Der neue Antikommunismus
Statt dass der Zusammenbruch der UdSSR und das Ende des Kalten Krieges dazu geführt hätten, eine leidenschaftslose und »wertneutrale« Historisierung des 20. Jahrhunderts in Gang zu setzen, standen sie am Anfang einer neuen antikommunistischen Welle. Und dabei handelt es sich um einen »militanten«, kämpferischen Antikommunismus, der umso paradoxer ist, als sein Gegner nicht länger existiert. Sein Zentrum ist Paris. Er hatte seine Höhepunkte, als 1995 Fran ç ois Furets »Das Ende der Illusion« erschien, und dann, zwei Jahre später, als Stéphane Courtois das »Schwarzbuch des Kommunismus« herausbrachte. Das Echo dieser Werke ist noch lange nicht verklungen. In diesem Zusammenhang muss die Wiederentdeckung eines Historikers wie Ernst Nolte gesehen werden, der lange Zeit an den Rand gedrängt war und als nicht gesellschaftsfähig galt. Dessen umstrittenste Arbeit, »Der europäische Bürgerkrieg«, ist nun, 13 Jahre nach der deutschen Originalausgabe, in französischer Übersetzung erschienen.
Es ist nichtsdestotrotz erklärungsbedürftig, warum diese Historiker in einen direkten Zusammenhang gebracht werden. Sie befinden sich weder im selben nationalen und kulturellen Zusammenhang, noch gehören sie zur selben Intellektuellengeneration; und auch die Qualität ihrer Werke ist nicht vergleichbar. Doch durch den Briefwechsel zwischen Nolte und Furet und durch Courtois' Vorwort zur französischen Ausgabe von »Der europäische Bürgerkrieg« wird ein Netz von Bezügen aufgespannt, sodass eine gemeinsame Front in der aktuellen historisch-politischen Auseinandersetzung entsteht. Es ist in der Tat so, dass ihr Kampf als »engagierte« Historiker trotz aller methodischen Differenzen in einem wesentlichen Punkt konvergiert: Der Antikommunismus wird zum historischen Paradigma erhoben, zum Schlüssel für die Interpretation des 20. Jahrhunderts. Auf der Anklagebank sitzt die Russische Revolution, die als erste Etappe der modernen Totalitarismen denunziert wird.
Nolte übernimmt seit dem Historikerstreit Mitte der achtziger Jahre die Rolle des Vorreiters dieser antikommunistischen Bewegung. Als alter Schüler Martin Heideggers kommt er aus einer Tradition des intellektuellen Konservativismus, die zumindest in Deutschland einiges Ansehen besaß. Aber er ist einer ihrer letzten Nachkömmlinge in einer Zeit, in der sie längst nicht mehr ihre dämonische Größe besitzt und ihr apokalyptischer Ton wie das ferne Echo einer Umbruchszeit nachhallt. Heutzutage hat diese Strömung ihren Hang zum Radikalismus aufgegeben und sich mit dem Neoliberalismus gut arrangiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist von der »konservativen Revolution« nicht mehr übrig als ein verletzter Nationalstolz, gelegentliche nationalistische Ressentiments oder auch schlicht ein apologetischer Blick auf die deutsche Vergangenheit. Diese Züge sind, wie wir sehen werden, für das Gesamtwerk von Ernst Nolte charakteristisch. Doch versuchen wir zunächst, seine Thesen zusammenzufassen.
1986 versucht er in seinem Buch »Der europäische Bürgerkrieg«, seine These zu untermauern, Auschwitz sei eine »Kopie«, die, auch wenn sie radikal und maßlos, ja »singulär« war, als »asiatische« Barbarei angesehen werden muss, die ursprünglich durch den Bolschewismus in den Westen eingeführt wurde. Um seiner These Gewicht zu geben, erinnert Nolte an die massive Präsenz von Juden in der russischen und internationalen kommunistischen Bewegung: Da man ja die Juden für die bolschewischtischen Massaker (die Vernichtung der Bourgeoisie) verantwortlich machte, ergab sich »das Postulat einer Vernichtung der Juden als Strafe und Präventivmaßnahme«. Und so behauptet er, Auschwitz erkläre sich durch den Gulag, den »logischen und faktischen Prius« der Naziverbrechen.
Die These vom Nazismus als Präventiv-Vernichtung bildet den umstrittensten Aspekt von Noltes Buch. Zum einen verzerrt sie völlig den historischen Blickwinkel. Im Gegensatz zur Französischen Revolution, die von den napoleonischen Armeen verbreitet wurde und damit tatsächlich den Ursprung eines europäischen Bürgerkriegs markiert, durchlief die Russische Revolution einen Prozess der »Verinnerlichung«, nachdem die Aufstände in Europa gescheitert waren. Sie entsprang einem Weltkrieg, mündete in einen inneren Bürgerkrieg und führte, noch später, in den Stalinismus, eine Form politischer Herrschaft, die den weltweiten Kapitalismus nicht bedrängte (vielmehr bemühte er sich mit diesem um einen modus vivendi), sondern einen inneren sozialen Krieg entfesselte, der sich gegen die Bauern und die traditionelle russische Welt richtete.
