Die letzten Idioten
Wenn du sagt, du bist links, halten dich alle für einen Idioten«, erzählt der Student Ratibor Trivunac. »Die Sozialistische Partei von Milosevic und die Jugoslawische Vereinigte Linke haben als Regierungsparteien immer behauptet, links zu sein. Links ist damit komplett diskreditiert.« Für den Philosophiestudenten ist das allerdings kein Grund, sich von der Linken zu distanzieren. In Serbien als Idiot zu gelten, das könne nur heißen, einigermaßen »normal« zu sein.
Zu Milosevics Zeiten trug er ein Bakunin-T-Shirt, um, wie er sagt, von anderen angesprochen zu werden und so herauszufinden, ob es noch weitere Idioten in Serbien gebe. Heute reicht ihm ein dezenter schwarz-roter Anstecker mit der Aufschrift CNT am Kragen des dunkelblauen Lodenmantels, um seine politische Identität als Anarchosyndikalist zu demonstrieren. »Wir haben hier die riesige Aufgabe, die Linke in Jugoslawien neu zu gründen«, erklärt er ganz unbescheiden.
Den bisher größten Triumph können Ratibor und seine Polit-Combo im Studentenklub der Philosophischen Fakultät vorweisen. Dort hängt seit der »Oktoberrevolution«, als Milosevic gestürzt wurde, die schwarz-rote Fahne der Anarchisten, die nach dem Ende des jugoslawischen Staatssozialismus wieder deutlich mehr ideologischen Appeal hat. Die Bereitschaft der restlichen Belgrader, als »Idioten« zu gelten, hält sich jedoch in Grenzen.
Die linke Szene in der Zwei-Millionen-Metropole, ehemals das intellektuelle Zentrum Jugoslawiens, ist durchaus überschaubar. Trotzdem erscheint den Anarchos die momentane Phase als das Ende der politischen Eiszeit. Die neuen Machthaber seien zwar »neoliberal und nationalistisch«, meint Ratibor, aber vor dem Machtwechsel sei alles »einfach scheiße« gewesen. Er meint damit nicht nur Nationalismus und Krieg. »Anders als ein zwölf Stunden redender Castro oder Gaddafi mit seinem grünen Buch«, seufzt Vladmarx, ein Freund Ratibors, »war Milosevic einfach nur langweilig.«
Wenigstens über langweilige Politiker in Serbien kann sich die Linke heute nicht mehr beklagen. Im Parlament sitzen zum Beispiel Modedesignerinnen, die ihre politischen Statements mit dem Erfolg begründen, den ihre jüngsten Kreationen in Milano hatten. Außerdem sitzt da noch Miki Vujovic, Besitzer von TV-Palma. Unermüdlich kämpft er für die historische Wahrheit, indem er etwa die unumstrittene Führungsrolle der Serben bei der Eroberung Trojas referiert. »Ob das wohl Ansätze linker Idiotie sind?« fragt sich Vladmarx.
In der Bevölkerung herrscht Aufbruchstimmung, immer wieder hört man in Belgrad den Ausruf: »Zehn Jahre!« Gegenseitig bestätigt man sich so, dass es jetzt Hoffnung auf bessere Zeiten gibt, weil es schlimmer als in der Milosevic-Dekade nicht mehr werden könne.
Selbst die kleinen linksradikalen Gruppen und die versprengten älteren Dissidenten, die aus irgendwelchen Gründen auszuwandern vergaßen, hat die Aufbruchstimmung erfasst. Koordinationsnetze, Initiativen, Projekte und Zeitschriften entstehen. Handeln ist die Devise, schließlich hat man Verantwortung! »Unsere Arbeit richtet sich gegen das alte und das neue Regime«, erklärt Andrej Grubacic von der Initiative für ökonomische Demokratie, einem Zusammenschluss der sich an der französischen Attac-Initiative orientiert. »Die neoliberale Politik der neuen Regierung wird viele Widersprüche aufreißen«, prophezeit er. Dass die Linke dadurch neue Spielräume gewinnen werde, glaubt er nicht. Denn das serbische Parlament, so Andrej, sei nicht nur ein Sammelbecken für Spinner, auch rechtsnationalistische Parteien sitzen dort; so z.B. die Partei der serbischen Einheit, gegründet von dem im vergangenen Jahr erschossenen Milizenführer Zeljko Razantovic (»Arkan«).
