Eine Website machen
I.
Man kann nicht viel machen, wenn man nicht zwei ist. Manchmal, wenn man ganz allein ist, muss man sich verdoppeln können, sein Vaterland verraten oder eine zweite Nationalität annehmen, das heißt, wirklich doppelt sein können. Lenin hatte alle seine Ideen, als er nicht in Russland war. Danach hat er unheimlich viel zu tun gehabt, die Hälfte seiner Zeit hat er sich geirrt, und dann ist er gestorben. Aber seine große Schaffensperiode war die Zeit im Exil in der Schweiz, als in Russland Hungersnot herrschte und er Fahrradtouren in den Bergen oberhalb von Zürich machte. Da hat er am besten gedacht - als er an zwei Orten gleichzeitig war. Das Interessante am Internet oder am Websitesmachen oder dergleichen liegt darin, dass man mit anderen die Möglichkeit teilen kann, an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Aber es sollte auch ein Kommunikationsort sein, und es ist auch einer, aber eher wird da alle Kommunikation verhindert.
II.
Eine Website machen ist, so wie es gemacht wird, von einer solchen Monotonie, dass man es mit allerlei Mätzchen verschleiert, mit vielen Leuten auf einem Haufen, die sich langweilen, die nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen. Und glücklicherweise hat irgendwer eine geniale Idee, die man genial nennt, weil wenn man sie blöd nennen würde, die Leute sich nicht trauen würden zu sagen: Ich mache was Blödes. Deshalb sagt man: Nein, ich mache eine geniale Website. Und drei Monate lang kommt man zusammen, muss man miteinander reden, und hinterher kracht man sich. Aber das dauert nur drei Monate. Danach sucht man sich was anderes.
Es ist wirklich ein total falsches Leben, das aufrecht erhalten wird durch Angst und Mangel an Vorstellung bei Leuten, die viel Vorstellung haben, aber aus irgendeinem Grund es nicht schaffen, sie zu sehen, sie haben das Bedürfnis, weniger davon auf dem Bildschirm zu sehen, und das finden sie toll. Noch die letzte Website ist weniger phantasievoll als der Tageslauf von irgendjemandem, und dieser Jemand findet die Website, auf der er war und für die man ihm mehr als zwei Dollar Telefongebühren aus der Tasche gezogen hat, soviel toller als sein eigenes Leben. Das sind alles ziemlich seltsame Phänomene, aber das kümmert mich nicht, nur: So zu leben ist recht kümmerlich.
III.
Wie kann man also darüber reden und darauf reagieren? Es geht nicht, die Gesellschaft, die Zwänge sind auf dieser Ebene zu stark. Und sogar zwischen Leuten, die sich anfangs gemocht haben ... Wir waren verliebt ineinander, XXXXX und ich, mit all unseren Fehlern, dann aber ... Eigentlich ist alles, was ich dazu sagen kann, dass uns das Internet total auseinander gebracht hat. Sie hat, glaube ich, immer bedauert, dass sie nicht im Silicon Valley gearbeitet hat, und ich glaube, sie wäre dort glücklicher gewesen, nur hätte sie eben zehn Jahre früher geboren werden müssen und mit der Chance, eines Tages in San Francisco zu landen.
Aber erstmal ging es darum, auf andere Weise Internet zu machen, davon leben zu können und zu überleben, gut, normal davon zu leben, das heißt, ganz normal Internet zu machen, so viel zu verdienen, dass es für eine Zweizimmerwohnung, ein Badezimmer und Ferien gereicht hätte und dabei Websites zu machen, die man machen will, und eben keine Werbesites oder Pornosites oder politische Sites oder was auch immer.
Und nicht gezwungen zu sein, nach Amerika zu gehen, wie drei Viertel der Europäer. Das haben wir auch ungefähr geschafft, aber mit einem solchen Kraftaufwand, und es hat uns auch so einsam gemacht, dass man sich sagt: Das kann doch nicht normal sein. Da hat man die Mittel, Websites zu machen ... Und dann merkt man, dass die Leute sich gar nicht ändern wollen, und ich glaube, die Welt auch nicht.
IV.
Eben weil man im Inneren des Internet leichter was verändern kann, sogar in der Internetindustrie, viel leichter als in der Literatur, in den Künsten - was man so die Künste nennt -, weil es weniger gibt, es werden weniger Websites gemacht als Bücher gedruckt. Es ist einfacher, das Programmieren zu verändern, weil es weniger Programme gibt und weniger Programmierer. Die Zahl derer, die in Deutschland Websites machen, ist viel kleiner als die Zahl derjenigen, die schreiben. Es müsste einfacher sein, das Verhältnis zwischen Computer und Schreibtisch zu verändern als das zwischen einer Presse oder einem Fließband, einer Werkbank, einem Maschinenwerkzeug bei Audi oder bei Ford.
