10.01.2001
Wertkritik und Häuserkampf in Fortaleza

Die Part der Frauen

Wertkritik und Häuserkampf - die Part-Leute in Fortaleza im Nordosten Brasiliens organisieren beides.

Fortaleza, Hauptstadt des Bundesstaates Ceará im Nordosten Brasiliens, ist in den letzten 15 Jahren zu einer Zweieinhalbmillionenstadt angewachsen. Das von halbfeudalen Strukturen geprägte und von Dürrekatastrophen heimgesuchte Hinterland dagegen ist weitgehend entvölkert. Der gesamte Küstenstreifen wird von Hochhäusern gesäumt. Die Hotels der Touristen und die Wohnblöcke der Mittelklassen bilden eine kompakte Front. Die Armenviertel dagegen wurden immer weiter an die Ränder der Stadt gedrängt, das Elend ist den Blicken der Besucher entzogen. Nur an der Durchgangsstraße, hinter den Strandhotels, wird es sichtbar, hier bieten minderjährige Prostituierte ihre Körper an. Der Sextourismus boomt, insbesondere die Kinderprostitution. So normal ist das, dass in den Hotelzimmern statt der üblichen Begrüßungsbonbons Kondome ausliegen.

Obwohl geographisch im Zentrum der Welt gelegen, ist die große Bevölkerung Fortalezas vom Rest des Landes praktisch abgeschnitten; die Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo liegen Tausende von Kilometern entfernt. In einer Stadt, in der fast 70 Prozent der Bevölkerung nicht mehr als das gesetzliche Mindesteinkommen von rund 180 Mark verdienen, und das bei einem nahezu europäischen Preisniveau, kann sich die rund 52stündige Fahrt mit dem Autobus kaum jemand leisten.

Vielleicht hat diese Isolation auch dazu beigetragen, dass in Fortaleza die Erinnerung an die canganceiros noch lebendig geblieben ist. So nannte man die als Volkshelden verehrten Banditen der dreißiger Jahre. Aber es gibt in Fortaleza auch Menschen, die versichern, ihre gesellschaftliche Praxis verwirkliche bereits das, was den fortgeschrittensten Formen von wertkritischer Gesellschaftstheorie noch fehlt. Wer also meint, dass Brasiliens Linke viel zu staatsfixiert und nationalistisch sei, die Arbeiterpartei PT sich zu einer sozialdemokratischen Partei im Blair-Schröder-Stil entwickle, die »kommunistischen« Parteien des Landes delirante Verfallsformen des Stalinismus repräsentierten, die Landlosenbewegung MST letztlich nur auf die Marktintegration der Ausgeschlossenen ziele und die Reste der Theologie der Befreiung eben doch nur Teile der Kirche seien - der kann in Fortaleza eine erstaunliche Gruppe namens Part finden.

»Übel beleumdet« seien diese Leute, warnt das Lokalblatt O Povo, und die lokale Linke hasst sie genauso wie die Stadtverwaltung. Der Kern der Gruppe kommt aus dem Widerstand gegen die Militärdiktatur nach 1968; um ihn herum gruppieren sich Menschen aller sozialen Schichten, Altersgruppen und Hautfarben. Das Klima ist herzlich, die interne Solidarität groß, und obwohl das Kürzel markig-leninistisch »Partei der Arbeiter(innen)revolution für die menschliche Emanzipation« bedeutet, erinnert die Atmosphäre eher an die anarchistischen Gruppen der Jahrhundertwende, von denen der Anarchist Rudolf Rocker erzählte.

Die Part-Aktivistinnen und Aktivisten konzentrieren sich darauf, Stadtteilkämpfe zu unterstützen, sind bei Grundstücksbesetzungen dabei und mischen mit bei den Aktivitäten der Frauenbewegung und bei der Organisation wilder Streiks einer offiziell nicht anerkannten Lehrergewerkschaft. Aber zugleich besteht ein großes Interesse an Theorie. Anfang November veranstaltete die Part gemeinsam mit anderen linken Gruppierungen an der Universität Fortaleza ein mehrtägiges Symposium mit dem Titel »Radikalkritische Theorie: Die Überwindung des Kapitalismus und die menschliche Emanzipation«. Tausende Zuhörer kamen.