Zum anderen darf man nicht vergessen, dass Hitler, selbst wenn er die UdSSR als eine Klassendiktatur ansah, sein Bild des Gegners durch eine Weltsicht filterte, die auf eugenischen und rassebiologischen Kategorien fußte. Wenn die UdSSR die Drohung einer zerstörerischen Revolution verkörperte, dann nicht, weil sie die Avantgarde des Weltproletariats war, sondern weil sie eine unselige Allianz von jüdischer Intelligenz und »slawischem Untermenschentum« herstellte. Der Nazismus betrachtete den Kommunismus als seinen Todfeind, weil er eine antinationale Kraft war, deren soziale Basis das Proletariat darstellte.
Der Völkermord an den Juden wurde nicht als Antwort auf eine angebliche Auslöschung der Klasse gesehen, sondern vielmehr, in sozialdarwinistischen Termini, als notwendige Etappe der natürlichen Auslese, als Kampf um das Überleben und die Eroberung eines deutschen Lebensraums. Dass der Nationalsozialismus drei Kämpfe (gegen die slawische Welt, gegen den Kommunismus und gegen die Juden) synkretistisch zu einem einzigen Eroberungs- und Vernichtungskrieg zusammenführte, scheint eher darauf hinzudeuten, dass ihm keineswegs der Bolschewismus, sondern vielmehr die Kolonialkriege des 19. Jahrhunderts als »Modell« dienten. Diese wurden von den europäischen Imperialismen zumeist als eine Eroberung von »Lebensraum« begriffen, sie zielten darauf ab, die Reichtümer besetzter Gebiete zu plündern, die autochthonen Bevölkerungen einem Sklavenstatus zu unterwerfen und »minderwertige Rassen« auszurotten.
Diese Kriege waren oft Vernichtungsfeldzüge und sie wurden mit dem Fanatismus, der Kreuzzugsmentalität und der Überzeugung, eine »zivilisatorische Mission« zu erfüllen, geführt, die für Besatzungsarmeen typisch ist. »Rottet sie wie wilde Tiere aus!« war die Parole, mit der die Europäer in Afrika im Lauf des 19. Jahrhunderts Erfahrungen sammelten, bevor sie von den Nazis während des Zweiten Weltkriegs in Polen, der Ukraine und in Weißrussland übernommen wurde.
Nolte selbst hebt, im Widerspruch zu seiner eigenen These, diesen wesentlichen Aspekt des deutschen Krieges an der Ostfront hervor, wenn er daran erinnert, dass Hitler plante, die slawische Welt in eine Art »deutsches Indien« zu verwandeln; und er zitiert das Zeugnis des Reichskommissars Erich Koch, der bestätigte, in der Ukraine einen Kolonialkrieg »wie bei den Negern« geführt zu haben. Domenico Losurdo hat verschiedene Reden Hitlers aus dem Jahr 1942 analysiert und die Hypothese aufgestellt, dass Deutschland in der geopolitischen Vision des Nazismus meinte, aus dem Osten sein Afrika oder seinen Wilden Westen machen zu müssen.
Auch wenn die Russische Revolution dazu beigetragen hat, die Reaktion in Europa zu radikalisieren, und wenn sie eines der Elemente an den Ursprüngen des Faschismus war, muss man jedoch das Laboratorium der Naziverbrechen nicht im bolschewistischen Russland, sondern im liberalen Westen suchen. Es ist überflüssig hinzuzufügen, dass das neue antikommunistische Paradigma diese historische Genealogie vollständig ignoriert (die man, in der Sprache Noltes, sehr wohl als »kausalen Nexus« und als »logisches und faktisches Prius« bezeichnen kann).
Diese Vorläufer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges erlauben es, bestimmte Unterschiede, die ihn von den Gewalttaten des Stalinismus trennen, zu erhellen. Noltes Bemerkung, das nazistische Deutschland müsse im Vergleich zu Stalins UdSSR fast als ein Rechtsstaat angesehen werden, ist zumindest teilweise wahr. Wohlgemerkt, damit ist gemeint, dass man das Deutsche Reich als einen Staat definiert, der auf einer Rechtsordnung gründet, aber keineswegs als einen »Rechtsstaat« im liberalen Sinne des Wortes. Das Hobbessche Bild des Behemoth, des biblischen Untiers, das von Franz Neumann wieder ausgegraben wurde, um das nazistische Deutschland zu beschreiben, »einen Unstaat, ein Chaos, einen Zustand der Gesetzlosigkeit, des Aufruhrs und der Anarchie«, lässt sich ohne Zweifel eher auf die stalinistische UdSSR anwenden als auf das Naziregime.
Im Unterschied zu Deutschland, wo die ökonomischen, sozialen, bürokratischen und militärischen Eliten nicht angetastet wurden, hat diese Revolution die Bevölkerung gegenüber der Macht »egalisiert«. In dem Maß, in dem sich die politische Herrschaft auf eine neue Sozialstruktur stützte, in der der Rang und die traditionellen Privilegien abgeschafft worden waren, war niemand vor Repression und Deportation geschützt. In der Zeit des Großen Terrors konnte jeder Kulak ein Feind des Sozialismus werden, hinter jedem Parteimitglied verbarg sich womöglich ein Spion, jeder Techniker war ein potenzieller Saboteur, jeder ehemalige Menschewik war möglicherweise ein Konterrevolutionär geworden, jedes alte Parteimitglied konnte des Trotzkismus verdächtigt und so als Verräter verurteilt werden, usw.