Aber genau da ändert sich am wenigsten. Sogar ein Auto wird heute nicht mehr genauso fabriziert wie früher mal. Ein Computer ..., wenn man sich einen PC anschaut, der ist heute noch genauso wie in den siebziger Jahren, der hat sich überhaupt nicht verändert. Alle schreien nach Veränderung. Aber nein, sie möchten Verbesserung, ohne etwas zu ändern. Wenn man sich ändern muss ... Das ist sehr mühsam, es ist hart, wenn man sich ändern muss.
V.
Man kann einem Programmierer, der findet, dass er schlecht bezahlt wird, oder einem Arbeiter versprechen: Gut, ich werde dir mehr geben - ich habe das nämlich gemacht, naiv, wie ich war -, ich bezahle dir mehr, aber schreib auch ein bisschen Texte. Darauf sagt er: Die werden nichts taugen, ich kann nicht schreiben. Ich sage zu ihm: Das ist mir schon klar, aber gerade weil sie schlecht sein werden, werden sie mithelfen, bessere zu finden. Also erlaube mir, dass ich dich dafür bezahle, dass du dich abmühst, vollkommen blöde Texte zu schreiben. Mir würde das etwas an die Hand geben, um bessere zu finden. Das würde alles viel leichter machen, wenn ich ausgehen könnte von etwas Blödem, um etwas weniger Blödes zu finden. - Was glauben Sie, nie würde der auch nur die Textverarbeitung aufrufen. Er, der Programmierer, wird nie die Textverarbeitung aufrufen, selbst wenn man ihm sagte: Schreib was über dich selbst. Über sich selbst sogar noch weniger. Sprechen schon, davon bleibt ja nirgends ein Ein-druck zurück. Ja, was das Reden angeht, die Leute, die Internet machen, reden, das kann man wohl sagen. Mehr noch als im normalen Leben. Im normalen Leben lässt einem die Arbeit nicht die Zeit dazu. Schüler dürfen im Unterricht nicht reden, Arbeiter dürfen in der Fabrik nicht reden, Sekretärinnen überhaupt nicht. Aber beim Internet ist man privilegiert, Designer, Konzepter reden andauernd, es hört gar nicht auf.
VI.
Die Amateure, die machen Yahoo reich, sie machen viele Homepages, aber sie machen immer nur eine Seite auf einmal, sie machen eine Seite während der Ferien, eine an Weihnachten, vielleicht eine, wenn ein Kind kommt, aber nie machen sie die Seite, die mit der ersten verlinkt sein könnte. Wenn sie eine Homepage machen - aus welchem Bedürfnis heraus tun sie das?
Bei ihnen ist das möglicherweise ganz natürlich, aber ich finde, für einen Internetprofi ist das nicht natürlich. Für mich ist der Feind der Internetprofi, der im Grunde noch weniger programmiert als der Amateur. Den Amateur kann ich wenigstens fragen, ob er eine Website von mir gesehen hat, die ihn interessiert hat, und danach kann ich ihn fragen: Nachdem du diese Seite gemacht hast, warum hast du dann nicht eine danach gemacht? Auf diese Weise habe ich wenigstens eine absolut reale Unterhaltung über das Internet. Und er wird sich darüber klar werden, dass in der Tat eine nächste machen zu müssen bedeutet, dass man anfangen will, Links herzustellen. Und das braucht er nicht, das verlangt man nicht von ihm.
Jeder muss nicht Websites machen. Aber die, die welche machen, von denen kann man es verlangen. Professionell? Es kommt darauf an, in welchem Sinn, ob man es positiv oder negativ meint. Meistens, wenn ich mich mit Professionellen streite, werfe ich ihnen vor, dass sie keine Professionellen sind, weil sie es von sich behaupten. Aber gegenüber anderen Professionellen, die mir vorwerfen, dass ich kein Professioneller wäre, denen gegenüber reklamiere ich den Status eines Amateurs. Zu ihnen sage ich: Allerdings, ihr seid keine Internetamateure, ihr seid noch schlimmere Profis als die beim Fußball. Ja, bestimmt, sie sind eine Kaste, eine Mafia, und die Leute haben Angst vor ihnen. Man sieht beim Streaming, das sicher noch viel einfacher sein könnte, wie schnell es sich spezialisiert, es bleibt, wie es ist, man macht sich nicht klar, was man damit machen könnte, und man macht nichts daraus.
VII.
