Latino Life in the USA
In den Bergen von Utah im Südwesten der USA wohnt seit einigen Jahren Robert Redford und macht den Milchkühen schöne Augen. Damit es nicht zu ruhig wird, gründete er 1985 das Filmfestival Sundance mit. In Park City trifft sich seitdem jährlich die Independent-Filmszene der USA. In diesem Jahr wurde ein Dokumentarfilm von Susann Todd und Andrew Young uraufgeführt, der für einen Oscar nominiert war: »Americanos - Latino Life in the United States«, produziert von Eduard James Olmos. Zur Musik von Tito Puente, El Vez, Ozomatli und Santana wird darin die Geschichte der spanischsprachigen Bevölkerung der USA erzählt.
Latinos werden in dem Film als eine Gemeinschaft verstanden, die im Jahr 2010 die größte Minderheit in den USA sein wird. In Interviews kommen spanischsprachige Grenzpolizisten der USA zu Wort, Harvard-Absolventen aus East Los Angeles und Ärzte aus Little Havanna. Die dortigen ExilkubanerInnen von Miami haben wenig gemeinsam mit den ArbeiterInnen ohne Papiere aus Mexiko, die in den Sweat Shops von Los Angeles oder New York schuften.
Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den sechziger Jahren wurde die rassistische Bezeichnung »Chicano« der Wasp-Dominanzgesellschaft aus ihrem negativen Kontext herausgelöst und in eine positive Selbstbezeichnung spanischsprachiger EinwohnerInnen der USA umgedeutet - analog etwa zu dem »Black is Beautiful« der Schwarzen. Die Kämpfe um kulturelle Repräsentationen spielen hierbei bis heute eine große Rolle in verschiedenen Formen von populärer Kultur. Aus der Straßentheater-Szene heraus entwickelte sich so Ende der sechziger Jahre das Cine Chicano, neben verschiedenen Musik-Subkulturen und einer zunehmend etablierten Literatur.
Als antirassistische oder selbstethnisierende Bezeichnungen konkurrieren hierbei mehrere Konzepte miteinander: Neben Latino/a oder Hispanic für Einwanderinnen und Einwanderer aus ganz Lateinamerika wird auch von »La Raza«, der »Rasse«, gesprochen, um sich selbst zu identifizieren - gemeint ist damit ein ideelles Volk von MexikanerInnen als Abstammungsgemeinschaft. Der etablierte National Council of La Raza verbindet dabei Lobbypolitik und Nationalismus: Er begrüßte die nordamerikanische Freihandelszone Nafta 1994 und versprach sich hiervon eine Aufwertung der Chicanos/as als MittlerInnen zwischen den USA und Mexiko - vergeblich.
Im Gegensatz zu dieser volkstümelnden Politik stehen die Anfänge der Chicano-Bewegung in den sechziger Jahren, wo sie aus einer antirassistischen Selbstorganisation von LandarbeiterInnen in Kalifornien hervorgegangen ist. Alles begann mit Lohnstreiks von ArbeitsmigrantInnen von den Philippinen und aus Mexiko: der Anfang der Gewerkschaft United Farm Workers (UFW). Die aus Solidarität mit den Streikenden entstandene Chicano-Bewegung wandte sich bald nationalen Konzepten zu.
Allen AktivistInnen geht es um die Beseitigung der Diskriminierung durch die Wasp-Dominanzkultur. Der Protest dagegen ist vielfältig. So erklärte eine texanische Kleinstadt im Grenzgebiet zu Mexiko, El Cenizo, im August 1999 das Spanische zur Amtssprache, weil kaum jemand Englisch verstehe, und der Bürgermeister entzog der lokalen Verwaltung seine Unterstützung bei der Jagd auf die inoffiziellen MigrantInnen.
Das Cine Chicano entwickelte sich parallel zur Bewegung, der erste Film »Ich bin Joaquin« wurde vom Teatro Campesino der UFW 1969 produziert. Von Beginn an verfolgte das Cine Chicano den Ansatz, eine im Kino unterschlagene Realität jenseits der weißen Mittelschicht sichtbar zu machen. Den Produkten der Filmfabriken war bis in die achtziger Jahre hinein überhaupt nicht anzumerken, dass neben dem weißen Hollywood das Los Angeles der Marginalisierten liegt. Wenn sich Hollywood überhaupt des Themas annahm, dann nur, um »die Latinos«, »die Schwarzen« und andere »Minderheiten« als kriminelle Bedrohung oder auch exotistische Bereicherung darzustellen: »Die Produzenten besetzten so die Außenseiterrollen, nie tauchten Chicanos/as mit einem Beruf auf, immer sind wir die Gauner, die Prostituierten oder die Drogenhändler. Es ist sehr schwer, zu Hollywood Zugang zu haben, es ist eine gut ausgebaute Schanze der Angelsachsen«, stellte die Filmregisseurin Susan Racho fest.
