Dialog der Generationen
Eines ist so gut wie sicher: Der demnächst anstehenden Neuauflage der Ausstellung »Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944« des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) dürfte der kritische Impuls fehlen. Darin sind sich alle linken Kritiker der Neukonzeption einig. So geht etwa für Tjark Kunstreich »die Grundbedingung ihrer polarisierenden Wirkung« verloren. Er vermutet eine Rückkehr zur Revision der Geschichte (1).
Doch welche Wirkung hatte die bisherige Darstellung der Verbrechen der Wehrmacht überhaupt, und was bleibt von ihr erhalten? Dies sind die Fragen, die gestellt werden müssen. Denn die anfängliche Polarisierung ist im Verlauf der Rezeption der Ausstellung immer mehr einer kollektiven Identitätssuche im »Dialog der Generationen« gewichen.
Das Neue an der heutigen Konstellation wird in der Auseinandersetzung mit dem Historikerstreit der achtziger Jahre deutlich. Die Problemstellung hatte damals Michael Stürmer skizziert. In der FAZ beklagte er unter der Überschrift »Geschichte in geschichtslosem Land«, »dass die Bundesrepublik die größte Schwerhörigkeit verzeichne zwischen den Generationen« sowie »das geringste Selbstbewusstsein der Menschen«. Es zeige sich, »dass jede der heute in Deutschland lebenden Generationen unterschiedliche, ja gegensätzliche Bilder von Vergangenheit und Zukunft mit sich trägt«. Dabei sei »die Suche nach der verlorenen Geschichte (...) moralisch legitim und politisch notwendig«. Sein Fazit: »In einem Land ohne Erinnerung ist alles möglich.« (2)
Die »Schwerhörigkeit zwischen den Generationen« mache also den Deutschen zu schaffen. Stürmer vermisst die innere Gebundenheit und Kontinuität, die kollektive Identität in der Zeit - die nationale Geschichte also. Dass ein öffentliches Ereignis wie die Wehrmachtsausstellung die intime Nähe im trauten Kreis der Familie wieder herstellen würde, war damals nicht abzusehen. Denn auch der inzwischen entlassene Leiter der Ausstellung, Hannes Heer, hantierte wie einige andere der jüngeren Generation noch viel zu sehr mit den »Gespenstern der Vergangenheit«, dem »Antifaschismus«, den Stürmer explizit erwähnte. Eine »progressive Erwürgung« der Geschichte von links schädige »die politische Kultur des Landes schwer«, wie Stürmer schrieb. Um den Deutschen wieder Herkunft zu verleihen, wünschte er einen Anschluss an die Geschichte vor 1933.
Doch das verzweifelte Bemühen scheiterte an der »Vergangenheit, die nicht vergehen will«, wie Ernst Nolte zum Auftakt des Historikerstreits schrieb: »Mit der ðVergangenheit die nicht vergehen willÐ kann nur die nationalsozialistische Vergangenheit der Deutschen oder Deutschlands gemeint sein. Das Thema impliziert die These, dass normalerweise jede Vergangenheit vergeht und dass es sich bei diesem Nicht-Vergehen um etwas ganz Exzeptionelles handelt (...) Andererseits kann das normale Vergehen der Vergangenheit nicht als ein Verschwinden gefaßt werden. Aber diese Vergangenheiten (gemeint sind andere Epochen) haben offenbar das Bedrängende verloren, das sie für die Zeitgenossen hatten. Die nationalsozialistische Vergangenheit dagegen unterliegt (...) anscheinend diesem Hinschwinden, diesem Entkräftigungsvorgang nicht, sondern sie scheint immer noch lebendiger und kraftvoller zu werden, aber nicht als Vorbild, sondern als Schreckbild, als eine Vergangenheit, die sich geradezu als Gegenwart etabliert oder die wie ein Richtschwert über der Gegenwart aufgehängt ist.« (3)
Was Nolte alles sagen musste, um jenen »Entkräftigungsvorgang« zu beschleunigen, ist bekannt: Auschwitz geriet ihm zur »asiatischen Tat«, und den linksliberalen Historikern bescheinigte er, dass »die Rede von der ðSchuld der DeutschenÐ (...) allzu geflissentlich die Ähnlichkeit mit der Rede von der ðSchuld der JudenЫ übersehe. (4) Die antisemitische Furcht, die aus einer solchen Beschreibung spricht, ist offensichtlich.
Nur: Was sollte das für eine nationale Geschichte werden, die ihm da vorschwebte? Aufgabe des nationalen Mythos ist es, die kollektive Sinnstiftung des nationalisierten Subjekts möglich zu machen, d.h. die Vergangenheit »lebendig« zu halten. »Entkräftigung« ist da fehl am Platz, und wenn sie ausbleibt, müsste das dem Drang nach nationaler Identitätsfindung zugute kommen. Das Fortleben der Vergangenheit, die Identität des Kollektivs in der Zeit, die innere Bindung, Herkunft, ist dem Subjekt wie dem Mythos wesentlich und mit jeder souveränen Staatsräson eng verbunden. Welche Nationalisten glauben nicht, dass es sich bei der eigenen Nation »um etwas ganz Exzeptionelles«, also Besonderes, handelt? Schließlich soll ihre Herkunft sie als Individuen kennzeichnen.