Ja, aber an eine Zielgruppe zu denken, bei den meisten ist das der große Betrug. Sie sagen: Man muss die Zielgruppe respektieren, man muss an die Zielgruppe denken, man muss daran denken, dass die Website die Zielgruppe nicht langweilt. Vor allem muss man daran denken, dass, wenn eine Website die Zielgruppe langweilt, sie sie nicht anschaut und der, der so redet, wenn er Geld in die Website steckt, es jedenfalls verlieren wird. Es wäre richtiger, er würde sagen: Ich muss versuchen, die größtmögliche Menge Leute anzulocken, um die größtmögliche Menge Geld zu verdienen. Das ist völlig in Ordnung, nur sollte er es sagen. Und nicht sagen: Man darf die Zielgruppe nicht langweilen. »Man darf« heißt da überhaupt nichts.
Meine erste Reaktion war lange Zeit, dass ich ausging von der Einsicht, die ich jeweils gerade hatte, und sagte: Dauernd wird von der Zielgruppe geredet, ich kenne sie nicht, ich sehe sie nicht, ich weiß nicht, wer das ist. Angefangen, an die Zielgruppe zu denken, habe ich wegen der großen Misserfolge, wegen der enormen Misserfolge zum Beispiel bei SansSoleil.com, das sich in fünfzehn Tagen nur achtzehn Leute angeschaut haben. Achtzehn - ich habe mich nicht verzählt, so weit kann ich schließlich zählen.
Da habe ich mir dann gesagt: Wer zum Teufel sind diese achtzehn, das möchte ich gern wissen. Diese achtzehn Personen, die gekommen sind, das sich anzuschauen, die hätte ich gern gesehen, ich hätte gern ihr Bild gesehen. Das war das erste Mal, dass ich wirklich an die Zielgruppe gedacht habe. Da konnte ich an die Zielgruppe denken. Ich glaube nicht, dass Amazon an die Zielgruppe denken kann. Wie kann man an zwölf Millionen Besucher denken? Deren CEO kann an zwölf Millionen Dollar denken, aber an zwölf Millionen Besucher zu denken, das ist einfach unmöglich.
VIII.
Rolux kann keine Vorstellung vom Internet geben, es kann, jedenfalls habe ich das versucht, eine Vorstellung von Leuten im Internet geben, und das finde ich weniger unehrlich als eben zum Beispiel die Website von Etoy, die den Leuten zu sagen versucht: So läuft es im Internet. Und die Leute verstehen zwar nichts von alledem, aber sie sind zufrieden, in ihrer Vorstellung bestärkt worden zu sein, dass man davon sowieso nichts verstehen kann und dass es eben so läuft.
Als die Toywar Website wirklich entstanden ist, ist es aber nicht so gelaufen. Aber es ist eben kein Zufall, dass Toywar dann irgendwann den Webby Award für die beste ausländische Website bekommen hat, es ist eben eine typische amerikanische Website. »Toywar« ist ein technischer Terminus für einen Trick. Es ist ein technischer Vorgang. Aber ich denke, man hat diese Website auch ausgezeichnet, weil sie so gut verdeckt, gerade weil sie so tut, als decke sie etwas auf, was das Internet sein kann, etwas Magisches, das einem völlig über den Horizont geht und zugleich eine Menge angenehmer und unangenehmer Leute anzieht.
IX.
Die Finanziers oder die Vermittler, die Provider sind realistischer als drei Viertel aller Netzkünstler, weil sie an die Zielgruppe in Gestalt von Dollars denken, sie denken an drei Millionen Leute zu zwei Dollar je Stunde, sie machen eine kleine Multiplikation, und dann sagen sie sich ... Das ist ihre Art zu denken. Das ist wenigstens real, und das versuchen sie. Aber wenn man nicht daran denkt? Was ist in mir, das vier Millionen Besucher interessieren könnte? Ich habe lange Zeit gebraucht, bis ich mir das so sagen konnte, und ich denke, dass das, was ich sagen kann, in Berlin vielleicht hundert bis zweihundert Leute interessiert. Aber wie? Das Internet ist dafür nicht besonders gut organisiert.
Um sie per Mail zu erreichen, müsste ich zu viele Mails schreiben. Die Website, die ich im Internet mache, erreicht sie auch nicht. Um sie zu erreichen, müsste ich sie anders machen, ich müsste so eine Website machen, wie ich sie nicht machen möchte. Also sage ich mir: Man muss zugleich kleiner denken, etwas länger und anders. Und dann geht mir auf, dass ich wirklich allein bin. Und damit stoßen wir auf das eigentliche Problem. Was bewirkt, dass das, was ich mache, jemand anderen interessieren könnte?