Seit den achtziger Jahren gibt es einige Hollywood-Filme, die von Filmschaffenden aus der Bewegung des Cine Chicano realisiert werden, wie »El Norte« oder »Mi Familia« von Gregory Nava. Der Produzent von »Americanos - Latino Life in the United States«, Eduard James Olmos, ist als Darsteller auch in Europa bekannt geworden, er spielte den Vorgesetzten von Crocket und Tubbs in »Miami Vice«, Lieutenant Martin Castillo. Ein Non-Wasp durfte mal was anderes als den Delinquenten darstellen. Olmos blieb in dieser Rolle dennoch auf sein Chicano-Sein festgelegt, seine Zuständigkeit galt in erster Linie kolumbianischen Kokain-Exportfirmen, exotischem Voodoo-Zauber und den ExilkubanerInnen in Miami, die natürlich ausschließlich in der Schattenökonomie und der Opposition gegen Kuba aktiv sind. Doch die verstärkte mediale Präsenz von »Minderheiten« im Mainstream zeigt, wie sich rassistische Machtverhältnisse gewandelt haben. »Miami Vice« verzichtete allerdings nicht auf die Unterscheidung Latino einerseits und Wasp andererseits, sondern setzte kulturalistische Zuschreibungen dazu ein, die Serie »farbiger« zu gestalten.
Eine solche Zuschreibung von Identitäten ist nicht auf die Kulturindustrie der Dominanzkultur beschränkt. Die rebellierenden Minderheiten bedienen sich ihrer seit den sechziger Jahren. Um Gehör zu finden, beziehen sie sich auf eine vermeintlich klar eingrenzbare Community. Deshalb sind die rassistisch ausgegrenzten sozialen Gruppen nicht in der Lage, gemeinsam ihre Interessen durchzusetzen: Weil sie für eine Besserstellung »ihrer« Gruppe im Rahmen der kapitalistischen Konkurrenz eintreten. Dies spiegelt sich in den speziellen spanischsprachigen Minderheitenmedien wider - TV, Radio und Zeitungen.
Ende 1998 erschien die Musik-CD »Chicano Power!« Eine Compilation, die verschiedene Stilrichtungen des Latin Rock der Seventies auf einen Ethno-Nenner bringt. Auch mit Namen wie »Azteca« oder »Tierra« stellen Musikgruppen einen Bezug zum Befreiungsnationalismus her.
Die heterogene Chicano-Bewegung befindet sich wie andere Bürgerrechtsbewegungen auch im Widerspruch zwischen antirassistischen und antikapitalistischen Ansätzen einerseits und kulturalistischer Lobbypolitik andererseits.
Der kleine Boom des Cine Chicano seit den siebziger Jahren wurde auch durch staatliche Förderung für kulturalistisch definierte Minderheiten möglich. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen der USA ist per Affirmative-Action-Gesetz zur Finanzierung von Filmen »ethnischer Minderheiten« verpflichtet. Das Problem, sich ethnisch zuordnen zu müssen, um staatliche Fördermittel zu bekommen, wenn es um nicht-marktgängige Filme über soziale Probleme geht, ist den Debatten um Chicano-Filme anzumerken. Die Filmregisseurin Lourdes Portillo stellt dazu fest: »Mir wurde von Leuten zugetragen, der und der hätte gesagt, ich würde die ganze Bewegung verraten, da meine Filme sich nicht nur um Chicanos/as drehten. Als Chicana bin ich aber ein Teil beider Amerikas.«
Seit der Festigung eines spanischsprechenden, kaufkräftigen Mittelstandes in den USA sind spanischsprachige Kulturprodukte profitabel und marktgängig: Für spanischsprachige Bücher sind die USA der fünftgrößte Markt. Die spanischsprachige Fernsehkette Univisi-n ist die fünftgrößte der USA und bindet 92 Prozent des spanischsprachigen Publikums bei seinen Informationssendungen. Dabei erreicht Univisi-n mehr jugendliche ZuschauerInnen als MTV und ist damit auch für die Werbe-Industrie interessant; die Kaufkraft des »Latino»-Marktsegments ist mittlerweile um 56 Prozent gestiegen.
Auf dieses Marktsegment und den Ricky-Martin-Effekt setzen Latino-KünstlerInnen, die in der Popmusik auf dem gesamten US-Markt erfolgreich sind. Während ein Latino-Mittelstand aus Chicanos/as und ExilkubanerInnen die spanischsprachige Kulturindustrie antreibt, arbeiten Tag für Tag spanischsprachige klandestine MigrantInnen in inoffiziellen Arbeitsverhältnissen. Ihre Subkulturen existieren neben der Kulturindustrie.
