28.03.2001
Diskursrock I

Was ist eigentlich Diskursrock?

Diskurs. Das ist die geordnete Summe der Diskussionen und Debatten einer Gesellschaft zu einem bestimmten Thema. So hat mir das mal jemand erklärt, der die Worte »Diskurs« und »diskursiv« in jedem zweiten Satz gebraucht. Diese Definition ist zwar vor dem Duden nicht haltbar, aber volkstümlich wie wir sind, übernehmen wir mal diese Auslegung. Wichtig jedenfalls ist, dass es verschiedene Positionen gibt, sonst kommt es gar nicht erst zu einer Debatte.

Doch das Leben wäre ein 50-50-Joker, wenn es nur zwei alternative Positionen gäbe und es nur darauf ankäme, die richtige herauszufinden. Anders als bei Günther Jauch kann es im Leben schon mal vorkommen, dass es massenweise Positionen zu einem Thema gibt und nicht eine einzige davon richtig ist. Oder es gibt mehrere richtige Positionen, die sich nicht ausschließen, sondern ergänzen. Manche Positionen heben sich gegenseitig auf - im Hegelschen Sinne. Andere sind unglaublich postmodern und beschreiben eigentlich mehr so das Herangehen an eine Sache.

Die Zeitschrift Petra hat nun einen Diskurs über Britney Spears ausgemacht. Die Frage sei, warum die zuckersüße, 19jährige Britney mit ihrem ultra sexy Outfit die Männer reihenweise zu geifernden, sabbernden Erektionsträgern macht, gleichzeitig aber Enthaltsamkeit predigt, und no sex before marriage. Laut Petra gibt es zwei Positionen: Frauen denken, dies sei einfach raffiniertes Marketing. Männer hingegen würden gar nichts denken, außer dass Britney - scheiß drauf, was sie erzählt - klasse im Bett sei, Champagner mit dem Strohhalm trinke und rülpsen könne. Also: die ultimative Traumfrau. Die Frage, die wir bei Junkword uns stellen, ist nicht, welche Position richtig ist, sondern: Ist das schon ein Diskurs, nur weil die Petra das mal aufgeschrieben hat?

Definitiv kein Diskurs ist die Frage, ob man eine bolivianische Orchidee nach Michail Gorbatschow benennen darf. Das geschah nämlich kürzlich ganz im Stillen, und zwar durch einen Hildesheimer Gärtnermeister. Die leuchtend rote Blume trägt ab sofort den Namen »Maxillaria Gorbatschowii«. Trotzdem steckt auch hier drin Potenzial: Denn mit dieser Namensgebung, so der Gärtner, solle Gorbatschow für »seine Verdienste für den Erhalt von Natur und Pflanzen« gewürdigt werden. Wenngleich diese Nachricht sprachlich ungelenk erscheint, diskursiv wertvoll ist sie allemal. Denn der Diskurs um die historische Bedeutung des Michail Gorbatschow ist um eine Position reicher geworden. Auch der größte Mist lässt sich eben diskursiv ausschlachten. Davon leben Publikationen wie Junkword oder Petra.

Keine Diskussionen und erst recht keinen Diskurs gab es erstaunlicherweise angesichts der Ehrung der britischen Queen, die jetzt einen Platz in der US-Ruhmeshalle des Rock und Roll in Cleveland erhielt. So hatte ich es jedenfalls gelesen, und ich wartete auf den diskursiven Aufschrei der Yellow-Press, die ja für gewöhnlich keinen Atemzug aus dem Königshaus unkommentiert lässt. Doch nein, das schien niemanden zu stören. Die Begründung für die Ehrung war ja auch einleuchtend: Niemand habe in »der goldenen Ära des Glamour-Rock« der Queen in ihrer »herrlichen theatralischen Extravaganz das Wasser reichen können«. In der Tat! Das musste ich anerkennen!

Dennoch wunderte ich mich, dass der Boulevard und die dort versammelten Rockgrößen dies ebenso einschätzten. Bis ich dann die Meldung noch einmal las und entdeckte, dass es sich gar nicht um die Queen aus Buckingham handelt, sondern um die Rockgruppe Queen, die ja auch aus Großbritannien kommt. Ja, die haben das auch verdient, klar! Und logisch, dass es die Meldung nun nicht mehr zum Diskurs schafft. Aber vielleicht kann man der Königin Queen zumindest ein paar Blumen als Trostpreis überreichen. Vielleicht eine Gorbi-Orchidee.