Würde die Zurückweisung der Einzigartigkeit und auch der Schuld nicht die Drohung enthalten, dass es der Macht auf Vernunft nicht ankommt, könnte beides als Demontage am nationalen Bewusstsein gelesen werden. So kommentierte Wolfgang Pohrt: »Denn wie jeder Entlastungsversuch, der mit der Zurückweisung von Schuld operiert und die Verantwortung abwälzen mochte, so scheitert auch der von Fest und Nolte unternommene an dem simplen Sachverhalt, dass nur der schuldfähige, für seine Tat verantwortliche Verbrecher sich durch Reue und Buße bessern kann, während der nicht schuldfähige Täter, der im Zustand geistiger Umnachtung handelt, ein Fall ist für die lebenslängliche Sicherheitsverwahrung.« (5)
Mit seinem Beitrag zum Historikerstreit hatte Ernst Nolte nichts anderes zu Protokoll gegeben als seine Unfähigkeit, Auschwitz zu denken, sich Deutschland als nationales Subjekt vorzustellen. Gleichzeitig ist jeder seiner Zeilen abzulesen, dass dieser Subjektwerdung alle seine Bemühungen gelten.
Pluralistische Geschichtsdeutung
Ob sich die Kritik Jürgen Habermas' auf die Unfähigkeit oder die Bemühungen Noltes bezog, als er »apologetische Tendenzen in der deutschen Zeitgeschichtsschreibung« angriff, ist unklar. (6) Seine Entgegnung jedenfalls, die den Vorwurf der Apologie im Untertitel trägt, führte ihn von der Kritik der relativierenden und leugnenden Geschichtsschreibung zu einem Plädoyer für einen »breitenwirksamen Pluralismus der Geschichtsdeutungen«. (7)
Durch einen solchen Pluralismus könnte »die kurzatmig pädagogisierende Vereinnahmung einer kurzschlüssig moralisierten Vergangenheit von Vätern und Großvätern dem distanzierenden Verstehen weichen«. In der Diffamierung des Antifaschismus war sich Habermas mit Stürmer also einig. Ihm schwebte allerdings eine »behutsame Differenzierung zwischen dem Verstehen und dem Verurteilen einer schockierenden Vergangenheit« vor, die »die hypnotische Lähmung lösen helfen« könnte. Sie setze die »Kraft einer reflexiven Erinnerung« frei und ermögliche einen »autonomen Umgang mit ambivalenten Überlieferungen«, anstatt wie Stürmer und Nolte »eine revisionistische Historie (...) für die nationalgeschichtliche Aufmöblung einer konventionellen Identität« in Dienst zu nehmen.
Wer sich nur noch fragt, ob Hypotheken abzuschütteln oder anzunehmen seien, hat das Erbe bereits angetreten. Doch Habermas wollte nicht nur seinen konservativen Kontrahenten beibringen, dass sie sich zähneknirschend mit Auschwitz als Teil deutscher Geschichte abzufinden hätten, sondern auch das Positive an dieser Vergangenheit erkennen: Die »Chance, die die Katastrophe auch bedeuten könnte«, läge nach Habermas in der Ausbildung einer »postkonventionellen Identität«, in der die Diskontinuitäten stärker empfunden würden und »nationaler Stolz und kollektives Selbstwertgefühl durch den Filter universalistischer Wertorientierungen hindurchgetrieben« wären - der Menschenrechtskrieg läßt grüßen. (8)
Auch glaubte er beobachtet zu haben, dass »die naiven Identifikationen mit der eigenen Herkunft einem eher tentativen Umgang mit der Geschichte gewichen« seien. (9) Was seine Vernunft hiermit wohl kommunizieren wollte: Wir können keine nationale Identität haben und genau das soll sie sein.
So verteidigte er das Recht der Jüngeren auf Herkunft und nationale Identität, das aber noch nicht in der Einheit der Nation endete, die die konservative Variante vortäuscht, sondern im Pluralismus. Denn auch die Habermas'sche Variante ist wie diejenige Noltes widersinnig. Identität ohne Identifikation, kollektives Staatsbürgerbewusstsein ohne nationale Symbole, Geschichte basierend auf Diskontinuitäten - was soll das sein?
Zu besichtigen waren in diesem Streit zwei nationale Mythen trotz Auschwitz, auch wenn die für Habermas' Argumentation zentrale Feststellung, dass sich »in der Kulturnation der Deutschen (universalistische Verfassungsprinzipien) erst nach - und durch - Auschwitz« hätten bilden können, den heutigen Stand bereits andeutete. (10) Dafür musste aber noch einiges passieren.
