Ein verlassener Flugplatz im Sommer
Am Freitagnachmittag kam der Anruf von einer, die schon vorgefahren war: Leute, es ist schweinekalt hier, bringt so viele Pullover und Decken mit, wie ihr könnt. Da sah man sich schon im Zelt liegen, bei bitterer Kälte und Regenschauern, und die Vorfreude war erstmal weg. Doch dann war zum Glück alles anders. Am Samstagnachmittag brach die Sonne hervor und tauchte den riesigen Platz in Licht. Alle hatten gute Laune. Und am Sonntag schien die Sonne fast den ganzen Tag. Die Leute wollten gar nicht mehr weg. Bis abends um zehn die Musik ausging. Die Fusion war vorbei.
Die Fusion. Was ist das? Unter anderem: Ein Musik- und Kunst-Festival, ein Freiluft-Rave, eine Jahreshauptversammlung der Gegenkultur, eine Begegnung von Wagenburglern und Mecklenburger Technojugend, ein politisches Statement, eine Veranstaltung, wie es sie in Deutschland kein zweites Mal gibt.
Das beginnt mit dem Ort: Eine riesige Wiese, mehrere Hektar groß, umringt von Bäumen, durchschnitten von einer Flugzeug-Landebahn, an deren Ende ein knappes Dutzend buckliger Hügel liegt. Auf der Landebahn parken mehrere Tausend Autos, auf der Wiese verteilen sich ebenso viele Zelte, die Hügel sitzen voller Leute. Davor wird getanzt.
Einen darf man bei der Beschreibung nicht vergessen - den Bass. Der ist ein Hauptdarsteller. Er marschiert stur geradeaus über das Gelände, drei Tage lang ohne Pause, er füllt den Raum und hält die Zeit an. Schwerer, gleichmäßiger Techno, ausgestrahlt von der Hauptbühne, vor einem länglichen grasbewachsenen Hügel, der einmal ein Flugzeughangar war, in dem russische Migs parkten, um vor etwaigen Bombenangriffen sicher zu sein. Jetzt findet man dort eine künstliche Riesenspinne samt dazugehöriger Klanginstallation. Es gibt weitere Musikquellen: Am Waldrand läuft Drum'n'Bass, daneben befinden sich Ragga-, Salsa- und Garage-House-Hangars, gegenüber ist eine Bühne für die Live-Bands, weiter hinten das Ambient-Zelt. Hinzu kommen der Kino-Hangar, an dem Holzkühe heraufklettern, der Theaterhangar, der drei Tage lang von einem guten Dutzend Gruppen bespielt wird, und diverse Installationen: Vogelscheuchen vor einer Badewanne, ein Metalldrache, eine Rakete, ein Indianerzelt, eine Wasserrutsche. Und wenn es Nacht wird, gehen zahllose grüne, blaue, rote Lampen an und verwandeln den Platz in eine Stadt aus Licht.
Techno- oder Goa-Freiluftparties gibt es an jedem Wochenende rund um Berlin oder Hamburg. Aber bei der Fusion feiert nicht nur eine Szene, sondern es vermischen sich Dinge, die gemeinhin nicht zusammengehören: Salsa-Tanzkurs und 2-Step, Jung und Alt, Caipirinha und Gemüsebratling, Landjugend und Städter, Jute und Plastik, Pop und Politik. Hier die mexikanische Latin-Ska-Band Panteon Rococo, dort der apokalyptische Drum'n'Bass-Act Heimkind, hier Elektro und Minimal Techno, dort Ambient und Illbient. Hier Acid Maria, dort Ricardo Villalobos.
Erstaunlich, was alles Platz hat auf diesem Gelände. Hinter dem Hangar, der zum Kinosaal umgebaut ist, hat sich schon vor Tagen eine Kolonie von Wagenburglern niedergelassen. Mittendrin grasen zwei Esel. Aus einem Küchenwagen tritt eine Frau und erklärt, man habe die Esel mitnehmen müssen, weil alle aus der Wagenburg hier seien und die Tiere ja irgendwo bleiben müssten. Dann schält sie weiter Kartoffeln. Alles ist dann allerdings doch nicht erlaubt. Keine Heineken-Kühlschränke etwa, keine rollenden Imbissbuden und keine Nazi-Skinheads.
Und es gibt Regeln:
· Umsicht und Respekt;
· Nicht verpeilt Auto fahren;
· Müll bitte selbst einsammeln.
In einem kleinen Wald steht ein verfallener Schuppen. Neben dem Eingang rostet das Schild »Dienstposten der vorbildlichen Ordnung und Sauberkeit«. In einem Zimmer sitzen Eule und Gudrun, umringt von Laptops, Listen, Funkgeräten, Lageplänen. Die beiden sind Teil von U.Site-System, den Veranstaltern der Fusion.
