02.05.2001
Die Sex Pistols und die Grundy Show

Punk - Die Radikalität von '76

Am Abend des 1. Dezember hatten die Sex Pistols gerade Konzertpause, als die EMI-Gruppe Queen ihren Auftritt in der von Bill Grundy moderierten regionalen Londoner Fernsehshow »Thames Today« absagte. Eric Hall schlug ersatzweise die Sex Pistols vor, und der Redakteur Lyndall Hobbs akzeptierte. McLaren war unsicher, weil die Gruppe gerade auf einer Bühne im Roxy Cinema in Harlesden probte und die Heartbreakers genau in diesem Moment aus Amerika angeflogen kamen, aber als Eric Hall eine EMI-Limousine zur Verfügung stellte, willigte McLaren ein.

»Ich traf sie im Studio«, sagt McLaren, »wir saßen im Warteraum, wo man uns Drinks anbot. Wir lasen einen Artikel, der an jenem Tag im NME erschienen war, ein Interview mit den Stranglers, die die Sex Pistols als einen Haufen widerlicher Arschlöcher bezeichneten, besonders Johnny Rotten. Rotten und Matlock haben sich wirklich geärgert. Sie warteten und langweilten sich immer mehr. Schließlich wurden wir ins Studio im vierten Stock geführt.«

»Ich hab so das Gefühl, dass Malcolm sie ein bisschen angestachelt, ein bisschen aufgemischt hat«, sagt Siouxsie, die mit Simon, Steve Severin und Simon Barker geholt worden war, um dem Ganzen ein wenig Pep zu verleihen. »Die Gruppe versuchte, sich lässig und ungezwungen zu geben, war wahrscheinlich aber ziemlich nervös.« »Grundy war schon vor Beginn der Sendung in seiner Garderobe ernsthaft betrunken«, sagt John Lydon, »und extrem unhöflich zu uns allen.«

Zu acht marschierten sie aufs grell erleuchtete Set. Die »Fans« standen hinten, während die Gruppe vorne saß, von links nach rechts: Lydon, Jones, Matlock und Cook. Der Moderator war alles andere als freundlich. »Grundy wollte uns nicht interviewen«, sagt Glen Matlock, »nicht weil er uns fürchterlich fand, sondern weil er nicht viel über uns wusste. Der Produzent hatte ihm gesagt, dass er es tun müsse, also hatte er das Gefühl, dass seine Position untergraben wurde.«

»Die Sache, die den ganzen Ärger wirklich ausgelöst hat«, sagt McLaren, »war die Einleitung der Show, als Grundy einem Fernsehbildschirm mit Texttafeln gegenübersaß. Er las alles ab, und die Sex Pistols lasen laut mit ihm vor, und das hat ihn wirklich wütend gemacht.«

»Den Medien zufolge«, sagt Simon, »sah es so aus, als wären die Pistols mit der Absicht dahin gegangen zu provozieren. Aber so war das überhaupt nicht.« Eine Abschrift des Dialogs offenbart die geschraubte, merkwürdig archaische Banalität.