Welche der beiden Varianten sich schwerer ertragen lässt, ist nicht leicht zu entscheiden. Pohrt entschied sich damals dafür, dass Habermas »sich den Einwand gefallen lassen muss, dass noch unverfrorener als die Verharmlosung der Vergangenheit nur der Wille ist, aus einer nicht verharmlosten Vergangenheit nationales Selbstbewußtsein zu schöpfen«. (11) Die Beobachtungen Pohrts gingen einher mit einer Prognose, die nach der Wiedervereinigung nicht mehr haltbar ist. »Am Ende: Nationalismus« lautete die Überschrift in konkret, und sie war auch genau in dieser Doppeldeutigkeit gemeint: »Im Einklang mit der Bundesregierung, die in Bitburg auf die Begrenztheit nationaler Rehabilitierungsversuche stieß und die von Andreotti zurechtgewiesen wurde, verdeutlichen die nationalkonservativen Historiker, die jetzt mit Entlastungstheorien an die Öffentlichkeit treten, nur die Aporien und die prinzipielle Ausweglosigkeit eines deutschen Nationalismus nach Auschwitz.« (12)
Genau diese Aporien sind zu verfolgen, auch wenn sie so heute nicht mehr existieren. Zweifellos lässt sich die Absicht des Hamburger Instituts für Sozialforschung als Verwirklichung des von Habermas skizzierten Projekts einer kritischen Aneignung der Geschichte lesen. Vom Ergebnis her betrachtet, also nach ihrer Rezeption, stellt sie sich aber genauso konsequent als Lösung des Problems Stürmers dar. Die »Schwerhörigkeit zwischen den Generationen« ist dem »Dialog der Generationen« gewichen, Antifaschismus ist nun totalitär und Deutschland kein Land ohne Erinnerung mehr. Nur auf dieser Basis ist es möglich, den Tag der Reichspogromnacht zum nationalen Feiertag erheben zu wollen, wie es Außenminister Fischer vorschlug.
Auf dem Weg zur Nation
Auch die »Anzeichen für die Ausbildung einer postkonventionellen Identität«, die Habermas entdeckt haben wollte, sind seit der Wiedervereinigung der offenen Zurschaustellung nationaler Einheit gewichen. Die Einbeziehung der »Vergangenheit, die nicht vergehen will«, wurde für das wiedervereinigte Deutschland in einem zuvor nicht gegebenen Maße notwendig. Einerseits war zusammengewachsen, was seine letzte gemeinsame Erfahrung im NS und in der Niederlage von 1945 hatte. Andererseits bedeutete die Wiedervereinigung die Erlangung der vollen Souveränität und damit die vollständige Aufhebung der als Konsequenz aus dem NS von den Alliierten auferlegten Beschränkungen. Eine nationale Identität, in der die gemeinsame Geschichte von BRD und DDR aufgehoben sein musste, war notwendigerweise auf den NS angewiesen. Gleichzeitig mussten die Deutschen sich selbst und der Welt versichern, dass sie die uneingeschränkte Souveränität nicht wieder zum Anlass nehmen würden, sich als mordende Herrenrasse zu erheben und die halbe Welt in Schutt und Asche zu legen. Doch je mehr die Normalität Deutschlands herbeigesehnt wurde, desto offensichtlicher traten Antisemitismus und Rassismus in Erscheinung.
Während also auf der einen Seite das Volk in den Pogromen von Rostock und Hoyerswerda kundtat, was von einem wiedervereinigten Deutschland zu halten ist, verfolgte die offizielle Gedenkpolitik den konservativen Kurs vergangener Jahre. Die Umgestaltung der Neuen Wache in Berlin mag exemplarisch für den damaligen Bezug auf den NS stehen. Aus einer DDR-Gedenkstätte für die »Opfer von Faschismus und Militarismus« wurde im totalitaristischen Einerlei eine Gedenkstätte für die »Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft«. Zementiert werden sollte, was alle schon immer ahnten: Die Deutschen waren die ersten Opfer der Nazis gewesen und wurden ein zweites Mal durch den stalinistischen Terror um ihren Platz an der Sonne betrogen.
Nachdem mit dem Gedenkjahr 1995 der Höhepunkt der Relativierung erreicht war, kam es in den folgenden Jahren zu einer Verschiebung der vergangenheitspolitischen Diskussionen. Hierfür stehen die Austellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung, aber auch die Goldhagen-Debatte und der Streit um das Holocaust-Mahnmal. Dass es sich bei dem Mahnmal um ein Denkmal der kollektiven Sinnstiftung handeln sollte, brachte Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Ausdruck, als er erklärte, dass er sich einen Ort wünsche, zu dem man gerne geht.
Deutsche Kriegsgeschichte
Dass diese Debatten und insbesondere die Wehrmachtsausstellung im weitesten Sinne nationale Ereignisse werden konnten, ist zunächst verwunderlich. Schließlich hob sich die Ausstellung zu ihrer Zeit deutlich von den relativierenden Geschichtsbezügen ab und thematisierte die Besonderheit des Nationalsozialismus, d.h.Vernichtungswahn und Volksgemeinschaft, und damit Phänomene, die auch für die linksradikale Kritik am deutschen Nationalismus von zentraler Bedeutung sind.
Die Konzeption der Ausstellung spielte hier eine wichtige Rolle. Die Besucher blicken - vermittelt durch die Fotos - auf das Geschehen wie der Fotograf, d.h. vom Standpunkt der Täter. Die Ausstellung beschränkt sich auf Material, das die Täter hinterlassen haben. Vor allem aber werden die Täter in Aktion gezeigt, wodurch dem Massenmord im Unterschied zu den Leichenbergen der Vernichtungslager die Subjektlosigkeit genommen wird. Diese Verschiebung der Perspektive ist im doppelten Sinne notwendig. Erst die Beschreibung der Täter als handelnde Individuen erlaubt, sich von den Bedingungen einen Begriff zu machen, die Auschwitz ermöglichten. Gleichzeitig scheint aber die Täterperspektive, wie der Verlauf der Auseinandersetzung um die Ausstellung zeigt, eine Voraussetzung dafür gewesen zu sein, dass sich die Deutschen über sich selbst verständigen konnten.
