Was Schönes anziehen. Ist doch Feiertag heute. Helle Baumwollhose, Spitzen-Top und trotz der Hitze feste Turnschuhe. Falls man später mal rennen muss. Schluck Obsession und fertig. Zum Glück kommt auch Frau Müller in guten Sachen. Sie trägt Satinhosen, und die Demonstranten im Existenzgeld-Dress sagen »Sie«. Haben Sie mal Feuer? Wir könnten ja ganz doof zurückfragen: Darfst denn du schon rauchen? Tun das aber nicht, sondern machen uns einfach Sorgen, wie das alles weitergehen soll. Entschuldigung, würden Sie mir mal den Stein anreichen? Vielleicht jetzt noch die Gehwegplatte? Und wenn ich Sie dann bitten dürfte, kurz hier mitanzufassen? Ja, genau so. Danke, dann können wir nämlich, uuupps, genau, das Schweinesystem kippen.
Ein Hauch von Kultur
ist ja gut und schön, aber dafür wollten doch eigentlich wir sorgen. Mit der Musik kann man aber zufrieden sein, glasklare Ansage in Richtung Ordnungskräfte, 18 Uhr, ready or not, here I come, you can't hide. Aber erstens geht hier noch gar nichts los, und zweitens ist das hier kein Pop-Event. Als wir auf den Oranienplatz schlendern, sagt das gerade jemand, der auf dem Lauti steht, durch. Manche haben von der Politik schon Hunger gekriegt und kaufen Energiebällchen bei einem Energiebällchen-Händler. Auch wir kennen den. Überhaupt trifft man viele Leute, die man kennt, und als plötzlich Manfred Zieran mit einem Stoß Flugblättern auftaucht, wissen wir sofort, dass Jutta Ditfurth in wenigen Minuten was sagen wird. Da sitzen wir dann aber schon bei Kuchen Kaiser, trinken Bier und reden über die Ökonomie des 1. Mai in Kreuzberg. Wer profitiert eigentlich davon? Macht der Kuchen Kaiser heute Plus oder Minus? Und wo kann man denn nachher gut essen gehen? Und wann gehen die endlich mal los, Mann? Jetzt gehen die los! Nun wartet mal eben, ich muss noch schnell aufs Klo.
In fünf Minuten gehts los,
sagt C., als der Demonstrationszug am Kottbusser Tor ankommt: »In fünf Minuten kommt eine Durchsage vom Lautsprecherwagen, dass die Bullen sich zurückziehen sollen und die Provokationen unterlassen, dann geht's los.« Vorerst gibt es nur den Lautsprecher-Truck, der prima Riotbeats spielt und auf dem schöne Menschen sitzen und entschlossen durch ihre Sonnenbrillen schauen. Es geht die Adalbertstraße hinunter, dann um die Ecke in die Oranienstraße.
Dann geht's los. Eine Lautsprecherdurchsage, dass die Bullen die Provokationen unterlassen sollen, und zack! eine Bewegung geht durch die Menge, alle Welt rennt ein paar Schritte nach hinten, jeder fährt seine Antennen aus - welche Hauseingänge sind offen, welche Imbisse sind in der Nähe, wo kann man in Deckung gehen? Aus der Ferne kann man weiße Helme ausmachen, Helme, die auf uns zukommen, dann aber nicht weiter vordringen und eine Mauer bilden. Alle Welt blickt sich um, hey, wozu die Aufregung? Jetzt mal locker, keine Panik, ein paar Sekunden der Neu-Orientierung, wie ist die Lage? Ein paar Punks fangen an, Pflastersteine aus dem Bürgersteig zu hebeln. Dann geht es mit großem Hallo nach vorne: Haut ab, haut ab! Die Bullen drehen sich um und flüchten. »Das lassen die sich niemals gefallen, in dreißig Sekunden sind die wieder hier«, sagt C. Eine halbe Minute später flüchten wir uns in einen libanesischen Imbiss.