Grundy: Meinen Sie's ernst?
Glen: Mmmm.
Grundy: Beethoven, Mozart, Bach und Brahms sind gestorben ...
John: Das sind alles unsere Helden, stimmt's?
Grundy: Wirklich? Was? Was haben Sie gesagt?
John: Das sind wundervolle Menschen.
Grundy: Tatsächlich?
John: Aber ja. Wir fahren wirklich drauf ab.
Grundy: Angenommen, andere Leute fahren drauf ab?
John: [leise] Na, dann sitzen sie ganz schön in der Scheiße.
Grundy: Was?
John: Nichts. Ein ungezogenes Wort. [Pause] Nächste Frage!
Grundy: Nein. Nein. Was war das für ein ungezogenes Wort?
John: [im Schuljungenton] Scheiße.
Grundy: War es das tatsächlich? Oh Gott, Sie erschrecken mich zu Tode.
John: Oh, in Ordnung, Siegfried ...
Grundy: Was ist mit euch Mädchen da hinten?
Glen: Der ist doch wie dein Dad, dieser Typ, oder wie dein Opa?
Grundy: Sind Sie besorgt, oder haben Sie einfach nur Spaß?
Siouxsie: Einfach nur Spaß.
Grundy: Wirklich?
Siouxsie: Ja.
Grundy: Aha, hab ich mir gedacht, dass Sie Spaß haben.
Siouxsie: Ich wollte Sie schon immer mal treffen.
Grundy: Ist das wahr?
Siouxise: Ja.
Grundy: Wollen wir uns danach treffen?
[Siouxsie verzieht das Gesicht]
Steve: Du Drecksack! Du dreckiger alter Mann!
Grundy: Okay, mach nur weiter, Chef, mach weiter. Nur zu, Sie haben noch zehn Sekunden. Sagen Sie was Aufsehenerregendes.
Steve: Du dreckiger Bastard.
Grundy: Komm schon, mehr.
Steve: Du dreckiger Ficker.
Grundy: Was für ein schlaues Kerlchen!
Steve: Du verdammter Schweinehund!
[Gelächter der Band und der Fans. Grundy macht die Abmoderation.]
Grundy: Nun, das war's für heute Abend. Eamonn, der andere Rocker, mehr muss ich zu ihm nicht sagen, ist morgen wieder da. Wir sehen uns bald wieder. Ich hoffe nicht [zur Band], dass wir uns wieder sehen. Von mir aus, gute Nacht.
[Abspann und die kecke Titelmelodie. Lydon sieht auf die Uhr, und Steve Jones lässt die lederbekleideten Hüften kreisen.]

Hier bricht die Hölle los. Betrachtet man den »Today«-Ausschnitt heute, wirkt er wie ein einziger Kontrollverlust: Alle acht Leute lümmeln herum, schneiden Grimassen, gucken gelangweilt, man sieht fuchtelnde Hände am Bildschirmrand. Statt höflich auf den Abspann zu warten, wackeln sie zur Titelmelodie mit den Hüften. Und anstatt das ausführende Organ redaktioneller Objektivität zu sein, verliert Bill Grundy die Beherrschung. Statt die offensichtlich launischen Gäste zu dämpfen, fordert er sie heraus und erhält die unvermeidlichen Antworten.

»Als wir runter ins grüne Zimmer gingen«, sagt McLaren, »liefen Steve und Siouxsie an den klingelnden Telefonen vorbei und sagten: 'Hier ist Thames, gehen sie aus der verdammten Leitung, Sie dummer alter Sack.' Der EMI-Chauffeur kam durch die Drehtür geflitzt und brüllte: 'Los Jungs, ich muss euch hier sofort rausbringen. Hier bricht die Hölle los.'«

»Malcolm hat mich einfach geschnappt«, sagt Matlock. »Die Limousine wartete draußen, und wir quetschten uns alle hinten rein. Gerade als wir abfuhren, kam eine Busladung Polizisten an.«

An jenem Morgen häuften sich die Schlagzeilen. Der Daily Express titelte: »Wut über ein schmutziges Gespräch im TV«; die Daily Mail brachte einen Bericht über »Das bizarre Gesicht des Punk-Rock«, der Daily Telegraph über »Schimpfwörter im Rock-TV«; die Sun schrieb: »Rockgruppe entfacht Schimpfwörter-Sturm«. Das Hauptproblem war der Sendeplatz um 18 Uhr 25, mitten in der, wie es der Daily Telegraph formulierte, »glücklichen Familienfernsehzeit«. Der am rechten Flügel der Labour Party angesiedelte Daily Mirror - der wegen der Kompromisse mit dem IWF am meisten zu verlieren hatte - räumte unter der Überschrift »Der Schmutz und die Wut« Platz auf Seite eins ein. »Eine Popgruppe schockierte gestern abend Millionen von Zuschauern mit der schmutzigsten Sprache, die jemals im britischen Fernsehen zu hören war«, verkündete die Ausgabe neben einer Mitschrift des Gesprächs. »Der Fernfahrer James Holmes (47) war so entrüstet, weil sein achtjähriger Sohn Schimpfwörter anhören musste, dass er den Bildschirm seines Fernsehers kaputt trat.«

»Ich habe Malcolm noch nie so in Panik erlebt«, sagt Paul Cook. »Einige Leute glaubten, Malcolm hätte das Ganze inszeniert, was aber überhaupt nicht stimmte«, sagt Ray Stevenson. »Ich ging am nächsten Tag ins Büro, und alle waren völlig schockiert. Sie wussten nicht, was sie machen sollten. Steve kam eine ganze Zeit lang nicht über den Schock hinweg. Malcolm hat ihn wohl nach der Grundy-Show, bevor ihm klar wurde, welche Folgen sie haben würde und wie man sie nutzen könnte, zusammengestaucht.«