Die Wehrmacht selbst wird in ihrer Kriegsführung im Osten nicht als eine Armee dargestellt, die auch zu Grausamkeiten und Verbrechen fähig war, sondern als eine Institution, deren Zweck von vornherein in der Vernichtung bestand. Dieses stellen die Ausstellungsmacher in den Kontext deutscher Kriegsgeschichte. Der Vernichtungskrieg hatte dem Hamburger Institut zufolge seine Ursprünge bei Clausewitz, seine Premiere erlebte er im Ersten Weltkrieg in der Schlacht um Verdun. Die Steigerung des Vernichtungskrieges war der »totale Krieg« der Nationalsozialisten. Der »totale Krieg« mobilisiert die ganze Bevölkerung und ist nicht nur Aufgabe einer Armee. »Er ist total, er schafft sich im Vollzug seine Feinde, er hat sein Ziel in sich selbst, und er ist auch total in zeitlicher Hinsicht: er endet nicht, wenn seinen Exekutoren nicht ein Ende gesetzt wird.« (13) Die Verbrechen waren damit keine Einzelhandlungen oder nur von den Soldaten vollzogen, sondern sie waren »Taten des Jedermann« (Jan Philipp Reemtsma). Damit steht eigentlich jeder vor den Erschossenen und Gehängten posierende Wehrmachtssoldat stellvertretend für einen Volksgenossen und damit symbolisch für die generelle Haltung der Deutschen im NS.
Verbunden mit dem Wissen, dass sich im kollektiven Beschweigen der Vernichtung die Volksgemeinschaft schließlich über 1945 hinaus rettete und bis heute virulent blieb, hätte die Ausstellung also auch ein Beitrag zur Kritik der Nation werden können. Durch das Reflexverhalten der AusstellungskritikerInnen wurde diese Sicht auf die Ausstellung geradezu bestätigt, denn die rechten Hardliner und große Teile der CDU griffen diese und die AusstellungsmacherInnen scharf an. Die Rechten fanden ihr Bild von der »sauberen Wehrmacht« beschmutzt.
An der Münchener Station der Ausstellung, wo die rechten Proteste ihren Höhepunkt fanden, lässt sich allerdings auch die Wende in der öffentlichen Wahrnehmung festmachen. Die Austellungseröffnung wurde einerseits von starken CSU- und Nazi-Protesten begleitet, andererseits kam selbst das Feuilleton der FAZ nicht umhin, die CSU in ihre Grenzen zu verweisen und die Ausstellung emphatisch zu loben: »Heute wollen viele sprechen, erzählen sogar die Täter. Mancher möchte frei werden von dem Bild, das er von sich zurechtgezimmert hat. (...) Es zeigt, dass die Ausstellung, was immer man gegen sie einwenden kann, eine verborgene Wunde, ein Trauma getroffen hat.« (14)
Das gegenseitige Zuhören wurde vom Institut für Sozialforschung begrüßt; Hannes Heer prägte damals den auch heute noch gängigen Begriff vom »Dialog der Generationen«. Mit dem Übergang »von der großen Historie in die Familiengeschichte« (Heer) verschob sich die Diskussion um den NS hin zum innerfamiliären Umgang mit den Tätern. Den damit korrespondierenden öffentlichen Austausch deutscher Befindlichkeiten leitete Otto Schily in einer Bundestagsdebatte (15) zur Ausstellung ein: Alle empfänden tief, so Schily, erzählten sich von Opi und Vati, von individuellen Schicksalen, wie es ihren Eltern oder Großeltern im NS erging, und setzten gleichzeitig die nationale Aussöhnung in Gang.
Exemplarisch für die anerkennende Handreichung an die Tätergeneration stand die grüne Bundestagsabgeordnete Christa Nickels. Sie berichtete erst einfühlsam über ihren SS-Vater, der auch »unendliche entsetzliche Schuld auf sich geladen« habe, um dann mit den Worten, »aber ich empfinde das, was ich gesagt habe, nicht als Nestbeschmutzung, weil jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich meine Eltern - auch meinen Vater - liebe und geliebt habe«, eines klarzustellen: Die Wahrnehmung der Eltern als Täter und die Beschäftigung mit ihren Taten sollen mit einer Verurteilung dieser Generation und einer Kritik Deutschlands nichts zu tun haben. (16) Der Wunsch, »endlich einmal in aller Ruhe darüber reden« zu können (Nickels), führt nicht zu einem Bruch mit verschrobenen Familienstrukturen und zu einem Entsetzen über deutsche Verhältnisse, sondern bekundet das prinzipielle Einverständnis mit dieser Nation.