Schon nach wenigen
hundert Metern machen sich erste Konditionsmängel auf beiden Seiten bemerkbar. Während die Revolution angesichts schmerzender Füße: »Wann sind wir endlich da?« knatscht, schwitzen die Büttel der herrschenden Klasse unter ihrer soliden Hartplastik-Verpackung stumm vor sich hin, bloß die jeweilige motorisierte Vorhut beider Fraktionen spult unverdrossen das Animierprogramm ab. Die Leistungsschau der Neigungsgruppe Straßenkampf am Kottbusser Tor leidet an der rigoros zuschauerunfreundlichen und ausredenresistenten Polizeipolitik. »Sie kommen erst zu Ihrem Restaurant/Freund/Auto, wenn hier wirklich jeder Gaffer weg ist«, bescheiden ziemlich unfreundliche Bullen-Azubis jedem, der sich nicht als Anwohner ausweisen kann und versperren rücksichtslos die besten Aussichtspunkte. Die Gaffer von ihren sicheren Ausweich-Plätzchen weg zu bekommen, ist dabei eigentlich gar nicht so schwer. Nur 10, 15 Ordnungshüter müssen kurz in deren Richtung laufen, schon rennen türkische Omas, schwäbische Gymnasiasten und Berliner, deren große revolutionäre Zeiten schon sehr lange vorbei sind, einträchtig los, geben einander gute Tipps (»Ey, Alter, hier lang!«) und bleiben erst nach 300 Metern schwer atmend stehen. Und erleben die größtmögliche 1.-Mai-Schande: Der Gesetzeshüter-Ausfall gilt gar nicht ihnen. Na, dann halt beim nächsten Mal.
Keine Kompromisse.
Am Spreewaldplatz ist Schluss. Endgültig. Ein revolutionärer Kilometer ist genug. Schließlich gilt auch am 1. Mai: Kein Aufstand ohne Auflauf - also nichts wie ab ins Restaurant »Morgenland«.
Hier ist die Lage ausgezeichnet. Freier Blick auf die Skalitzer Straße. Ein Wasserwerfer rollt vorbei, Wannen fahren orientierungslos im Kreis herum. Hin und wieder suchen junge Menschen Zuflucht. Dazu trinken wir Rioja und essen Früchte-Eis. Alles scheint friedlich. Aber wir wissen: Nichts ist so, wie es scheint. So einfach sind wir nicht abzuspeisen. Schon gar nicht, wenn die Knechte des Systems direkt vor uns auf dem Tisch liegen. »Verkehrte Welt«, schreibt die ehemalige Lichterkette Giovanni di Lorenzo, heute Chefredakteur im Tagesspiegel: Die liberale Öffentlichkeit beobachte die Polizei wegen angeblicher Übergriffe. Dabei sei es jetzt erste Bügerpflicht, endlich gegen die 1.-Mai-Demo vorzugehen. Der reaktionäre Sack hätte sich zu Hause eine Kerze anzünden sollen, anstatt sich in Dinge einzumischen, von denen er nichts versteht. Wir beschließen, wieder vor die Tür zu gehen.
Das kurze Zschsch
der Tränengas-Kartusche unterbricht unser Gespräch über 1.-Mai-goes-Pop. Ecke Adalbert-, Oranienstraße sind wir gerade mitten bei der Dekonstruktion dieser indifferenten Scheiß-These angekommen. Der neue Negativ-Hit vereinigt überraschenderweise postpolitische Feuilleton-Mai-Frontberichterstatter, die ansonsten seit zehn Jahren alles toll finden, wo popular culture draufsteht, mit den Teilen der autonomen Szene, für die die Kombination Politik + Ernst + Redebeitrag die Sehnsucht nach politischer Intensität erfüllen soll. Dabei hängt doch alles davon ab, wie man Pop buchstabiert. Geht's um neuen deutschen Spaß-Faschismus von Platten hörenden Minderjährigen, die die Achtziger-Jahre-Subjektivitätsschreibe neu auflegen. Geht's um die von Spex gelabelte Angst vor dem »Mainstream der Minderheiten«, die Angst der Achtziger-Jahre-Popexegeten-Jungs, die den Sellout ihres coolen Wissens über Dissidenz-Styles erkannten und Pop zum Sound des Kapitalismus erklärten. Oder geht's um Pop als Mini-Praxis, die weiß, dass Theorie, Politik und Sound zusammengehören. Zschsch. Weißlicher Nebel kündigt Tränengas an. Wir ziehen den Kragen unserer Trainingsjacken übers Gesicht und versuchen, in der viel zu schnell auftretenden Panik zurückrennender Leute langsam Richtung Dresdener Straße auszuweichen. Die Jacke über der Nase, Tränen in den Augen macht sich allmählich das Adrenalin-Gefühl breit, dass das Spiel jetzt losgeht, und dass wir trotz zehn Jahre richtiger Argumente gegen inhaltsleere Rituale, den-eigenen-Kiez-kaputt-Machen und Mackermilitanz, mitspielen wollen.
