Zur Fußball-EM treffen sich ab Samstag die Spitzenkräfte der Zunft in Belgien und den Niederlanden. Aber was macht eigentlich die Basis? Drei Tage im Leben eines linken Freizeit-Kickers.
Fußball, da war sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels von den Grünen, kürzlich ganz sicher, sei in vielen Fällen nur ein Vorwand fürs Saufen. Geirrt hat sie sich nicht unbedingt, aber sie hat auch nur in einem gewissen Punkt Recht: Fußball ist nicht Vorwand, sondern oft genug Grund zum Saufen. Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Fan von Borussia Dortmund - was bleibt Ihnen anderes übrig, als sich volllaufen zu lassen? Sie werden aus dem warmen Brasilien in die Bundesliga geholt und rennen das halbe Jahr mit Handschuhen rum, damit Ihnen die Flossen nicht abfrieren - liegt es nicht nahe, beim »Kleinen Feigling« Zuflucht zu suchen? Sie spielen beim FC Bayern, haben den neuen Ferrari bestellt und nun beträgt die Lieferzeit ein Jahr - woanders sollte man den Kummer ertränken als im Biergarten? Fußball ist nun mal »Breit»-ensport, und das ist wörtlich zu nehmen. Deshalb heißen einige Teams auch Thekenmannschaften.
Eine Spezialausgabe dieser Zunft sind die Berliner »Taktiker«, die auf geniale Weise Saufen, Fußball und Verletzungspech zu verbinden verstehen. Donnerstags ist Hallentraining, hinterher geht's in die Kneipe. Letztens auch: Der Verein versammelt sich im Schöneberger »Pipapo«. Um 20 Uhr zeigen sich neben Sprachstörungen auch die ersten Auflösungserscheinungen. Drei Stützen der Mannschaft, Mittelfeldstar Horst (arbeitslos), Verteidiger Heinz (Teilzeiterzieher) und Stürmer Albert (dunkle Geschäfte), wollen noch woanders weitermachen.
Die drei gehen zum S-Bahnhof Yorckstraße, und weil davor ein Pommes-Container steht, kommt Horst auf die Idee, noch Reiseproviant einzukaufen (»Sechs Dosen Schulli, wa!«). Der Container hat auch noch einen kleinen Raum, Stimmen dringen zu den drei Freunden. Horst, in Feierlaune, will das Etablissement inspizieren. Als sie eintreten, werden sie begrüßt, als wären sie die im Krieg verschollenen Söhne. »Hallo!« und »Hoppla!« schallt es ihnen entgegen.
An der Tür steht Murat, seit drei Jahren arbeitslos. »Isch find nix Arbeit«, klagt der Bauhelfer, »weil isch kein konkret Deutsch kann.« - »Deutsch - wer braucht denn sowas?« fragt Albert. »Du brauchst keinen Unterricht, sondern eine eigene Radiosendung.« Die zwei verstehen sich auf Anhieb, und die nächste halbe Stunde verbringen sie damit, sich über Galatasaray Istanbul zu unterhalten. Gesprächsstoff bietet sich schon deswegen, weil Albert den türkischen Erstligaclub mit dem Berliner Oberligisten Türkiyemspor verwechselt. Albert: »Die hab ich mal gegen Hertha gesehen, 1984. Die Türken waren kurz vorm Aufstieg. Aber die durften dann nicht in die Bundesliga, weil der Ausländeranteil zu hoch waren. Wieso? Haben die Türken gefragt, bei uns ist doch nur der Torwart Ausländer, der kommt aus Marokko. An sich selber haben die nicht gedacht. Aufgestiegen sind sie dann doch nicht.« Murat rafft nicht, wieso Galatasaray in die Zweite Bundesliga hätte aufsteigen sollen. Die waren schon immer erste - in der Türkei. Drei Dosen Bier später ist bei Albert der Groschen endlich gefallen. Aber da knutscht er schon mit Sabine. Zeit zu gehen, beschließen die beiden anderen.
Auf der S-Bahnstation gibt es ein zünftiges Fußballspiel. Weil Heinz sich nie beherrschen kann, landet der Ball auf den Gleisen. Schnell hinterher und die Pille aus dem Graben geschossen. Das kann schon mal drei Versuche lang dauern, und der Zugverkehr muss ruhen. Jetzt steht der S-Bahnzug am Bahnhofseingang. »Watt'n hier los?« ruft der Fahrer und kommt angerannt. »Ja, nun, wir kicken eben hier rum.« - »Ich bitte die Herren, das freundlichst zu unterlassen«, sagt der Typ. Albert mischt sich ein. »Lass den Typen doch!« brüllt Heinz. »Schnauze«, ruft es zurück. Denn längst hat Albert den S-Bahner in ein interessantes Gespräch über die Rolle der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands im bevorstehenden Warnstreik verwickelt.
Irgendwie landen die drei in Berlin-Mitte, steigen aus und kicken die Treppe im Ausgang der Station hoch. Nachdem der eine oder andere Fahrgast belästigt worden ist, passt Horst den Ball in den Lauf von Heinz, der will zwar irgendwo hin damit, aber leider steht Albert genau im Weg. Der wird umgeschubst, landet auf den Knien und schlägt sich die Schnauze an der gefliesten Bahnhofswand ein. Bis zum Aufstehen dauert es etwas. Gemeinsam wackeln sie die Treppe rauf.
Der Ball wird jetzt zwischen den parkenden Autos die Auguststraße hochgekickt. Im vierten Stock regt sich Protest über die johlende Fußballmannschaft, als sich Heinz vorgenommen hat, genau dort die Fensterscheibe einzuschießen. Es ist ja immerhin schon ein Uhr morgens. »Ick komm gleich runter, dann gibt's Fresse dick!« ruft's herunter. »Ich komm gleich rauf, du Penner, dann setzt's warme Ohren!« erläutert Heinz. Er versucht noch zweimal, das Fenster zu treffen, doch der Ball landet jedesmal auf einem Autodach, ohne seine Mission erfüllt zu haben. Stattdessen kommt jetzt Pfandgut von oben.