»EMI wollte ein Treffen, angeblich wegen der Promotion für die Single«, erzählt McLaren. »Aber es ging natürlich auch um die Nachwehen. An diesem Morgen drängelte sich die Presse vor der Tür in der Denmark Street. Paul und Steve stürzten hinaus und rannten weg, wurden aber im Bogengang bei Dryden Chambers geschnappt. Als wir bei EMI ankamen, wurden sie von der Presse umringt. In allen Fenstern des Gebäudes am Manchester Square hingen Leute, die zuguckten, und draußen stand die Pressemeute mit ihren Kameras.«

»Ich traf Leslie Hill, der mir erzählte, dass sie Probleme mit den Arbeitern in Hayes hatten, die streikten und sich weigerten, die Hüllen für 'Anarchy in the UK' herzustellen.«

Am nächsten Tag wurde EMI selbst zur Zielscheibe der Boulevardpresse, der Skandal war in vier Zeitungen Thema Nummer eins. Die Berichterstattung des nächsten Tages konzentrierte sich auf »Resultate«: Aktionen der Gewerkschaftsverbände gegen die Gruppe, weitere Konzertverbote und Grundys Entgegnung. In den rechtsgerichteten Boulevardblättern wurde die Musikindustrie selbst ins Visier genommen. Die hier verlangten Sanktionen waren erstens, dass die Gruppe »leiden« solle wie Grundy, und zweitens, dass die Plattenfirma moralische »Schritte« zu unternehmen habe. Darüberhinaus entwickelte sich eine postmoderne Herangehensweise an den Skandal, indem die Medien unmittelbar auf die von ihnen angefachte Entrüstung Bezug nahmen.

Ein Feind im Inneren der Musikindustrie. Am dritten Tag veröffentlichte die Daily Mail ein Editorial mit dem Titel: »Moral oder Werte spielen keine Rolle, das einzige, was zählt, ist Geld«. »Die gewieftesten Geschäftsleute in der Popindustrie - raffiniert, ausgestattet mit schnellem Verstand und flinkem Mundwerk - wissen, dass sie das aus drei Akkorden bestehende Produkt immer wieder verkaufen können, sie müssen nur die Verpackung ändern. In jedem neuen Geschäftsjahr versuchen die Männer, die für Geld manipulieren, einen neuen Stil unter die Leute zu bringen. Sie schlagen jede Menge Kapital aus einer grundlegenden Verhaltensweise: dem instinktiven Drang junger Leute, die ältere Generation zu provozieren.« Das war sowohl ein fantastisches Stück Heuchelei, als auch die klarste Formulierung des rechten Standpunkts in dieser Angelegenheit. Es wurde die Standardansicht, die Ronald Butt in der Times in der folgenden Woche ausführlich wiederholte. Was die Zeitungen in ihrer Verärgerung darüber, dass weder McLaren noch EMI Reue zeigten, aber vergaßen: Keiner der Beteiligten hatte die Publicity gewollt, die Grundy ihnen verschaffte.

McLarens coole Überheblichkeit und EMIs lobenswerte Weigerung zu reagieren brachten die Presse auf die Palme. Am vierten Tag rückte Leslie Hill ins Zentrum der Aufmerksamkeit, sein Haus wurde in der Daily Mail abgebildet, seine Nachbarschaft befragt und seine Familie »bloßgestellt«.

Diese Argumente brachten tief sitzende Ängste vor der Zukunft Großbritanniens ans Tageslicht. Die moralische Entrüstung jenes Herbstes galt dem Klebstoffschnüffeln, dem sofortigen, billigen Vergessen. Die größte Angst wurde in Bezug auf die Arbeitslosigkeit mobilisiert. Als während der siebziger Jahre die Rezession einsetzte, stiegen die saisonbereinigten Arbeitslosenzahlen steil an. Im Dezember 1976 hatten sich die 2,7 Prozent vom November 1974 bereits verdoppelt. Die Altersgruppe der 15-24jährigen war am schwersten betroffen. Es waren diese beunruhigenden Zahlen, die Punk in Szene setzte.