Wie entstand die Part? Jorge Paiva musste nach der Studentenrevolte 1968 in São Paulo mit seiner Lebensgefährtin Celia Zanetti untertauchen. Fast 15 Jahre blieb er im Untergrund, weil ihn die Todesschwadronen der Militärdiktatur suchten. Jorge und Celia, die aus Zentralbrasilien kamen, verschlug es ins periphere Fortaleza. Beide gehörten der maoistischen Partei an, aber ihre Beschäftigung mit der situationistischen Theorie ließ sie auf Distanz zum Guerillakampf gehen. Stattdessen wandten sie sich der beginnenden städtischen Besetzungsbewegung zu. Dabei begegneten sie Rosa de Fonseca, von Beruf Lehrerin und zu diesem Zeitpunkt gerade aus dem Gefängnis entlassenen. Rosa brachte sie mit der aus dem Exil zurückgekehrten jungen Soziologieprofessorin Maria Luiza Fontenele zusammen. Das war der Anfang von Part. Mit der Lockerung der Militärdikatatur nahm die Gruppe ihre Aktivitäten auf. Prompt schlossen die Maoisten der PCdoB sie aus, Jorge wurde nach stalinistischer Tradition bei der Polizei denunziert.

Mit der »Rückkehr zur Demokratie« schien 1985 die Zeit für die Unentwegten gekommen. Sie traten in die Arbeiterpartei PT ein, und Maria Luiza wurde als erste Frau und als erste Petista zur prefeita gewählt, zur Bürgermeisterin einer brasilianischen Regionalhauptstadt. Ihre dreijährige Amtszeit bezeichnet sie noch heute als »traumatisch«. Ihre Erfahrung war gering, die Stadtkassen waren leer, die Erwartungen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen groß, und ihre Arbeit wurde von verschiedenen Stellen boykottiert, vom Stadtrat, von den Unternehmern, von linken Parteien und staatlichen Organen.

In der regionalen und überregionalen Presse fand eine regelrechte Hetzkampagne statt. Maria Luiza suchte Hilfe bei ihren ehemaligen Mitstreitern, die ihr wegen ihrer unentschiedenen Politik den Rücken gekehrt hatten. Zu ihrer Unterstützung gingen Zehntausende auf die Straße, was die Situation noch weiter verschlechterte. Am Ende scheiterte der Versuch, an den Institutionen und den Interessengruppen vorbeizuregieren. Außer einem Wohnungsbauprogramm kam nicht viel zustande. Immerhin können Maria Luiza und die anderen darauf verweisen, dass sie sich nicht für die Krisenverwaltung haben einspannen lassen. Deshalb wurden sie dann auch 1988 aus der PT ausgeschlossen.

Die PT war nur eine von insgesamt sieben linken Parteien, denen die Part-Leute beitraten, und immer endete dies mit ihrem Rausschmiss. Die Vorwürfe waren stets dieselben: Statt auf das klassische Proletariat setzten sie auf das »Lumpenproletariat« der Favelas; die Frauenfrage wollten sie nicht als einen »Nebenwiderspruch« gelten lassen; sie demonstrierten nicht nur gegen den Präsidenten und den IWF, sondern auch gegen die kapitalistischen Verhältnisse als solche. Schließlich gründeten sie 1995 ihre eigene Organisation. Bis heute haben sie sich nicht als Partei registrieren lassen und verfügen über keine formelle Struktur. Sie sind überall dabei, wo sich spontaner Widerstand in der Stadt regt. Viele Part-Mitglieder kommen aus den illegal errichteten Vorstädten und den sozialen Bewegungen.

Am 1. Mai 2000 zum Beispiel, als die institutionelle Linke ihre traditionelle Demonstration abhielt, halfen sie bei der jüngsten großen Besetzung. Tausende von Leuten errichteten auf einem leer stehenden Grundstück provisorische Unterkünfte. Dann begann der Kampf um die Schaffung von Infrastrukturen, Kanalisation, Straßen, Strom. Rosa erzählt, dass die Stadtviertel ständig von einer Politik der Gentrifizierung bedroht seien. »Vor allem in unmittelbarer Nähe zum Meer werden die Menschen aus ihren Häusern vertrieben, die dann abgerissen werden, um Platz für Hotels, Apartmenthäuser und Touristenrestaurants zu machen. In Beira do Mar, der großen Bucht von Fortaleza, ist schon alles zugebaut. Die dahinter liegenden Volksviertel müssen ohne Sicht aufs Meer und frischen Wind auskommen.«

