10.01.2001
Der letzte linke Student IX

Sucht Rückhalt!

Der letzte linke Student ist über die Weihnachtsfeiertage zu Hause gewesen. Das war schön! Denn: Dort war er der erste linke Student. Dort meint: zu Hause. Weil nämlich: Der letzte linke Student kommt vom Dorf. Und: In einem Dorf studieren nicht so viele. Vor allem aber: In einem Dorf sind nicht so viele links. Sondern: rechts.

Daher hat sich der letzte linke Student auch zunächst gefürchtet, heim ins Dorf zu fahren. Denn mit jedem Jahr radikalisiert sich der Revolutionär. »Jahr um Jahr tut sich im Dorf nichts.« Das hat der letzte linke Student in sein goldenes Notizbuch geschrieben. Als er traurig war. Wenn aber der Revolutionär sich radikalisiert und die Verhältnisse so bleiben, wie sie sind, so wird der Abstand zwischen dem Revolutionär und den Verhältnissen größer. Also: schärfer. Und das heißt dann für den Revolutionär, dass er bekämpft werden wird. Weil bereits seine reine Existenz die Dumpfheit der Verhältnisse entlarvt. Und das werden die Verhältnisse nicht dulden. Oder so ähnlich. Jedenfalls: Der letzte linke Student hat eine Analyse gemacht. Und dann: hatte er Angst. Und: wollte nicht mehr nach Hause fahren.

Aber: Die Mutti hatte am Telefon so traurig geklungen. Und: der Vati auch. Daher ist der letzte linke Student dann doch in sein Dorf gefahren. Und hat Weihnachten gefeiert. Das war schön. Und am zweiten Weihnachtsfeiertag ist der letzte linke Student in die Disko gegangen. Das ist die einzige Disko am Ort. Und eigentlich: eher eine Kneipe. Aber: Man sagt Disko. Dort hat er viele ehemalige Klassenkameraden getroffen. Und Kameradinnen. Zuerst hat der letzte linke Student sich ein bisschen gefürchtet. Vor: böser Kritik. Beziehungsweise: nicht Kritik, sondern: Reaktionärem. Doch die ehemaligen Klassenkameradinnen haben gesagt, dass sie das mutig finden. Nämlich: woanders zu wohnen. Nämlich: in einer ganz schön großen Stadt. Und die ehemaligen Klassenkameraden haben auch gesagt, dass sie das nicht könnten. Und dann hat der letzte linke Student von den Demos erzählt. Und: Alle haben gestaunt. Und keiner: geschimpft. Oder: gelacht.

Das war sehr schön. Und: eine gute Erfahrung. Denn: Nun ist der letzte linke Student nicht nur gut nach Hause gekommen. Nein: gestärkt! Und nun sitzt er in seiner Bude und denkt an die Kameradinnen. Und an früher. Und hört schöne Musik. In sein goldenes Notizbuch schreibt er heute keinen Lehrsatz mehr. Denn: Das hat er schon gemacht. »Dem Revolutionär im urbanen Kampf tut es gut, wenn ihn die Heimat stärkt.« Das hat er zuerst geschrieben. Aber dann ist er kurz zusammengezuckt. Weil: »die Heimat«, das ist ein Wort der Rechten! Und darum hat der letzte linke Student das weggetintenkillert. Und stattdessen: »das Zuhause« hingeschrieben. Das sah dann gut aus. Und auch jetzt noch, nach erneuter Kontrolle: gut. Daher kann sich der letzte linke Student jetzt entspannt zurücklehnen. Und: träumen. Und auch wir sollten uns nicht immer die Stirn zerfurchen und ruhig einmal das annehmen, was wir sicher haben.