X.
Und wenn ich die Website von Etoy sehe, dann finde ich meine ehrlicher, wenn Sie so wollen, weil ich absolut draußen geblieben bin, das ist nämlich ... ich weiß nicht ... Damals habe ich nicht so gedacht, aber wenn ich es heute machen müsste, wäre es das erste. Was nicht ehrlich ist auf der Etoy Website, ist, dass sie nicht zeigen, wie sie die Leute engagieren. Warum sie Agenten und Anwälte engagieren und warum ... Etoy zeigen sich nur mal eben vor einem kleinen Hubschrauber, den sie nicht mehr haben, und schreiben dann das Wort »Internet« darüber. Was selbst, um zu zeigen, was sie vom Internet denken, von einer unglaublichen Blödheit ist.
Wie ich es sehe, ist das Internet in erster Linie eine Geldangelegenheit. Einer hat Geld, er gibt es einem anderen, und dann tut dieser andere so, als sei er ein Künstler, aber in Wirklichkeit ... Und über Rolux: Ich weiß nicht genau, ich sehe Leute im Internet arbeiten, und dann sehe ich, wie das ihre Beziehungen zueinander kaputt macht, es ist offenbar kein Ort ... Aber nach Toywar - wie könnte man da beschreiben, was das ist: eine Website machen? Man würde sagen ... Ich weiß nicht, was man sagen würde. Man wäre unfähig zu ... Und eben darin liegt die Stärke des Internets, es bestärkt die Leute in ihrer Vorstellung, es wäre was Geheimnisvolles und gleichzeitig was Vertrautes, denn man gibt schließlich jeden Monat fünfzig oder sechzig Mark Telefongebühren dafür aus.
Internet und Fernsehen müssten sein wie Provinzzeitungen. Es gibt so kleine Zeitungen. Die Künstler hier ... Ihr macht eine Zeitung für euch. Kleine Zeitungen werden gemacht für die Universität, und man sagt sich nicht: Diese Zeitung muss in der ganzen Welt vertrieben werden. Für drinnen, das genügt. Ich denke, mit Websites ist es genauso. Es kann ein paar geben, die vielleicht für alle sind, aber schlecht ist es, auszugehen von allen. Ich glaube, das hat ganz üble Folgen, über die die Leute sich nicht im Klaren sind.
XI.
Es gibt eine Sache, die mich immer beschäftigt hat: wie man von einer Webseite zur anderen gelangt. Das heißt im Grunde: warum man eine Seite mit der anderen verlinkt. Die Amateurprogrammierer machen es nicht, sie brauchen es nicht. Aber die profesionellen Programmierer, die verlinken nicht nur eine Webseite mit der anderen, sondern achthundert miteinander. Sie können sich darauf verlassen - so läuft es heute -, dass die achthundert Seiten alle gleich sind, es ist eine Seite mit achthundert multipliziert. Man nimmt verschiedene Designer, um zu zeigen ..., aber man ändert die Namen der Links nur, weil, wenn man die Namen ließe, würden die Leute nicht mehr kommen. Da sie total fertig sind von ihrer Arbeit in der Universität oder im Büro, sehen sie nicht, dass es dieselbe Website ist.
XII.
Das Internet ist eine Macht, und die Leute benutzen immer noch gern Web-sites. Was schauen sie sich im Internet gern an? Rolux, meinetwegen auch Toywar oder dergleichen, wenn das den Leuten im Internet noch gefällt, so weil die Art, wie es gemacht wird, näher ist, weil darin eine ungeheure Stärke liegt und weil sich das auch nicht ändern wird. Vielleicht ändern sich die technischen Standards, aber das Entscheidende bleibt. Es ist der einzige Ort, wo es möglich ist, Dinge zu verändern, die so nicht taugen. Überall sonst sind dazu zu viele Leute nötig, man braucht zu viele Dinge, um es zu ermöglichen.
So hat man die Wahl, zu warten und seinen eigenen Kleinkram zustande zu bringen, wenn man es schafft. Aber dafür braucht man trotz allem eine große Passivität. Man kann mal mit zwölf Personen arbeiten und dann mit zweien, und dann versucht man, aus-gehend von zweien oder dreien, ob es nicht noch ein paar andere gibt, die Lust hätten. Vielleicht muss man sich auch nicht unbedingt mit Internetleuten zusammentun. Man muss sich anderswo Verbündete suchen, um trotz allem etwas zu machen. Silicon Valley? Ja, das ist ein kulturelles Phänomen, das so viel stärker ist als alles andere, und das kann nicht untergehen. Es kann einfach nicht, der Beweis dafür ist, dass es besser weitergeht denn je. Es geht besser weiter als jemals seit 1990.