Trivo Indjic warnt davor, pauschal gegen die Globalisierung zu wettern. Schließlich könne man in Serbien froh sein, endlich wieder das Gefühl zu haben, nicht nur mit den eigenen Volkstrotteln diskutieren zu müssen, sondern auch wieder an die Welt angeschlossen zu sein. In der russischen Salonatmosphäre des Café »Zar« erzählt der ältere Herr von den siebziger Jahren, als er Mitglied der linksoppositionellen Praxis-Gruppe war. Hier eröffnete sich für einen kurzen historischen Moment eine linke Perspektive jenseits des bürokratisierten Staatssozialismus. 1975, fünf Jahre vor Titos Tod, wurde die Gruppe verboten. Die wissenschaftliche Karriere von Trivo Indjic, der als Soziologe an der Belgrader Uni arbeitete, war vorerst beendet. Heute arbeitet er mit den Gruppen des linken Undergrounds zusammen. Eine Begegnung der Generationen, deren Erfahrungen unterschiedlicher kaum sein könnten.
Abseits der kosmopolitischen Szene läuft die Science Fiction »2001 - Odyssee in Demokratie und Normalität«. Aber das Unternehmen hält nicht, was es verspricht, und nicht alles, was unter dem Etikett »neu« firmiert, ist auch neu. In der Silvesternacht spielten altbekannte Rockbands zur ersten demokratischen Jahreswende in Jugoslawien. Zehntausende jubelten unter einem Meer von Nationalfahnen und brennenden Fackeln auf dem Platz der Republik der neuen serbischen Hemisphäre zu. Die ausgeprägte Ambivalenz dem »Westen« gegenüber zeigt sich im Rezept dieser Balkan-Spezial-Mischung: »Fuck the coca, fuck the pizza - all we need is Shlivovitza«.
Das offizielle Event-Management der Umsonst-und-Draußen-Konzerte ist nicht das einzige, was aus der Milosevic-Ära von den neuen Machthabern Jugoslawiens übernommen wurde. Genau diese Kontinuität sei das Problem, sagt Dragomir Olujick. In allen wesentlichen Fragen habe die Clique um Präsident Vojislav Kostunica und den Chef der serbischen Regierung Zoran Djindjic keine anderen Konzepte als ihre Vorgänger, meint der 52jährige Journalist. Dass diese Regierung sich immer noch Bündnis der demokratischen Opposition nennt, sei leere Symbolik.
»Ich bin Kommunist, aber die Anarchisten sind meine Freunde.« Den Aktivismus der jungen linksradikalen Szene belächelt Dragomir. Als Don Quichotte des Anti-Nationalismus hatte Dragomir, der seit 1968 insgesamt zwei Jahre im Knast verbrachte, noch kurz nach dem Beginn des Nato-Bombardements Ende März 1999 versucht, von Belgrad aus eine gemeinsame Erklärung mit dem kosovo-albanischen Historiker Shkelzen Maliqi gegen den Krieg auf den Weg zu bringen. Vergeblich.
Als »Jugofuturist«, wie sich Dragomir in Abgrenzung zu den »Jugonostalgikern« nennt, hat er es besonders schwer, denn das Projekt Jugofuturismus gibt es nur virtuell, im Internet, wo auch sonst. Er wohnt und arbeitet in den Büroräumen einer vom UN-Flüchtlingshilfswerk gesponserten Zeitung. Nicht nur, dass er politische Probleme mit der Blattlinie hat, miserabel bezahlt wird er auch, so dass er sich keine Wohnung leisten kann.
