20.12.2000
Working Class Hero I

Blecherne Weihnacht

Jetzt, wo's wieder Weihnachten wird, gehen wir auf den Weihnachtsmarkt, um uns bei geheiztem Glykolwein rote Nasen zu holen. Die Berliner Weihnachtsmärkte eignen sich nicht schlecht für so was - umringt von Hochhäusern und deprimierten Säuferseelen kann man hervorragend selbst zur deprimierten Säuferseele werden. In deutscher Weihnacht komprimiert sich die Depression. Schauen Sie sich nur mal ein Bild von der Weihnachtsfeier 1943 im Schützengraben der Wehrmacht an - zum Steinerweichen.

Aber, um das Wort eines deutschen Poptheoretikers leicht abzuwandeln: Weihnachtsgeschichte wird gemacht! Auf den Märkten sieht man überall Händler von Weihnachtsgerät, Champignonbrater und Schnapsausschenker wuseln, der Rubel rollt, wie man so sagt. Und das erinnert mich daran, dass ich selbst einmal Teil des Weihnachtsmarkts war.

Helmut war der Mitbewohner meiner guten Freundin Babse, die damals in Essen studierte. Helmut finanzierte sich durch Platten-Auflegen und machte eine Fortbildung zu irgendwas - war's Werbefachmann? Einen volllabern konnte er jedenfalls gut. Wegen finanzieller Unpässlichkeiten hatte er eine Bude auf dem Bonner Weihnachtsmarkt übernommen. Es war das Jahr 1989, da streikten die Studenten. Im Sommer hatte es in Bonn und Düsseldorf Demos gegeben, die Professoren wollten ihre konservativen Unis erhalten, aber außer dem Sozialistischen Hochschulbund und der Antifa Göttingen ahnte das niemand. Natürlich gab's immer Zoff, wenn die wilden Frauen aus Göttingen Reden hielten. Hey, wir erzählen da gleich was, für Zusammenlegung der Gefangenen und so, das Übliche. Und dann legten sie los! Die Studenten mit ihren Hirschhornknopfjacken glaubten ihren Ohren nicht. Dass die Professoren sie auch verarschten, merkten sie aber noch viel weniger.

Das wilde Jahr endete also in Helmuts Bude. Zehn Mark die Stunde. Wir waren beide bald ziemlich behämmert. Denn wir verkauften von morgens bis abends Blechspielzeug, klapper klapper. Während Helmut die Eltern volltratschte, zog ich den Kindern Blechenten und Hüpfefrösche aus chinesischer Kinderhandmanufaktur auf. Es war kalt. Cool fand ich, dass Helmut immer zwei Paar Handschuhe an hatte, aber beide mit abben Fingern!

Helmut war ein witziger Kerl, aber ziemlich gepflegt. Babse sagte über die gemeinsame Nutzung des Bads, wenn Helmut gewisse Dinge verrichtet hatte: »Mit Helmuts Scheiße hab ich kein Problem. Die stinkt nicht.« In der Tat, es gibt Jungs, da riecht selbst die Scheiße nach Rasierwasser. Oder wenigstens scheinen sie so viel davon zu benutzen, dass man den Eindruck hat. Von allen kann man das allerdings nicht sagen.

Junge Menschen: Seht zu, dass Ihr Euch nach der Schule in eine Stadt verpisst, wo Euch keiner kennt! Da ich in Bonn aufgewachsen war, kam dauernd einer dahergelaufen, der mich kannte, auch meine glykolhaltigen Eltern. Was machst du denn da, ja ich verkauf Blechspielzeug, na siehste. Hahaha. Hey, bist du nicht der ausm Poststrukturalismusseminar, naja, Arbeit schändet nicht, tschüs, bin erstmal im Skiurlaub. Helmut analysierte: »Am Wochenende ist immer die Hölle los. Die Kinder gehen mit den Eltern auf den Weihnachtsmarkt und lassen nicht locker. Daher der Terror. Am Montag ist es ruhig. Da kommen die Eltern und kaufen.« Helmut war am Umsatz beteiligt. Ich half immer samstags und sonntags. Tristes Grau, traurige Weihnachtsbeleuchtung, Backfisch mampfende Angestellte der Stadtwerke Bonn.

Nach dem letzten Verkaufswochenende hatte ich ziemlich was an der Schüssel - wir kennen das aus der frühen Hysterieforschung: Da ahmt ein Arbeiter seine Maschine mit dem Körper nach, obwohl er gar nicht davor steht. In Träumen drehte ich Blechspielzeug auf. Sogar heute noch krieg ich das Kribbeln, wenn ich das Zeug auf dem Weihnachtsmarkt sehe. Aber so geht es mir mit anderen Dingen auch: Wasseruhren, Fliesen, Hamburgern, Möbeln, Opernkulissen, Klos, Chefredakteuren zum Beispiel, mit denen ich berufsmäßig zu tun hatte: durch Ablesen, Stapeln, Braten, Schieben, noch mal Schieben, Schrubben, in den Arsch kriechen. Als sei der verrückte Gelderwerb im Gehirn fest eingeschrieben und bei Wiederbegegnung mit dem corpus delicti sofort wieder da! Wie ein Warnfensterchen bei Windows.

Aber eigentlich war's auf dem Weihnachtsmarkt auch nicht so schlimm, wenn man bedenkt, welche Löcher sich durchs Wasseruhrenablesen ergaben. Türeingänge in Kellern sind immer etwas niedriger als woanders. Da knallt's zehnmal am Tag, und dann hüpft man bei wildfremden Leuten durch die Bude: »Au, verdammt!« Dabei hab ich mich einmal in dem Haus neben der libyschen Botschaft eingeschlossen. Auch so eine Zwangsvorstellung: Man geht in einen dunklen Kellerraum, und wenn man wieder raus will, stellt man fest, dass die Tür innen ja gar keine Klinke hat!

Helmut schenkte mir zum Abschied ein paar Schuhe mit rotem Reißverschluss. Die waren schräg, aber schnell kaputt. Ein paar Blechfrösche durfte ich behalten, die hab ich verschenkt. Was ich auch schon immer schlecht behalten konnte, sind Witze. Aber wenn sie mit solchen Erinnerungen gekoppelt sind ... Der Lieblingswitz von Helmut, heute irgendwo Marketing-Leiter, war: Mann lernt Frau kennen. »Ich heiße Heinz und du?« - Frau: »Wie mein Ding da unten, nur ohne ersten Buchstaben.« Mann: »Hä? Otze?« - »Neee. Uschi.«

Jungs und Jungs, die auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten, erzählen sich sowas. Und die Chefin von der Glühweihnachtenbude hat sich auch immer gefreut, wenn bei uns die Lichtlein brannten. »Gib den beiden Trotteln was zu saufen«, instruierte sie ihre Angestellte. Jetzt wissen Sie, wie viel Elend allein schon im Blechspielzeug steckt. Wie mag's erst beim Atomkraftwerk sein?