Und ewig lockt die Möhre
Die Zielgerade besteht aus Mohrrüben. Über die ganze Bahnbreite liegt das Gemüse im Gras. In ungefähr 400 Meter Entfernung stehen drei Elefanten am Start. Sie haben sich in alle Richtungen gewendet, noch interessiert sich keins der Tiere für die Möhren. Auch als das Startklingeln ertönt, passiert erstmal nichts, außer dass die Jockeys auf den Elefanten wild zu rufen und zu zappeln anfangen. Schließlich setzt sich die Startnummer drei in Bewegung: Mahra, ein indischer Elefant, geritten von Thilo. Als dann auch die beiden anderen Elefanten folgen, kommt Schwung in den Wettlauf. Doch Mahra nutzt ihren Vorsprung und führt, bis sie fünf Meter vor dem Ziel abbremst. Das Publikum schreit auf. Indra, die Startnummer zwei schießt an ihr vorbei und gewinnt. Mahra bleibt dagegen vor dem Ziel stehen und macht sich über die Möhren her.
»Wo sonst englische Vollblüter galoppieren, findet heute das erste Elefantenrennen in Europa statt«, sagt der Rennkommentator. Die Galopprennbahn Hoppegarten, östlich von Berlin, liegt mitten im Grünen und hat den großbürgerlichen Gründerzeit-Charme. Doch an diesem Sonntag ist alles anders: Brot und Spiele fürs Volk werden geboten. In sechs Rennen treten zwölf indische und afrikanische Elefanten gegeneinander an.
Der Mann am Mikro sagt auch: »Wir sind hier alle Tierfreunde.« Denn vor den Toren der Rennbahn stehen Tierschützer. Unter dem Motto »Gegen den Ausverkauf von Tieren in der Profitgesellschaft« und »Elefanten haben Gefühle« protestieren die Tierversuchsgegner Berlin e.V. und die »Menschen für Tierrechte«. Und stehen mit ihrer Kritik nicht allein: Ein illustrer Kreis internationaler Tierfreunde hatte in den letzten Wochen versucht, das Rennen zu verhindern. Erste Proteste kamen von der Wahl-Inderin Haidakhandi Shivani, alias Nina Hagen. An den indischen Botschafter in Deutschland, Ronen Sen, schrieb sie, sie sei enttäuscht, dass hier Tierquälerei als Kultur verkauft werden solle. Bei dem einen Brief sollte es nicht bleiben: In Frankreich fühlte sich die Schauspielerin und rechte Lebensschützerin Brigitte Bardot berufen, sich für den Schutz der deutschen Dickhäuter einzusetzen. Ende Juni forderte sie Botschafter Sen auf einzuschreiten: »Wie der Dalai Lama, der Ehrenmitglied in meiner Stiftung ist, glaube auch ich an eine bessere Menschheit, die Mensch und Tier respektiert.«
Eine derartig utopistisch aufgeladene Diskussion war nur noch schwer zu toppen. So setzte die grüne Staatssekretärin im Bundesumweltministerium Gila Altmann auf das Thema Sicherheit: Eine »Extremsituation wie die Rennbahn« mache die Elefanten nervös. Und das ist gefährlich: Die Sicherheit der Zuschauer sei nicht gewährleistet. Was, wenn einer der Elefanten in Panik geraten sollte und mit Schwung in die Zuschauermenge galoppierte? Der Berliner Tagesspiegel zitierte einen Elefantenpfleger, der den Dickhäutern eine Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h attestierte und das Rennens als zu gefährlich einschätzte: So ein Koloss könne ja nicht einfach am Rüssel zurückgezogen werden.
Solche Berichte sind nicht gut für den Eintrittskartenverkauf. Die Veranstalter reagierten rasch: Es würden nur Elefantenkühe an dem Rennen teilnehmen, die seien zahmer als Bullen. Zudem laufen die Tiere jeweils zu dritt in ihren gewohnten Sozialverbänden. An Zuschauermengen sind die ständig im Rampenlicht stehenden Zirkuselefanten sowieso gewöhnt. Zusätzlich werden die rennenden Tiere nun durch weiße Elektrobänder auf der Bahn gehalten. Doch dass diese dünnen Bändern, die links und rechts der Strecke im Wind flattern, tatsächlich einen durchgedrehten Dreitonner aufhalten könnten, ist nur schwer vorstellbar. Daher sollen einige der Pfleger mit Betäubungsgewehren ausgerüstet worden sein. Doch zu sehen ist weit und breit keiner der Koma-Schützen. So ist an diesem Sonntag der Familienausflug nach Hoppegarten sogar verbunden mit ein bisschen Nervenkitzel im Safari-Stil.
