Dänemark gilt den Deutschen als Ballungszentrum billiger Sommerhäuser und Hot-Dog-Buden. Dass es um das Image des ältesten Königreiches Europas nicht zum Besten steht, glauben auch die Tourismusmanager. Dänemark will sich zukünftig als Land der unbegrenzten Freizeitmöglichkeiten präsentieren. Dabei bietet es bereits Attraktionen, die noch im Verborgenen liegen. Eine davon ist das Elvis-Presley-Museum in Odense.
Die drittgrößte Stadt Dänemarks ist, wenn überhaupt, bekannt als Heimatstadt von Hans-Christian Andersen. Während das Geburtshaus von Andersen gar nicht zu verfehlen ist, harrt im Industriegebiet ein Kleinod noch seiner Entdeckung. Selbst Einwohner bekennen freimütig, noch nie im Elvis-Museum gewesen zu sein. »Alles, was mit Elvis zusammenhängt, langweilt mich«, gibt Stig Larsen, ein Zufallspassant, zu Protokoll. Dabei ist das Museum einzigartig. Obgleich die Betreiber sich in ihrer Eigenwerbung nicht schlüssig sind, ob es sich nun um das einzige Presley-Museum außerhalb der Staaten oder innerhalb Europas handelt. Dem Besucher kann das egal sein.
Zunächst muss er vorbei an Möbelgeschäften, Grabsteinhändlern, Nightclubs und zwielichtigen Warenlagern. Aber das hochoffizielle und nur wenigen Tempeln der Popkultur vorbehaltene Schild mit der Aufschrift »Elvis-Presley-Museet« weist den richtigen Weg. Keine drei Höfe und Hallen weiter, steht der Besucher vor der »SuperBowl«, wie sich die dänische Variante des Bowling-Centers nennt. Hier, im schlichten Zweckbau aus den siebziger Jahren, hat das Museum seinen Sitz.
Vorbei an einer dänischen Konfirmandengruppe, die vor der Museumstour erstmal eine Runde bowlen geht, führt der beschilderte Pfad treppab in den Keller. Das Entrée ist ausgestattet mit einer Sitzgarnitur, die aus der Ruhezone eines lieblosen Saunabetriebes stammen könnte. Vom Geist des Rock'n'Roll-Zeitalters ist hier wenig zu spüren. Keine Besucher, kein Wachpersonal, schwaches Licht. Auf etwa fünfzig Quadratmetern haben die dänischen Elvis-Fans, allen voran Benny Voljeby, zusammengetragen, was sie kriegen konnten.
Zwanzig Vitrinen, ausgestattet mit Fotos, Zeitungsausschnitten, Platten-Covern und Eintrittskarten dokumentieren bruchstückhaft Leben und Werk der Legende. Dass in manchen Vitrinen die Beleuchtung nicht funktioniert, macht dem Besucher die Sache nicht leichter. Aber der Wille der Betreiber, das Andenken des King in Ehren zu halten, wird durchaus erkennbar. Fehlende Leuchtmittel, Beschriftungen ohne Exponate, umgefallene Bilder, beschädigte Rahmen und eine wahllose Aneinanderreihung von Schaukästen lassen ahnen, welch einsamen Kampf die Elvis-Fans in Odense zu führen haben.
Ein Highlight ist der originalgetreue Nachbau von Graceland aus Presspappe im HO-Format. Selbst das Tor ist ein Zeugnis solider Schlosserarbeit und entspricht im Wesentlichen dem Orginal in Memphis/Tennessee. Ein bisschen hüftsteif stehen Elvis und Priscilla vor dem Portal. Und nur ein kritischer Betrachter wird bemerken, dass es sich dabei um Ken und Barbie handelt.
In einem Brief an den amerikanischen Präsidenten, der in hektographierter Fassung gezeigt wird, dient sich Elvis in rührend einfachen Worten als freiwilliger Secret Agent in Sachen Drogenbekämpfung an. Eine Schriftanalyse dürfte Nixon davon überzeugt haben, von dem Angebot des mehrfach abhängigen Sängers keinen Gebrauch zu machen.
Nach genauer Ansicht aller Exponate fragt sich der Besucher, was er eigentlich in diesem Kellergewölbe mit dem Charme einer umgewidmeten Tiefgarage gesucht hat. Da nervt das plärrende Fernsehgerät, aus dem heraus der King »Are You Lonesome Tonight« singt. Eine Abordnung abtrünniger Konfirmanden jedenfalls schaltet auf der Suche nach MTV solange an dem TV-Gerät herum, bis Elvis Ruhe gibt.
Was den Besucher jetzt noch quält, kann eigentlich nur noch eine Frage sein: Könnte der Typ, der heute morgen aus dem Campingwagen nebenan gekommen ist, Elvis gewesen sein? Die Rubrik »Last Places Ever Seen Elvis« füllt mittlerweile ganze Jahrgänge von Fan-Postillen. Shaun Nielsen ist es vorbehalten, den dänischen Fans des »Official ELVIS PRESLEY Fan Club of Denmark« auf die Frage, ob Elvis noch lebt, Antwort zu geben. Sie lautet rundheraus »Nej«. Shaun sah Elvis 1977 im Sarg in Graceland liegen. Doch er freut sich auf ein Wiedersehen. Wo auch immer.