhin stellte Scharping am 31. März 1999 auf seiner täglichen Pressekonferenz während des Krieges mehrere Bundeswehrsoldaten vor, die vor dem Krieg an der OSZE-Mission im Kosovo beteiligt waren. Ein Offizier erklärte: »Ich war im Norden von Mitrovica eingesetzt. (...) In dieser Gegend wurden in den letzten vier bis fünf Wochen immer mehr Truppenbewegungen zusammengefasst.« Es ist nicht bekannt, wie viel Tote die Nato-Jets auf Seiten der jugoslawischen Armee verursachten.
Am 2. Mai fanden die letzten Kämpfe um Trepca statt. Die UCK-Kämpfer in den Bergen um Stari Trg waren entweder tot oder zurückgewichen. Viele der früheren Bergarbeiter, die 1989 entlassen worden waren und nun in einer nationalistischen Guerilla kämpften, glaubten wohl, sie würden um ihre Arbeitsplätze kämpfen - und nicht um ein strategisches Faustpfand für die geplante Gründung einer Republik Kosova. Der lokale UCK-Kommandant Meholli beschrieb das so: »Milosevic nannte Trepca das Herz von Belgrad - wir haben es für immer rausgeschnitten!«
Massengrab für Zeitungsenten
Während des Nato-Krieges musste Trepca verschiedentlich herhalten für Gräuelmärchen über die jugoslawische Armee. Am 29. März 1999 - vier Tage nach Beginn der Bombardierung - zitierte die Neue Zürcher Zeitung »albanische Quellen« mit ersten Schauergeschichten aus Trepca: »Es gibt Berichte über Massaker und eine Geiselnahme in den Minen von Trepca; dort sollen 200 Albaner als lebende Schutzschildeâ festgehalten werden.«
Im Juni 1999 erschien in der pro-kosovarischen Tageszeitung Koha Ditore ein Bericht, demzufolge die jugoslawische Armee Trepca als Krematorium nutzte: »Vom 10. bis 25. April sind mindestens zweimal pro Tag schwere Lastwagen, beladen mit Leichen, in Trepca vorgefahren, um diese Leichen dort zu verbrennen. (...) Es gibt albanische Beweise und Satellitenfotos über diese Lastwagen, erklärt ein Offizieller des amerikanischen Geheimdienstes in Athen, der anonym bleiben wollte.« Der britische Guardian zitierte »Faton«, einen pro-kosovarischen angeblichen Augenzeugen: »Rauch steige über der Trepca-Mine auf, wenn serbische Todesschwadrone Hunderte von Körpern verbrennen.«
Einige pro-kosovarische Bergarbeiter bestätigten der Nato jede Kriegspropaganda. Westliche Medien nutzten auch die Geschichte von Hakif Isufi, einem 1989 als Albaner entlassenen Bergarbeiter: »Hakif sah eine der verabscheuungswürdigsten Handlungen im Krieg des Slobodan Milosevic: die massenhafte Beseitigung exekutierter Leichname. Die Ermittler gegen Kriegsverbrechen fürchten, dass bis zu tausend Leichen in Auschwitz-ähnlichen Öfen verbrannt und ihre Überreste im Gewirr der Schächte und Stollen verteilt wurden.« So der britische Daily Mirror, der urteilte: »Der Name von Trepca wird in Zukunft neben denen von Belsen, Auschwitz und Treblinka stehen.« Und die New York Times berichtete, aus den Schachtanlagen komme ein »ungewöhnlich scharfer, bittersüßer Geruch«, der nur »von verbrannten Leichen stammen« könne.
Die Spurensicherung des Haager Kriegsverbrechertribunals traf am 22. September 1999 in Trepca ein, um mit gerichtsmedizinischen Mitteln Bestätigungen für die Gräuel-Geschichten zu finden. Das nahmen Nachrichtenagenturen und Medien zum Anlass, die Storys um Trepca nochmals hochzukochen, nun aber in einer neuen Variante. Von Krematorien war keine Rede mehr: »In einen trichterförmigen, bis zu 35 Meter tiefen Belüftungsschacht der Mine sollen serbische Einheiten nach Angaben von Augenzeugen bis zu 700 getötete Kosovo-Albaner geworfen haben. Ein französischer Vertreter erklärte, nach dem bisherigen Kenntnisstand würden wahrscheinlich Hunderte Leichen entdeckt.« Die taz wusste damit am 23. September 1999: »Neues Massengrab im Kosovo entdeckt«. Die Berliner Zeitung titelte zurückhaltender: »Berichte über neues Massengrab im Kosovo«, um zu dem Schluss zu kommen: »Falls sich die Mutmaßungen bestätigen sollten, wäre die Mine bei Trepca das bislang größte Massengrab im Kosovo.«
Keine drei Wochen später war es vorbei: Kein Krematorium, kein Leichenschacht, keine lebenden Schutzschilde - nichts. Am 11. Oktober 1999 erklärte Kelly Moore, die Sprecherin des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien, zu Trepca: »Sie haben absolut nichts gefunden. Noch nicht einmal Tierknochen.«
Kampf um Trepca: Unmik oder Kosova
Die französischen Kfor-Truppen stationierten nach dem Einmarsch der Nato erst einmal zwei Panzer am rostigen Haupttor der Mine von Stari Trg. Am 25. Juli 1999 erließ Bernard Kouchner als Chef der Unmik sein Dekret Nr.1: Die Unmik erhebt darin den Anspruch darauf, allen Besitz des Staates Jugoslawien und Serbiens im Kosovo, beweglich oder fest, zu verwalten. Kouchner will privatisieren, Besitztitel an private Investoren vergeben und damit die Herauslösung des Kosovo aus Jugoslawien wirtschaftlich vollenden - Trepca ist eines seiner bevorzugten Objekte.