Spätestens im zweiten Rennen wird jedoch klar, dass von wild gewordenen, rasenden Kolossen keine Rede sein kann. Die Elefanten sind vor allem eins: faul. Lässig joggen sie dem Ziel entgegen. Und sind dabei so langsam, dass die Pfleger, die vor und hinter ihnen laufen, um sie anzutreiben, keine Schwierigkeiten haben mitzukommen. Was die Tiere am meisten stört, sind die Jockeys, die ihnen im Nacken sitzen. Deli, die Startnummer zwei im zweiten Lauf, versucht schon vor dem Start ihren Reiter abzuwerfen, indem sie heftig den Kopf schüttelt. Kurz vor dem Ziel schafft sie es: Sie wird ihn los und macht sich über die Möhren am Ziel her.
Dass sogar aus Indien Kritik an dem Elefantenrennen kommen würde, damit hatten die Veranstalter wohl nicht gerechnet: Die indische Sozialministerin Maneka Gandhi beschwerte sich über die »Tierquälerei«. Das Argument der Veranstalter, Elefantenrennen hätte in Indien eine tausendjährige Tradition, nannte Frau Gandhi »Quatsch«. Tatsächlich sind in Indien solche Veranstaltungen seit zwei Jahren verboten. Dort wurden allerdings Metallhaken verwendet, um die Elefanten anzutreiben. Hier in Hoppegarten brüllen die Jockeys lediglich auf die Tiere ein, hin wieder gibt es einen Klaps mit der Plastikgerte. Dennoch, Frau Gandhi machte ihren Einfluss geltend: Botschafter Sen sagte ab.
Dabei ist das Rennen als »deutsch-indisches Volksfest« zum 50. Jahrestag der Gründung der Republik Indien angekündigt worden. Hinter der Rennbahn, direkt gegenüber den Tribünen, gibt es eine große Bühne, auf denen indische Musiker und Tänzerinnen auftreten: Die Zuschauer lernen, dass es in Berlin ausgezeichnete indische Tanzschulen gibt. Draußen, auf dem Platz vor der Rennbahn wird Kultur vor allem über den Magen vermittelt. Mit Erfolg: Hier tummeln sich mehr Leute als an der Rennbahn. Sowieso ist Zeit genug für das große Fressen, denn zwischen den Rennen sind jeweils 45 Minuten Pause. Eine Berlinerin ist sauer: »Und wie überbrückst du die drei Stunden? Mit Essen und Trinken. So kriegen die ihr Geld rein. Kennt man ja.«
An den Ständen werden indischer Schmuck, indische Klamotten, Henna-Tattoos und indische Bücher angeboten. Nur in dem Zelt der Buddhisten bleibt es sehr leer. Aber das gastronomische Angebot ist beeindruckend: Von Pakoras über Eintopf bis Softeis ist alles zu haben. Im Hintergrund vermischen sich Drehorgel-Klänge und indische Musik, es riecht nach Räucherstäbchen. Trotzdem, eine junge Frau, die sich zur Feier des Tages einen glitzernden Bindi zwischen die Augen geklebt hat, meint, »da fehlt das Indische in dem Fest«. Recht hat sie: Selbst auf der Bratwurst ist kein Curry. Die längsten Schlangen bilden sich zwar vor den Ständen mit indischem Essen, doch das ist erheblich entschärft.