Man beschließt, den Weg fortzusetzen. Schließlich wartet noch der »Club for Chunk« in der Rosenthaler Straße, ein feuchter Keller. Drinnen fasst sich Albert an den Kopf, irgendwas juckt da. Die Hand ist voller Blut. »Könnt ihr Säcke mir nicht sagen, dass ich ein Loch im Kopf habe?« - »Ham wa nich jesehn ...«
Samstag, Spieltag. Die Taktiker treten gegen den FC Flankenbrecher an. Albert, wiewohl lädiert, rennt, was die ramponierten Beine halten. Bis er in Minute 43 eine astreine Chance hat. Er muss den Ball nur noch einnicken. Doch da ist Hansi vor: Der sieht den Mitstreiter nicht, will selber ans Leder und trifft Alberts angeschlagenes Knie. Der geht fluchend Richtung Außenlinie und heult erstmal ein bisschen. Jetzt braucht er einen Schluck Cola light. Das Spiel mit 99-prozentiger Fehlpassquote geht 3:3 aus.
Sonntags spielen unsere Freunde auf einem Platz im Wedding, der aus grün gestrichenem Beton besteht. Der hat die Eigenschaft, bei Feuchtigkeit gefährlich rutschig zu werden, und am morgen hat es noch geregnet. Von den Taktikern, die meisten haben sich am Samstag plattgesoffen, ist heute nur Albert da, der Rest der Spieler kommt hier aus der Gegend. Nachdem Torhüter Rüdi mit einer stahlharten Kugel warmgeschossen wurde (»Au!«) und man des Wartens überdrüssig ist, wird zwei gegen drei gespielt.
Albert springt dem Ball hinterher. Fast hätte die Flanke gepasst. Aber so ist es immer im Fußball: Die Flanke kommt zu hoch, zu weit, zu hart oder zu kurz. Schon hat Albert den Bodenkontakt verloren. Er rutscht auf dem nassen Boden aus, die Beine fliegen in die Luft. Dann knallt er auf die Erde, und zwar mit dem kaputten Knie zuerst. Das hat weh getan. Die anderen sind entsetzt und spenden Trost. Tja, was ist das denn? Albert sieht aus wie ein abgestochenes Schwein. Überall Blut. Beim Sturz hatte er versucht, sich auf dem Boden abzustützen. Da lag aber schon eine Glasscherbe. Und die steckt jetzt in der Hand. Das will nicht aufhören zu bluten. Albert, wieder halb bei Bewusstsein und die Hand von drei Tempotaschentüchern umwickelt, macht sich über den zackigen Zaun. »Tschüs, bis nächste Woche.«
Albert hat keine Lust, den Sonntag in der Ambulanz zu verbringen. Er setzt sich aufs Fahrrad und fährt zu Willi, seinem Kumpel, der an der Bernauer Straße wohnt. Jutta, Willis Freundin, war mal Krankenschwester in Berlin-Buch. Willi staunt nicht schlecht, als er den Blutverschmierten sieht. Jutta ist für zwei Monate im Ausland. »So ein Glück! Die ganze Wohnung für mich allein. Ich klopp mir den ganzen Tag Rotwein und Haschisch in die Birne. Auf'm Sofa liegen, Kabelfernsehen gucken und Freejazz hören - und keiner motzt! Aber jetzt machen wir erste Hilfe.«
Willi ist Botaniker an einer Berliner Universität. »Wir klonieren jetzt auch Tannenbäume. Bombengeschäft, eine halbe Milliarde Umsatz im Jahr. 23 Millionen verkaufte Dinger. Neulich habe ich einen Vortrag gehalten. Vor der Vereinigung der norddeutschen Tannenbaumproduzenten. Die sahen auch geklont aus: ein paar Dutzend Typen in Lodenjacken mit Hirschhornknöpfen.« Albert entspannt sich. Willi legt eine CD rein. »Das ist Fred Frith.« Fred, der Freejazzer, knallt das Klarinettensolo runter. »Ich muss dich aber bald rausschmeißen«, sagt Willi, »um eins kommt die Frau Zülz, meine Nachbarin.«
Das Mittagessen findet also ohne Albert statt. Der hat beschlossen, sich bei Enno und Nani zum Frühstück einzuladen. Enno ist noch um drei im Schlafanzug, und Albert ist gar nicht wohl beim Anblick der herumliegenden Messer auf dem Tisch. Das Telefon klingelt, Horst ist dran, der will heute zum Minigolf. Minigolf? »Nee, da komm ich vielleicht ma gucken, aber mitspielen is nich. Da krieg ich bestimmt den Schläger an den Kopp«, meint Albert.
In der Hasenheide angekommen, setzt sich Albert mit Horst, Suse und Heinz auf eine Parkbank. Zwei Kinder spielen Ball. Der Ball landet genau auf Alberts Kopf, da, wo er sich am Donnerstag die Beule geholt hat. Die anderen lachen. »Ich gehe jetzt nach Hause, drückt mir die Daumen.« Dann rennt er gegen den Zaun. Mit dem Knie, das er sich schon Donnerstag, Samstag und heute angeschlagen hat. Zu Hause fliegt er auf der Treppe hin und sticht sich später noch beim Wurstschneiden in die verletzte Hand. Tags drauf ist das Fahrrad platt.
An so was muss Frau Nickels wohl gedacht haben, als sie sagte: Fußball sei manchmal nur ein Vorwand zum Saufen.