Uno-Vertreter beklagen aber die unklare Rechtslage: Es gibt mehrere Besitzansprüche. Zum ersten die Trepca Mining Corp., das Joint-Venture, an dem jugoslawische Firmen ebenso Anteile haben wie Mytilineos, eine Firma mit guten Verbindungen zur griechischen Regierung. Zum zweiten will die französische Firma SCMM 2,8 Prozent von Trepca besitzen.
Die um die Vorherrschaft ringenden kosovo-albanischen Eliten LDK und UCK haben auch zu Trepca gegensätzliche Sichtweisen. Die 1989 entlassenen früheren Arbeitsdirektoren von Trepca und der Mine Stari Trg, Aziz Abrashi und Burhan Kavaja, gehen davon aus, dass der ganze Komplex nach wie vor der Arbeiterselbstverwaltung unterliegt, also der Belegschaft von 1989 gehört, die dort auch wieder arbeiten sollte. Staatseigentum lehnen sie ab, weil sie den Anspruch Jugoslawiens befürchten. Sie orientieren sich politisch an der Partei Ibrahim Rugovas und Bujar Bukoshis, der LDK.
Die zweite Gruppe wird geführt vom Finanzminister der selbst ernannten UCK-Regierung, Safet Merovci. Sie hat, lobt die International Crisis Group, die »mehr vorwärts gewandte Herangehensweise ökonomischer Rationalisierung«. Die UCK beansprucht Trepca als Staatseigentum - aber nicht von Jugoslawien, was ja Unmik-Verwaltung bedeuten würde, sondern eines Staates im Wartestand: der Republika Kosova.
Beide Gruppen gemeinsam gehen davon aus, dass Trepca allein dem Kosovo gehört. Auch wenn sich die UCK-Gruppe stärker bei Unmik anbiedert, so ist die LDK-Gruppe nicht weniger nationalistisch. Kavaja erklärte bereits im Juli 1998: »Der Konflikt um Trepca wird erst mit der Unabhängigkeit enden.«
Die ICG empfiehlt der Unmik und der Kfor eine Lösung, die einem Protektorat entspricht. Unmik solle Trepca schnell und entschieden selbst übernehmen: »Trepca den Kosovaren zu übergeben, verbietet sich angesichts der Knappheit moderner Technik vor Ort und der Notwendigkeit international verifizierbarer Standards gegen Korruption. Aber die Menschen des Kosovo müssen in den Prozess einbezogen werden.« Wenn es ums Rationalisieren geht, behauptet die ICG plötzlich zynisch, die meisten der 1989 Entlassenen von Trepca hätten längst alternative Verdienstmöglichkeiten gefunden.
Der Verteilungskampf tobt nicht nur um den Besitz und die Abschöpfung der Gewinne, sondern auch darum, wer in Trepca seine Arbeitskraft verkaufen darf. Neben den konkurrierenden nationalen Eliten ist die Unabhängige Gewerkschaft der Minenarbeiter aktiv. Am 15. Oktober 1999 veranstaltete die Gewerkschaft einen Protestmarsch von Mitrovica bis nach Trepca mit 1 500 TeilnehmerInnen. Am 11. Dezember unterzeichnete Unmik-Administrator Staffan de Mistura ein Abkommen mit der Gewerkschaft, nach dem die Gewerkschafter die Mine ohne Bezahlung wieder flottmachen dürfen.
Vor 1800 ehemaligen Bergarbeitern verkündete de Mistura auf einer Versammlung: »Ihr könnt Eure Zukunft in die eigene Hand nehmen!« Viele weinten - sie glaubten, Unmik überlasse ihnen die Mine zur Arbeiterselbstverwaltung. Aber der Unmik geht es um anderes: Seit dem 22. Dezember 1999 arbeiten 250 Arbeiter daran, die Mine wieder in Betrieb zu nehmen - so muss aus einigen Stollen Wasser abgepumpt werden. Unmik sucht unterdessen Investoren für die erneute Privatisierung. Die Unabhängige Gewerkschaft hält dagegen - aber mit nationalistischen Argumenten: »Die Serben haben uns Trepca 1990 weggenommen, jetzt wollen wir die Mine wiederhaben!« erklärte Bajram Mustafe, Mitglied des Vorstandes.
Am 25. März 2000 gab es eine kleine Zeremonie vor dem Haupteingang von Stari Trg. Jaroslaw Grygierczyk, Major der Kfor aus Polen, überreichte dem derzeitigen Direktor, Burhan Kavaja, Ausrüstungen für 250 Bergarbeiter. In einem Artikel auf kforonline.com hieß es dazu: »Kfor freut sich, eine Rolle beim Wiederaufbau der Stari- Trg-Mine zu spielen.« Kavaja bedankte sich artig: »Ich freue mich über die Spende von Kfor.«
Im Norden Mitrovicas trinken in einem noch nicht von UCK-Granaten zerstörten Café ein paar Männer starken Kaffee mit einem Gläschen Schnaps dazu. Keine Arbeit, keinen Verdienst - wieder in Trepca zu arbeiten, das wäre schon was. Aber ständig kämen die aus dem Südteil der Stadt und brüllten: »UCK, UCK!«
In Süd-Mitrovica sitzen Männer im restaurierten Teehaus beim Domino-Spiel. Dazu wird Tee aus Gläsern getrunken. Der Reporter der Neuen Zürcher kommt ins Gespräch. Ein früherer Arbeitsmigrant spricht Deutsch: »Die Berge da, die sind aus purem Gold. Das ist der Reichtum von Kosova. Aber die Minen stehen still. Nichts läuft. Niemand hat Arbeit.« Gespräche über Arbeit kommen eben nicht ohne nationale Einordnung aus.