01.11.2000
Der letzte linke Student VI

Erkennt den Eros!

Der letzte linke Student ist froh. Er ist froh, denn er hat es warm in seiner Bude. Auch wenn die Wände dünn sind. Denn die Heizung ist kräftig. Und seine Bude ist sehr gemütlich. Und: ein Hort des Geistes und der Theorie. Darum hat der letzte linke Student viele Bücher in seinem Regal stehen. Denn: Viele Bücher machen viele Gedanken.

Aber die Wände sind dünn. Und darum ist der letzte linke Student jetzt nicht froh. Denn man hört Lärm von nebenan. Und das ist: sexueller Lärm. Und: eine Belästigung. Darum haut der letzte linke Student jetzt kräftig mit der Faust gegen die Wand. Damit das ein Ende hat. Und Ruhe ist. Doch: Dann hört der letzte linke Student, dass da geschlagen wird. Und dazu: wird laut gestöhnt. Das macht den letzten linken Studenten fast verrückt. Weil: Die haben Sex. Vor allem aber: Der Sex, der nebenan gelebt wird, ist aggressiv. Und damit: tierisch. Und daher: gegen die Aufklärung. Und deshalb genauso wie die Unterdrückung und der Krieg und der Hunger und das Alleinsein. Nämlich: grausam. Wenn man dabei stöhnt, nimmt man die Unterdrückung willig in Kauf. Indem man teilnimmt! Und: mitmacht!

Der letzte linke Student weiß: Das ist ein Studentenwohnheim hier. Und: »Studenten und Studentinnen tragen die Aufklärung und den revolutionären Geist durch das repressive Zeitalter des Turbokapitalismus!« Das hat er bereits in sein goldenes Notizbuch geschrieben. Weil es: wahr ist. Und jetzt haben die nebenan ihren fiesen unterdrückerischen Sex. Und das: untergräbt das Prinzip. Der letzte linke Student geht nach nebenan. Denn nebenan wühlt ein Maulwurf. In der Aufklärung. Jetzt läutet er Sturm. Nach einer Weile öffnet seine Nachbarin. Sie trägt Lederwäsche unterm Bademantel. Der hängt fast offen. Die hat wohl keine Scham! Das denkt der letzte linke Student. Und: schämt sich. Für sie. Und lugt an ihr vorbei ins Zimmer. Da steht ein Mann. Der sie geschlagen hat?

»Schwester!« Das sagt der letzte linke Student, um die Nachbarin an ihre Rolle zu erinnern. Und: sich zu solidarisieren. »Schwester! Lass Dich nicht schlagen! Das ist Unterdrückung, die ins Private verlängert wird! Deine Ausbeutung als Frau nimmt hier ihren Fortgang! Bedenke, Gewalt ist kein Spiel! Und auch wenn es Dir gefällt, ist das nur der Trieb! Der Verstand aber weiß, dass erfüllte Sexualität eine Sexualität des Friedens ist.« Das sagt der letzte linke Student zu seiner Nachbarin. Das hat er sich eben zurechtgelegt. Und es ist: sehr logisch. Und: aufgeklärt. Und: gut. Seine Nachbarin aber sagt: »Ich schlage ihn.« Und er ruft aus dem Zimmer: »Und das macht Spaß!« Und sie sagt noch: »Und es ist geil!«

Doch da hat sich der letzte linke Student schon abgewandt. Und ist zurück zu seinem Zimmer gegangen. Nicht: Weil er rot geworden ist. Sondern weil: er empört ist. In seinem Zimmer setzt er sich vor den Schreibtisch. Sieht aus dem Fenster. Schaut den Blättern zu, wie sie fallen. Grübelt. Dann schlägt er sein goldenes Notizbuch auf. Er schreibt: »Das hat die fortschreitende Gleichberechtigung mit sich gebracht. Auch Männer stimmen ihrer Unterdrückung zu. Und Gewalt herrscht zwischen den Paaren gleichberechtigt. So nehmen die Frauen am Chor der Unterdrückung teil.«

Dann schreibt er nichts mehr. Das ist sehr negativ, was er jetzt spürt. Das rüttelt an seiner Hoffnung. Und auch wir sollten die Zeitung sinken lassen und einen Augenblick erschrecken.