Auch bei den spanischsprachigen offiziellen US-StaatsbürgerInnen gibt es neben dem Chicano-Mittelstand einen großen Teil, der zu den unteren Segmenten der Arbeiterklasse gehört. Diese trifft die rassistische Ausgrenzung durch ihre prekäre Erwerbssituation besonders hart. 30 Prozent der spanischsprachigen Kinder brechen die weiterführende Schule ab, während dies im US-Durchschnitt nur 9 Prozent sind. Nach dem US-Zensus, der die Befragten in ethnische und nationale Herkunftskategorien sortiert, leben in Armut: PuertoricanerInnen: 33,1 Prozent; MexikanerInnen: 27,7 Prozent; Schwarze: 25,7 Prozent; KubanerInnen: 12,5 Prozent; Weiße: 6,5 Prozent. Von den Chicanos/as, die hier als MexikanerInnen auftauchen, lebt folglich ein knappes Drittel offiziell unter der Armutsgrenze.
Eine einheitliche Chicano-Community in den USA existiert nicht. Sich gegenseitig widersprechende Konzepte von Chicano-Sein bewegen sich zwischen bürgerlicher Lobbypolitik, Selbstethnisierung, Identitätspolitik und einem antirassistischen, teilweise antikapitalistischen, Ansatz.
Lobbypolitik betreiben diejenigen Chicanos/as, die die US-Staatsbürgerschaft oft seit drei Generationen besitzen und es »zu etwas gebracht« haben. Und natürlich instrumentalisieren diese neuen Mittelschichten ihren »Minderheitenstatus« und beziehen sich auf eine kulturelle Identität, wenn sich dadurch wirtschaftliche Vorteile ergeben. Auf der anderen Seite suchen sie aber auch den Anschluss an die Wasp-Dominanzgesellschaft. Dabei grenzen sich die neuen Mittelschichtler von den Einwanderinnen und Einwanderern aus Lateinamerika ab. Die aus Argentinien in die USA gekommene Schriftstellerin Alicia Kozameh beschreibt das so: »Chicanos/as sind in den USA eine sehr auf sich bezogene Gruppe. Den anderen Leuten aus Südamerika gegenüber bringen sie nicht viel Sympathie auf. Sie leben sehr für sich.« Neben den Chicanos/as, die diskriminiert werden, aber zumindest die US-Staatsbürgerschaft besitzen, gibt es die ArbeitsmigrantInnen ohne Papiere und die Flüchtlinge aus Lateinamerika und anderswo, die inoffiziell über die Grenze aus Mexiko in die USA kommen.
Das aufstrebende spanischsprechende Bürgertum stimmt bei Plebisziten teilweise für Verschärfungen gegenüber den Inoffiziellen. Wie bei der alltäglichen sozialen Abgrenzung entlang der Klassengrenzen - städtischer Mittelstand contra inoffizielle ArbeitsmigrantInnen und LandarbeiterInnen - wird die Selbstdefinition als Hispanic auch in Abgrenzung zu den inoffiziellen MigrantInnen konstruiert.
Vermeintlich linke kulturnationalistische Chicanos/as hingegen berufen sich in ihren Identitätskonstruktionen darauf, dass die spanischen Kolonialisten vor den britischen in den heutigen USA waren. Die »Anglos« oder Wasps werden als Besatzer betrachtet. Mexiko trat nach dem verlorenen Krieg 1848 an die USA 50 Prozent seines Territoriums ab. Dieses war nur dünn besiedelt, vor allem von denen, die noch vor den spanischen Eroberern da waren: die Native Americans, damals ein Prozent der Bevölkerung Mexikos. Die Bevölkerung der spanisch-mexikanischen Siedlungen wurde bei der folgenden Umwälzung der Besitzverhältnisse von den Wasp-SiedlerInnen enteignet.
Aus den SiedlerInnen und KolonialistInnen von vor 1848 wurde eine kolonialisierte Minderheit, die Chicanos/as. Hinzu kamen MigrantInnen, die in Folge des mexikanischen Bürgerkrieges zwischen 1910 und 1930 einwanderten. Die national orientierte Berufung auf Aztlán, wie der Süden der USA in Anlehnung an vorspanische, aztekische Mythen Mexikos genannt wird, ist ein wichtiges Identität stiftendes Medium für viele mexikanische und US-amerikanische Linke mit Chicano-Hintergrund. Im Musik-Underground von Los Angeles spielen Aztlán und eine romantisierte indigene Herkunft eine nicht ganz unwichtige Rolle. Neben Aztlán Underground haben sich auch andere Gruppen Namen aus dem Nahuá, der Sprache der AztekInnen, gegeben: Quetzal, Ollin oder Ozomatli - so heißt der aztekische Gott des Tanzes. Die Gruppe singt auf Spanisch und rappt auf Englisch, sie gründete sich vor vier Jahren vor dem Hintergrund eines Arbeitskampfs und trat ursprünglich nur für Benefiz-Zwecke auf. Mittlerweile gibt es von ihnen eine CD, »Ozomatli«.