XIII.
Wir kennen nur wenige Leute. Die wenigen, die wir kennen, mit denen sind wir schnell zerstritten. Ich schaffe es einfach nicht, jemanden zu finden. Der einzige, den ich gefunden hatte - und da war es noch er, der auf mich zugekommen ist -, war XXXXX. Er ist zu mir gekommen und hat gesagt: Ich kann allein keine Websites machen, ich muss mehr als einer sein. Er wollte Websites machen, aber anders als die anderen, nicht allein. Und ich machte mir unbewusst klar, dass ich allein es nicht schaffen würde. Man musste wenigstens zu zweit sein. Und vielleicht dann, wenn möglich, zu dritt. Aber ich habe es nicht geschafft. Nach XXXXX habe ich eine Frau gefunden, eine Freundin, aber wir sagen uns: Wir sind anderthalb. Anderthalb, weil wir nur die Hälfte von dreien sind. Anderthalb heißt nicht einer und ein halber, es heißt die Hälfte von dreien.
Ich habe es nie geschafft, zu dritt zu sein. Das Problem einer Website ist, einen Dritten zu finden. Dass ich zum Beispiel einen Programmierer hätte, aber einen Programmierer, der auch mal was anderes machen mag, nicht nur programmieren, oder wenigstens einen, der das Programmieren für sich selbst braucht, der nicht zufrieden wäre, sein Geld zu verdienen und sich zu verkaufen, der das für sich brauchte, der den Code auch für sich brauchte und nicht nur für die Agentur oder für mich, wenn ich es von ihm verlange. Wenn es ein Programmierer wäre - gut.
Wenn es ein Finanzier wäre, dann wäre es ein Finanzier. Wenn es ein Schreiber wäre, wäre es ein Schreiber. Wenn es ein Designer wäre, ein Designer. Das wäre egal - jeder könnte der dritte sein.
Wir glauben, dass die großen Silicon Valley Portale von einem entworfen werden, manchmal von zweien, wenn sie gut sind, wenn sie besser sind. Und wenn zum Beispiel ... Mir ist erst kürzlich wieder aufgegangen, dass die Stärke von Nettime, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt in Europa zum Durchbruch kommen konnten, einfach darin lag, dass sie zu dritt oder zu viert waren, die miteinander über das Internet redeten. Und das hat im Verhältnis zu den anderen rundherum schon ausgereicht, weil sie was sagten und das Bedürfnis hatten, es sich zu sagen, weil sie das Bedürfnis hatten, durch den Eindruck von etwas hindurchzugehen, und dieses Eindrucksmittel war eben das Internet und nicht das Buch. Sonst macht man kein Internet.
XIV.
Die Netzkritik sollte Websites machen, statt zu kritisieren. Oder aber Netzkritik wie Websites machen. Ihre Stärke, als sie Netzkritik machten, bestand darin, dass es keine Kritik war. Sie sprachen als Programmierer über die Websites anderer Programmierer, und oft wussten sie nicht, was sie über die Website als Website sagen wollten, weil sie ihnen einfach nicht gefiel. Da blieb ihnen nur übrig - sie konnten nicht einfach sagen: das ist ein kaputter Link -, den beim Namen zu nennen, der ihn gemacht hatte, als physische und moralische Person, und zu versuchen, dieser physischen und moralischen Person etwas anzuhängen, damit ihr klar würde, dass sie was Schlechtes über die Website sagten. Als sie Nettime gemacht haben, sprachen sie über Websites, weil sie es nicht fertigbrachten, Websites zu programmieren. Das machte sie nicht traurig, sie fingen ja erst an. Ich glaube, so war es. Ich habe mich nie als Netzkritiker gesehen, sondern als jemanden, der über eine Website redet, weil er Lust hat, selbst eine zu machen. Über eine Website zu reden, war wie eine zu machen. Es war eine Art, etwas mit dem Internet zu tun zu haben.
XV.
Wenn Sie eine Verlobte haben, nehmen wir an, sie stellen ein Bild ihrer Verlobten ins Netz, um sich an sie zu erinnern. Teuer wird es erst, wenn Sie danach versuchen, etwas mehr zu sagen. Das heißt, eine Website über ihre Verlobte oder sich selbst, das wird dann teuer. Was teuer ist, ist nicht der Server. Ein Server für zwanzig- oder hunderttausend Dollar, das ist es eigentlich nicht, was teuer ist. Die Technik bei einer Website kostet relativ wenig. Bei einer Website für vier Millionen Dollar ist eigentlich die Technik, der Serverplatz, alles das gar nicht so teuer. Was teuer ist, ist das ganze Drumherum, die Art und Weise, in der man es macht.