Anders in Deutschland, wo die Gewalt des Regimes strikt kodifiziert war und sich, von politischen Gegnern abgesehen, nur gegen Bevölkerungsteile richtete, die als dem deutschen Volk (im Original deutsch, d. Red.) fremd und als Feinde der »arischen Rasse« abgestempelt waren (Juden, Zigeuner, Behinderte, Homosexuelle usw.). Im Gegensatz zu den Antifaschisten, die wegen ihrer Taten verfolgt wurden, war der »Fehler« dieser Gruppen direkt an ihr bloßes Dasein geknüpft.
Die politische Ordnung, die einer solchen biologisch-rassistischen Hierarchisierung der Gesellschaft entsprach, war sicherlich inhuman, aber nicht sonderlich irrational oder chaotisch. Anders ausgedrückt: Der Terror bedrohte nicht die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Die nazistischen Genozide setzten keineswegs ein totalitäres System voraus, das vollendeter oder funktionsfähiger gewesen wäre als das stalinistische (die funktionalistischen Historiker haben im Übrigen sehr gut die Widersprüche in der nazistischen »Polykratie« aufgezeigt), sie beruhen vielmehr auf einer Logik, deren Rassismus und Biologismus keinerlei Entsprechung in derjenigen des Stalinismus hat. Auf der einen Seite haben wir einen Polizeistaat, blinde Repression, totale Einbeziehung der Gesellschaft, eine »militärisch-feudale« Ausbeutung der Bauernschaft, die Deportation von Menschen, die als »unzuverlässig« angesehen oder völlig paranoid der Kollaboration mit dem Feind angeklagt werden. Auf der anderen Seite finden wir eine Gesellschaft, die entlang von ethnisch-rassistischen Linien geformt und gleichgeschaltet wird, sowie einen Kolonialkrieg um die Eroberung des deutschen »Lebensraums« in der slawischen Welt und einen rassistischer Vernichtungskrieg gegen die europäischen Juden, wobei diese beiden in der Vernichtung des »jüdischen Bolschewismus« konvergieren.
Diese grundlegend verschiedenen Logiken des Stalinismus und des Nazismus machen die Hypothese eines »kausalen Nexus« zwischen diesen beiden politischen Systemen zunichte. Sie relativieren außerdem die Tragfähigkeit des Totalitarismusbegriffs, der auf formelle Analogien zwischen ihnen gegründet ist. Sowohl die liberale (Furet) wie auch die »genetische« (Nolte) Interpretation des Totalitarismus verschleiern eine der wesentlichen Quellen des Nationalsozialismus, die Eugenik mit ihren Projekten der Rassenreinheit, ja der Euthanasie, deren Experimentierfeld das liberale Europa seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewesen ist.
Innerhalb einer derartigen Argumentationsstrategie riecht jeglicher Vergleich sofort nach Apologetik. Nolte benutzt in seinem Buch einen Begriff des Genozids, der sehr weit und sehr wenig streng gefasst ist. Er anerkennt sehr wohl den besonderen Status von »Hitlers Genoziden«, was ihn aber nicht daran hindert, diese Kategorie für die Gesamtheit der Gewalttaten während des Zweiten Weltkriegs zu verwenden. So schreibt er Churchill eine »unverhüllt genozidale« Absicht zu, wenn er bestimmte Passagen eines Briefs an Lord Beaverbrook aus dem Juli 1940 zitiert, wo es um die Frage geht, welche Mittel im Krieg gegen das nazistische Deutschland einzusetzen sind; in den Deportationen der »bestraften Völker«, die die UdSSR während des Krieges praktizierte, sieht er »Völkermorde als Präventivmaßnahmen und Strafaktionen»; und schließlich verwendet er den Ausdruck »Vernichtungskrieg« für den Krieg der anglo-amerikanischen Alliierten gegen Deutschland und charakterisiert die »Austreibung der deutschen Bevölkerung« östlich der Oder-Neiße-Linie als »Völkermord«.
Das Problem, das sich durch diese Vergleiche stellt, liegt nicht allein darin, dass sie dazu neigen, alle Unterschiede zwischen einem Genozid - der planmäßigen Auslöschung einer menschlichen Gruppe - von der erzwungenen Umsiedlung einer Bevölkerungsgruppe zu verwischen, sei diese noch so autoritär, totalitär, inhuman und verdammenswert, oder auch den zwischen Genozid und Kriegsverbrechen (eine Kategorie, der die Bombardierungen der deutschen Zivilbevölkerung zwischen 1942 und 1945 zugerechnet werden können); das Problem besteht faktisch darin, dass im Rahmen von Noltes Argumentationsstrategie diese Vergleiche darauf zielen, sowohl den Krieg der Nazis als auch Auschwitz so zu erklären, dass hier ein Regime einen Krieg und einen präventiven Genozid in Gang setzte, weil es sich von der Vernichtung bedroht sah.
Diese Vergleiche haben somit eine offensichtlich apologetische Dimension. Man erinnere sich an Habermas' Kritik, der Noltes These als »eine Art Schadensabwicklung« dargestellt hat, dank derer der konservative Historiker alles, was Auschwitz für die deutsche Geschichte bedeutet, aus dieser herausnimmt, um es, wenn auch indirekt, den Verbrechen des Kommunismus anzuhängen. Saul Friedländer sieht in Noltes These den Versuch, die historische Perspektive radikal zu verändern, um das nazistische Deutschland komplett auf die Seite der Opfer zu schieben.
