»Für Ordnung sorgen!«
Karl Nagel, 39, lebte in den achtziger Jahren als Punk in Hannover und gehörte 1982 zu den Mitinitiatoren der ersten Chaos-Tage. Heute lebt er immer noch in Hannover, aber nicht mehr als Punk. Unter www.chaos-tage.de betreibt er ein Archiv zu seinem Hobby. Ehemaliger Bundeskanzlerkandidat der APPD.
Sebastian Müller, 24, ist gebürtiger Ost-Berliner und hat es nie überwunden, von der Großstadt in die niedersächsische Provinz zu ziehen. Radiomoderator der Sendung Stay Punk bei Radio Flora und Mitgestalter von www.staypunk.de
Die Hannoveraner Polizei hat zu den Chaos-Tagen den »größten Polizei-Einsatz in der bundesdeutschen Geschichte« angekündigt. Was will die Punk-Szene dem entgegensetzen?
Sebastian Müller: 300 000 Expo-Besucher werden die ganze Stadt verwüsten. Es ist doch hinlänglich bekannt, dass Touristen keinen Wert auf Sauberkeit und Ordnung legen, wenn sie sich nicht in einer schönen Stadt bewegen. Und: die Punks werden es nicht anders machen ...
Karl Nagel: Die Aussicht auf interessante Chaos-Tage allein reicht schon aus. Es ging ja nie darum, irgendwen oder irgendwas in Schutt und Asche zu legen, sondern um Chaos in all seinen Spielarten. Die Chaos-Tage finden statt, so oder so. Möglicherweise werden sie wie schon 1996 spontan nach Bremen verlegt oder auch nach Hamburg. Das ergibt sich dann einfach, weil es ohnehin keine zentrale Steuerung gibt, sondern nur einen Haufen Gerüchte.
Seit 18 Jahren versuchen die Punks, Hannover in Schutt und Asche zu legen. Warum ausgerechnet die schöne Leine-Metropole?
Müller: Jede andere Stadt hat ihr eigenes Profil, nur Hannover ist noch auf der Suche danach. Hannover ist außerdem spießig, kleinbürgerlich und kalt. Die Stadt in Schutt und Asche zu legen, ist sowieso nur eine Medien-Ente, nur dass die Punks in diesem Jahr die Ente zu einem gebratenen Vogel machen werden.
Nagel: Punks sind von ihrem Wesen her eher konservativ und sehr traditionsbewusst. Wieso also die Stadt wechseln? Sie ist übersichtlich, brav und zudem sehr schreckhaft. Also genau der richtige Ort für eine exzessive Party.
Der berühmteste Hannoveraner ist inzwischen nach Berlin gezogen. Warum sucht ihr Bundeskanzler Schröder nicht einfach in der Hauptstadt auf?
Nagel: Es geht doch überhaupt nicht um Schröder oder um andere Polit-Heinis, sondern um den Spaß, den eigenen Lebensstil öffentlich und exzessiv in einer Innenstadt den Messegästen vorzustellen. Diesmal ganz speziell als Gegenentwurf zur schönen, heilen und cleanen Expo-Welt.
Müller: Schröder ist nicht der bekannteste Hannoveraner, zumal er aus Sehnde kommt, was bei Hannover liegt. Der bekannteste Hannoveraner ist Haarmann.
Wie hoch ist der zu erwartende Sachschaden in diesem Jahr?
Nagel: Auf jeden Fall höher als die 36 Millionen von 1996. So viel hat der Polizei-Einsatz nämlich damals gekostet. Da die Chaos-Tage in diesem Jahr für vier Wochen angesetzt sind, dürfte sich die Summe diesmal locker verdreifachen lassen. Für den Fall, dass einige Millionen potenzielle Expo-Besucher es vorziehen, wegen der Chaos-Tage lieber zu Hause zu bleiben, dürfte noch mal eine Milliarde draufzulegen sein.
Mit wie vielen TeilnehmerInnen rechnet Ihr?
Nagel: Einige Hunderttausend! Chaos-Tage sind ja nicht nur ein Punk-Treffen. Neben den Punks kommen noch jede Menge erlebnishungrige Menschen wie etwa Polizisten oder Journalisten. Dazu dann noch Abertausende Gaffer und Expo-Gäste.
