26.07.2000
Frauenmorde an der mexikanisch-texanischen Grenze

Mord in Serie

In Ciudad Juarez, an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, werden mehr Frauen vergewaltigt und umgebracht als anderswo.

Die Mordrate in Ciudad Juarez liegt fünfmal so hoch wie in Mexiko-Stadt. Über tausend Menschen werden in der Grenzstadt zu den USA jährlich ermordet, bei Auseinandersetzungen rivalisierender Gangs erstochen, im Mafia-Stil erschossen, mit verbundenen Augen hingerichtet. Hintergrund ist oft der Konkurrenzkampf im Geschäft mit Heroin und Kokain an der Grenze. Aufsehen erregt in Mexiko aber eine Mordserie, bei der seit 1993 mindestens 200 Frauen umgebracht wurden, 20 bereits in diesem Jahr, allein im März fünf. Dutzende von ihnen starben wie Alma Chavira Farel, eines der ersten Opfer: Zuerst vergewaltigt por las dos vias, dann getötet. Por las dos vias, »auf beiden Wegen«, ist der mexikanische Euphemismus für anale und vaginale Vergewaltigung. Ihre Leichen wurden auf Müllplätzen in der Wüste rund um Ciudad Juarez gefunden, versteckt im Schutt oder einfach hingeworfen. Die Frauen, welche identifiziert werden konnten, wiesen Ähnlichkeiten auf: Fast alle waren zwischen 14 und 20 Jahren alt, kamen aus armen Familien und viele von ihnen arbeiteten in den Maquilas, Fabriken, die vom erbärmlich niedrigen Lohnniveau hinter der US-Grenze profitieren.

Ciudad Juarez ist eine Boomtown. Vor hundert Jahren lebten hier gerade mal 10 000 Menschen. Heute drängen sich knapp zwei Millionen durch den Staub, den kleinen kolonialen Stadtkern, die rasch anwachsenden Elendsviertel und die ausgedehnten Industriegebiete. Die meisten kommen aus Mexikos armem Süden und sind in Ciudad Juarez an der Grenze auf dem Weg ins Wohlstandsland USA hängen geblieben.

Die Erfolgsgeschichte der Stadt beginnt mit der Prohibitionszeit während der zwanziger Jahre in den USA. Damals wurde Ciudad Juarez zum Vergnügungspark für US-Touristen auf der Suche nach Alkohol und käuflichem Sex. In den vierziger Jahren setzte sich der Aufschwung fort. In El Paso, der gegenüberliegenden Grenzstadt auf der US-Seite, baute die Army eine große Militärbasis. In Ciudad Juarez boomten Prostitution und Handel. In den sechziger Jahren setzte dann das staatlich geförderte Grenzindustrialisierungs-Programm ein. Die Stadt wurde zum Zentrum der Billiglohnfabrikation ausgebaut. Zahlreiche transnationale Konzerne investierten.

230 000 Menschen, mehrheitlich junge Frauen, arbeiten heute in Ciudad Juarez in über 400 Maquilas, Weltmarktfabriken in Freihandelszonen an der Grenze. Dort setzen sie Fernsehapparate zusammen oder nähen T-Shirts. Doch auch in der traditionellen Branche des Sex- und Drogentourismus lässt sich noch immer viel Geld verdienen.

Die ersten Nachrichten von den Frauenmorden verschwanden in den Verbrechensrubriken der Zeitungen. Polizei und Politik reagierten gleichgültig auf die Forderung der Angehörigen nach Aufklärung. Erst die Kampagne einer lokalen Frauengruppe, die seit dem März 1995 gezielt auch die internationale Öffentlichkeit ansprach, sorgte für Aufmerksamkeit. Politiker beschuldigten sich jetzt gegenseitig der Untätigkeit, die Yellow Press wähnte den brutalsten Sex-Killer aller Zeiten am Werk und hatte ein auflagensteigerndes Thema entdeckt. Hysterie griff um sich.