Deutschland ist so nicht mehr eine Gesellschaft, die in einen Kern von Schlächtern, eine mehr oder weniger große Schicht von Komplizen und, trotz einer Minderheit von Oppositionellen, eine Mehrheit passiver Zuschauer gespalten ist, sondern ein einziger Block von Opfern, der mit einem Regime identisch ist, das sich bei dem Versuch, diesen Zustand zu verändern, verrannt hat. Mit der von ihm vorgeschlagenen Interpretation des »europäischen Bürgerkriegs« stellt Nolte Deutschland insgesamt auf die Seite der Opfer, zunächst bedroht von einer von Moskau ausgehenden bolschewistischen Erhebung und dann Zielscheibe eines Vernichtungskrieges.
Noltes Revisionismus muss genau in dieser Umkehrung der historischen Perspektive des in ein Opfer verwandelten Täters gesehen werden. Und dieser Revisionismus bezieht sich nicht auf einen historiographischen Kanon, der schwierig zu definieren wäre, als vielmehr auf ein gemeinsames historisches Gewissen.
Die auffällige Banalisierung der Auschwitz-Leugnung, die Noltes Buch zu Grunde liegt und die den Repräsentanten dieser Strömung »oft ehrenhafte« Motivationen unterstellt, muss ebenfalls in diesem Kontext gesehen werden. In seinem Briefwechsel mit Furet schreibt er unbefangen, dass der Negationismus »als ein der wissenschaftlichen Entwicklung immanentes Phänomen akzeptiert werden muss«.
Furet kann offensichtlich eine solche Würdigung nicht teilen, er scheint doch nicht ganz so verblendet zu sein. Doch jenseits ihrer Interpretationsdifferenzen, die beträchtlich bleiben, legt er darauf Wert, dem deutschen Kollegen seine Wertschätzung und Bewunderung auszudrücken. Trotz der kulturellen, politischen und historiographischen Brüche, die sie voneinander trennen, haben sie ein gemeinsames Gebiet gefunden, auf dem sie sich treffen können, ja man ist geneigt, von einer gemeinsamen »Leidenschaft« zu reden: Es ist der Antikommunismus, den sie durch den Anti-Antifaschismus ergänzen und sich darin gemütlich einrichten. Das reicht weitgehend aus, um alle Divergenzen in einen normalen »Ideenaustausch« zu verwandeln.
Für Nolte ist der Antifaschismus nur die Maske eines totalitären Regimes. Von einigen kleineren Abweichungen abgesehen, teilt Furet diese Analyse. In »Das Ende der Illusion« ist der Antifaschismus auf eine Facette der stalinistischen Ideologie reduziert, eine demokratische Schminke, eine List, mittels derer es »dem Bolschewismus (gelingt), sich dank einer Negation erneut als Hort der Freiheit darzustellen«. Wenn man Furet liest, hat man den Eindruck, dass es niemals einen demokratischen Antifaschismus oder einen antistalinistischen Kommunismus gegeben habe.
Im Vorwort zur französischen Ausgabe von »Der europäische Bürgerkrieg« definiert Nolte den Marxismus als eine »Vernichtungsideologie« und den Bolschewismus als »seine praktische Anwendung«, als »die Wirklichkeit gewordene Vernichtung«. Man findet bei Furet keine derart radikalen Formulierungen, weil er, in der Nachfolge von Raymond Aron, noch zwischen Konzentrationslagern, deren Zweck die Zwangsarbeit war und in denen der Tod aus den Lebensbedingungen für die Verschleppten resultierte, und Vernichtungslagern, die als Zentren der bürokratischen und industriellen Tötung entworfen wurden, unterscheiden kann. Diese Trennung löscht Stéphane Courtois' Einleitung zum »Schwarzbuch des Kommunismus« implizit aus, wenn er eine strukturelle Homologie zwischen einem kommunistischen »Klassen»-Genozid und einem nazistischen »Rassen»-Genozid feststellt.
In einem neueren Aufsatz, in dem er die Bilanz der Debatte über das Schwarzbuch zieht, geht Courtois noch weiter. Er stellt die Lubianka, den Sitz der GPU im Herzen Moskaus, als eine »Tötungsfabrik« dar, die sich vollkommen mit Auschwitz vergleichen lasse und die sich in seinen Augen nur durch die eingesetzten Mittel unterscheide (»traditionelle« Exekutionen im einen, Gaskammern im anderen Fall).
Es ist dieselbe Sicht des Kommunismus als »Ideokratie«, als ein Regime, dessen historische Entwicklung sich aus einem ideologischen Wesen heraus entwickelt, die unsere drei Historiker, von einigen Nuancen abgesehen, vereint. Als historischer Verläufer wird unvermeidlich der jakobinische Terreur angenommen. »Ebenso wie 1793«, schreibt Furet in »Das Ende der Illusion«, »begründet sich die Revolution gänzlich aus der revolutionären Idee«. Für Nolte »machte die französische Revolution das Konzept der Klassen- und Gruppenvernichtung erstmals in der neueren europäischen Geschichte zu einer Wirklichkeit«. Die Bolschewisten seien von der »Vernichtungstherapie« inspiriert worden, die zuvor von den französischen Revolutionären ausgearbeitet worden sei. Courtois sieht in der »Volksvernichtung«, die die Jakobiner 1793 in der Vendée praktiziert haben, das Vorbild für die bolschewistischen Massaker während des russischen Bürgerkrieges.