Zwar sei das ökonomische Programm der neuen Regierung neoliberal angelegt, und mit der Wiederaufnahme Jugoslawiens in internationale Finanzorganisationen würden auch die Grundlagen für Strukturreformen bereitet. Die ökonomischen Eliten blieben aber weiterhin an der Macht. Bereits unter Milosevic habe der Privatisierungsprozess begonnen. »Die politischen Funktionäre haben sich längst in Unternehmer verwandelt«, sagt er. Auch der angekündigte Austausch von hohen Verantwortlichen in Militär und Justiz und die Beseitigung von Korruption und Schattenwirtschaft würden der neuen Regierung nicht gelingen. Das seien auch gar nicht erwünscht, vermutet Dragomir.
Was er damit meint, steht in den serbischen Zeitungen, von denen die meisten das Format der Klatschpresse haben. Dort werden unter Überschriften wie »Neue Theorien über die Revolution« jeden Tag irgendwelche Enthüllungsstorys verbreitet. Der glorreiche Sturm der Massen auf das Parlament am 5. Oktober 2000 wird dort nach und nach als ein Theaterstück mit einer halben Million Statisten enttarnt. Die Aktion sei von langer Hand vorbereitet gewesen. Maßgebliche Funktionsträger aus Armee, Polizei und Geheimdiensten hatten demnach Milosevic abgeschworen, als nach den offenkundig verlorenen Wahlen vom 24. September die Luft um ihn herum dünner wurde. Sie liefen zur Opposition über, die ihnen Sicherheitsgarantien gab. Davon künden inzwischen veröffentlichte Telefongespräche zwischen Djindjic und den Anführern der Roten und Schwarzen Barette, den Spezialeinheiten der jugoslawischen Armee. Hochrangige Militärs wie Nebojsa Pavkovic, Generalstabschef der Bundesarmee und Befehlshaber im Kosovo-Krieg, konnten so trotz »Revolution« im Amt bleiben.
Mit Pavkovic soll Ratibor, der die Abschaffung der Armee fordert, demnächst im Fernsehen diskutieren. Die antimilitaristische Kampagne bekommt einen unerwartet großen Zulauf aus dem ganzen Land. »Auch wenn wir die neue Regierung ablehnen, bietet uns die Offenheit nach dem Machtwechsel gute Möglichkeiten«, schätzt Dragomir die neue Situation ein.
Dabei distanziert er sich von den zahlreichen Nichtregierungsorganisationen, die im demokratischen Serbien Hochkonjunktur haben. Finanziert werden die NGO aus den sprudelnden Geldquellen des Westens, der seinen Beitrag zum Aufbau der Zivilgesellschaft leisten will.
Auf keinen Fall will Dragomir mit Sponsoren wie der omnipräsenten Soros-Foundation in Berührung kommen. Das Urteil über sämtliche NGO - von der Antikriegsinitiative Frauen in Schwarz bis zum Zentrum für kulturelle Dekontamination - lautet schlicht: »Neoliberale!«
In Kraljevo, einer 600 000-Einwohner-Stadt in Zentralserbien, sehen linke Gruppen das anders. Sie nutzen das Interesse der lokalen Machthaber, die die Errichtung eines alternativen Kulturzentrums ermöglichen wollen. »Ohne Geld, das es in Serbien nun mal nicht gibt«, erzählt Maja, »könnten wir zum Beispiel unser Magazin Kontrapunkt nicht mehr herausbringen.« Das Heft wird von einer italienischen Friedensinitiative finanziell unterstützt.
Das abschreckendste Beispiel zivilgesellschaftlicher Finanzierung ist aus Sicht der Anarchos die Gruppe Otpor (Widerstand). Otpor ist zweifellos die politisch einflussreichste Gruppierung, ihr wird eine führende Rolle beim Sturz Milosevics zugesprochen. Sie habe es geschafft, so die Einschätzung vieler, die Bevölkerung aus der politischen Apathie zu reißen. Die Gruppe, deren Markenzeichen eine geballte Faust ist, ging mit witzigen Parolen und Aktionen an die Öffentlichkeit. Das jugendlich-kämpferische Image kam an, innerhalb weniger Monate verwandelte sich die Gruppe zu einer massenhaften Jugendbewegung. Die Faust ist überall. Als Graffito an Hauswänden in der ganzen Stadt, gedruckt auf T-Shirts und Plakaten.