Teuer war die Geschichte mit boo.com. Sie schickten eine Mail nach Los Angeles oder San Francisco mit folgendem Inhalt. Der Etat war auf zehn Millionen Dollar festgesetzt, und dann hieß es, da hatte man mit der Programmierung noch gar nicht begonnen: Jetzt sind wir bei zehn Millionen. Daraufhin schickte man eine Mail nach New York und fragte: Chef, können wir überziehen und bis zu zwanzig Millionen Dollar ausgeben? Es dauerte eine Woche, bis die Mail mit der Antwort kam: Ja, sie haben das Okay aus New York, sie können bis zu zwanzig Millionen gehen. In der Zwischenzeit war die Website sowieso schon bei zwanzig Millionen angekommen, mit all den Leuten, die schon da waren, den Mail- und Telefonkosten. Darauf gab es dann die nächste Mail: Wir sind schon bei zwanzig Millionen, können wir bis dreißig gehen? Und so ging das bis zweihundertfünfzig. Und heute, wenn man im Silicon Valley eine Website macht, startet man, wenn man den Vertrag abschließt, schon mit zwanzig Millionen Ausgaben, das ist das Minimum, sogar bei einer mittleren Web-site.
XVI.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass man im Internet kein Geld verdienen möchte. Das ganze ökonomische System ist darauf aus, Geld zu verdienen. Im Internet möchte man es ausgeben. Der einzelne verdient daran, der CEO eines Unternehmens oder auch ein Designer, die verdienen viel. Aber wenn einzelne viel verdienen, wie in Amerika oder Europa, wo man gut verdient, dann deshalb, weil es die Leute auf den Philippinen, in Indien oder in Mosambik verlieren und nichts zu essen haben. Das sind kommunizierende Röhren, die Erde ist nicht unbegrenzt.
Und heute, wo die Kommunikation so schnell ist, isst man umso besser in Amerika, je schlechter man anderswo isst, weil alles so viel schneller geht. Die Armen sind ärmer als im Mittelalter, und die Reichen sind reicher. Am Internet ist interessant, dass es ein Ort der Verausgabung ist, denn sonst wären die Besucher nicht bereit, hundert Mark Telefongebühren oder fünfzig dafür auszugeben.
XVII.
Aber heute denke ich, ich denke, dass ..., ich versuche eher zu denken, ich sage mir: Es muss doch eine ganze Menge Leute geben, die ähnliche Probleme haben wie ich, auf ihre Weise, an ihrem Ort. Das weiß ich aus der Zeitung, aus dem Fernsehen und den Geschichten, die ich höre. Wenn man die Nachrichten hört, wenn man erfährt, dass die und die Leute das und das gemacht haben, einen Streik, einen Mord, wenn ich Nachrichten lese, wenn ich versuche, sie für mich zu interpretieren oder für sie Nachrichten daraus zu machen, dass sich welche geschlagen haben für ein Haus oder aber jemand sein Kind umgebracht hat, was weiß ich, oder sogar Wirtschaftsnachrichten, dann sage ich mir, es muss Leute geben, von denen ich nicht allzu verschieden bin.
Vor zwei Jahren habe ich mir das nicht gesagt. Das kommt vom Internetmachen, das heißt, man ist in einer Art Kommunikationsmittel, man ist weder der, der den Pfeil abschießt, noch der, den er trifft, man ist der Pfeil. Schreiben, programmieren, denken, reden, das kann bedeuten, Pfeil zu sein.
Die Liebe ist etwas anderes, das ist der Augenblick, wo der Pfeil entweder abgeschossen wird oder trifft. Dann braucht man nicht an den Pfeil zu denken. Aber manchmal wird der Pfeil nicht gerade abgeschossen und trifft nicht, manchmal fliegt er. Das kann Hunderte von Jahren dauern oder drei Sekunden.
XVIII.
Die Erde hat sich verändert, die Welt hat sich verändert, aber doch nicht so sehr, denke ich dann wieder. Man zieht sich wieder an wie im Mittelalter, und das in der perfektioniertesten Umwelt. Es ändert sich viel, aber dann ändert sich doch wieder nicht so viel. Ich denke, die Websites, was ich davon sehe ..., die Besucher können sich nicht so sehr geändert haben, wenn die Websites fast immer noch die gleichen sind. Vielleicht haben die Websites sich verändert, und die Besucher sind dieselben geblieben. Das müsste man zeigen.
