11.10.2000
Abgerechnet wird zum Schluss

Das Scheitern der Lämmer

Die Verräter sind immer die anderen: Politische Defizite werden gern durch die Diskussion um Abtrünnige zugedeckt

Welch ein Bild. Links, freundlich lächelnd, ein älterer Mann mit Hornbrille, dahinter das Gesicht eines studentischen Rebellen. Neben dem Wuschelkopf, im Hintergrund, steht ein weiterer jugendlich wirkender Mann, gekleidet in eine Jeansjacke. Wenn in der kommenden Woche der Prozess wegen des Opec-Überfalls beginnt, wird dieses Foto wieder Reportagen zieren: Jean-Paul Sartre, Daniel Cohn-Bendit und Hans-Joachim Klein auf dem Weg ins Stammheimer Gefängnis. Besuch bei Andreas Baader, 1974.

Die Aufnahme hat für jeden etwas. Sie liefert Gewissheiten in einem Prozess, der mit dem Amtsantritt des heutigen Außenministers ein vorläufiges Ende gefunden hat. »Verräter«, schimpfen die einen und wissen, dass niemand deutlicher für den Verlust alter Ideale steht als Klein und Cohn-Bendit. »Wer, wenn nicht wir«, antworten Joseph Fischer, Tom Koenigs, Thomas Schmid und all die anderen geläuterten Frankfurter Spontis, die es sich zwischen Bundesministerien und Welt-Redaktion gemütlich gemacht haben. Und mit ihnen antwortet ein ganzes Völkchen grün wählender Mittvierziger, die den Bruch mit den spinnerten Ideen der siebziger Jahre ebenso erfolgreich vollzogen haben wie ihre bezahlten Apologeten.

Wer, wenn nicht die, die selbst mit der Entschlossenheit zum Umsturz auf die Straße gegangen waren, hätten einen »Terroristen Klein«, und damit bildlich eine ganze Generation von Militanten erfolgreich nach Hause holen können? Und so steigt »Klein-Klein« mit Hilfe der alten Genossen und Genossinnen aus der Guerilla aus. Unterstützt von Pflasterstrand-Redakteur Cohn-Bendit setzt er ab Mai 1977 seine »Rückkehr in die Menschlichkeit« im Spiegel, in der Libération und beim Rowohlt-Verlag ordentlich in Szene. Die Politik der bewaffneten Gruppen sei, so lässt er wissen, geprägt von »Zynik und Gefühllosigkeit«.

In Zeiten, in der militante Organisation an ihre Grenzen stößt, werden solche Sätze gern gehört. Obersponti Fischer im Herbst 1976: »Weil wir uns mit ihnen so eng verbunden fühlen, fordern wir sie auf, Schluss zu machen mit diesem Todestrip, runterzukommen von ihrer ðbewaffneten SelbstisolationÐ, die Bomben wegzulegen und die Steine und einen Widerstand, der ein anderes Leben meint, wieder aufzunehmen.«

Kleins Entscheidung kommt also gelegen, zumal der Aussteiger weder Genossen namentlich verrät noch sich von seiner linken Geschichte distanziert. Die Revolutionären Zellen (RZ), denen er den Rücken kehrt, gehen in einer Antwort auf die Probleme, die die Sponti-Vermarktung des Ausstiegs mit sich bringt, nur mit einem Satz ein: Klein solle benutzt werden, »um der Stadtguerilla in Deutschland den Garaus zu machen«.

Über zehn Jahre später - mittlerweile haben Cohn-Bendit und Fischer die erste rot-grüne Regierung hinter sich - ist es wieder der »rote Dany«, der einspringt. Verfassungsschützer »Hans Benz« klopft mit dem Aussteigerprogramm beim Pflasterstrand an. Der Versuch bleibt erfolglos. Zwar trifft sich »Benz« mit Klein in Frankreich, allerdings kann der VS-Mann kein attraktives Angebot machen. Wegen der drei Toten, die das Carlos-Kommando in Wien hinterließ, müsste Klein-Klein mit einer Mordanklage und einer Verurteilung zu lebenslänglicher Haft rechnen. Er zieht es also vor, im Ausland zu bleiben.