Der Begriff der »Ideokratie«, der erstmals Ende der dreißiger Jahre von einem der frühesten konservativen Theoretiker des Totalitarismus, dem deutschen Exilanten Waldemar Gurian (einem Schüler von Carl Schmitt), formuliert wurde, hat seinen Weg in das Innere der liberal-konservativen Geschichtsschreibung gefunden. Daran knüpft Furet an, wenn er die Revolution als Triumph der »politischen Illusion« beschreibt. Unter diesen Prämissen hat er die Bahn des Kom-munismus als eigenständige Entwicklung einer Vorstellung beschrieben, bei der die Sozialgeschichte ausgelöscht wird, um dem Aufstieg und Niedergang einer »Illusion« Platz zu machen.
Wenn es um den Kommunismus geht, stellt sich Furet die Frage nicht mehr, wie man zwischen der Revolution und ihrer »Entgleisung« unterscheidet, wie er es in seinem ersten Buch über die Französische Revolution getan hat. Von nun an wird die Revolution selbst als »Entgleisung« interpretiert. Furet findet den eigentlichen Wesenszug des Kommunismus in seiner politisch-messianischen Natur, in seinem Charakter als »säkulare Religion«, die von ihren Anhängern wie ein Glaube und eine Leidenschaft erlebt wird.
Nolte sieht den roten Faden, der die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts durchzieht, im Kampf auf Leben und Tod, in dem sich Bolschewismus und Nationalsozialismus gegenüberstehen. Dabei macht er den ersten für die Spirale der Gewalt und die Dynamik der zunehmenden Radikalisierung verantwortlich, die schließlich in einen Vernichtungskrieg münden.
Was Courtois betrifft, so beschränkt sich dieser darauf, den Kommunismus einfach auf ein kriminelles Phänomen zu reduzieren. Er praktiziert so eine Interpretation der Vergangenheit, die die Brüche in der Geschichte zukleistert, ihre gesellschaftlichen und politischen Zuspitzungen, die Dilemmata und die oft tragischen Entscheidungssituationen der handelnden Personen, um sie in eine lineare Kontinuität zu pressen, nämlich die des totalitären Kommunismus. Der russische Bürgerkrieg, die Hungersnöte, die Kollektivierung der Landwirtschaft, die Vertreibungen und der Gulag haben auf einmal nicht mehr vielfältige Gründe, und für ihre Erklärung kann man weitgehend auf den historischen Kontext verzichten; sie werden zu äußeren Erscheinungsformen der nämlichen Ideologie, deren innere Natur kriminell ist: des Kommunismus.
Der Akt seiner Entstehung geht auf den »Staatsstreich« vom Oktober 1917 zurück. Bei Courtois bedarf der ideologische Determinismus der Terror-Revolution noch nicht einmal ansatzweise einer Erklärung, er wird einfach a priori postuliert. Stalin wird zum ausführenden Organ für die Projekte von Lenin und Trotzki; seine Verbrechen verlieren ihren »unberechenbaren« und »improvisierten« Charakter, den ihnen Historiker wie Nicolas Werth oder Arch Getty zuschreiben, und werden zu sorgfältig geplanten Massakern. Eine kriminelle Ideologie, der Kommunismus, stand am Ursprung vieler Millionen Toter: Lenin war dabei der Architekt, Stalin der Ausführende. So erhalten diese Gestalten die Größe wahrhafter Weltenschöpfer, und man fühlt sich durchaus, in der Umkehrung, an die Mythen vom »unfehlbaren Führer« und dem »großen Steuermann« erinnert, die das stalinistische Glaubensbekenntnis predigte.
Courtois, der unerbittliche Verfolger der kommunistischen Verbrechen, ist bei seinem Kreuzzug gegen das Übel des Jahrhunderts derart ungestüm, dass er auf seinem Weg einige elementare Regeln der historischen Vergleichbarkeit vergisst, zum Beispiel die Kontextualisierung eines Faktums, dass die Dauer eines Regierungssystems oder die nationalen oder internatonalen Besonderheiten der Phänomene, mit denen man sich beschäftigt, in Betracht gezogen werden müssen, usw.
Warum daran erinnern, dass die Bahn des Nationalsozialismus in zwölf Jahren abgeschlossen war, während die UdSSR 74 Jahre lang existierte? Warum sich auf den Kommunismus als ein vielfältiges und widersprüchliches Phänomen stürzen, wozu noch vorgeben wollen, dass Trotzki und Stalin, Bela Kun und Enrico Berlinguer, Robert Hue und Pol Pot nicht unbedingt genau dasselbe sind? Wozu noch zwischen dem Stalinismus und seinen kommunistischen Opfern unterscheiden? Wozu noch zwischen einer kommunistischen Bewegung und einem kommunistischen Regierungssystem, zwischen einen utopischen und einem bürokratischen Kommunismus, zwischen einem befreienden und einem unterdrückenden Kommunismus, zwischen einem antifaschistischen Widerstandskämpfer und einem Agenten der GPU unterscheiden? Courtois' Methode vermeidet sorgfältig, diese »Schwierigkeiten« in Betracht zu ziehen. In seinen Augen ist der Kommunismus eine verbrecherische Ideologie und eine kriminelle Praxis, die sich überall und zu allen Zeiten gleich bleibt.