Eine Website existiert nicht für sich allein, die existiert nur mit Familie. Die Homepages existieren nur mit Familie. Wenn es die Familie nicht gäbe ... Nehmen wir an, es gäbe nur Verliebte, und die täten sich nicht zu Familien zusammen, sie heirateten nicht. Dann gäbe es keine Homepages. Von dem Tag an, wo weniger geheiratet würde, bräche Yahoo zusammen.
IXX.
Ja, ich glaube, alle Websites, die ich gemacht habe, sind (mehr oder weniger gelungene) kritische Websites. Deshalb ist es auch so schwer, zu sehen, eben weil es eine kritische Website ist, ob etwas rüberkommt. Eine kritische Website, was ich darunter verstehe ... Es ist wie die Justiz. Es ist eine Kritik. Es ist eine Website, die Elemente von etwas zeigt und dazu beiträgt, kritisch auf eine Sache zu schauen.
»Kritisch« hat mehrere Bedeutungen: der kritische Punkt ist der Moment, wo es umschlägt, der Siedepunkt des Wassers oder auch ein bestimmter Moment in einer dramatischen Situation. Das Wort »kritisch« besagt das: eine kritische Situation, man fällt vom Fahrrad, oder der Krieg bricht aus, oder man wird von seiner Frau verlassen ...
XX.
Heute habe ich wieder Lust - und wenn wir Zeit haben, werden wir es vielleicht machen, und wenn ich zwei oder drei Leute finde, die auch Lust dazu haben wie ich -, ich habe wieder Lust, ich hoffe, das ist eine Spirale und kein circulus vitiosus, wieder Kritik zu machen und übers Internet zu reden oder Internet in Form einer Zeitschrift zu machen. Mal nicht programmieren, sondern schreiben und publizieren, eine Mischung aus Screenshots und Texten, besonders Netzkritik, wie sie heute, meiner Meinung nach, vielleicht anders gemacht werden könnte, dahin zu kommen, dass man eine Website kritisiert, wie man ein Essen kritisiert oder einen Automotor, der falsch montiert ist. Dass man nicht sagt: das ist schön, das ist großartig, das ist wie von Jodi, das ist schöner als Jodi ...
XXI.
Auf der Ars Electronica waren wir, ja, aber wir haben uns wirklich sehr unwohl dabei gefühlt. Wir wollten nämlich nicht auf die Berlin Beta gehen, deshalb fühlten wir uns verpflichtet, auf die Ars Electronica zu gehen, und haben uns einfach nicht getraut, ihnen zu sagen, sie wären genauso blöd und wir auch, weil wir gekommen wären. Und dann wollten wir unsere Website ja auch gern zeigen.
Das ist alles wirklich sehr verzwickt. Das ist, wie wenn man zu einer Veranstaltung geht und sich dann hinterher sagt: Was ist das hier nur für ein beschissener Verein, ich halte das nicht mehr aus ... Aber man kann sich das erst sagen, wenn man erst mal da ist. Die Medienfestivals sind wie ein Gesetz. Jedenfalls sind Festivals die einzigen Orte, wo nicht über Websites gesprochen wird. Aber es stimmt schon, wenn die Internetleute nicht über Websites reden. Man muss doch ein bisschen über das reden, was man macht, und so versammeln sie sich eben in dieser Form.
Das gibt es eigentlich überall. Es gibt Zahnarztkongresse, es gibt Kongresse ... Die Internetmacher sind eine Industrie wie jede andere auch. Die Zahnärzte würden sich natürlich nicht trauen, zu sagen: das Festival des Zahns.
XXII.
Andererseits ... Das Internet ist keine Industrie, es ist eine Ausgabe-Industrie. Es ist keine Gewinn-Industrie, wie Automobil-, Kühlschrank- und Briefmarkenindustrie, keine Industrie mit Gegenständen. Eine Website ist für einen kurzen Augenblick gehortete Energie, die sich in Bewegung setzt und die dann ..., die wieder zurückfließt und verschwindet. Man erfindet als Ersatz für das Internet neue Technologien, weil man im Internet und in den Telefonleitungen eine Gefahr wittert, die die Industrie, das industrielle Unbewusste ausmerzen will, die Gefahr des Fortdauerns.
Zum Horten hat man ja das Papier, das genügt. Die Zeichen und das Papier, um die Gebote aufzuschreiben. So ist es noch am besten. Während Telefonleitungen und Websites Gefahr bergen. Das ist nicht das Gesetz. Man könnte das Gesetz auch auf Websites schreiben, aber dann müsste man jeweils Links setzen, und dann wäre man gezwungen zu urteilen.