Müller: Das ist eine Frage, die bei weitem über unsere Kompetenz hinausgeht. Aus Hintertupfingen, habe ich gehört, sollen schon mal 20 kommen. Wenn ich dann noch aufzähle, wie viel aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, Warschau, Moskau, Paris, Liverpool, Dresden, New York kommen ...
Beschränken sich die Chaos-Tage auf die Hannoveraner Innenstadt oder soll es auch zum Expo-Gelände gehen?
Nagel: Es war schon immer ein wesentlicher Bestandteil von Chaos-Tagen, eine riesige Party genau im Zentrum der Stadt, in der Einkaufsmeile, zu feiern. Genauso fester Bestandteil scheint es aber zu sein, dass Polizei und Geschäftsleuten dieser Ansatz überhaupt nicht gefällt und sie die Chaos-Tage am liebsten in andere Stadtviertel abdrängen. Möglicherweise tun ihnen die Punks auch in diesem Jahr diesen Gefallen, allerdings nicht Richtung Nordstadt, sondern zum Expo-Gelände - zumal seit einigen Monaten die Empfehlung kursiert, sich billige Expo-Abendkarten zu besorgen.
Wie ist das Verhältnis der Punks zur Anti-Expo-Bewegung?
Nagel: Das kann man nicht generalisieren. Es gibt Punks, die auch in politischen Zusammenhängen aktiv sind, aber auch andere, die rein gar nichts mit Polit-Blabla zu tun haben wollen. Es gibt aber Aufrufe, dass man sich in Form eines »Chaos-Tage-Trainingslagers« an der Anti-Expo-Aktionswoche beteiligen soll.
Müller: Punks sind keine homogene Gruppe. Viele sind politisch aktiv, aber genauso viele eben auch nicht. Zufälligerweise sind die Chaos-Tage zu einem Argument gegen die Expo geworden, sodass sich nicht nur Punks an den Chaos-Tagen beteiligen werden.
Genügt den Punks eigentlich Gewalt gegen Sachen oder wollen sie auch Menschen angreifen?
Nagel: Schwer zu sagen. Wir rechnen eigentlich in erster Linie mit Angriffen gegen Rentner, Kinder und Postboten. Es gibt auch Gerüchte, dass es zu einer kompletten Vertreibung aller Hannoveraner kommen soll und die aus früheren Jahren berühmt-berüchtigten Bagger-Punks die ganze Stadt abreißen.
Und die Polizei bleibt unberührt?
Nagel: Wer hat hier was gegen deutsche Polizeibeamte? Solange sie einem freundlich die Uhrzeit sagen oder brav den Verkehr regeln, stören sie ja nicht. Aber Cops, die eine Party killen wollen, haben überall einen schlechten Stand. Was meint Ihr, was es für einen Riot bei der Love Parade geben würde, wenn es ständige Drogenkontrollen gäbe, dann die Partygäste nach Berlin-Mahrzahn abgeschoben und schließlich der Stadtteil hermetisch abgeriegelt würde? Da bliebe kein Stein auf dem anderen! Am nächsten Tag lesen wir dann in der 'Bild'-Zeitung: »Techno-Terror! Menschen flüchteten in Todesangst!«
Müller: Die Polizei macht das, was sie kann: für Ordnung sorgen. Die Punks tun dasselbe, nur das Punks eine andere Auffassung von Ordnung haben.
Die Chaos-Tage sind ja erst entstanden, als die Punk-Bewegung schon am Ende war. Haltet Ihr Euch nicht für etwas anachronistisch?
Nagel: Da gibt es aber schlechte Geschichtskenntnisse in der 'Jungle World'-Redaktion. Sechs, setzen! Chaos-Tage gibt es bereits seit 1982. Und mit Punk ging es schon von Anfang an immer auf und ab. Wie war das eigentlich mit der Linken: Gibt's doch auch schon seit 150 Jahren. Ganz schön anachronistisch, was ...?
Müller: Gab es nicht schon immer ein so genanntes Lumpenproletariat?
Und was soll das alles?
Nagel: Wenn das der Führer wüsste ...
Müller: ... dann wäre ganz und gar alles verloren!