Das kämpferische Image der Gruppierung steht allerdings in krassem Gegensatz zu den politischen Inhalten, die die Otpor-Leute vertreten. In der Organisationszentrale in der Knez Michailova, der schicken Einkaufstraße im Belgrader Zentrum, sitzen Jugendliche mit Basecaps vor Computern. Hin und wieder kommen ein paar Kids und holen sich den neuesten Sticker. »Serbien soll einfach normal werden«, meint Vladimir, ein Otpor-Aktivist Anfang 20. Nach der Kampagne gegen »Slobo« ist für ihn jetzt Schluss mit Politik. »Wir haben Milosevic gestürzt, das war's. Jetzt müssen die Politiker sehen, wie es weitergeht.« Er will keine Partys und Konzerte mehr organisieren, sondern selbst feiern.
So wie Vladimir denken die meisten Otpor-Aktiven. Sie haben ihren Job erledigt, jetzt sollen die Experten die »Dinge an den richtigen Platz stellen«. Politik wird von ihnen zu einer Frage der »Kompetenz« erklärt, zum neoliberalen Mainstream gebe es keine Alternative, der Job der Politik sei es, den Kapitalismus zu managen. Djindjic sei ein kompetenter Manager, weil er gute Beziehung in den Westen hat, mutmaßt Vladimir.
Seine Loyalität kommt nicht von ungefähr. Djindjic war es nämlich, der das Label Otpor für sich vereinnahmen konnte. Gegründet wurde Otpor zunächst von einigen Linken nach den Studentenprotesten 1997. Durch geschickte Personalpolitik schaffte es Djindjic, seine Leute an die richtigen Stellen zu bringen und eine scheinbar unparteiische Organisation zu installieren. Auf die Frage, woher das Geld für die massenhafte Verbreitung ihrer Werbekampagnen kommt, lautet die Antwort: »Von den guten Serben im Ausland!« Ob damit auch die USA- und EU-Fonds gemeint sind, aus denen Millionen Dollar an Wahlkampfgelder kamen?
Die Belgrader Linken halten die Otpor-Leute, die sich jetzt als »Watchdogs« ausgeben, für gefährlich. Das Image der sympathischen Jugendbewegung, die den MTV-Award gewann, kaschiere eine knallharte Machtstruktur. Als Security mobilisiert Otpor Hooligans des serbisch-nationalistischen Fußballvereins Roter Stern. Aus dem Umfeld der so genannten Dizelovci, kahlgeschorener Kick-Boxer, die vorzugsweise Lederjacken und Dieseljeans tragen, rekrutierte Arkan seine Leute.
Auch die Stoßtrupps, die am 5. Oktober das Parlament in Brand setzten, stammen aus diesem Milieu. Zu dieser Zeit sorgten die Dizelovci-Stiernacken auch bei der Blockade der Philosophischen Fakultät für Ärger, als sie versuchten, die Streikposten vor der Universität zu überrennen, um Otpor an die Spitze der Bewegung zu setzen.
Das Krieger-Image ist nicht den Hools des Fußballclubs Roter Stern vorbehalten. Milica vom Netzwerk feministischer Gruppen beschreibt, wie die Kriegspropaganda aus Männern »Beschützer« und aus Frauen »zu beschützende Opfer« gemacht hat.
Sie glaubt jedoch, dass das Bild, das sich der Westen vom Balkan und den Balkankämpfern macht, in die Zeit Karl Mays gehört. Der Krieger in Belgrads Fußgängerzonen und Discos kleidet und bewegt sich nicht anders als sein Pendant vor einem Einkaufszentrum in Halle-Neustadt oder im Fitness-Club in Stuttgart-Feuerbach.
Die Dizelovci feiern in den Kellerdiscos der Stadt ausgiebig ihre Heldentaten. Die Hand zum Victory-Zeichen erhoben, grölen sie den Refrain des aktuellen Smashhits: »Ob es so oder so kommt, das ist doch alles eins!« Während sie guter Dinge sind und davon ausgehen, dass sie auch unter den neuen Verhältnissen ihre Macht behalten, könnten auch die Linken einstimmen: Ob so oder so, wir bleiben die Idioten.