Ständig kommen Leute herein und wollen etwas: Zwei Mädchen suchen einen Sanitäter, ein Typ braucht einen Zündkerzenschlüssel, ein anderer Freikarten für seine Freunde, an der Space-Bar nehmen sie keine Getränkebons, an der Seebühne spinnt der Strom.
Eule bleibt cool. Erstaunlich cool angesichts der logistischen Herausforderung, die das Anrücken von mindestens 10 000 feierwilligen Menschen darstellt. Eule bricht den Filter von einer Light-Zigarette ab und erzählt, wie er und einige andere, auf der Suche nach einer Party-Location, vor fünf Jahren an diesem verlassenen Militär-Flughafen vorbeikamen, sofort von der Magie des Ortes begeistert waren und 1997 die erste Fusion mit 3 000 Leuten feierten. Vergangenes Jahr kamen knapp 10 000. »Mitte der neunziger Jahre war in der Techno-Szene alles abgegessen. Kommerzialisierung und Ritualisierung bei den Goa-Partys waren absehbar, musikalisch passierte dort nichts mehr.«
Tatsächlich hat sich der einstige Goa-Underground, zumindest in Norddeutschland, längst zum Mainstream gewandelt. Die U.Site-Macher beschlossen, sich treu zu bleiben und »durch Vielfalt anzuecken«. Die meisten ihrer Partys veranstaltete die Gruppe im Osten, denn dort gab es viel Platz, Behörden, die weniger strikt waren als in Westdeutschland und Anwohner, die wegen einem Wochenende Lärm nicht auf die Barrikaden gingen.
Zu U.Site-System gehören sechs Leute: Eule, eigentlich DJ und Boxenverleiher, Marcus, ebenfalls DJ, Kugel und Erik, die die Deko machen, Tom vom Filmhangar, und Amke alias DJ Queen Easy. Dazu kommen Freunde und Bekannte, die sich der gemeinsamen Sache verpflichtet fühlen und Boxen schleppen, Flyer verteilen, Bier verkaufen. Ohne Bezahlung. Ihre Gratifikation holen sie sich in Form von Spaß und Anerkennung.
Geld wird mit der Fusion nicht verdient, sagen die U.Site-Macher. Künstler, DJs, Schauspieler und Dekorateure beteiligen sich am Festival für weniger Gage als üblich. »Das Festival verkörpert eine Wahrheit, die es in der frühen Technoszene einmal gegeben hat«, sagt DJane Aroma aus Berlin, die am Donnerstag das Festival mit ihrem Set eröffnet.
Jetzt will U.Site-System expandieren, in zwei Richtungen: Zum einen wollen sie ein Kulturprojekt in einem Dorf in Mexiko fördern, zum anderen haben sie einen Verein gegründet, der das Flughafen-Gelände pachten soll, um dort dauerhaft Musik, Kunst und Theater zu veranstalten. Mit diesem »Kulturkosmos Müritzsee« wollen sie die mecklenburgische Einöde ein wenig auflockern, in der Jugendliche sonst an Tankstellen sozialisiert werden und ungehindert in die rechte Jugend-Subkultur hineinwachsen.
Am Samstagabend fahren Tausende von Kleinwagen auf die Rollbahn. Besetzt mit Leuten, die samstagabends gern einen drauf machen. Sie suchen Spaß, sehen aber nicht so aus, als würden sie welchen mitbringen. Manche holen Klappstühle aus dem Kofferraum und setzen sich neben ihre Autos. Von einem Kran werfen Lichtmaschinen bunte Flecken über den Platz, zwischendrin senden Diskokugeln Strahlenblitze, schemenhaft erkennt man Menschen, die rastlos durch das Dunkel stolpern.
Auf der Tanzfläche am Wald legt ein DJ Drum'n'Bass auf. Es erinnert an Wolfgang Petersens Verschwitzte-deutsche-Männer Epos »Das Boot»: Druckwellen von Unterwasserbomben prallen an die Außenseite eines U-Boots, Metall wird an die Grenze seiner Belastbarkeit getrieben. Es beginnt zu nieseln. Die Tänzer, fast alles Männer, werfen sich mit schnellen Ausfallschritten hin und her, Kollisionen sind unvermeidlich, doch für die übliche Tanzflächenetikette - »'tschuldigung« - ist keine Zeit. Die Sound-Attacken müssen mit Nahkampfgesten abreagiert werden. Lichter, Stöße, nasse Haut: Dafür sind wir nicht auf die Fusion gekommen.