Eine eigene Geschichte
Die Wiederentdeckung der Familien-geschichte bzw. die »Beendigung des Krieges in unserem Volk« (Heer) durch die Wehrmachtsausstellung stellte ganz neue Bedingungen für die nationale Kollektivbildung her, wie sie bei einem Verharren auf Abwehr, Leugnung und Relativierung nicht hätte möglich sein können. Bereits Ende der sechziger Jahre konstatierten Margarete und Alexander Mitscherlich in »Die Unfähigkeit zu trauern« besorgt, daß die »Vorgänge, in die wir schuldhaft verflochten sind (...) nicht im Nacherleben mit unserer Identität verknüpft« (17) würden. Leugnung und Abwehr verunmöglichten die »libidinöse Besetzung« der nun geltenden parlamentarischen Regierungsform, »politischer Immobilismus« und fehlende Phantasie zur Gestaltung der sozialen Probleme seien die Folge. Auch sie wollten ebenso wenig wie die AusstellungsmacherInnen »Anklage erheben«, sondern einen »Notstand« beheben und die »Chancen für den freundlichen Deutschen« (18) vermehren. Weitsichtiger als der einfache Volksgenosse, begriffen sie schon damals, dass auch das außenpolitische Agieren von der Annahme der Vergangenheit abhängt, »da sich mit dem deutschen Nationalgefühl nun einmal für unabsehbare Zeiten die Erinnerung an Auschwitz und Lidice verbindet und der blitzartige Szenenwechsel zu friedlichem und emsigem Fleiß und rasch gesammeltem Wohlstand nur zeigt, wie übergangslos sich hier alles ändern kann«. (19)
Die antiautoritäre Revolte der 68er fand hier schließlich zu einer Zeit statt, als der Autorität der Eltern nicht nur - wie in anderen spätkapitalistischen westlichen Gesellschaften auch - die ökonomische Grundlage entzogen worden war. Zugleich stellte die Elterngeneration so etwas wie eine Vergessensgemeinschaft dar, die in ihrer Leugnung der Vergangenheit nicht in der Lage war, staatsbürgerliche Werte, moralische Orientierung und subjektive Geschichte - Bestimmung der eigenen Herkunft - zu vermitteln. Ein Problem, dass ohne Protest kaum zu lösen war. Nur mit der Distanzierung von den Vorfahren konnte darauf reagiert werden, dass nicht geredet, dass das Material für eine subjektive Geschichte verweigert wurde. Hinter der Abkehr von den »moralisch abgewirtschafteten« Autoritäten stand, so lässt sich heute nach der Annahme des Erbes durch die 68er sagen, »der - oft unbewußte - Wunsch, die Eltern noch als moralische Subjekte wiederfinden und anerkennen zu können«. (20)
Und genau die Erfüllung dieses Wunsches scheint der Grund dafür zu sein, dass Ende der neunziger Jahre »längst bekannte Tatsachen« - so der Jargon der Ausstellungsgegner - zum Ausgangspunkt kollektiver Erbauung werden konnten. Die ehemals revoltierende Generation sitzt nun in der Regierung, sie hat das politische und private Erbe ihrer Eltern und Großeltern anzutreten (21). Gerade wenn diese Generation den nationalen Zusammenhalt bestimmen will, muss sie mit dem NS einen Umgang finden, der den Bezug auf eine gemeinsame Geschichte ermöglicht.
Der »Mythos der sauberen Wehrmacht« stellte dabei den letzten verbliebenen Rückzugspunkt derjenigen dar, die jegliches Schuldeingeständnis verweigern wollten. Der konstitutive Widerspruch des Identifikationsprozesses - die Eltern als moralische Subjekte in einer Situation wahrnehmen zu wollen, in der sie zwar als Subjekte erscheinen, aber in ihrem »moralischen Versagen« gezeigt werden - ist der Grund, warum die Diskussion um die Ausstellung so bruchlos in eine Anklage der Nachkriegsgesellschaft überging.
Das in der unermüdlichen Identifikation mit den Tätern erzeugte Schuldgefühl gilt nicht mehr deren Opfern. Das moralische Versagen der Eltern - selbst schon ein euphemistischer Ausdruck für eine mordende Bande - transformiert sich in das Schuldeingeständnis der Nachkommen, die Täter mit ihrer Schuld allein gelassen und obendrein auch noch angeklagt zu haben. Auf die Frage in der Zeit, ob die Debatte um die Ausstellung als »Kampf um Erinnerung« zu begreifen sei, antwortete Hannes Heer: »Die meisten (Besucher aus der Tätergeneration; d.V.) begreifen es als Chance, und sei es auch nur, um zu sagen, wir sind damals von der Nachkriegsgesellschaft schlecht behandelt worden, die hat uns nicht zugehört; was wir alles erlitten haben, hat keinen wirklich interessiert. Da kommt als Grundton durch - ich übersetze es einmal -: Laßt uns jetzt noch einmal darüber reden, vielleicht kann noch etwas gutgemacht werden.« (22)
Ist dieser »Grundton« erst einmal anerkannt, schweigen auch die Täter nicht mehr. Sie erkennen die Zeichen und fangen von selbst an zu sprechen. Sie artikulieren das Bedürfnis nach »Entschädigung«, nach Anerkennung ihrer schweren Zeit. Es kommt die schmerzhaft erfahrene Niederlage zum Ausdruck, die sie nach eigener Wahrnehmung im aufopferungsvollen Kampf gegen die imaginierte »jüdische Weltverschwörung« erlitten hatten. Hier dürfte der reale Grund des Traumas liegen, von dem sich die FAZ befreien will.
Der Therapeut der Republik
Aber auch diese Einsicht könnte aus der Perspektive der »Unfähigkeit zu trauern«, d.h. in sozialpsychologischer Perspektive, als wirkliche Läuterung gedeutet werden. Wenn die »Unfähigkeit zu trauern« ihren Grund in der narzisstischen Kränkung hatte und zunächst die Unfähigkeit zur Trauer um den Verlust des Führers meinte, dann dürfte der »Therapeut der Republik« (taz über Hannes Heer) zumindest dazu beigetragen haben, dass die Gefahr der »Wiederkehr des Verdrängten« gebannt wäre. Da die Nation aber weder Familie noch Individuum, sondern ein staatliches Gewaltverhältnis ist, das auf seine Geschichte als seinen mythischen Grund und Boden angewiesen bleibt, ist mit reiner Sozialpsychologie wenig erreicht.