Die unvermeidlichen Verurteilungen von Punk spiegelten dessen widersprüchliche Sehnsüchte und Dummheiten wieder, aber sie waren in Begrifflichkeiten gebettet, die vorurteilsbeladen waren und auf so restriktiven Definitionen des sozial Akzeptablen beruhten, dass es leicht fiel, sie abzulehnen. Wer Punk war, wurde plötzlich zum Sündenbock, zum Außenseiter. Diese Erkenntnis - zum Teil wunderbar, zum Teil erschreckend - radikalisierte einen kleinen, aber bedeutsamen Teil einer Generation.

Der Skandal beleuchtete das rücksichtslose Spiel, das die Medien mit Punk spielten und deckte gleichzeitig die Funktionsweise der Musikindustrie auf. Es war sehr ungewöhnlich, die »gesichtslosen« Männer aus den Vorstandsetagen in der Presse abgebildet zu sehen, und darin liegt einer der Ursprünge von McLarens radikalem Ruf. Es schien, als seien die Sex Pistols ein Feind im Innern, der die Musikindustrie infiltriert hatte, um sie durch einen lehrbuchartigen Prozess der »Demystifikation« zu entlarven.

Die unmittelbare Folge für die Sex Pistols war Chaos. Am 3. Dezember fuhren die vier Bands und ihre Manager zu ihrem ersten Auftritt bei der Student Union an der University of East Anglia in Norwich. Das Konzert wurde am gleichen Tag vom Vize-Kanzler abgesagt, was ein Sit-in von aufgebrachten Studenten zur Folge hatte. Inzwischen waren sechs weitere Termine abgesagt worden. Am 4. Dezember hätten die Bands in Derby spielen sollen, aber der von Labour dominierte Gemeinderat bestand darauf, dass die Gruppen vor dem Freizeitausschuss vorsprachen. McLaren entschied, dass keine Gruppe spielen sollte, und gab ein Statement heraus, dass die zwölf Ratsmitglieder zu alt seien, um die Leistung der Sex Pistols beurteilen zu können.

Es wurde McLarens Show. »Es war, als fahre man mit Gitarren statt mit Schippchen und Eimer in den Urlaub«, sagt Ray Stevenson. »Als wir London verließen, hatten wir das Gefühl, wir würden dem Druck entfliehen. Uns war nicht klar, dass derselbe Druck im Norden auf uns wartete. Alles, was wir machen konnten, war, in Hotels einzuchecken und zu trinken. Man konnte draußen nirgendwohin gehen, weil man ständig angesprochen wurde, also schlossen wir uns mit Unmengen von Alkohol ein.«

Die Situation lief rasch aus dem Ruder. Alle Gruppen reisten in einem Bus und wohnten in teuren Hotels, die von EMI in der Erwartung ausverkaufter Konzerte bezahlt worden waren, mussten dann aber feststellen, dass die Auftrittstermine meist schon vor ihrem Eintreffen abgesagt worden waren. Und die Presse lauerte bereits auf weiteren Stoff für sensationelle Aufmacher. In Derby bot News of the World McLaren 500 Pfund für ein Interview. Er lehnte ab, bevor ihm klar wurde, dass er das Geld gut hätte gebrauchen können.

Von Derby fuhr der Bus nach Leeds, wo das Konzert für den Abend des 6. Dezember angesetzt war, nachdem das in Newcastle am 5. Dezember abgesagt worden war. »Wir begriffen langsam, dass es absolut irre war mit der Presse«, sagt McLaren, »also war es das Beste, sich noch irrere Ideen einfallen zu lassen.« Als die Band im Dragonara Hotel in Leeds eincheckte, bekam die Presse, was sie wollte. »Ein Reporter sagte: 'Kommt schon, macht was kaputt', also traten Steve und Paul ein paar Pflanzen um«, erzählt Roadent.

An diesem Punkt legte McLaren den fünften Gang ein und entschied, die ohnehin schon lächerliche Situation auf die Spitze zu treiben. Am Tag des Konzerts in Leeds weigerte er sich, die Band vor den Kameras von Yorkshire TV erscheinen zu lassen, und zog es vor, sich den Fragen selbst zu stellen. Die Pistols wurden wie exotische, bösartige Affen hinter ihm platziert, kicherten und unterdrückten theatralisch ein Gähnen.

