14.02.2001
Der letzte linke Student X

Sammelt Informationen!

Heute ist Montag. Und: Heute hat sich der letzte linke Student den Spiegel gekauft. Das macht er immer. Denn: Der letzte linke Student schwört auf den Spiegel. Weil: Im Spiegel findet man engagierten Journalismus ohne Wenn und Aber. Jedenfalls: oft. Und außerdem: Der Spiegel ist immer kritisch. Und hat große Hintergrundberichte. Und noch immer: bissig. Und: Da kann man auch mal herzhaft lachen. Vor allem aber: Schreiben im Spiegel noch sehr viele Linke. Und: Der Spiegel ist ein Wellenbrecher im Kampf gegen Focus. Weil: Der Focus ist nämlich ein rechtes Blatt. Und: erfolgreich. Daher muss man für den Spiegel kämpfen. Denn: Damit kämpft man ja gleichzeitig auch immer noch als Teil des Protestes gegen Strauß und Bayern und so. Also liest der letzte linke Student den Spiegel. Und: Er liest mit gutem Grund. Der letzte linke Student ist sehr gern Teil der Öffentlichkeit. Besonders der kritischen.

Doch der, der sich noch immer Kommunist nennt, ist kein richtiger Teil der kritischen Öffentlichkeit. Und schlimmer noch: Er will es auch nicht sein. Und noch schlimmer: im Gegenteil, der hasst den Spiegel! Ja, der, der sich noch immer Kommunist nennt, verhöhnt den letzten linken Studenten sogar dafür, dass er dem Spiegel glaubt. Und das ist: gemein! Und: Schrecklich dumm ist es auch. Denn sicher ist der Spiegel auch ein bürgerliches Blatt. Aber: Im Spiegel stehen immer viele Berichte über die Geschichte der Linken. So zum Beispiel ein Bericht über das Leben von Ulrike Meinhof. Der hat den letzten linken Studenten sehr berührt. Oder: ein Auszug aus den Memoiren von Gretchen Dutschke. Oder: was über Thälmann. Und jetzt waren im Spiegel ganz offene Berichte von Reinhard Mohr und Cordt Schnibben. Und die waren als Studenten sehr links. Und: Die bekennen sich ganz offen dazu. Und das ganz ohne Scham. Das würde es in rechten Blättern überhaupt gar nicht geben, so was.

Doch: Der, der sich noch immer Kommunist nennt, lässt sich nicht überzeugen. »Der Spiegel ist ein Instrument der Bourgeoisie, sich darin schön zu finden«, sagt er. Und denkt, er hätte einen Aphorismus gemacht. Doch da lacht der letzte linke Student nur. Denn: Der Aphorismus war nicht gut. Und außerdem: Denkt der, der sich noch immer Kommunist nennt, nicht gut. Sondern: wirr. Darum sagt der letzte linke Student jetzt laut in die Mensa: »Wie dumm sind die, die über die Geschichte der Linken nichts wissen wollen! Die Geschichte ist bekanntlich das A und O der Revolutionen!« Das sagt der letzte linke Student und steht auf. Und dreht sich um. Und geht. Er geht, um den soeben errungenen, um den großen Sieg heimzutragen. Jawohl, das tut er. Jawohl, also dieses Wort jetzt, das sollten wir sowieso mal alle mit aller Macht und viel viel öfter sagen.