Ein Jahrzehnt später taucht der Name Hans-Joachim Klein erneut in der deutschen Öffentlichkeit auf, als er Anfang September 1998 in der französischen 300 Seelen-Gemeinde Sainte-Honorine-La Guillaume verhaftet wird. Von einem Zufallstreffer kann keine Rede sein: Klein-Klein ist schon vorher mit der Frankfurter Staatsanwaltschaft in Verhandlung über eine freiwillige Rückkehr. »Bei dem Stand der Gespräche«, erklärte der Strafverfolger Volker Rath, habe es aber keinen Anlass gegeben, »fest und sicher davon auszugehen, dass Herr Klein sich stellen wird«. Also schlagen die Ankläger zu, als sie ihm auf die Spur kommen.

Oder hat der Zeitpunkt der Verhaftung politische Gründe? Für die Grünen liegen diese auf der Hand: Der Zugriff findet sechs Wochen vor den Bundestagswahlen statt. Kaum wird die Polizeiaktion bekannt, kramen Unionspolitiker eine längst verstaubte Geschichte hervor: 1973 werden im Fahrzeug Fischers Waffen transportiert, die aus dem Einbruch in eine Kaserne stammen. Mit einer Pistole aus denselben Beständen wird acht Jahre später der hessische Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry von einer RZ erschossen. Der Fahrer von Fischers Auto ist Klein, der, wie die Bundesanwaltschaft von Fischer schon seit 1983 weiß, einen neuen Motor in den Wagen einbauen soll. Die Geschichte geht im öffentlichen Spektakel unter. Selbst das Bundeskriminalamt (BKA) winkt ab.

Über den Zeitpunkt von Kleins geplanter freiwilliger Rückkehr wird trotzdem auch in der Linken spekuliert. Jutta Ditfurth etwa fragt sich, wieso der Mann - »offensichtlich auf Anraten seiner alten Spontifreunde« - ausgerechnet kurz vor der Bundestagswahl zurückkommen will. Sollte »der Emigrant« der Bauer sein, mit dem die beiden Oberspontis »den Herrschenden noch einmal vorführen wollten, wie meisterlich man sich aufs Befrieden linker Opposition versteht«? Eine »linke Opposition« spielt zwar in dieser Wahl keine Rolle, dennoch ist dieser Gedanke überlegenswert. Schließlich ist Cohn-Bendit bis heute um Publicity bemüht, wenn es zu betonen gilt, dass er Klein während seiner illegalen Zeit unterstützt hat. Integration garantiert: Wir lassen die schwarzen Schafe von damals nicht im Stich.

So weit, so gut. Doch Ditfurth fährt fort: »Waren die so sicher, dass sie einen grünen Außenminister haben würden, der vereint mit dem grünen Landesjustizminister Plottnitz, den alten Kumpel raushauen würde?« Ob sich denn keiner darüber wundere, dass ausgerechnet das BKA Fischer gegen alte Vorwürfe verteidige? Und mit Blick auf Fischers Schandtaten: »Fällt denn niemand auf, dass die oberen CDU-Chefetagen vornehm schweigen?«

Wir resümieren: Nicht etwa ein kompliziertes Konglomerat von Machtverhältnissen, subjektiven Entscheidungen und gesellschaftlichen Prozessen bringt Leute wie Fischer an die Macht und alte Freunde zurück, sondern der perfide Counter-Insurgency-Plan einer Mafia von CDU, BKA und den Grünen, freilich finanziert vom Großkapital.