McLaren trug ein Anarchy-Hemd, hatte einen Mohairpullover um die Schultern gelegt und setzte eine spöttische Miene auf. Auf Fragen antwortete er mit überdrehter Stimme. Der Interviewer: »Man sagt, dass sie sich auf der Bühne völlig krank verhalten, dass sie das Publikum anspucken und so weiter. Ich frage mich, inwiefern das ein Vorbild für Kinder sein kann?« McLaren erwiderte: »Die Leute verhalten sich überall krank. Die Leute sind krank, weil sie dieses Land leid sind, in dem man ihnen erzählen will, was sie zu tun und zu lassen haben.«

An diesem Abend fand das erste Konzert der Tour in der Leeds Polytechnic statt. Es war eher ein Medienspektakel als ein echtes musikalisches Ereignis. »Die Leute sind wegen der Grundy Show gekommen«, sagt Roadent. Die Sex Pistols waren wild entschlossen, das Feuer zu schüren. Lydon widmete »Anarchy in the UK« »einem Gemeinderatsmitglied in Leeds, Bill Grundy und der Königin« mit einem »Fuck you!«. Das Konzert wurde immer schlechter, als ein Großteil des verstörten Publikums keinerlei Regung zeigte oder rausging.

»Es gab da diese riesige Menge an Schleim«, sagt Julien Temple, der die Tour mit seiner Videokamera begleitete, »weil alle darüber gelesen hatten, dass man Punkbands anspuckt. Es gab richtige Salven aus Spucke, und sie hingen sich echt rein. John sah fantastisch aus mit dieser ganzen Rotze und Spucke im Haar. The Damned kamen zuerst, dann The Clash, dann die Sex Pistols: Hier wurde die Rangordnung der Gruppen festgelegt. The Damned waren eine Radio One-Punkband und The Clash meinten es im Sinne von Labour gut. Die Sex Pistols aber waren absurdes anarchistisches Theater.«

Unter Stress kam McLarens latenter Debordismus zum Vorschein. Es wurde seine Show. In Derby hatte das Ratsmitglied Leslie Shipley durchgesetzt, dass die anderen Gruppen spielen konnten, nicht aber die Sex Pistols. Die Clash und die Heartbreakers zeigten sich solidarisch, aber Rick Rogers, der Road Manager der Damned, gab zu verstehen, dass die Gruppe auch ohne die anderen spielen würde. Nachdem der Bus am 7. Dezember Sheffield erreicht hatte, warf McLaren The Damned aus der Tour.

Mrs Sex Pistol. Die meisten kommerziellen Radiosender weigerten sich, die Sex Pistols zu spielen, und nur John Peel setzte sie bei der BBC durch. Ladenketten wie Boots erwogen, die Single aus dem Sortiment zu nehmen, während kleine Händler, die sie gut verkauften, sich über unzureichende Lieferungen von EMI beschwerten.

Während die Bands in Sheffield waren, eskalierte die Situation mit EMI. Hill hatte sich geduldig, wenn nicht sogar sympathisierend gezeigt, was aber nicht für seine Vorgesetzten galt. Ein Warnschuss war bereits am 4. Dezember abgegeben worden, als der Direktor der EMI, Sir John Read, über die Sex Pistols sagte: »Ihre Art des Angriffs auf unsere Gesellschaft ist ausgesprochen ärgerlich.«

»Es war ein blindes Weitermachen«, sagt Sophie Richmond, »denn wenn wir abgebrochen hätten, wären wir verschwunden. Im Land herumzufahren und diesen ganzen Wirbel zu veranstalten, hieß, dass man uns registrierte.« Sophie, die die Stellung in Dryden Chambers hielt, musste die Absagen und die schwindenden Finanzen der Gruppe managen, wobei ein am 8. Dezember eintreffender Scheck von EMI Publishing das Schlimmste verhinderte. Am unangenehmsten war es, die besorgten Telefonanrufe beunruhigter Eltern von Bandmitgliedern entgegenzunehmen.

