Wir erinnern uns. Berlins Innensenator Eckart Werthebach (CDU) verbot dieses Jahr die linksradikale 1. Mai-Demo. Die Folge: eine Pflastersteindichte in der Berliner LuftLuftLuft wie seit Jahren nicht mehr. Doch aus unerfindlichen Gründen hält Big Werthebach sein Verbot immer noch für einen Erfolg. Übermütig wie er ist, ließ er im Internetportal www.berlin.de darüber abstimmen. Einem suggestiven Text, in dem fast in jedem Satz Vokabeln wie »prügelnde Chaoten«, »Gewalttäter« oder »gewaltbereite Linksextremisten« auftauchten, folgte in holprigem Deutsch die Frage nach der Meinung zum Verbot der Demo. Außerdem wurde ein Dikussionsforum eröffnet, in dem vor allem der Innensenator beschimpft wurde. Für seine gescheiterte Verbotsstrategie sprach sich kaum jemand aus.
Zwei Wochen lang votierten die Berlinerinnen und Berliner nun per E-Mail gegen Werthebachs Verbot. Am 17. Mai, um 12 Uhr mittags, hatten 3 928 Menschen ihre Stimme abgegeben, davon 85 Prozent (3 321 Stimmen) gegen Werthebach und nur 15 Prozent (607 Stimmen) für ihn. So war das schon die ganzen zwei Wochen über gegangen.
Doch dann passierte ein kleines Wunder. Innerhalb von knapp zweieinhalb Stunden stimmten plötzlich 306 Menschen für Werthebachs Verbot, um 14.30 Uhr stand es nur noch 79 zu 21 Prozent. Bis zum nächsten Tag, 15 Uhr, sammelte Werthebach noch einmal über hundert Stimmen und holte damit zum Endstand von 77 zu 23 Prozent auf. Immer noch eine klare Absage an das Demoverbot, aber nicht mehr das SED-Ergebnis vom Vortag. Um 16 Uhr wurde das Voting dann auf einmal für beendet erklärt. An dessen Stelle erschien ein kurzer Text: »Wir bedanken uns bei den Nutzern für die zahlreichen Zuschriften, die in Kürze ausgewertet werden.«
Die Kürze zog sich ungemein in die Länge. Nun kann man meinen, so viel gibt es da nicht auszuwerten. Die große Mehrheit ist offenbar gegen das Demoverbot und irgendwie scheint es bei den Pro-Stimmen nicht ganz mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Mehr gibt es da ja wohl kaum zu sagen. Für dieses nahe liegende Resümee schienen die Verantwortlichen der Internet-Abstimmung jedoch reichlich Bedenkzeit zu brauchen. Denn in den folgenden Tagen passierte gar nichts.
Bis zum letzten Mittwoch. Da erschien plötzlich nichts mehr auf der Webseite. Null, alles weiß. Und so blieb es. Keine Presseerklärung von Werthebach, keine Analyse der berlin.de-Redaktion. Nur Junk Word bahnt der Demokratie den Weg und veröffentlich hier das Ergebnis. Und wir eröffnen ebenfalls eine Abstimmung: Wenn Sie der Meinung sind, Werthebach sei ein armes Würstchen und Jungle World das Beste, was der Medienmarkt zu bieten hat, dann falten Sie diese Zeitung nach dem Lesen in der Mitte zusammen. In Kürze werden wir das Ergebnis bekanntgeben.