Im Oktober 1995 nahm die Polizei dann Sharif Abdel Latif Sharif fest und präsentierte ihn der Öffentlichkeit als den verzweifelt gesuchten Serienmörder. Als US-Amerikaner ägyptischer Herkunft, der in Ciudad Juarez' Maquila-Industrie als Berater tätig war, erfüllte er alle Erwartungen, die mit einem Sex-Monster verbunden wurden: fremd, irrational, pathologisch und gewalttätig. Er war bereits wegen sexueller Übergriffe in den USA inhaftiert gewesen. Doch kaum saß Sharif hinter Gittern, tauchten zwei neue Leichen auf. Eine der toten Frauen war nach dem gleichen Muster vergewaltigt und hingerichtet worden, wie es die Gerichtspsychologen als typisch für das Vorgehen Sharifs analysiert hatten. Die These vom verrückten Einzeltäter musste fallen gelassen werden.

Wenn kein Einzelner für die Mordserie verantwortlich zu machen ist, wer dann? Vielleicht waren die jungen Frauen von Organhändlern ermordet worden oder von Snuff-Porno-Produzenten, wurde von der Presse voyeuristisch gemutmaßt. Es kam zu immer neuen Spekulationen.

Vielleicht gibt es aber auch gar keinen organisierten Hintergrund der Mordserie. Das meint die Journalistin Debbie Nathan. Sie stellt die Frage, wie ein sozialer Raum beschaffen sein muss, in dem eine solche Mordserie überhaupt möglich wird. Der alle soziale Beziehungen transzendierende Faktor in Ciudad Juarez ist die boomende Maquila-Industrie. »Es besteht eine Verbindung zwischen der Entwicklung der Maquilas und sexualisierter Gewalt gegen Frauen, die als Backlash gegen ihre sich verändernde ökonomische und soziale Rolle an Mexikos Nordgrenze erscheint«, schreibt Nathan.

Worin diese Beziehung bestehen könnte, erklärt die Soziologin Leslie Salzinger, die sich für ihre Forschungen monatelang an die Fließbänder der Maquilas gestellt hat. Salzinger beschreibt, wie viele Betriebsleitungen eine strikte Unterscheidung ihrer ArbeiterInnen, basierend auf traditionellen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit vornehmen, um eine bestimmte Arbeitsdisziplin aufrechtzuerhalten. Die Arbeit wird täglich nach detaillierten, geschlechtsspezifischen Kriterien verteilt. Bewerberinnen für bestimmte Tätigkeiten müssen nicht nur Frauen und jung sein, sondern auch schlank. Die Supervisorin einer Maquila bringt es auf den Punkt: »Hier suchen sie nicht Arbeiterinnen, sondern Models mit kurzen Röcken und hohen Absätzen - Schönheiten.«

Die Werksleitung ist - für die ArbeiterInnen unsichtbar - in Büros hoch über den Produktionsbändern versteckt und beobachtet die Arbeitenden durch verdunkelte Fensterscheiben, während unten Aufseher, ausschließlich Männer, permanent die Gänge zwischen den Fließbändern kontrollieren. Salzinger erläutert, wie die Aufseher die Arbeitskontrollen sexuell aufladen, indem sie mit einigen Arbeiterinnen flirten, anzügliche Scherze oder Komplimente machen und mit farbigen Karten die Arbeit der Frauen bewerten. Zusammen mit dem Flirten ergibt sich eine interne Rangliste, die mit einer einzigen Geste gleichzeitig »gute Arbeiterin« und »begehrenswerte Frau« meint. Die Bedeutung des Aussehens der Arbeiterinnen für die Arbeitsverhältnisse in den Maquilas wird durch die regelmäßig veranstalteten stadtweiten »Miss Maquila»-Wettbewerbe noch verstärkt.

Zunehmend sind auch junge Männer in den Maquilas beschäftigt. Sie werden meist strikt von ihren Kolleginnen getrennt: Sowohl der Ort und die Art der Arbeit sind anders als auch die Farbe der Arbeitsanzüge. Trotzdem verdienen sie das Gleiche wie die Frauen. Viele sehen das als Schande an, da auf diese Weise die traditionelle maskuline Identität untergraben werde, nach der Männer die Hauptverdiener in der Familie sein müssen.

Dieses Rollenbild, das im Norden Mexikos durch die Entwicklung der Maquilas schon seit vielen Jahren keine reale Grundlage mehr hat, wurde von Maquila-Betreibern aber lange als Begründung für die niedrigen Löhne der weiblichen Beschäftigten angeführt. Männliche Arbeiter fühlen sich also häufig in ihrer Maskulinität von den Managern abgewertet. Salzinger spricht in diesem Zusammenhang von einer ständigen Feminisierung der Beschäftigten in den Werkshallen. Männliche Beschäftigte, die nicht gut genug arbeiten oder sich auflehnen, werden zur Strafe in die Frauen-Werkhalle geschickt. Der Mann wird durch die Sanktion symbolisch und für alle KollegInnen erkennbar zur Frau abgestuft, eine öffentliche Demütigung in Mexikos vom Macho-Kult geprägter Kultur.