»Ich habe meiner Familie erzählt, dass ich ins Fernsehen komme«, sagt Glen, »und meine Cousine, die damals ungefähr sieben war, hat es gesehen. Also rief ich ein paar Tage später an, um mal die Temperatur zu fühlen, und bekam die Ohren voll. Es machte mir keinen Spaß, auf Tour zu sein. Und dann kam noch meine Mutter und sagte: 'Du denkst nicht an uns! Warum hast du deinen Namen nicht geändert?' Sie arbeitete bei den Gaswerken. 'Auf der Arbeit nennen sie mich Mrs Sex Pistol.' Ich kriegte das jedesmal ab, wenn ich zu Hause anrief.«

Jedes Konzert, das sie jetzt spielten, war ein kleines Wunder. Es gab sehr wenige Veranstalter, die sie noch nahmen. Die Situation begann einer Hexenjagd zu ähneln, die in keinem Verhältnis mehr zum ursprünglichen Vergehen stand. Die Sex Pistols waren keiner Gesetzesübertretung angeklagt, noch war davon überhaupt je die Rede gewesen. Das Plattenlabel hatte sie nicht fallen lassen, und die Bemerkungen von EMI über Zensur waren allgemein gehalten.

Erschöpft, pleite, heimatlos. Die Sex Pistols sollten niemals wieder einen Auftritt in England haben, der nicht von einem Skandal begleitet war. Das hatte verheerende Auswirkungen auf die Gruppe. Bis zu ihrer Auflösung im Januar 1978 kamen nur vier neue Songs hinzu, wobei ihre Haltung gegenüber ihrem Publikum und ihrer Musik unverändert blieb. Sie waren Motten im gleißenden Licht ihres Ruhms.

Lydon litt am meisten unter dieser Art von Berühmtheit. Steve Jones hatte die ganze Aufregung verursacht, aber er war nur der Gitarrist und hatte einen langweiligen Namen. Lydon hatte das Gesicht und ein Pseudonym, das Phantasien anregte. »Als ich ihn zum ersten Mal traf«, sagt Debbie Wilson, damals eine seiner engsten Freundinnen, »war er wirklich dürr, jung, sah süß aus und war sehr naiv. Dann sah er älter aus, kommandierte ziemlich viel herum und konnte echt eklig sein. Es war Angst, glaube ich, Angst vor Ruhm. Man ging irgendwo hin, und er wurde erkannt. Er hatte Angst.«

Als Punk endlich bei den »Kids aus den Wohnsiedlungen« einschlug, hatte die Gruppe vorerst voll und ganz damit zu tun, in der Löwengrube zu überleben. Der Electric Circus zum Beispiel war umgeben von großen, zerfallenen Sozialwohnungsblocks aus den dreißiger Jahren. »Der zweite Abend war einfach Aufruhr«, sagt Peter Hook von New Order. »Fußballfans und Geistesgestörte warfen Flaschen aus den Fenstern. Es war wirklich heftig, ein schrecklicher Abend. Punk war bis Grundy Underground gewesen. Danach stellte es alles in den Schatten. Es wurden sehr viele Punks verprügelt.«

Auf der Bühne schienen die Sex Pistols im Vergleich zu den Clash erschöpft. »Der Unterschied zwischen den beiden Auftritten der Clash im Electric Circus war bemerkenswert«, sagt Richard Boon. »Sie glühten. Die Pistols waren den Großteil des Jahres über auf Tour gewesen, die Clash nicht.« Im selben Maß, in dem das öffentliche Ansehen der Clash zunahm, wuchs auch das Misstrauen zwischen den Bands.

Die erste Ausgabe der Zeitschrift Anarchy In The UK kam in Manchester auf den Markt. Sie enthielt eine Mischung aus Fotos von Ray Stevenson, Grafiken von Jamie Reid und eine Extraseite von Vivienne. Lange vor dem Skandal geplant, schienen die extremistischen Phrasen jetzt, da die Sex Pistols die Reaktionen ernteten, auf die sie es mit ihrer Rhetorik angelegt hatten, nur allzu passend. Inmitten der Streitereien in den Vorstandsetagen, der Skandalnachrichten und Auftrittsverbote wirkten Viviennes Slogans nicht albern, sondern ausgesprochen präzise: »Es gibt nur ein Kriterium: Wird der Status Quo gefährdet?«

Nach dem Konzert in Plymouth am 22. Dezember kehrten die Sex Pistols und ihr Gefolge erschöpft, pleite, heimatlos und mit der Aussicht auf eine ungewisse Zukunft nach London zurück. In dieser Woche hatte »Anarchy in the UK« Platz 27 in den NME-Charts erreicht, aber die Gruppe hatte 10 000 Pfund Schulden. EMI hüllte sich in Schweigen.