Courtois' methodische Vereinfachungen haben verschiedene Historiker, die ihm, wie Marc Lazar, sehr nahe standen, dazu bewogen, auf Distanz zu gehen. Lazar sieht den »fundamentalen Irrtum« von Courtois darin, dass dieser dazu neigt, »Homologien, die in der Wirklichkeit sehr rar sind, zu bevorzugen, statt Analogien herauszuarbeiten«, das heißt, gemeinsame Elemente zu erkennen, die in zwei allgemein unterschiedlichen Phänomenen wie etwa dem Kommunismus und dem Nazismus vorkommen könne. Genau darin besteht die Differenz zwischen einer kritischen Theorie des Totalitarismus und seinen völlig ideologischen Spielarten.
Eric Hobsbawm hat anlässlich des letzten Buchs von Furet geschrieben, dass es sich nicht um die erste Arbeit der post-kommunistischen Ära handle, sondern vielmehr um ein verzögertes Produkt des Kalten Krieges. Dieses Urteil trifft noch mehr auf Courtois zu, bei dem von Furet nur der Antikommunismus übrigbleibt, während die Nüchternheit, der Sinn für Maß und Detail, die Gelehrsamkeit und die Neigung zur geschichtlichen Narration wegfallen, die die Arbeiten des Historikers der Französischen Revolution auszeichnen.
Auch wenn sich Courtois damit zufrieden gibt, alte Klischees des Antikommunismus auszugraben, das Problem eines Vergleichs zwischen Nazismus und Stalinismus bleibt offen. Dies hat Auswirkungen auf die Interpretation der Russischen Revolution, die Analyse der Gewalt im Bürgerkrieg, der das alte zaristische Reich zwischen 1918 und 1922 verwüstete, und den Zusammenhang zwischen Revolution und Stalinismus. An diesen Fragen scheiden sich die Forscher, und es wäre nicht akzeptabel, würde man der ideologischen Lesart der antikommunistischen Geschichtsschreibung einen ebenso apologetischen marxistischen Historizismus entgegensetzen.
Einige kommunistische Historiker und Politologen erliegen der Versuchung, das Noltesche Schema umzudrehen. Sie erklären den Stalinismus als ein exzessives und bedauerliches, in seinen extremsten Auswirkungen sogar kriminelles Ergebnis der schweren faschistischen Bedrohung, die das Überleben der UdSSR belastete und deren offensichtlichster Beweis der Blitzkrieg (im Original deutsch, d. Red.) von 1941 war. Die Isolation der Russischen Revolution in der Zwischenkriegszeit, ihre Einkreisung durch eine feindliche kapitalistische Welt ist ein reales Faktum; doch wenn man diese Tatsache anführt, um die polizeiliche Repression, die Moskauer Prozesse, die große Hungersnot in der Ukraine und den Gulag zu rechtfertigen, dann ist das schlicht ein Zeichen dafür, dass geschichtliche Interpretation durch Ideologie ersetzt wird.
Wenn die Tatsache des europäischen Bürgerkriegs es nicht gestattet, den Nationalsozialismus monokausal zu erklären, dann ist das für den Stalinismus noch viel weniger erlaubt. Und wenn man zwischen zwei Arten des Terrors unterscheiden muss, dem revolutionären, der dem Bürgerkrieg entsprang und der durch die Gewalttaten der Konterrevolution gespeist wurde, und dem stalinistischen, der als eine »Revolution von oben« ausgelöst wurde, und zwar in einem befriedeten Land, das nicht von einer äußeren militärischen Aggression bedroht war, dann schafft das keineswegs das zentrale Problem der bolschewistischen Politik während der ersten Phase des revolutionären Prozesses aus der Welt.
Der Marxismus bildete vor dem Ersten Weltkrieg den gemeinsamen kulturellen Hintergrund sowohl des russischen Bolschewismus wie der deutschen Sozialdemokratie, sowohl Lenins und Trotzkis wie auch Karl Kautskys und Julius Martows, oder anders ausgedrückt: sowohl der zukünftigen Revolutionäre wie der zukünftigen sozialistischen Kritiker der Russischen Revolution. Es ist nicht unnütz, wenn man sich in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass sich Lenin bis 1914 als ein Schüler Kautskys sah, dessen Theorien er für die Analyse der russischen Wirklichkeit benutzen wollte. Dieser Sachverhalt reicht aus, um Noltes und Courtois' Interpretation zurückzuweisen, die einen ideologischen Ursprung des Bürgerkriegs in Russland unterstellen. Die erzwungene Auflösung der verfassungsgebenden Versammlung, die Zensur, die Unterdrückung der Opposition, die von den Revolutionstribunalen angeordneten Exekutionen, der Aufbau erster Arbeitslager seit 1919 und die Niederschlagung des Kronstädter Aufstands zwei Jahre später entwickeln sich keineswegs natürlich aus dem Marxismus, wie sich die Nürnberger Gesetze und am Ende Auschwitz stimmig aus der rassistischen und biologistischen Weltanschauung (im Original deutsch, d. Red.) des Nationalsozialismus entwickeln.