Doch ist die Demaskulinisierung in den Maquilas Grund genug für Männer, Frauen zu überfallen, zu vergewaltigen und zu ermorden? Oder hat der Hass, die Wut gegen Frauen eine tiefer liegende Motivation? In einer Studie über Identitätsbildungsprozesse von Menschen im mexikanischen Grenzgebiet zu den USA, befragte der Soziologe Pablo Vila Hunderte BewohnerInnen von Juarez. Viele stellten dabei eine Verbindung her zwischen den Maquilas und den Bordellen der Stadt, zwischen der Arbeit in den Weltmarktfabriken und der Arbeit als Prostituierte, die ihre Dienstleistung den nordamerikanischen Sex-Touristen anbieten. Juarez und die Frauen von Juarez werden mit dem Image der »Stadt des Lasters« assoziiert. Während es früher nur die Bars waren, die den Ruf der Stadt prägten und man mit der Errichtung der Maquilas annahm, Frauen einen Weg aus der Prostitution zu eröffnen, wird heute das gesamte Setting der Maquila-Industrie als Zentrum des Lasters identifiziert.

Der Norden des Landes gilt in der nationalen Mythologie Mexikos als stets von außen bedroht - durch den mächtigen nördlichen Nachbarn. Genährt wird dieses Bild durch den Verlust Nordmexikos an die USA im Krieg 1847, der bis heute als »nationale Schande« gilt. Andererseits gelten die Nordmexikaner selbst als nicht resistent gegen eine schleichende Amerikanisierung. Das bringt sie in den Ruf, latente »Verräter« an der beschworenen nationalen Souveränität zu sein.

Kommt nun noch Prostitution ins Spiel, so werden diese Diskursfiguren feminisiert. Sexarbeiterinnen in Städten wie Juarez bedienen mexikanische genauso wie ausländische Männer, aber es sind die Ausländer, die die imaginierte nationale Souveränität Mexikos bedrohen. Das gilt auch für die Produktion in den Maquilas. Sie wird mit Prostitution in Verbindung gebracht: Die jungen Arbeiterinnen verkaufen ihre Arbeitskraft an die potenten Investoren und Invasoren aus dem Norden.

Vila befragte auch Prostitutierte aus Ciudad Juarez über die Trennung zwischen ihrem Privatleben und der Arbeit als Prostituierte. Auch in ihren Aussagen spiegelt sich der dominante Diskurs wider. In ihrer persönlichen Moral lehnen die meisten von ihnen - in einem Anflug von Patriotismus - den Sex por las dos vias als schmutzig, fremd und somit »unmexikanisch« ab. Er wird als Neigung vergnügungssüchtiger, unvorsichtiger Ausländer betrachtet. Einige verglichen Prostituierte, die diese Sexpraktik zuließen, mit den Maquila-Arbeiterinnen, die ihre Körper und ihre Arbeitskraft den fremden, ausländischen Unternehmen verkauften und deshalb verunreinigt seien. In der Hierarchie mexikanischer Frauen stehen sie noch unter den Prostituierten. Eine von Vila interviewte Frau aus Juarez erklärte, um die Stadt zu reinigen, müssten nicht nur die ganzen Bars verschwinden, sondern auch die Frauen - und zwar alle.

Die Vorstellung vom »Eindringen des Anderen« parallelisiert die Verletzung der nationalen Grenzen symbolisch mit dem Eindringen in den Körper der mexikanischen Frau und vereint in der modernen Version Prostituierte und Maquila-Arbeiterin, wobei auch die Grenze zwischen freiwilliger Hingabe und Vergewaltigung seltsam ambivalent bleibt. Diese symbolische Konstellation knüpft an eine für die nationale Mythologie Mexikos zentrale Figur an. Demnach war die Conquista durch die Spanier nur möglich, weil Malinche, die indianische Geliebte und Dolmetscherin von Hernán Cortes, sich ihm freiwillig hingegeben hatte oder von ihm vergewaltigt wurde, was in der Geschichtsschreibung häufig in eins gesetzt wird.