Die Alternative lockt wenige Meter weiter: der Schuhkarton. Ein langer, flacher Raum in einem der Hangars, kluge Menschen haben dort den idealen Club eingerichtet. Dias auf Beton, warmes Licht, Cocktails an der Bar, die Tune Crew aus Hamburg und 2-Step Garage. Plötzlich ist es wichtig, wie man seinen Drink bestellt. Bin ich sexy? Die Exklusivität funktioniert ohne Türsteher. Eben hatte man noch Tau auf der Haut, jetzt ist es Schweiß, eben war man noch unsichtbar, jetzt ist man sichtbar, eben war man Silhouette, jetzt ist man Körper. Es gibt kaum Platz, aber die Nähe fordert Distanz. Blicke begegnen sich und werden weggeklappt. Es ist gut hier. Aber das kennen wir. Auch dafür sind wir nicht auf die Fusion gekommen.
Nur Geduld. Die Fusion ist groß, sie dauert drei Tage, sie hat Platz für jede Art von Rausch. Erstmal ist Zeit, ins Bett zu gehen. Der Bass von der Hauptbühne kommt mit. Er begleitet einen durch die Dunkelheit, durch das feuchte Gras, kommt mit ins Zelt und ist am nächsten Morgen schon da, wenn man aufwacht und sich am Wasserschlauch die Zähne bürstet.
Sonntagmittag, auf der sandigen Trance-Tanzfläche. Irgendetwas ist mit der Zeit passiert. Wir haben kein Gedächtnis mehr, in das die vergangenen Augenblicke eingehen. Da ist ein Augenblick, und da ist schon der nächste. Kein Ziel ist mehr auszumachen. Gebieterisch stampft der Bass. Es ist Musik, die sich lieber an die Ausbuchtungen des Erdbodens hält, als sich an riskanten Luftsprüngen zu versuchen. Nur wenige Effekte und keine Vocals lenken von der Essenz ab, den gleichmäßigen Beats. Vor den Boxen tanzen Langhaarige in bequemen Hosen, wie man sie auf Stadtteilfesten kaufen kann, und schwarz gekleidete Nachtschatten-Gestalten, die sich selten in die Sonne wagen. Man sieht Dreadlocks vom Friseur und solche von jahrelang gepflegter Verfilzung. Hier modisch bunte Sonnenkinder auf der Durchreise nach Ibiza, dort Indienfahrerinnen auf der Suche nach sich selbst. Der Hipster, der in Berlin-Mitte wohnen könnte, mit Fellhut und blauer Sonnenbrille, neben dem mönchisch erhabenen Technobastler im Logo-T-Shirt eines längst vergangenen Plattenlabels.
So verschieden die Tänzer sind, in der Art, wie sie mit ihren Füßen rhythmisch den Boden bearbeiten, finden sie wieder zusammen. Der Staub, den sie aufwirbeln, bildet eine Glocke über ihren erhitzten Köpfen. Einige Gesichter sind wächserne Masken, denen sich ein vergangenes Gefühl aufgeprägt hat - für Stunden. Der Austausch des Lächelns zwischen den Tänzern gehorcht trotzdem einer feinen Ökonomie. Keinen Augenblick zu kurz und keinen zu lang erscheint es auf den Gesichtern,wenn die Blicke sich treffen und zu sagen scheinen: Schön, dass du auch da bist, egal wer du bist.
Zwei Jungs bahnen sich ihren Weg durch die Menge wie zwei Autos. Das Gaspedal ist durchgetreten, aber die Reifen greifen nicht im Boden. Er ist weich, zu weich, wahrscheinlich Schlamm für ihre Augen. Aber ihre Aggression findet keinen Widerstand, an dem sie einhaken könnte. Ein Dreadlockträger stolpert ihnen hinterher. Seine verrenkte Körperhaltung karikiert ihre Forschheit. Er ist beim Gehen leicht in die Knie gegangen, der Oberkörper neigt sich nach hinten, während die Arme angewinkelt sind und abstehen: ein Storchenbaby, das sich aus seinem Nest herausgewagt hat. Und dann fällt er auch schon um - in die Arme einer Frau, die ihn wieder in Position bringt, kurz grinst und weiter tanzt. Man geht, man schaut, und einige Sekunden lang: das reine Glück. Die Illusion grenzenloser Toleranz verschafft Genugtuung. Der Stolz: Das alles kann ich inkorporieren. Selbst die Open-Air-Schmutzkruste baut an meiner Größe. Hoffentlich hält das vor.
Später stehen wir auf der Landebahn und verstauen das Gepäck im Kofferraum. Zwei Männer kommen Arm in Arm vorbeigeschlendert. Sie beobachten uns eine Weile. Dann meint einer: »Ihr wollt doch jetzt noch nicht gehen.« Planet Fusion: Sie wollen, dass er sich weiterdreht. Sie möchten nicht, dass es weniger werden. Sie wollen nicht, dass der Bass aufhört.
Informationen unter www.u-site.de