Die Veranstalter sprechen von 40 000 Besuchern. Wenn man mit zwei Superlativen wie Elefanten und Rennen wirbt, ist für ein gemischtes Publikum gesorgt: Familien sind mit Kindern in allen Größen gekommen. Viele haben sich auf der Wiese in der Mitte der Rennbahn niedergelassen. Auf dem gepflegten Rasen herrscht Picknick-Atmosphäre. Allerdings sieht man hier gar nichts. Einen viel besseren Überblick hat man auf der Vip-Tribüne. Doch die pummeligen Kinder, die da sitzen, starren gelangweilt in ihren Eisbecher. Einige ältere Damen sehen aus wie Stammgäste auf der Galopprennbahn, die sich zur Abwechslung auch mal Elefanten anschauen. Elegant und altmodisch gekleidet, sorgen vor allem ihre Hüte für Aufmerksamkeit. Hier und da tauchen in der Menge sogar indische Besucher auf. In Saris laufen aber auch einige Berlinerinnen rum, vielleicht, um daran zu erinnern, dass dieses Kleidungsstück Europäerinnen nicht steht. Und weil Hoppegarten in Brandenburg liegt, dürfen auch ein paar grimmig guckende junge Männer mit kurzen Haaren und Springerstiefeln nicht fehlen.
Viele der Besucher sehen so aus, als wären sie noch nie auf die Idee gekommen, in ein indisches Restaurant zu gehen. So bietet das Elefantenrennen immerhin eine bemerkenswerte Bühne für die relativ kleine, ungefähr 4 000 Menschen umfassende indische community in Berlin. Eine indische Familie auf der Tribüne ist beeindruckt. Sie seien gerade aus England zu Besuch in Berlin, sagt der Vater. Dort blieben auf solchen Festen die Inder immer unter sich. »Schade nur, dass die Leute hier so wenig von Tabla-Musik verstehen: Keiner hört richtig zu«, bedauert er.
»Ein deutliches Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit« wollte Ravindra Gujjula mit dem Elefantenrennen setzen. Dabei ist er im Grunde selbst so ein Zeichen: Der Inder, der 1973 in die DDR kam, um Medizin zu studieren, hat es geschafft, in einem Brandenburger Dorf Bürgermeister zu werden - ein kleines Wunder. Seit 1993 sitzt er im Rathaus von Altlandsberg, einem 7 500 Einwohner-Ort nicht weit von Berlin. Gujjula ist ein Bürgermeister, wie es ihn nur auf dem Lande geben kann: Einer, den alle nur »den Doktor« nennen und der mit seiner Aufwandsentschädigung für das Ehrenamt das dörfliche Vereinsleben fördert. Vor einem Jahr hatte der indische Bürgermeister die Idee mit dem Elefantenrennen. Heute hat er das Rennen eröffnet: In einem Jeep führte er die Elefantenparade an und winkte zusammen mit den Ehrengästen, dem Maharadscha von Jodhpur und einer indischen Prinzessin, den Zuschauern zu. Einen kurzen Moment drängt sich die Frage auf, was der deutsche Adel wohl so im Ausland treibt.
Wie beim Pferderennen können auch heute Tippscheine abgegeben werden. Das ist mindestens genauso spannend. Denn die Elefanten sind unberechenbar. Sie werfen nicht nur den Jockey ab und bremsen vor der Ziellinie. Sie kehren auch mal auf halber Strecke um, stellen sich auf den Kopf, rempeln ihre Mitläufer an, und manchmal starten sie plötzlich durch. Der 24jährige Jockey Armando sagt nach seinem Sieg: »Man muss viel Geduld haben.« Während die Elefanten derartig entspannt bei der Sache sind, ist das Rennen für die Jockeys richtiger Sport: Manche reiten im Sitzen, die besonders Ehrgeizigen legen sich flach auf die Elefanten. Festhalten können sie sich nur an einem Gurt, der um den Hals des Elefanten geschnürt ist. Auf den Elefanten schaukelt es so heftig, dass es einige Mühe kostet, überhaupt oben zu bleiben - selbst wenn die Tiere sich nicht schütteln, um ihre Reiter abzuwerfen. Viele der Jockeys arbeiten auch im Zirkus mit den Dickhäutern, doch dort stehen sie neben ihnen.
Dann ist das Rennen vorbei. Hinter den Absperrungen entspannen sich die Tiere. Es gibt frisches Heu. Ein paar flirten und nehmen per Rüssel Kontakt miteinander auf. Morgen geht es zurück in den Zirkusalltag: tagein, tagaus in der Manege stehen - das Hundeleben eines Zirkuselefanten.