Also einer jedenfalls hat nicht gekokst: Wolfgang Thierse. Der kifft höchstens. Bei manchen Bundestagsabgeordneten kann man Kokainkonsum schon nach einfacher Inaugenscheinnahme ausschließen. Scharping zum Beispiel. Da braucht es keinen Haartest. Oder Kohl. Oder Rezzo Schlauch, der alte Tütchendreher. Schließlich fördert Koksen nicht gerade den Appetit. Was wiederum dafür spricht, dass Joseph Fischer einer der Schneekönige sein muss. Von wegen Jogging! Der Wischtest im Reichtagsgebäude öffnet jedenfalls Tür und Tor für Spekulationen. Dass zu den betreffenden Toiletten neben Abgeordneten auch Journalisten Zutritt haben, wird von den investigativen Sat.1-Reportern natürlich geflissentlich übersehen.
Sowieso hätte die Öffentlichkeit schon viel früher stutzig werden können. Schließlich warf das befreundete und für seinen gnadenlosen Enthüllungsjournalismus bekannte Klatschblatt Jungle World schon im April (Nr. 16/00), die Frage auf, weshalb im Bundestag die Pissoirs in einzelnen abschließbaren Kabinen angebracht sind. Auch damals war schon von Kokain die Rede. Doch nein, keiner wollte auf diese Hinweise hören. Und das kommt nun davon: Der Bundestag steht völlig desavouiert in der Öffentlichkeit da. Alle lachen sich schlapp. Kaum ein Witzchen oder Wortspiel, das nicht schon ausgereizt wurde.
Jetzt schickte Junk Word also mich auf die Suche nach weiteren Spuren. Wenn auf den Toiletten nur noch Rückstände des Kokains zu finden sind, wo ist der Rest von dem Zeug? Das herauszufinden war mein Auftrag. Außerdem sollte ich Beweismittel sichern. »Und nicht zu knapp!« Ich habe die Worte des Chefredakteurs noch im Ohr. Wegen der stagnierenden Abo-Entwicklung konnte oder wollte die Verlagsleitung allerdings keinen Drogenspürhund zur Verfügung stellen. Doch zum Glück bekommt man als Journalist mit den Jahren ein feines Näschen. Hahaha. Kleiner Scherz. Naja. Ich also los. Rein in den Reichstag und losgeschnüffelt. Aber wo anfangen? Zunächst rauf auf die gläserne Kuppel (B.Z.: »Schneekuppe«). Prima Aussicht. Aber kein Koks. Es gibt sogar ein Rauchverbot auf dem ganzen Dach. Außerdem ist dort alles so gläsern und einsichtig, keine Chance für ungestörten Drogenkonsum. Okay. Also wieder runter. Der Fahrstuhl! Rundum verspiegelt! Aber die Spiegel müssten schon in der Waagerechten sein. So wird das nix.
Ab in den Keller. Hier mache ich eine unglaubliche Entdeckung. Für jeden Abgeordneten der jemals im Reichtag Diäten abgefasst hat, gibt's eine Blechkiste. Abgeschlossen. Keiner weiß, was drin ist. Mehrere Wände voller Blechdosen mit Namensschildern. Das perfekte Versteck für größere Drogenmengen. Ich wähne mich am Ziel. Ich rieche, ich schnüffele, ich reibe meine Nase an den Kisten. Nichts. Schade. Ich dachte schon, ich hätte es gefunden ... Aber ich bin ja ein seriöser Journalist. Da muss man schon bei der Wahrheit bleiben. Und wo nix is, da is nix.
Wieder rauf. In die Etage, wo die Fraktions- und Ausschusssitzungen stattfinden, und wo Sat.1 auf den Klos fündig wurde. Ich schlendere durch das großzügige Foyer, gehe um die Innenhöfe mit dem Haacke-Blumenkasten herum, ich gehe aufs Klo. Eindeutig! Hier wurde gekokst. Mir kribbelt es sofort in der Nase. Ulrich Meyer vom »Akte 2000«-Team hatte recht. Aber wo sind die Kokainlager, wo sind die Bestände? Ich habe meinen Auftrag nicht vergessen!
Im Flur begegnet mir ein Kellner mit einem Servierwagen. Die Firma Feinkost Käfer aus München betreibt hier die gesamte Gastronomie. Serviert auch in den Sitzungen Kaffee, Wasser, Brötchen, Kuchen. Und mehr? Plötzlich kommt mir ein Gedanke! Das Sat.1-Magazin »Akte 2000«, das den Koks-Skandal im Bundestag aufdeckte, führte bereits vor einigen Wochen genau dieselben Wischtests auf dem Münchner Oktoberfest durch und fand dabei vor allem in den Promi-Zelten hohe Dosierungen an Kokain auf den Toiletten. Und welches ist das bekannteste Promi-Zelt auf dem Oktoberfest? Genau. Das von Feinkost Käfer! Wahnsinn. Ich bin ein Genie!
Als ich mir gerade ausmale, wie man mir die Egon-Erwin-Kisch-Medaille und das Bundesverdienstkreuz umhängt, klingelt das Handy. Der Chef ist dran. Ich soll meine Recherchen sofort abbrechen. Man sei bereits anderweitig fündig geworden, und ich könne zurückkommen. Man würde mir auch was übrig lassen. Ich protestiere, aber wer den Junk-Word-Chef kennt, weiß, das hat keine Chance. Also lasse ich alles stehen und liegen und eile in die Redaktion.
Die Story überlasse ich der Konkurrenz, nicht aber das Koks!