Der Ansatz der Part-Aktivisten ist es, den spontan sich formierenden Widerstand gegen solche Bauprojekte zu unterstützen. »Erst kürzlich ist es gelungen, den Bau einer neuen, breiten Durchgangsstraße in der Nachbarbucht zu verhindern, und zwar indem wir die Legitimationsstrategie der Stadtregierung durchkreuzt haben. Die haben den Leuten weisgemacht, durch die neue Straße und einige damit verbundene Infrastrukturmaßnahmen würden die Lebensverhältnisse im Stadtteil verbessert. Wir haben dann zusammen mit Initiativen aus dem Stadtteil eine ganze Reihe von Versammlungen durchgeführt und darüber informiert, was tatsächlich geschehen würde. Dort sind auch eigene Forderungen für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse diskutiert worden, mit denen die Vertreter der Stadtregierung dann auf ihren Propagandaveranstaltungen konfrontiert wurden. Diese Veranstaltungen haben wir gekippt und zu einem Forum für uns gemacht. Daraufhin formierte sich ein massiver Widerstand, und es war klar, dass der auch militante Formen annehmen würde, wenn das Bauprojekt durchgezogen würde. Deshalb wurde es dann auch gestoppt. Allerdings steht zu befürchten, dass die Statdtregierung nur auf einen günstigeren Augenblick wartet, um ihre Pläne wieder aus der Schublade zu holen.«

In den letzten Jahren verhinderten Part-Mitglieder u.a. die Errichtung von Strommasten direkt oberhalb von Wohnhäusern, sie erreichten die Legalisierung von Mopedtaxi-Kooperativen, belagerten den Gemeinderat, um den Stromanschluss eines besetzten Viertels zu erzwingen, organisierten einen Lehrerstreik und - was sich kaum jemand in Brasilien traut - unterstützen Gefängnisinsassen.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Ökologie - erstaunlich bei Leuten, die tagtäglich mit ganz unmittelbar existenziellen Problemen zu kämpfen haben. Die 20jährige Natercia etwa erklärt ihrer Mutter, einer Hausangestellten, die für 300 Mark monatlich arbeitet und sechs Kinder durchbringen muss, dass sie, obwohl sie es bis zur Universität gebracht hat, auch später kein Auto haben will. Wegen der Umweltverschmutzung will Natercia auf dieses Statussymbol aller aufgestiegenen Armen verzichten. Sie hält mehr von kollektiven Transportmitteln. Augenblicklich kann sie sich nicht einmal Bücher leisten. Am rechten Zeigefinger hat sie eine dicke Hornhaut, weil sie ganze Kapitel mit der Hand abschreibt. In der Uni allerdings hat sie Zugang zum Internet und eine eigene Mail-Adresse. Auch das gehört zu den seltsamen Widersprüchen der postfordistischen Krisenwirklichkeit.

Eine besondere Rolle spielen für die Part die Kämpfe und die Selbstorganisation von Frauen, die in der Gruppe eindeutig in der Mehrheit sind. Celia betont: »Das starke Engagement von Frauen in den Stadtteilkämpfen ist ein allgemeines Phänomen. Es hängt sicher damit zusammen, dass sich die Männer der Verantwortung für die alltägliche Reproduktion entziehen und alles auf die Frauen abwälzen. Die sehen deshalb auch sehr viel eher die Notwendigkeit, sich zu organisieren, um gemeinsam für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu kämpfen. Man kann wirklich sagen, dass die Besetzungen und ähnliche Kämpfe ganz überwiegend von Frauen getragen werden.«

»Für unsere Gruppe«, sagt Maria Luiza, »spielt die Frauenbewegung schon lange eine zentrale Rolle. Das fing mit dem Engagement in der ðFrauenbewegung für die AmnestieÐ unter der Militärdiktatur im Jahr 1978 an und setzt sich bis heute fort. 1979 waren wir an der Gründung der Frauenunion des Ceará beteiligt, die sich damals sehr stark in den sozialen Auseinandersetzungen engagierte, etwa bei der Unterstützung des großen Metallarbeiterstreiks.« »Gleich nach der Gründungsversammlung«, erzählt Rosa, »mussten wir schon vor Gericht, weil wir erst einmal ein paar Zivilpolizistinnen an den Haaren aus dem Versammlungssaal geschleift haben.«

Heute bekämpft die Union hauptsächlich die männliche Gewalt gegen Frauen, auch und gerade in den Armutsvierteln. Rosa: »Die Männer lassen ihre Wut über die elenden Verhältnisse, in denen sie leben, an ihren Frauen aus. Besonders schlimm ist das am Wochenende, wenn sich die Männer betrinken und Drogen nehmen. Wir haben dann am Montag immer einen ungeheuren Andrang in unserer Beratungsstelle. Dort geben wir den Frauen psychologische Unterstützung, versuchen ihr Selbstbewusstsein zu stärken und überlegen dann gemeinsam, wie es weitergehen soll. Oft raten wir zu einer Anzeige gegen den Mann und helfen den Frauen dabei, sie zu erstatten. Oft raten wir auch zu einer Trennung.« Aber die Frauenunion organisiert auch Demonstrationen vor dem Gerichtsgebäude, geht im Viertel von Tür zu Tür, um zu einer Versammlung gegen einen Kinderprostitutionsring einzuladen oder zu einem Seminar über die »Neuerfindung der Liebe«.