Geht es um die nationale Souveränität Mexikos taucht das Motiv der Malinche in verschiedenen Formen wieder auf, als Do-a Marina, la Chingada oder eben als Prostituierte und Maquila-Arbeiterin in Ciuadad Juarez. »Und wie ein Kind, das seiner Mutter nicht verzeiht, wenn diese es verlässt, um dem Vater nachzulaufen, so verzeiht auch Mexiko Do-a Marina den Verrat nicht«, schreibt der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz in seinem »Labyrinth der Einsamkeit«, dem wohl bekanntesten Versuch, das »Wesen« des Mexikaners und eine nationale Identität Mexikos heraufzubeschwören. Wie das Trauma zu bewältigen sei, beschreibt Paz auch: Allein durch den ständigen Beweis der Männlichkeit, die darin besteht, hart und verschlossen zu sein und immer wieder das Weibliche »zu öffnen«, um sich der Macht zu vergewissern. Die Beziehung zwischen Mann und Frau in Mexiko, schreibt Paz, »ist die der Gewalt, die von der zynischen Macht des Manns und der Ohnmacht der Frau bestimmt wird. Die Idee der Vergewaltigung überlagert dunkel alle diese Bedeutungen.«

Muss es also verwundern, dass in Ciudad Juarez, einer Stadt, die permanent mit »weiblichem Verrat« und »Verunreinigung« gleichgesetzt wird, die Gewalt gegen Frauen eskaliert? Tatsächlich macht die Sexualmord-Serie an Frauen in Ciudad Juarez nur einen kleinen Teil extremer Gewalt gegen Frauen aus. Die Stadt weist auch sonst die höchste Rate so genannter häuslicher Gewalt in Mexiko auf: Schläge, Messerstiche und Vergewaltigung durch Ehemänner, Freunde oder Familienangehörige. Diese gewalttätigen Übergriffe haben ebenfalls seit Beginn der neunziger Jahre rapide zugenommen, eine Entwicklung, die in Ciudad Juarez von der Öffentlichkeit jedoch kaum registriert wird.

Nach wie vor ergänzen die Mitarbeiterinnen der lokalen Frauenorganisation Grupo Ocho de Marzo ihre interne Frauenmord-Statistik regelmäßig alle paar Wochen um einige Namen mehr. 1996 wurde die Einzeltäterthese widerrufen, als die Polizei, inzwischen unterstützt von einer Sondereinheit des FBI, eine Gang junger Männer mit dem Namen Los Rebeldes festnahm. 1998 wurde eine weitere Gang verhaftet und 1999 eine Reihe von Busfahrern vor Gericht gestellt, die für ein privates Unternehmen arbeiteten, das von einigen Werken für den Transport der Maquila-ArbeiterInnen unter Vertrag genommen worden war. Die Busfahrer gaben an, von Sharif dafür angeheuert worden zu sein, Frauen, die bis zu letzten Haltestelle fahren mussten, umzubringen. Insgesamt gibt es einige Zweifel an den Aussagen sowohl der Gang-Jugendlichen als auch der Busfahrer, da bekannt wurde, dass die Polizei Verdächtige in Untersuchungshaft gefoltert hatte, um Geständnisse zu erzwingen.

Unterdessen sind drei Bücher über die ermordeten Frauen von Ciudad Juarez erschienen. Die feministische Zeitschrift triple jornada veröffentlichte im Juni ein Sonderheft zum Thema mit Texten und Interviews der mexikanischen Intellektuellen Elena Poniatowska, in dem erstmals explizit die Maquila-Betreiber beschuldigt werden, das Verschwinden von Arbeiterinnen nicht zu melden und Informationen systematisch zurückzuhalten. Auch internationale Institutionen sind auf die Situation in Ciuadad Juarez aufmerksam geworden. Kürzlich erschien der aktuelle Bericht des US-State Department zur Menschenrechtssituation in Lateinamerika. Im Kapitel zu Mexiko wurde unter anderem auch »das Verschwinden von fast 200 Frauen in Ciudad Juarez« erwähnt - was das Problem extremer sexueller Gewalt zumindest verbal entsorgt und auf jeden Fall sauberer klingt als »vergewaltigt auf beiden Wegen«.