24.05.2000
Drinnen und draußen VI

Eine schrecklich nette Familie

Die Krise ist vorüber. Endlich gibt es wieder etwas zu berichten von den Geiseln auf den Philippinen. Bei dem höchst exklusiven Sat.1-Interview mit Familie Wallert können wir uns die Geschichten ˆ la »GZSZ« über die so unheimische, undeutsche Küche bei den ansonsten so netten Entführern anhören. Renate Wallert: »Das Essen hier ist furchtbar. Aber gestern gab es endlich Hamburger.«

Nachdem den Medien schon so langweilig war, dass sie etwas lustlos über die Hintergründe der Geiselnahme berichteten - was sowieso niemanden interessiert -, sind sie nun in einem anderen Film gelandet. Man erinnert sich an die Geiselnahme von Gladbeck, bei der jede Menge Kameras hautnah dabei waren, was wohl eine Art Vorläufer des »Big-Brother»-Effekts darstellte. Nur dass Jolo eine viel schönere Kulisse bietet.

Aber das Getratsche und die Grußbotschaften der Geiseln sind in etwa so belanglos wie die Streitereien zwischen Jürgen und Sabrina im »BB»-Container. Auch hier zählt der totale O-Ton alles, allerdings mit Druck auf die Tränendrüse. Die Stilisierung der an Bluthochdruck leidenden Renate Wallert zur National- und Medienheldin erinnert an die Geschichte des im albanischen Feindesland verschollenen »Old Shue« im Film »Wag the Dog«. Aber das größte Drama scheint nicht die Geiselnahme selbst zu sein, sondern dass kein Fernsehteam die ganze Zeit dabei sein kann. Renate Wallert: »Vielleicht klappt es ja doch (mit der Befreiung). Jetzt, wo die deutsche Presse da ist.«

Die Wallerts sind schon wer, bzw. werden zu etwas gemacht. Eine schrecklich nette Familie eben - aber wo ist Kelly? Besonders schön zeigt sich die Betroffenheits-Heuchelei an dem Punkt, dass über die ausländischen Geiseln so gut wie gar nicht berichtet wird. Sie lassen sich in Deutschland eben schlecht vermarkten - abgesehen von dem Tte-ˆ-tte zwischen Sohn Mark Wallert und einer französischen Geiselkollegin -, fast wie bei Alex und Kerstin.

Wie wäre es denn, das »Big-Brother»-Konzept auf Jolo einzuführen? Die Entführung wird auf 100 Tage begrenzt, als Tagesaufgabe gilt es, den Mörsergranaten der philippinischen Armee auszuweichen oder das schlechte Essen hinunterzuwürgen; als Wochenaufgabe, die vielleicht - vielleicht auch nicht - entführten Journalisten im Unterholz zu finden. Alle zwei Wochen werden zwei Mitgeiseln nominiert und einer muss nach der Ted-Auswertung die Insel verlassen. Wenn einer vorzeitig geht, ob im Doggy-Bag oder zu Fuß, rückt eine neue Geisel nach. Die Heimkehrer werden zu Medienhelden, nehmen vielleicht eine von Frank Farian vorproduzierte Platte auf, verdienen sich damit ein nettes Taschengeld und tingeln von Talkshow zu Talkshow, samt Manager, Personality-Berater, Bodyguards und Masseuse. Und der Sieger der Show bekommt seine eigene Südsee-Insel, wahlweise mit oder ohne Entführer als Hauspersonal.