Extrem dicke Lederhosen. Bevor Postmoderne, Style Culture und Pop in der Fleet Street einzogen, gab es niemanden, der Punk von innen heraus definierte. Die Berichte entsprachen den alptraumhaften Bildern, die Punk heraufbeschwor. »Punkrock-Texte sind dazu da, dem Bourgeois Angst und Schrecken einzujagen«, war im Observer zu lesen, während McLaren mit einer seiner eher extravaganten Äußerungen zitiert wurde: »Hier ist Englands nächste Generation, und wir werden stolz auf sie sein. Es herrscht Klassenkampf, und sie will die Gesellschaft zerstören.«

In den Jahren 1975 und 1976 hatte sich eine amorphe Szene aus Stylisten im Teenageralter, sozial Ausgestoßenen aller Altersgruppen, Geschlechter und sexuellen Präferenzen um die Sex Pistols, SEX und die anderen Bands und Läden in der King's Road gebildet. Es war ein Milieu von hoher Komplexität, das innerhalb der zwanzig Sekunden, die Grundys Interview dauerte, auf weißen, männlichen Rock reduziert wurde, eine Bewegung mit beträchtlicher Energie, Widerständigkeit und verstörenden politischen Ansichten, aber nichtsdestotrotz Rock.

»Viele Leute, die in der Szene unterwegs waren, verschwanden nach dem Grundy-Interview«, sagt John Ingham. »Es wurde sehr schnell blöde, und niemand mit Klasse wollte mehr damit in Verbindung gebracht werden. Sie standen auf Klamotten und Elitäres, und sobald es Rock'n'Roll wurde, wollten sie nichts mehr davon wissen.«

»Mit Bill Grundy war für mich Schluss«, sagt Marco Pirroni. »Plötzlich gab es diese Trottel mit Hundehalsbändern, und auf ihren Hemden stand 'Punk' mit Kugelschreiber geschrieben. Vorher war es wie die Warhol-Szene, Filmemacher und Dichter und Künstler und Gott weiß was. Und danach gab es Sham 69, Jimmy Pursey sprang herum wie ein Idiot, und seine Band hatte lange Haare, Schlaghosen und Hawaiihemden.«

»Bestraft die Punks!«, lautete die Schlagzeile im Sunday Mirror, und die britische Öffentlichkeit nahm sich diese Aufforderung zu Herzen. Die Angriffe waren jetzt nicht mehr nur verbal, sondern physisch. Der erste, der ihr gleich am nächsten Tag zum Opfer fiel, war Jamie Reid: Ihm wurde in der Nähe seiner Wohnung von unbekannten Angreifern ein Bein und die Nase gebrochen. Am folgenden Sonntag ging es dem »Public Enemy Number One«, John Lydon, an den Kragen.

»Chris Thomas und ich waren im Pegasus, in der Nähe der Wessex Studios«, sagt Lydon. »Auf dem Parkplatz griff uns eine Gang messerschwingender Schläger an, die grölten: 'Wir lieben unsere Königin, du Arschloch!' Normalerweise würde ich sagen, dass sie zur National Front gehörten, aber einer von ihnen war schwarz. Es waren einfach nur Jungs, die auf Gewalt aus waren. Ich bekam ein paar üble Schnitte ab. Zwei Sehnen wurden durchtrennt, so dass meine linke Hand für immer im Arsch ist. Ich kann keine richtige Faust mehr machen. Ich werde niemals Gitarre spielen können, weil ich keine Kraft habe. Ich sprang in den Wagen und jemand mit einer Machete hinterher. Er hat mich vom Oberschenkel bis zum Knie aufgeschnitten. Ich hatte extrem dicke Lederhosen an, Gott sei's verdammt noch mal gedankt, weil er sonst den Muskel herausgerissen hätte, und ich wäre jetzt ein einbeiniger Hinkefuß.«

* Auszug aus: Jon Savage, England's Dreaming - Anarchie, Sex Pistols, Punk Rock. Aus dem Englischen von Conny Lösch, 544 S., m.v.Abb., Geb. 58,- DM, Verlag Klaus Bittermann, Berlin. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Jon Savage, Musikjournalist und Historiker, war selbst an den Ereignissen beteiligt.