Man sagt immer, alle Politiker lügen. Recht so: Wenn man sich Schröderkohlfischer anguckt, dann ist da nicht viel Aufrichtigkeit zu erwarten. Schlimmer noch, sie wissen, dass man sich von ihnen nichts mehr erwartet und genießen es sichtlich. Joseph Fischer hat Spaß beim Vortäuschen von Erregung - ich schwör's, ich hab's selbst gesehen! Folglich weint man auch dem ausgeschiedenen Staatsminister für Kultur, Michael Naumann, nicht eine Träne hinterher. Man lacht nicht mal.
Der deutsche Jack Lang hat Kultur immer nur darstellen sollen, sein knapp bemessener Etat zeugte davon. Er hat es gern gemacht. Und damit begonnen, in Auftreten, Großmannsgehabe und Rauchgewohnheiten den Althanseaten Helmut Schmidt zu kopieren. Das machte er so gut, dass man ihn oft sehen, aber nie wirklich hören konnte. Und natürlich gehörte auch der Ehrenmann zu seiner Rolle. Auch den spielte er gut.
Aber er spielte ihn nicht nur, das kann ich nun beweisen. Denn vor Monaten hatte ich das denkwürdige Vergnügen, nicht zu erschrecken. »Hier ist das Bundeskanzleramt, erschrecken Sie nicht«, sagte eine Stimme am Telefon zu mir. Alsdann wurde durchgestellt, und am anderen Ende der Leitung war der Staatsminister für Kultur. Der wollte sich bei mir beschweren, beziehungsweise: etwas richtig stellen. Denn ich hatte geschrieben, dass er, Naumann, mitverantwortlich für die Finanzkrise des Hauses Rowohlt sei, und das war - trotz diverser Gerüchte in der Verlagsbranche - laut Naumann völlig falsch. Er habe immer den richtigen Riecher für Erfolge gehabt. Der hinter Rowohlt stehende Holtzbrinck-Konzern habe ihm damals ausdrücklich gedankt, und erst nach seiner Zeit als Rowohlt-Leiter habe man dort Misswirtschaft betrieben. Jawohl. Er wolle das nur mir gegenüber berichtigen, von einer Gegendarstellung sehe er ab. Damals empfand ich das als eine noble Geste, denn ich hatte Naumann in meinem Artikel nicht eben zuvorkommend behandelt. Der Herr nötigte mir mit seiner Reaktion durchaus Respekt ab. Andererseits dachte ich mir, na ja, wer kann das beweisen, das mit der Spürnase. Also war's vielleicht auch nur gut gelogen.
Und nun ist Naumann seinem Idol Schmidt ganz nahe. Denn Naumann verlässt das Kabinett Schröder, um ein Herausgeber der Hamburger Zeit zu werden, deren bekanntester Herausgeber eben jener Altbundeskanzler ist. Und offensichtlich stimmt das, was Naumann erzählt hatte, denn Die Zeit ist ein Titel aus dem Holtzbrinck-Zeitschriftenrepertoire. Und schwer angeschlagen. Dass Naumann in Bezug auf seinen Riecher kaum gelogen haben kann, wird dadurch belegt, dass für seine Stelle eine andere geräumt werden muss, nämlich die des bisherigen Chefredakteurs. Roger de Weck, der die Zeit schon marktförmiger und werbefreundlicher umgestaltet hat, die Verschärfung der Krise aber nicht abwenden konnte, muss völlig überraschend gehen. Ein Chefredakteur wird nun gesucht, der in seinem Amt jedoch weniger Rechte als de Weck hat, damit sich der neue Herausgeber rentiert. Offensichtlich soll Naumann also auch auf struktureller Ebene ranklotzen. Holtzbrinck braucht ihn. Naumann hat also nicht gelogen.
Naumann verlässt die Politik übrigens aus einem sehr persönlichen Grund: Er wolle bald wieder richtig Geld verdienen, gab er vor einiger Zeit bekannt. Daher werde er wohl bald seinen Ministerposten zugunsten eines höher dotierten Arbeitsplatzes aufgeben. Schon wieder keine Lüge. Naumann ist also tatsächlich ein Ehrenmann. Und als solcher in der Politik völlig unterfordert. Als Darsteller des kritisch abwägenden Chefjournalisten dagegen ist er eine ideale Besetzung.