Vom akademischen und systemkonformen Feminismus sind die Part-Frauen jedenfalls meilenweit entfernt. Celia sagt: »Wichtig ist für uns, diese Praxis nicht isoliert zu sehen, sondern im Kontext einer antikapitalistischen Perspektive. Deshalb haben wir immer versucht, unsere Arbeit auch theoretisch zu fundieren. Allerdings fanden wir die Antworten des traditionellen Marxismus auf diesem Gebiet schon lange ziemlich unbefriedigend und haben uns daher mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Patriarchatskritik und die Kritik an der kapitalistischen Produktionsweise verbinden lassen. Die These von der Wertabspaltung war deshalb für uns eine ganz wichtige Entdeckung.«

Dieser Versuch, auch theoretisch die alten Schemata zu überwinden, ist bezeichnend für die Part. Das Studium der »Grundrisse« brachte einige der Mitglieder dazu, den Klassenkampfmarxismus in Frage zu stellen und sich für Wertkritik zu interessieren. Durch regelmäßige Lektüre und Diskussionen in der Gruppe versuchen sie, ihre Erkenntnisse zu vermitteln und gemeinsam weiterzuentwickeln. Dass das nicht immer ganz leicht war und ist, versteht sich von selbst. Schon deshalb, weil viele Part-Mitglieder dabei kaum auf eine schulische Bildung bauen können. Sicher schleppt auch die Part noch alle möglichen traditionslinken Altlasten mit sich herum. Sicher kann auch die radikale Kritik an Wert, Ware, Geld, Staat und Arbeit fetischisiert werden, und der »traditionelle Marxist« kann zum leeren Schimpfwort verkommen wie einst der »Revisionist« und der »Sozialfaschist« - einzelnen Redebeiträgen auf dem Symposium im November war dies anzumerken.

Und sicher gibt es auch die Neigung, Theorie und Praxis allzu unvermittelt aufeinander zu beziehen. Die Referenten warnten deshalb auch davor, die große Kluft zu unterschätzen, die zwischen der notwendigen theoretischen Kritik der Verhältnisse und der notwendigen sozialen Gegenwehr auch in der näheren Zukunft vorerst noch bestehen wird.

Umstritten war beispielsweise der Aufruf der Part, die Kommunalwahlen zu boykottieren, den sie unter das Motto stellte »Endlich - Ende der Politik«. Brisant war die Aktion deshalb, weil es in der Stichwahl um die Entscheidung zwischen dem Bürgermeisterkandidaten der einst proalbanischen PCdoB und dem des rechten PMDB ging. Die Linke Fortalezas, die mehrheitlich den PC-Kandidaten unterstützte, wirft der Part nun vor, den Sieg der Rechten verschuldet zu haben. 20 Prozent der Wähler enthielten sich, ein für brasilianische Verhältnisse - es besteht Wahlpflicht - ziemlich hoher Prozentsatz.

Ob der Wahlboykott sinnvoll war, kann letztlich nur beurteilen, wer die lokalen Verhältnisse genau kennt. In den Diskussionen über die Aktion wurde auch betont, dass sie keinesfalls unmittelbar aus der grundsätzlichen Kritik an der Politik abgeleitet werden dürfe. Wie sich eine Praxis sozialer Kämpfe jeweils auf die Politik beziehe, dafür könne die Theorie keine direkten Anleitungen liefern; das müsse wegen der jeweils konkreten Bedingungen gewissermaßen taktisch beurteilt werden. Jorge ist sich in dieser Hinsicht ziemlich sicher: »Wir machen uns keine Illusionen. Der PC-Kandidat hätte dasselbe getan, was der rechte Bürgermeister tun wird. Und an unserer Praxis hätte sich ohnehin nichts geändert, denn die spielt sich schon lange auf der Ebene der sozialen Bewegungen ab.«

Eines jedenfalls lässt sich nicht bestreiten: Der Aufruf zum Wahlboykott hat in Fortaleza eine äußerst heftige und polarisierte gesellschaftskritische Diskussion in Gang gesetzt, die sicher noch weit über den unmittelbaren Anlass hinaus ihre Wirkung tun wird. Und den üblen Leumund der Part hat er allemal bestätigt.

Anselm Jappe und Norbert Trenkle gehörten neben Moishe Postone, Robert Kurz und Dieter Heidemann zu den Referenten des Symposiums »Radikalkritische Theorie« in Fortaleza.