Doch auch wenn man dies in Betracht zieht, stellt sich weiterhin das Problem des Terrors. In Russland hatte sich schnell eine politisch-militärische Diktatur herausgebildet, ein Ein-Parteien-System, das Gewalt theoretisch und praktisch als ein Mittel ansah, um eine neue Gesellschaft aufzubauen. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses und der hohe Grad an Repression, mit der jegliche Kritik - einschließlich der Kritik, die aus dem Inneren des revolutionären Lagers selbst kam (Martow) - zum Schweigen gebracht wurde, lässt sich nur zum Teil mit Hilfe des historischen Kontextes erklären, also durch die Gewalttaten der Konterrevolution und die Drohung, die das antisowjetische Militärbündnis darstellte; deshalb muss man zwangsläufig nach der Rolle der Ideologie bei der Herausbildung des sowjetischen Totalitarismus fragen. Die Gewalttaten des russischen Bürgerkrieges sind in erster Linie darauf zurückzuführen, dass der Erste Weltkrieg das politische Leben in einem rückständigen Land ohne geringste demokratische Tradition brutalisierte; und außerdem auf die blutige Auseinandersetzung zwischen antagonistischen gesellschaftlichen und politischen Kräften, die jegliche revolutionäre historische Erfahrung charakterisiert: Es gibt keine Revolution ohne Gewalt und Terror. Revolutionen sind »Furien«, deren Verständnis nicht auf die abstrakten Normen des Liberalismus und des juristischen Positivismus beschränkt werden kann.
Genau wie der »Aufstand der Massen« und der Krieg in der Vendée waren die Tscheka und der Kriegskommunismus das Resultat einer tragischen Verkettung, wie Arno J. Mayer schreibt, in der »Panik, Furcht und Pragmatismus mit Hybris, Ideologie und einem stählernen Willen verschmolzen«. Der rote Terror war eine Antwort auf den weißen Terror, und zwar in einem durch und durch gewalttätigen sozialen Klima, das in eine Spirale der Radikalisierung, der Überreaktionen und Exzesse mündete. In diesem Klima des Bürgerkrieges haben die Ideologie und der Radikalismus der revolutionären Kräfte ihren Beitrag zur Errichtung eines autoritären und antidemokratischen Regimes geleistet, das im Grunde mit den emanzipatorischen Zielvorstellungen des ursprünglichen Aufstands von 1917 nicht zur Deckung zu bringen ist.
Der Kult der Gewalt als »Geburtshelferin« der Geschichte, die grundlegende Unterschätzung der Rolle, die das Recht in einem neuen revolutionären Staat spielt, die normative Vision der Diktatur als Instrument der gesellschaftlichen Transformation und die voluntaristische Flucht nach vorn, die dem gesellschaftlichen Ganzen zeitweilig schwere Verletzungen zufügte: Dies sind die Elemente, die keineswegs dem materiellen Kontext entsprangen, sondern oft die Antwort der Bolschewiki die sie in diesen Kontext einbrachten. Die Ideologie und der Fanatismus hatten ihren Anteil am roten Terror - ein Werk wie Trotzkis »Terrorismus und Kommunismus« (1920) ist dessen zusammenhängendste Systematisierung - so wie sie für den jakobinischen Terreur ihre Rolle spielten, was Marx als einer der ersten kritisiert hat. Sobald Lenin die Aufhebung des Rechts als Überwindung der »bourgeoisen Demokratie« darstellte und Trotzki die Zwangsarbeit mit der Diktatur des Proletariats identifizierte, hatte die Gewalt ihren spontanen und emanzipatorischen Charakter verloren, um sich in ein Regierungssystem zu verwandeln, das sich durch die Staatsraison legitimierte.
Der kalte Terror Stalins, der in der »Entkulakisierung« und der »großen Säuberung« der dreißiger Jahre Gestalt annahm, kann die Tatsache nicht verschleiern, dass die Grundlagen des sowjetischen Totalitarismus von Lenins und Trotzkis Diktatur während des Bürgerkriegs und des Kriegskommunismus gelegt wurden. Die Tatsache, dass das Resultat ihren Zielen widersprach, ändert nichts an der objektiven Tragweite ihres Handelns. Es würde jede Kritik am neuen antikommunistischen Paradigma, wie es von Nolte, Furet und Courtois vertreten wird, schwächen, wenn nicht gar diskreditieren, wenn man diese Evidenz leugnen würde.
Das antikommunistische Paradigma tritt in verschiedenen Formen auf. Nolte interpretiert es völlig im Zeichen des Bürgerkriegs (zunächst des europäischen, dann des Weltbürgerkrieges) und macht daraus einen Schlüssel für das Verständnis des Jahrhunderts. Sein Blickwinkel ist sicherlich der auf politischer Ebene am wenigsten akzeptable; doch auf historiographischer Ebene ist er der zweifellos interessanteste, und zwar in dem Maße, in dem er die Geschichte des 20. Jahrhunderts um den Konflikt zwischen Faschismus und Kommunismus zentriert. Der liberale Antikommunismus von Furet ist im Gegensatz dazu der dem herrschenden Zeitgeist (im Original deutsch, d. Red.) am ehesten adäquate.