Die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Auschwitz ermöglichten, bestehen sowohl im Allgemeinen - Kapital und Staat - wie auch im Besonderen - deutscher Staat - weiter. Die einzige adäquate politische Konsequenz aus dem Nationalsozialismus, sich in welcher Form auch immer als deutsches Volk unfeierlich aufzulösen, bleibt weiter unerfüllt. Solange ein solcher Akt nicht in Sicht ist, bleibt die Frage des konkreten Bezugs auf die Vergangenheit entscheidend.
Ginge es bloß um die Wiederherstellung der heimeligen Einheit der Familie und des schuldübertragenden und Verantwortung abtretenden »Dialoges der Generationen«, wäre man fast versucht, dem nationalen Kollektiv die Wiederentdeckung der Familiengeschichte zu lassen, solange sie in einem negativen Bezug zum NS steht. Allerdings hat die bisherige Geschichte gezeigt, dass, wann immer das Volk mit sich uneins ist oder sich im moralischen Erneuerungsprozess befindet, es andere darunter leiden lassen muss. So offenkundig sich jede vergangenheitspolitische Diskussion im Dienst äußerer, immer auch außenpolitischer Zwecke vollzieht, entwickelt sie doch über rationale Machtpolitik hinausgehende Momente.
Frei nach dem Freudschen Therapieschema - Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten - musste schließlich Jugoslawien 1999 als »Fratze der eigenen Geschichte« (Verteidigungsminister Rudolf Scharping) für die praktische Vergangenheitsbewältigung herhalten.
Hier hat der Wandel des Nationalmythos seinen Platz: Waren die politischen Parteien und Generationen an der Frage des NS vorher grundsätzlich auseinandergegangen, als Verdrängende auf der einen Seite, Fragende und Kritisierende auf der anderen, so scheint mit der Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung die gespaltene Seele des Kollektivs geheilt zu sein. Mit der Annahme des Verbrechens wird die »Ausweglosigkeit eines deutschen Nationalismus nach Auschwitz« (Pohrt) scheinbar überwunden.
Gerade die Verdrängung des NS und die reflexhafte Abwehr eines jeden Schuldvorwurfes waren es, die die Furcht vor einer Wiederkehr des Verdrängten begründeten. Heute stehen wir vor einer Situation, in der das bisher geheime Gründungsverbrechen offen zum Grundstein einer deutschen Identität erklärt wird. Auschwitz wurde von den Deutschen angenommen. Diese Annahme der negativen Geschichte wird geradezu als »Befreiung« begriffen - so als ob man sich einer schweren Schuld entledigt hätte, so als ob endlich der Verdacht der Komplizenschaft genommen wäre. Prägnant formulierte es der Zeit-Herausgeber Theo Sommer: »Je eindeutiger wir die Vergangenheit annehmen und je offener wir darüber diskutieren, desto selbstverständlicher dürfen wir ein halbes Jahrhundert nach Hitlers Krieg wieder aufrechten Ganges in der Reihe der Völker auftreten. So betrachtet können uns die Bilder der Ausstellung frei machen.« (23)
Das Gefühl der Befreiung scheint so intensiv zu sein, dass Sommer wieder in die alte Terminologie zurückfällt. Wäre es bloß Hitlers Krieg und Werk gewesen, so könnte es keine Identifikation mit dieser Zeit geben. Ein solcher Rückfall ist aber wiederum nicht ganz zufällig. Ist das Belastende der Vergangenheit abgeschüttelt, bleibt ein impliziter Vorwurf des Versagens und der Mitschuld gegenüber den Alten. Das haben die heutigen Nazis sehr schnell begriffen. Deswegen wurde die Mobilisierung gegen die Wehrmachtsausstellung für sie - vor allem im Westen - zu einem ihrer größten Erfolge der letzten Jahre. Sie witterten das logische Verbot des Mythos, wonach es nicht erlaubt sei, die Gründungsväter der Nation als Verbrecher bzw. ihre Taten als Verbrechen darzustellen. »Ruhm und Ehre der Waffen-SS«, die Parole auf den Demos, spricht sich offen für die Vernichtung aus.
Was bleibt?
Dass die rotgrüne Geschichtspolitik sich nicht reibungslos durchsetzt, liegt nicht nur an den Nazis. Die Aporien aus dem Historikerstreit sind nicht aufgehoben, sondern in dem Widerspruch vereint, nationale Identität auf einem Verbrechen aufbauen zu wollen, dass jeden weiteren deutschen Nationalismus diskreditieren muss . Die von Habermas vorgeschlagene »kritische Aneignung der Geschichte« hat stattgefunden, womit die »Schwerhörigkeit zwischen den Generationen« überwunden ist. Auch Noltes Wunsch, dass die Vergangenheit das »Bedrängende« verlieren soll, hat sich erfüllt. Im Unterschied zu Noltes Vorstellung verschwindet das »Bedrängende« aber nicht durch einen »Entkräftigungsvorgang«, sondern durch das Lebendighalten der Geschichte. Auschwitz wird zum offenen Referenzpunkt deutscher Identität und funktioniert als Motor der Geschichtsschreibung und gegenwärtiger Politik. In Replik auf Stürmer müsste es nun heißen: In einem Deutschland mit Erinnerung ist alles möglich.
