Tauwetter in der Stalinallee
Um die 800 Menschen kamen, als Stefan Heym zur Lesung seines zwischen 1963 und 1965 geschriebenen und erst im vergangenen Herbst veröffentlichen Romans »Die Architekten« in die Akademie der Künste geladen hatte. Doch vorweg: Der Erfolg der Lesung wird sich kaum auf seinen einst abgelehnten Roman übertragen. Auch wenn die FAZ »eine Studie über die korrumpierende Macht der Diktatur« zu lesen meint, gelingt es Heym nicht, die Zeit des Tauwetters in der DDR literarisch einzufangen.
Der Roman wurde nicht - wie es die heutige Wahrnehmung der Kulturpolitik der DDR nahelegt - in der DDR abgelehnt, sondern von seinem englischen Verleger Cassell. Die Antwort von Desmond Flower, der »The Crusaders«, »Eyes of Reason«, »Goldsborough« und »Lenz« herausgegeben hatte, war niederschmetternd, aber treffend: »Die Charaktere ließen die Zwischentöne vermissen, es sei alles zu sehr schwarz-weiß gezeichnet; schlimmer aber, man wisse schon nach den ersten Kapiteln, welches die Intrige sei und wie der Knoten sich lösen und die Geschichte ausgehen werde.« Stefan Heym zog damals die Konsequenz, das Werk einfach wegzulegen.
Nun hat Heym das Manuskript wieder hervorgeholt, um sein Buch vollständig publiziert zu sehen, ließ er in der Akademie der Künste verlauten. Die recht einfach gestrickte Geschichte dokumentiert den gescheiterten Versuch, die Atmosphäre nach dem XX. Parteitag der KPdSU in der DDR zu beschreiben, und ist eine schlechte Nachahmung von Ilja Ehrenburgs »Tauwetter«, der ersten literarischen Reaktion auf Stalins Tod. Unbeholfen stellte Ehrenburg eine sowjetische Erziehung der Gefühle dar und bemühte sich dabei, an Tschechow anzuknüpfen. Das auf dem Schriftstellerkongress von 1954 hart angegriffene Werk wurde zum Symbol einer gescheiterten Entstalinisierung und blieb in der Literaturgeschichte mehr als politische Botschaft denn als gestelztes Kammerstück in Erinnerung.
Damals lebte Heym seit zwei Jahren in der DDR. Geboren 1913 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns, war er 1931 durch ein antimilitaristisches Gedicht zum ersten Mal subversiv aufgefallen, hatte für Ossietzkys Weltbühne geschrieben, war erst nach Prag und dann in die USA geflohen und hatte fast seine ganze Familie in den Vernichtungslagern der Nazis verloren. 1943 trat er in die amerikanische Armee ein, aus der er 1945 wegen prokommunistischer Haltung wieder entlassen wurde. 1952 gab er aus Protest gegen den Koreakrieg alle militärischen Auszeichnungen an die US-Regierung zurück und zog in die DDR, obwohl er in der DDR nur ein Zerrbild der sozialistischen Idee sah.
Knapp zehn Jahre nach Ehrenburg versucht Heym, am Beispiel der DDR noch einmal zu schildern, wie die Entstalinisierung scheitert: Tieck, ein überzeugter Kommunist, kommt ungebrochen aus dem sowjetischen Gulag in die DDR zurück und direkt in das Haus des Stararchitekten Sundstrom alias Hermann Henselmann, dem Zuckerbäckerarchitekten der Stalinallee. Tieck, ein alter Freund von Sundstrom, ist wie dieser von Beruf Architekt. Beide waren gemeinsam in der sowjetischen Emigration gewesen. Sundstrom ist inzwischen mit einer jungen - zunächst als völlig einfältig geschilderten - Frau verheiratet, die er in der sowjetischen Zeit als Waise aufgenommen hatte. Die Eltern dieses Häschens, die ihren Ehemann genauso wie die DDR, wie Stalin und die sowjetischen Errungenschaften bewundert, wurden als deutsche Kommunisten in der SU verhaftet, die Mutter starb im Gefängnis, der Vater kam bei seiner geplanten Auslieferung an die Nazis um. Nachdem sie halbwegs erwachsen war, wurde sie die Geliebte und Ehefrau von Sundstrom. Natürlich ist sie von Beruf ebenfalls Architektin.
Stefan Heym bezeichnet Julia in seinen Erinnerungen als die »Zentralfigur des Buches«, die sich auf die Suche nach der Wahrheit begebe. Doch bleibt sie ihrem Klischee verhaftet, als werdender Gutmensch wird sie fast noch unerträglicher als vorher: »Aber so ein Mensch war sie nicht; wer eine neue Welt errichten wollte, durfte nicht zurückschrecken vor dem Unbekannten.« Julias Läuterung ist keine Emanzipation, der Leitstern Sundstrom wird lediglich durch den Leitstern Tieck ersetzt. Im »Land der Frauen«, wie die DDR sich gerne selbst nannte, musste weibliche Auflehnung anscheinend männlich begleitet werden. Heym schildert den Kleinbürgersozialismus so, als sei er noch in ihm verhaftet. Seine Figuren jedenfalls können ihn nicht überwinden. Sie sind dann am unkritischsten, wenn Heym sie zweifeln lässt, und ihre Kritik am realen Sozialismus der DDR bleibt so immanent wie ihr eindimensionaler Seelenzustand.
Interessant an Heyms Roman ist einzig die leider nur angerissene Architekturdebatte. Der Rückgriff der Sowjetunion der dreißiger Jahre und der DDR der fünfziger Jahre auf die Architektur des vorrevolutionären Russland und die Absage an die Moderne, die sich in den zwanziger Jahren mit der Revolution verbündet hatte, fand in der DDR ihren Ausdruck in der »Ersten Straße des Sozialismus«, die damalige Stalinallee und heutige Frankfurter Allee. Hermann Henselmann alias Sundstrom war ihr Architekt und gilt heute noch als der Chefarchitekt der DDR. In seinen Anfängen gefiel ihm das Bauhaus. Tieck hält im Roman noch an seinen funktionalistischen Anfängen fest, während Sundstrom in der Stalinallee die Entwürfe Albert Speers für Charlottenburg kopiert und sie als seine eigenen verkauft. Doch Heym bleibt auch hier an der Oberfläche. Auf die Anfälligkeit einiger Bauhausvertreter für den Nationalsozialismus geht er nicht ein, die Bauhausphase von Sundstrom und Tieck wird mit deren politischer Aufrichtigkeit gleichgesetzt. So wenig wie es Sundstrom schafft, seine Architektur »in Übereinstimmung mit dem angeborenen Schönheitssinn der Arbeiterklasse« zu bringen, so wenig schafft es Heym, deutlich zu machen, wie die Lebenslüge dieses Architekten funktionieren konnte.
Stefan Heym: Die Architekten. C. Bertelsmann, München 2000, 382 S., DM 46