Nachdem er in einer bezweifelbaren philosophischen und historischen Gleichsetzung die Identität von Kapitalismus und Demokratie behauptet hat, reduziert er tendenziell den Faschismus und den Kommunismus zu Einschüben im unausweichlichen Gang der liberalen Demokratie. »Das stärkste geheime Bindeglied zwischen Bolschewismus und Faschismus«, schreibt er, »bleibt jedoch die Existenz jenes gemeinsamen Gegners, der beiden verfeindeten Doktrinen nach zu überwinden ist, da er ihrer Meinung nach schon im Sterben liegt. Dabei ist es dieser gemeinsame Gegner, aus dem beide gewachsen sind: die Demokratie.«
Courtois, der Flachste unter den dreien, beschränkt sich darauf, die substanzielle Identität von Kommunismus und Nationalsozialismus zu behaupten, die für ihn zwei totalitäre Regime sind, die auf dem Willen zur Auslöschung einer feindlichen Klasse oder Rasse gründen (die Bourgeoisie für die einen, die Juden für die anderen). In diesem Sinne fordert er eine liberale Demokratie, die nicht nur von einem ihrer konstituierenden Elemente, dem Antifaschismus, befreit ist, sondern die direkt auf dem Antikommunismus gründet. Das national-konservative Ressentiment (Nolte), der revanchistische Geist eines verspäteten Kreuzfahrers des Kalten Krieges (Courtois), der Abschied von der Revolution durch einen Intellektuellen, für den der liberale Kapitalismus den unüberschreitbaren Horizont unserer Epoche darstellt (Furet): Das sind die drei Varianten des neuen Paradigmas einer antikommunistischen Geschichtsschreibung.
Keine dieser drei Varianten ist in der Lage, den radikalen Unterschied zu begreifen, der trotz aller krimineller Resultate, die ihr in verschiedener Hinsicht analoges und formell verwandtes Herrschaftssystem hervorgebracht haben, den Kommunismus vom Faschismus trennt. Der Zug der Unterdrückung und des Todes, der die Bahn des Stalinismus begleitet hat, kann die Grundlagen des Kommunismus nicht zerstören, das Erbe der Aufklärung und des humanistischen Rationalismus, die der Marxismus in den zwei darauf folgenden Jahrhunderten fortsetzte. Dass der Stalinismus, ein Ableger dieser Denkströmung im 20. Jahrhundert, sich ihrer bemächtigt und sie widerlegt hat, verlangt sicherlich eine Untersuchung ihrer möglichen Varianten und enthüllt ihre Aporien. Doch dadurch wird die Rolle, die sie in der Mehrzahl der großen Befreiungsbewegungen dieses Jahrhunderts gespielt hat, genau so wenig ausgelöscht wie das Faktum, dass der Stalinismus oft genug im Namen ihrer Prinzipien und Werte in Frage gestellt und bekämpft wurde.
Der Faschismus und vor allem der Nationalsozialismus, seine radikalste Variante, stellt sich dagegen, trotz aller Wissenschaftsgläubigkeit und trotz des charakteristischen Kults der technischen und industriellen Modernität, als das extreme Resultat der Gegenaufklärung dar, eine globale Bewegung mit dem Ziel, die universelle Idee der Menschheit, die die Aufklärung entworfen hat, auszulöschen. »Damit wird das Jahr 1789 aus der Geschichte gestrichen«, erklärte Joseph Goebbels beim Regierungsantritt des Nazismus in Deutschland.
Der Kommunismus griff die kapitalistische Ausbeutung und die politische Herrschaft der Bourgeoisie an, während er die Ideen der Freiheit, der Emanzipation, der Demokratie und der Menschenrechte für sich in Anspruch nahm. Die Faschismen wollten den Kapitalismus keineswegs zerstören, sie stellten der Demokratie und der Volksherrschaft die Figur des Führers und das Autoritätsprinzip gegenüber, Hierarchie und Ordnung der Freiheit und dem Recht, die Nation und gar die Rasse dem Individuum und der Menschheit. Die instrumentelle Vernunft, die im Herzen der Gewalttaten der modernen Welt liegt - von den totalen Kriegen bis zu den Atombomben, von den Konzentrationslagern bis zur administrativen und industriellen Vernichtung - schafft diese fundamentale Differenz nicht aus der Welt. Jede Theorie des Totalitarismus, die nicht in der Lage ist, sie zu erkennen, verdammt sich dazu, das Jahrhundert, das hinter uns liegt, nicht zu verstehen.
Enzo Traverso lebt in Paris und lehrt Politische Wissenschaften an der Universität der Picardie und an der EHESS in Paris. Zuletzt von ihm auf Deutsch erschienen: »Auschwitz denken - Die Intellektuellen und die Shoah«, Hamburger Edition.
Das französische Original des hier gekürzt wiedergegebenen Textes wird demnächst in der Pariser Zeitschrift L'Homme et la socité veröffentlicht. Auf Deutsch wird der vollständige Text in dem Buch »Nach Auschwitz - Die Linke und die Aufarbeitung des NS-Völkermords« im Neuen ISP Verlag im Oktober erscheinen. Die Übersetzung für die Jungle World besorgte Michael Koltan.