13.12.2000
Sitten und Gebräuche VI

Freie Weihnacht!

Verehrte Freundinnen und Freunde,
die Weihnachtszeit ist nicht für jeden glücklich. Viele Leute haben sich in der Weihnachtszeit etwas gebrochen, die Scheidung eingereicht oder Geschenke zu ihren Ungunsten vertauscht. Und daran erinnern sie sich Jahr um Jahr. Schlimm.

Auch ich habe kein gutes Verhältnis zur Weihnachtszeit. Am 13. Dezember 1975 - ich weiß es noch, als wäre es eben erst geschehen - verriet mir mein bis dahin bester Freund Ralf, dass es den Weihnachtsmann nicht gebe. Und schlimmer noch: Weil ich nach der darauf folgenden Rangelei unter ihm lag, musste ich schwören, meine Eltern zu fragen. Meine Mutter hatte Tränen in den Augen. Ja, was Ralf gesagt hatte, war wahr. Und mehr noch: Ich müsse damit leben lernen. Das war der erste Kompromiss in einem bitteren, kompromissreichen Leben. Noch heute muss ich weinen, wenn ich einen Weihnachtsmann sehe. Eine schöne Zeit des naiven Glaubens, so einfach verloren ... verweht ...

Ähnlich erschrak ich zuletzt, als ich in einem DB-Magazin las, dass der Weihnachtsmann nicht einmal rot ist. Jedenfalls ursprünglich, was ja bekanntlich heißt: in Wirklichkeit. Ja, man weiß nicht mal, wie der Weihnachtsmann ausgesehen hat. Bis 1931 wurde er jedenfalls in weißem Mantel dargestellt, doch dann brauchte ihn Coca Cola für eine Werbekampagne und färbte ihn einfach rot. Natürlich wussten das außer mir mal wieder alle.

Doch diesmal raufe ich nicht. Auch die Mutter bleibt unkonsultiert. Vielmehr ergreife ich die Initiative. Eine Bürgerinitiative! Warum der Weihnachtsmann weiß war, ist zu ahnen, denn das sieht unbefleckt aus. Oder steckte eine Waschmittelfirma dahinter? 1931 war jedenfalls Rot eine viel schönere Farbe, sie roch nach Aufbruch und sozialer Gleichheit, und der Kommunismus war ebenfalls unbefleckt. Zudem ist Rot die Farbe der Liebe. Doch nun weiß man, der Kommunismus ist ein einziges Lasterloch gewesen, mit Orgien in Honeckers Villa und allem Pipapo, und die Liebe, das sieht man ja täglich im Fernsehen, ist nichts anderes mehr als Blockwartismus und von Andreas Türck moderierte Totalitarität. Ein Fall für Reemtsma also.

Deswegen schlage ich hiermit vor, den Weihnachtsmann umzufärben. Ein tiefes Blau wäre schön. Es erinnert an Meer und Brause. Auch Grün ist eine schöne Farbe und passt zu unserer modernen Regierung. Oder Gelb: die Post, eine Aktie im Aufwind! Doch auch andere Mischfarben sollten zur Geltung kommen, wie etwa ein deutliches Grau, dass die Ostalgie beflügelt und nach Kollektiv und Schwefel schmeckt. Oder ein sympathisches Rosa, dass an Barbies und Lockenwickler gemahnt. Oder Lila! Lindgrün! Malve! Mango! Ocker!

Das wäre die permanente Revolution. Es sollte, ja es darf in Weihnachtsmannfragen nicht beim penetranten roten Terror bleiben. Alle sollten zum Zuge kommen, das ganze Spektrum. Ich plädiere hiermit für ein Selbstbestimmungsrecht des Bunten! Der Weihnachtsmann soll aussehen, wie's gefällt. Zudem - wenn er das Uniforme verliert, verliert dieser Mann auch seine Autorität und damit seine Glaubwürdigkeit. Kinder können also nicht mehr betrogen werden. Daher: Schließen sie sich dieser BI an! Helfen Sie Kindern! Befreien Sie den Weihnachtsmann! Befreien Sie Weihnachten!

Zustimmung, Vorschläge und Kritik an: weihnachtsmannbunt@gmx.de