Während, wenn es ein Gesetz gibt, dann schreibt man es auf Papier, da braucht man nicht zu urteilen. Es ist ein Dekret, kein Gesetz. Es ist ein Dekret, ein Befehl. Während Websites keine Befehle sind. Man bringt sie in eine bestimmte Ordnung, damit daraus eine gewisse Lebensweise ensteht.
XXIII.
Telefonkabel sind recht widerstandsfähig. Erst nach hundert Jahren, genau weiß man es nicht, beginnt der Zerfall. Und man ist der Ansicht, dass es doch etwas zu lange dauert, es gibt zu viele Websites, die trotz allem überdauern, und das kann schließlich lästig werden. Zum Druck von Dekreten hat man das Papier, da braucht man kein anderes Mittel, durch das möglicherweise eine Veränderung kommen könnte. Man hat neue Träger erfunden, man hätte den älteren vervollkommnen können, aber man hat neue erfunden, die CD-Rom, von weniger langer Lebensdauer.
Hewlett Packard stellt auch kein Druckerpapier mehr her, zum großen Leidwesen der echten Datenliebhaber, die Papier bevorzugen und denen die Aussicht lieber ist, es sechzig, hundert, zweihundert Jahre aufheben zu können. Jetzt arbeitet man mit DVDs, mit der vom Hersteller eingestandenen und ausgesprochenen Absicht, die Dauer auf zehn Jahre zu beschränken. Es ist verständlich, dass es so gemacht wird. Und wer weiß, vielleicht ist es gut so.
XXIV.
In einer Beziehung hat mir Geert Lovink viel geholfen: Ihn hatte man aus dem Internet verstoßen, und statt zu lamentieren ist er zu den Medienfestivals gegangen, zu einer Zeit, als die Internetleute die Medienfestivals noch verachteten. Er war ungeheuer geschickt, er verstand es, für sich einzunehmen. Er hat es verstanden, aus den Institutionen mehr Geld rauszuholen als er je aus dem Internet bekommen hätte. Auf die Weise hat er sich später dann auch aus den Medienfestivals hinauskatapultiert. Er war in jeder Hinsicht ein ungewöhnlicher Typ. Danach hat er sich dann Geld von den Stiftungen geholt, beim Vatikan, beim Roten Kreuz, wo er nur konnte.
Ich glaube, ich habe nicht viel geholfen. Einmal habe ich was gegeben. Ich habe XXXXX getroffen, sie hatte kein Geld, ich hatte zweitausend Mark bei mir, und die zweitausend habe ich ihr gegeben, das ist nicht viel. Das ist mein Kapital, das aus anderen Dingen besteht, das viel zu groß ist, weil ich zu klein bin und es nicht in mich aufnehmen kann. Und manchmal macht mich das wahnsinnig und böse und unverträglich oder einfach auch ein bisschen blöd, weil ich ein Meter achtzig groß bin und etwa zwanzig oder dreißig Zentimeter dick und Ideen habe, die bis zu zwanzig, dreißig Meter gehen können.
Man kann nicht die ganze Welt in sich aufnehmen, auch nicht in der Vorstellung. Ich hätte gern andere, deshalb rede ich gern, entweder mit Leuten in extremen Situationen oder beim Internet mit solchen, die wenig Erfolg und viele Probleme haben.
XXV.
Jemand wie Marilyn Monroe war schon sehr Außenseiter, sie war wirklich total draußen und wahrscheinlich viel unglücklicher als ein einfacher Mosambikaner, der wenig zu essen hat. Auch das ist Geert Lovinks Einfluss: sich woanders hinzuwenden, keine Angst zu haben, auch Websites für wenige zu machen. Ich bin immer glücklich - das heißt, ich fühle mich nicht wohl in vollen Autobussen, in vollen Flugzeugen oder zusammengepfercht mit zwölf Leuten in einem Zimmer. Eigentlich war ich am liebsten allein, aber mit noch jemandem in derselben Situation.
Die meisten Leute sind lieber zu vielen. Darin zeigt sich ein Klassenunterschied. Denn die ärmeren Leute, die unterhalb eines gewissen Lebensstandards, sind lieber in Gemeinschaftsräumen, auch wenn es unbequem ist, weil sie da Nachbarn haben, die das Alleinsein auch nicht vertragen. Aber im Internet, finde ich, sind inzwischen wirklich zu viele Leute. Ich hatte es gern mit fünf oder sechs. Da konnte man wenigstens fragen: Welch unwahrscheinlicher Zufall bringt Sie hierher?
Sebastian Lütgert (sebastian@rolux.org) lebt und arbeitet in Berlin. Eine kürzere Fassung der »Einführung in eine wahre Geschichte des Internet« ist im November 2000 in der Zeitschrift Starship erschienen. Weitere Versionen unter www.textz.com.