Und das eben ist das Neue an der neuesten Geschichtsproduktion. Allerdings rüttelt ein negativer Geschichtsbezug gehörig an der Fiktion der immer schon gegebenen mythischen Einheit der Nation im Volk. Dass diese so wie im »Dialog der Generationen« immer wieder neu herzustellen ist, kann die geschichtspolitische Debatte nicht unberührt lassen. Auf dem Höhepunkt der Versöhnung wird vergessen, dass die Provokation, die die Ausstellung zweifellos darstellte, notwendig war, um überhaupt in den Dialog treten zu können.
In diesem Moment kann die zeitweilig abgekoppelte Rechte wieder in die Debatte eingreifen. Dies spielt eine wichtige Rolle bei der Schließung der Ausstellung. Die notwendige Provokation soll nicht notwendig gewesen sein, weshalb Hannes Heer zum reinen Ankläger stilisiert werden muss. Sein versöhnlerischer Gestus kann so eingemeindet werden.
In »Empathie und Erbe« deutet Günther Jacob daher die aus heutiger Sicht vorläufige Schließung der Ausstellung nach dem Motto: »Aufgabe erfüllt«. Mit dem Kosovo-Krieg sei »die Frage nach deutscher Schuld« endültig in diejenige »nach deutscher Verantwortung übergegangen. Die Ausstellung und der Streit um sie sind selbst Geschichte geworden«, zitiert er die FAZ (24). Zu erwarten sei nun eine ganz andere Ausstellung. So werde vom militärgeschichtlichen Forschungsamt »eine staatsoffizielle Wehrmachtsausstellung« gefordert, »die sich auch im Ausland vorzeigen lässt«. (25) Hier droht unterschlagen zu werden, dass die Rückkehr der Deutschen in die Geschichte gerade über die Anerkennung der Schuld lief.
Denn bestehen bleibt auch bei den Konservativen ein Bekenntnis zum Gründungsverbrechen, wie es sich zuletzt in der neuen, im Oktober vergangenen Jahres gestarteten NS-Serie »Holokaust« des ZDF-Haushistorikers Guido Knopp ausdrückte. Zur Begründung gab der linksliberale Historiker Eberhard Jäckel, der dem wissenschaftlichen Beirat der Serie angehört, bekannt: »Der Mord an den europäischen Juden gehört zur deutschen Geschichte. Ihn mit einem englisch geschriebenen Wort zu bezeichnen, kommt einer Distanzierung gleich. Die Schreibweise Holokaust ist ein symbolischer Akt der Aneignung der eigenen Geschichte.« (26)
Denkbar ist daher auch noch eine andere Variante, die zwar auch die alte Wehrmachtsausstellung nicht stehen lassen kann, die auf ihre kathartische Wirkung aber auch nicht verzichten möchte. So könnte sie Anknüpfungspunkte für eine konservative Aufnahme der linksdeutschen Steilvorlage bieten.
Allein das Lob der Welt, wonach in der Neukonzeption der Ausstellung die des Antifaschismus unverdächtige »jüngere Generation« mehr Einfluss bekommt, spricht Bände. Susanne Leinemann beschreibt es so: »Kein scharfes ðVater, wie hast Du Dich unter Hitler verhalten?Ð hat sie (die jüngeren Historiker; d.V.) umgetrieben, sondern ein spielerisches: ðOpa, erzähl doch mal vom KriegÐ lag auf ihren Lippen.« (27) So geht Geschichte. Wer mit Opi »Zeitzeugengespäche« führen will, darf sich seiner Zuneigung sicher sein.
Mit der überall anzutreffenden Bemerkung, dass die Wehrmachtsausstellung den Forschungsstand von 1995 wiedergegeben habe, also nichts wirklich Neues enthalte, wird die Geschichtsschreibung verantwortungsvoll an jene Zunft zurückgegeben, die für die Verwandlung des Mythos der Nation in Objektivität zuständig ist: die deutschen Historiker. Im Reich der Quellen und Fakten sind alle Taten die von Einzelnen; über das Kollektiv lässt sich nur »differenziert« reden. Sicherlich enthält diese Wendung wieder die Zurückweisung der alten Kollektivschuldthese. Da die Annahme der Vergangenheit der nationalen Sinnstiftung offenkundig aber nicht im Wege steht, ist dem Differenzierungszwang seine ursprüngliche Funktion abhanden gekommen und er wird wohl keine mobilisierende Kraft mehr entwickeln können.
Deutsche Geschichte
Eine ähnliche Wendung ist in der Rückkehr zur Totalitarismustheorie zu beobachten. Während die alte, konservative Variante mit dem Verweis auf andere, »totalitäre System« den NS relativierte, tritt heute eher der umgekehrte Effekt zutage. Aus jedem vormals »totalitären Staat« wird ein nationalsozialistischer.
