Der letzte linke Student ist glücklich. Denn: Er hat's geschafft. Und zwar: steht er in allen Zeitungen. Das heißt, natürlich nicht wirklich in allen Zeitungen, aber doch immerhin in den zwei Zeitungen, die es in der Stadt gibt. Das sind allerdings: bürgerliche Zeitungen. Dennoch: gut fühlt sich das an.
Der letzte linke Student hat nämlich eine Aktion gemacht. Genauer: eine Kunstaktion. Und zwar: eine Performance. Weil: Es gab ein Problem. Niemand beachtete den letzten linken Studenten und vor allem: Niemand akzeptierte seine Theorien. Aber so konnte der letzte linke Student nicht mehr auf die schlimmen Umstände, die es in der Welt gibt, aufmerksam machen.
Daher hat sich der letzte linke Student etwas überlegt. Wenn nämlich Flugis, Spuckis, E-Mails, Websites, Plakate, Wandzeitungen, Demonstrationen, Menschenketten, Mahnwachen, Leserbriefe, Infotische, Grafitti und Mundzumundpropaganda nichts mehr bewirken und die linke Bewegung nicht mehr stärken, muss man anders an die Leute herantreten. »Mit Theorie kriegst Du keinen Hund mehr hinterm Ofen vor«, hat der, der sich noch immer Kommunist nennt, zum letzten linken Studenten gesagt und hat dabei bitter gelacht. Und der letzte linke Student fand, dass das richtig gesagt ist, obwohl der, der sich noch immer Kommunist nennt, so viel trinkt und Drogen nimmt und sich überhaupt ganz falsch und sehr unlinks ernährt. Und darum hat der letzte linke Student Kunst gemacht.
Und zwar: hat er sich seine NVA-Uniform, die er sich für zu Hause gekauft hat, braun eingefärbt. Die Uniform hat er getragen, wenn er verzweifelt war. Und dann hat sich der letzte linke Student immer im Spiegel angeschaut. Und: fand sich wieder knorke. Aber jetzt hat er mit einem Filzer »SS« auf die Uniform geschrieben. Dann hat sich der letzte linke Student auf den Marktplatz der Stadt gestellt und »Heil Hitler!« gerufen. Eigentlich darf man sowas nicht, das weiß der letzte linke Student natürlich, aber für die Sache darf man es schon. Und Christoph Schlingensief hat sowas auch gemacht. Und der ist auch links geblieben. Und mehr noch: Dem hört man zu. Und außerdem: Kunst darf alles. Das steht sogar im Grundgesetz.
Das war ein Aufruhr auf dem Marktplatz! Leute haben ihn angeschaut, ganz böse, oder weggesehen, richtig voller Abscheu. Und der letzte linke Student hat gemerkt, dass die einfachen Leute die Nazis nicht mögen. Und: Er hat sie alle so provoziert, dass jetzt der Abscheu viel stärker in ihnen ist und dass sie folglich links werden. Oder zumindest linker als sie bisher waren. Als die Polizei gekommen ist, hat er ihnen gesagt, dass er Kunst macht, und die haben ihm den Platz verboten, aber auch eingesehen: Kunst ist frei.
Der letzte linke Student ist zurück in seine Bude gegangen und hat in sein goldenes Notizbuch geschrieben: »Übertreibung ist Transformation. Transfomation ist wichtig für die Linke, sagt Negri. Mittels Transformation besetzt man die Plätze der Nazis und schafft so einen Raum für linkes Gedankengut. Und die Nazis sind aus den Zeitungen und aus den Köpfen verdrängt.« Und als ob er es geahnt hätte: Genauso ist es gekommen. Der letzte linke Student ist heute in beiden Zeitungen ein Top-Lokal-Thema und hat so den Nachrichtenplatz für linke Kultur bekommen. Es wurde heftig diskutiert. Der letzte linke Student hat ein Thema gesetzt. Das freut ihn sehr. Und auch wir sehen: Kunst bleibt politisch, wenn wir nur wollen!