Anders als diese Musikgruppen, die zwischen verschiedenen Identitäten wechseln, feiert Bobby, Chef der größten Chicano-Streetgang von Los Angeles, unter dem Motto »Aztlán - A New Nation« linken Nationalismus ab: »Wir sind keine Mexikaner und wir sind keine US-Amerikaner, wir möchten eine neue Nation bilden, in der wir die Mehrheit sind, wir nennen das Aztlán. Aztlán ist, wo die Azteken herkommen - und wir fordern dieses Land zurück.«
Nischensuche in Kapitalismus und Kulturnationalismus sind aber nicht die einzigen Konzepte von Chicano-Identität. Verschiedene antirassistische Akteure versuchen, sich dieser kulturalistischen Abgrenzung zu entziehen. Dies gilt für AktivistInnen des Cine Chicano wie Lourdes Portillo, die versichert, ein offenes, gegen Diskriminierung gerichtetes Konzept von Chicana-Identität zu vertreten. Dieses Konzept orientiert sich an der sozialen Realität der Migration und versucht dies auch in der Sprache auszudrücken, dem Spanglish.
Dieser Mix aus Englisch und Spanisch ist ein alltägliches Phänomen - besonders unter den tinajeros, den Teenagern: In der Pause, dem breque, wird cofi getrunken, danach gehen die pupilos wieder in die Schulklasse. Leute aus der Kleinkunst-Szene wie Coco Fusco benutzen Spanglish als Bühnensprache.
Mit der Lebensrealität vieler im Südwesten der USA befasst sich ein Gedicht von Tato Laviera. In »La carretera made a u-turn« heißt es: »I think in Spanish, I write in English, tengo las venas aculturadas, escribo en Spanglish.« Der Ethnologe Néstor Garc'a Canclini aus Mexiko beschreibt in seinem Buch »Hybride Kulturen« Prozesse und Verschiebungen innerhalb von Kulturen, die sich einer national-territorialen Zuordnung entziehen. Chicano-Sein kann bedeuten, sich weder den USA noch Mexiko zuzuordnen, aber deshalb nicht gleich eine neue Nation erschaffen zu wollen, sondern gegen die soziale Diskriminierung anzugehen, die nicht bei den Chicanos/as stehen bleibt.
Ansätze grenzüberschreitender Solidarität werden vor allem bei den Arbeitskämpfen in den Maquilas, den Weltmarktfabriken entlang der Grenze USA - Mexiko, geübt, so in den Twin-Citys Tijuana und San Diego, die, existierte die Grenze nicht, direkt ineinander übergehen würden. In den US-Gewerkschaften findet allmählich ein Prozess des Umdenkens statt, der mit der rassistischen Ausgrenzung von Chicanos/as Schluss macht und diese in teilweise erfolgreiche Abwehrkämpfe einbezieht: Im Computer-Produktionszentrum Silicon Valley bei San Francisco ist das von NiedriglohnarbeiterInnen aus Lateinamerika und Asien dominierte Reinigungswesen der einzige Arbeitsbereich mit einer flächendeckenden Tarifstruktur.
Vor den US-Präsidentschaftswahlen buhlen die Kandidaten um die MigrantInnen aus Asien und Lateinamerika mit Wahlrecht, deren Zahl gestiegen ist. Die Regierung Clinton erklärte, sie wolle einer halben Million der MigrantInnen ohne Papiere eine Aufenthaltserlaubnis geben - wenn der Kongress mit seiner republikanischen Mehrheit mitzieht. Die könnte den republikanischen Kandidaten George Bush junior bloßstellen, wenn sie das Gesetz für die Aufenthaltserlaubnis verweigert. Bush, der mit einer Mexikanerin verheiratet ist, kann gut mit den kulturellen Codes aus dem katholisch geprägten Lateinamerika umgehen und versucht, viele Latinos dafür zu begeistern, dass nur die Republikanische Partei die Familie und die Religion schützen kann.
Der Kandidat der Demokratischen Partei, Vizepräsident Al Gore, versucht dagegen, das traditionelle Image der Demokraten als Bürgerrechtspartei aufzupolieren. Ein Funktionär der Clinton-Administration erklärte der spanischen Zeitung El Pais anonym: »Jetzt ist Wahljahr und es ist wichtig, bei den Hispanics mehr Aufmerksamkeit zu erreichen.« Einen Oscar erhielt »Americanos - Latino Life in the United States« allerdings nicht.