Das einzig unglaublich Blöde an Atari Teenage Riot letztes Jahr war ja leider, dass Alec Empire genoss, wie ein Phallus auf dem AAB-Lastwagen zu stehen, während er in die untergehende Sonne den schönen Sound zum Krawall sang. Es dauert lange, bis wir über Zäune und Mauern geklettert sind und mit Hilfe in der Einsamkeit der Hinterhöfe grillender Nachbarn aus der Blockade der Dresdener Straße gefunden haben und in die Naunynstraße gekommen sind, wo wir für eine viel zu kurze Sekunde das Gefühl haben, dass ein geworfener Stein eine Antwort auf jeden Tag ist, an dem man mit schlechter Laune aufgewacht ist, nur Scheiß-Nachrichten in der Zeitung gelesen und wieder mal im Rhythmus von Ressentiment, Arbeit, Langeweile und Schuld sein Leben verpasst hat. Auf dem Weg zum nächtlichen Bier wird klar, dass alles existenzialistische Pro-1.-Mai-Pathos gegen das Wolf-Dieter-Narrsche Wir-beobachten-die-böse-Polizei nicht hilft, wenn die Steine ein weiteres Mal am falschen Ort geworfen werden, anstatt die Schaufensterscheiben der Neuen Mitte zu treffen.
Ein versprengter
Militanter - Militärhosen, Basecap, gepiercte Augenbraue, Springerstiefel - steht im libanesischen Imbiss und telefoniert mit seiner Bezugsgruppe: »Weiß ich nich, wo ich hier bin, irgendwo O-Straße, nee, ich komm nicht raus, keine Chance, alles zu.« Stimmt natürlich alles nicht. Die Straße ist im Moment frei, jeder, der raus will, kann auch raus. Der versprengte Militante will aber nicht. Dann geht's wieder los, Wasserwerfer, Räumpanzer, dann ist die Straße wieder frei. Auf der anderen Straßenseite fällt jemand um, weil er ein Wurfgeschoss abkriegt. »Mann, ey, diese Idioten, die aus der zweiten Reihe schmeißen, ich pack's nich, die Leute können keine Ketten mehr bilden, wissen die Nummer vom EA nich und schmeißen aus der zweiten Reihe!« Der Rollladen, der vor der Türe heruntergelassen ist, lässt noch knapp einen halben Meter Platz. Ein Mädchen drängelt sich durch und rollt sich auf den Bürgersteig. Der Wasserwerfer spritzt sie wieder herein, aber sie kämpft sich raus. »Die will's aber wissen«, sagt der versprengte Militante und ruft noch einmal seine Bezugsgruppe an.
Fernsehen, um
18.11 ARD, Ansprache des Vorsitzenden des DGB, Dieter Schulte. 18.12 Sat.1, Blitz. 18.25 ZDF, Die Zukunftsmacher: Wachstumsbranche Internet. 19.00 heute. 19.10 RTL, Die lustigsten Hochzeits-Schlamassel der Welt: Kleine und große Pannen. 19.22 Bayern, Der 1. Mai in Bayern. 19.24 RTL, Die lustigsten Hochzeits-Schlamassel der Welt: Kleine und große Pannen. 20.00 ARD, Tagesschau. 20.15 RTL 2, Big Brother. 2o.48 ORB, Go, Trabi, Go. 20.49 Pro7, James Bond 007 - Goldeneye. 21.06 Vox, Texas - Doc Snyder hält die Welt in Atem. 21.08 Pro 7, James Bond 007 - Goldeneye. 21.32 MTV, Fett MTV. 21.45 ZDF, heute-journal. 21.48 Pro 7, James Bond 007 - Goldeneye. 22.00 mdr, Die Lust am Ausziehen: FKK gestern und heute. 22.30 ARD, Tagesthemen. 22.48 mdr, Der Aufenthalt. 22.49 Pro 7, James Bond 007 - Goldeneye, 22.50 Pro 7, Sliver. 23.31 MTV, Sushi - Personalityshow mit Stefan Kretschmar. o.12 Kabel 1, Justine - Sklavinnen der Lust. 0.38 ARD, Der letzte Tango in Paris. 0.58 Kabel 1, Justine - Sklavinnen der Lust.
Mit D1 lässt sich
die Revolution einfach besser koordinieren. Irgendjemand aus den zuvor noch fest geschlossenen Reihen fehlt plötzlich immer, aber vorausschauende Zellen haben denjenigen, der mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit verloren geht, schon vorher mit einem Handy ausgerüstet, dann ist das Wiederfinden nämlich kein Problem. Irgendeiner aus der benachbarten begeisterten Jungtürken-Gruppe, die die Bullen aus sicherem Abstand heraus als »Arschlöcher« beschimpft, hat immer ein Mobile und lässt nicht nur Verzweifelte umsonst telefonieren, sondern verfügt auch über ein schlüssiges Nahkampf-Konzept: »Dein Freund soll dir sagen, wo er eingekesselt ist, dann fahren wir mit meinem Auto da rein und holen ihn raus!«
Ein Polizist steht
auf dem Radweg, hier kommt keiner durch. Dass da wohl jemand einen Befehl missverstanden hat, wird klar, als bei Grün ein paar Autos neben uns in Ruhe den Platz überqueren. Autos ja, aber Fahrräder nicht. Da gibt es nur eins: Auto spielen, Gas geben und durch. Nächste Sperre, Oranienplatz. Hier können sie nicht durch. Weil ich nicht Auto fahre? Nein, nein, auch Autos nicht. Das Ratespiel könnte sich unendlich in die Länge ziehen. Endlich die richtige Frage, und wenn ich schiebe? Der Mann hebt den Arm unter der quietschenden Rüstung: Bitte schön. Ich bin froh, dass sonst Ampeln diese Aufgabe übernehmen.