Solche Simplizität besticht offenbar noch immer, wenn es gilt, sich gesellschaftliche Entwicklungen zu erklären. Denn auch in Kreisen, die sich mit den Verhaftungen mutmaßlicher RZ-Mitglieder beschäftigen, kursieren entsprechende Erklärungsversuche. So heißt es in einem Diskussionspapier, die durch Kronzeugen wie Klein und den Berliner Tarek Mousli hervorgerufene »Prozess- und Politinszenierung« sei »von langer Hand« geplant und werde »demonstrativ medial inszeniert«.

Wie werden Verfahren, denen völlig unterschiedlichen Zeugen und Ursachen zu Grunde liegen, von »langer Hand« vorbereitet? Eine »demonstrative« mediale Inszenierung sucht man ohnehin vergebens. Im Gegenteil: Sieht man von Focus ab, zeigen Zeitungen kaum Interesse am Thema. Und wer würde die Namen RZ und Rote Zora überhaupt noch in den Mund nehmen, hätte es nicht die Verhaftungen der letzten zehn Monate gegeben?

Dass die Autoren und Autorinnen dieses Papiers auch noch befürchten, in dieser Inszenierung solle von der »tatsächlichen Bedeutung« der RZ und der Roten Zora abgelenkt werden, indem die Opec-Aktion sowie die Ermordung eines eigenen Genossen herausgestellt werde, lässt nichts Gutes erwarten. Nicht nur, weil in der Tradition realsozialistischer Geschichtsschreibung eine saubere Legende der RZ konserviert werden soll. Beunruhigend ist auch die Logik, die sich hinter diesem Denken verbirgt: Nicht wer Probleme hat, sondern wer sie öffentlich benennt, ist schuld am Desaster der radikalen Linken. Das erinnert an die Reaktionen auf den Ausstieg Kleins.

Keine Frage: Jene, die den Abtrünnigen unterstützen, haben immer ihre eigenen Interessen, wenn sie die erbärmliche Situation dieses Mannes funktionalisieren. Ebenso klar ist, dass sie dies heute für Ziele tun, die mit denen der Linken nichts mehr gemein haben. Leute wie Fischer und Cohn-Bendit sind, wenn man so will, »Verräter« ihrer früheren Ideale. Wer sie aber für die Unattraktivität der Linksradikalen verantwortlich macht, um sich das eigene Scheitern zu erklären, ignoriert das tatsächliche Problem: dass die Politkarriere der Fischers und Königs auf der Zustimmung anderer »Verräter«, ihrer Wähler und Wählerinnen, basiert und damit Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung ist, in der sich der grün-alternative Mittelstand gegen die Linke durchgesetzt hat.

Auf ähnlicher Ebene bewegen sich jene, die das Kronzeugenproblem auf das »persönliche Scheitern« der Plaudertaschen Klein und Mousli reduzieren. Wer die Aussagen der beiden zum Tabu erklärt, will die eigenen Unzulänglichkeiten nicht wahrhaben, selbst wenn vieles in diesen Aussagen gelogen sein dürfte. Ist es denn ein Zufall, dass die beiden ausgerechnet mit jenen Aspekten der Guerilla Probleme hatten, die am Ende bedeutend zum Scheitern der RZ beigetragen haben. Oder sind die RZ etwa an Repression oder Verrat, an der feindlichen Verschwörung, zerbrochen?

Es gibt viele hausgemachte Gründe für die marode Situation der radikalen Linken, die es aufzuarbeiten gilt. Mit »Counterstrategien« jedenfalls lässt sich die Bedeutungslosigkeit militanter Organisation nicht erklären. Wer sie dort ausmachen will, sieht sich offenbar noch immer in einem Star War zwischen Staat und Militanten jenseits gesellschaftlicher Realität, den man sich schon hätte sparen können, als diese Form der Organisation noch von Bedeutung war.

Heute scheint schon die Debatte absurd. Doch »je mürber die eigene Identität, desto dringender das Verlangen nach Eindeutigkeit«, schrieb der »Verräter« Hans-Magnus Enzensberger. Dass Leute wie Klein und Mousli für die Verhaftung von acht weiteren Menschen verantwortlich sind, steht auf einem anderen Blatt.