Auch Jan Philipp Reemtsma liefert mit seiner historischen Anthropologie das Seine für eine solche Art von Totalitarismustheorie, hält er sie doch für die geeignete Art der Historisierung: »Irgendwann kommt jede Historiographie aus der Geschichtspolitik heraus und wird historische Anthropologie, die uns verstehen lehrt, unter welchen Bedingungen Menschen ihresgleichen umbringen und zu Tode quälen.« Und: »Aber da ist wieder die Frage zu stellen, wann Vorurteile - die tatsächlich zur Gattung Mensch gehören, als Mittel zur Vorsortierung der Komplexität der Welt - mörderisch werden.« (28)
Dass er ausgerechnet den nach 1933 vollzogenen Austritt der Deutschen aus der Menschheit zum Ausgangspunkt seiner Menschenkunde macht, ist mehr als erklärungsbedürftig. Oder ist neuerdings der Mensch des Menschen Nationalsozialist? So kann Die Welt zurückfragen, ob »bei so allgemeinen Fragen nicht tatsächlich die Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen in den Hintergrund« trete und sich ihrerseits ein antifaschistisches Kriterium zu eigen machen, um es dann von der anderen Seite zurückweisen zu lassen. (29)
Auch lässt Reemtsma inzwischen die gelungene deutsche Vergangenheitsaufarbeitung nicht erst 1968, sondern bereits 1945 beginnen. Alles andere wäre aus seiner Sicht schließlich eine Provokation. So lautete denn auch seine Antwort auf die Frage, ob das Nachkriegsschweigen zur Zivilisierung der Republik beigetragen habe: »Das kann ich nicht ausschließen. Vielleicht hätte das Reden über die Verbrechen die frühe Bundesrepublik überfordert. Wenn man die frühe Bundesrepublik betrachtet, findet man in dieser Hinsicht viele Dinge nicht in Ordnung, als skandalös. Man kann aber auch den Eindruck gewinnen, dass ein nicht zu frühes Austragen dieser moralischen Gegensätze zur Beruhigung der Verhältnisse beigetragen hat.« (30)
Was vom »Dialog der Generationen« übrig bleibt, ist deutsche Geschichte. Geschichte aber geht, vermittelt durch die herrschaftliche Konstitution, über ihre Opfer hinweg. Ihre Einheit, die es erlaubt und erfordert, sie begrifflich zu fassen und davon zu sprechen, dass es eine Geschichte gibt, lebt von der Gewalt, mit der sich die Herrschaft historisch zu verewigen trachtet.
Jede Einsicht, dass einschränkende Konsequenzen gezogen werden müssen, dass es kein Vergeben, keine Versöhnung mit der Gesellschaft geben kann, die den NS hervorbrachte und mit sich fortschleppt, lebt von der Empathie mit den Opfern, den toten sowohl wie den überlebenden. Nur in deren Erinnerung gehört unmittelbar zusammen, was die Erinnerungskultur der Berliner Republik ebenso auseinander dividiert hat wie »Nie wieder Krieg« und »Nie wieder Auschwitz«: »Kein Vergeben!« und »Kein Vergessen!«. Dasselbe sollte sich für alle anderen aus dem Ekel ergeben, in einer Gesellschaft zu leben, die sich gemeinschaftlich verbunden wissen will mit denen, die im Nationalsozialismus zur Tat schritten.
Das Morgenthau-Plenum aus Hamburg gründete sich während des Jugoslawien-Krieges. Kontakt: morgenthau@gmx.li
Anmerkungen
(1) Jungle World, 49/00
(2) Jürgen Habermas, Ernst Nolte, Michael Stürmer: Historikerstreit. München 1987, S.36ff
(3) ebd., S.39
(4) ebd., S.45
(5) Wolfgang Pohrt: Am Ende: Nationalismus. In: konkret, 1/87
(6) Jürgen Habermas, Ernst Nolte, Michael Stürmer, S.62
(7) ebd., S.73
(8) ebd., S.72
(9) ebd., S.72
(10) ebd., S.75
(11) Wolfgang Pohrt: Am Ende: Nationalismus.
(12) ebd.
(13) Jan Philipp Reemtsma: Die Idee des Vernichtungskrieges. In: Vernichtungskrieg - Verbrechen gegen die Wehrmacht 1941 bis 1944. Hamburg 1995
(14) Renate Schostak: Martern der Geschichte. In: FAZ, 3. März 1997
(15) Plenarprotokoll vom 3. März 1997
(16) ebd.
(17) Alexander Mitscherlich / Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. München 1977, S.26
(18) ebd., S.11
(19) ebd., S.26
(20) Gesine Schwan: Politik und Schuld. Frankfurt/M. 1997
(21) Vgl. hierzu: Günther Jacob: Empathie und Erbe. In: Wolfgang Schneider (Hrsg.): Wir kneten ein KZ. Hamburg 2000
(22) Interview mit Hannes Heer, Jan Philipp Reemtsma und Walter Manoschek. In: Die Zeit, 22/99
(23) Theo Sommer: Nur Hinsehen macht frei.In: Die Zeit, 8/97
(24) Günther Jacob, S. 22
(25) ebd.
(26) Jäckel, Eberhard: »Holokaust« statt »Holocaust«. www.zdf.de
index.html
(27) Susanne Leinemann: Eine neue Generation tritt an. In: Die Welt, 24. November 2000
(28) Jan Philipp Reemtsma: Das hat mit Relativierung nichts zu tun. Gespräch mit Bogdan Musial. In: Die Welt, 16. September 2000
(29) ebd.
(30) Jan Philipp Reemtsma: Das Reden über Verbrechen hat die frühe Bundesrepublik überfordert. Interview in: Die Welt, 5. Juni 1999