Gegen Mitternacht
bin ich sehr müde und will nur noch nach Hause. Auf der Skalitzer Straße schlängele ich mich zwischen Wannen durch und lenke mein Rad an umgeworfenen Bauzäunen, zerbrochenen Steinen und Glasscherben vorbei. Auf dem Radweg Kottbusser Tor liegt ein besoffener Opa. Hier wohnen ja auch noch Menschen. Sonst würde sich niemand um ihn kümmern, heute steige ich ab und löse damit eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Erst kommen zwei Polizisten angelaufen und greifen dem Besoffenen unter die Arme, dann kommt ein neuer Retter: Ey, ihr Nazis, lasst den armen Opa in Ruhe.
Guter alter Lausitzer Platz.
Da sitzt du nun, mitten in der Nacht, betrunken, mitten auf der Straße, links ein Tablett Bier, rechts 'ne Lage Schnaps, leere Bierdosen rollen umher. Bissel die Gandhi-Nummer machen, reichlich Becks-Geschichten dazu. Hier kommt niemand mehr vorbei. Scheiß-Lausitzer-Platz. Was bist du auf den Hund gekommen. Ein vegetarisches Restaurant, ein esoterischer Friseurladen, ein Imbiss für ayurvedische Küche. Der »Pink Panther« wird dicht gemacht, um von Ossis wieder eröffnet zu werden. Und am 1. Mai missbraucht dich die Polizei als Parkplatz. Da passiert doch eh nix mehr, werden sich die Beamten gedacht haben. Recht haben sie: Selbst der Spielplatz, der gerade modernisiert wird und daher alles bietet, was man für eine gute Barrikade braucht, wird nicht angetastet.
Und so stehen sie um ihre Wannen, warten und machen Späßchen. Die Randalen sind gelaufen. Und wenn nicht, was soll's, die Naunynstraße ist weit. Ihre Laune ist so gut, dass selbst die Punks, die trotz der Ossi-Besitzer sich wieder im und vor dem »Pink Panther« eingefunden haben, nichts zu befürchten haben.
Und auch dich lassen sie in Ruhe, wie breit du auch immer bist oder dich machst. Komm doch, Bulle. Provozier doch. Räum uns ab. Die Wanne kommt. Jemand legt sich längs auf die Straße. Alles oder nichts. Abgeräumt und angezeigt, ja und? Die Wanne hält. Der Fahrer winkt. Freundlich. Und setzt zurück. Man kann ja auch auf der anderen Seite vorbeifahren. Schließlich ist es der Lausitzer Platz.
Als das letzte Wasser
verspritzt, die leeren Flaschen geflogen und die letzten Bier-Dosen noch lange nicht ausgetrunken sind, geht's vom Heinrichplatz auf Schleichwegen zurück zur anderen Seite des Ufers. Die Naunynstraße ist fast menschenleer. Aber nur fast, weil die Polizei hier zur Individualbetreuung übergegangen ist: Vor jedem Hauseingang steht jetzt ein Beamter. Wenigstens auf der Wiener Straße sind die Verhältnisse noch in Ordnung: Cafés und Kneipen quellen über, und auf der Straße tummeln sich nur Bullen - Kennzeichen RE.
Es kracht nicht, sondern plätschert. Und das auch nicht schräg von vorne, sondern senkrecht von oben. Ob sich die Einsatzkräfte 100 Meter weiter den Landwehr-Kanal entlang deshalb die Uniformen vom Leibe reißen? Nein. Sie ziehen sich auch schon wieder an. Der Aldi-Parkplatz als polizeiliche Umkleide-Kabine - mitten in Neukölln. Echt zivil sehen die Jungs jetzt aus, nur die Schlagstöcke stören ein wenig. Andererseits: Wäre ja noch schöner, wenn die Einsatzbereitschaft schon vor Mitternacht Feierabend hätte. Und das am 1. Mai.