Erklärte Massaker
Nicht die Islamisten töten, sondern allein die Armee.« Seit den großen algerischen Massakern des Jahres 1997 wird diese umstrittene These von einigen französischen Intellektuellen verbreitet. »Qui a tué à Bentalha?« (Wer hat in Bentalha getötet?) ist eins der beiden Bücher, die belegen sollen, dass die schwersten Terrorakte zu Unrecht den radikalen Islamisten zugeschrieben werden. Und tatsächlich: Im Unterschied zu »La sale guerre« von Habib Souaïdia, das vor allem aus einem inhaltlich inkohärenten, zusammengestoppelten Nebeneinander von Aussagen besteht (Jungle World, 28/01), präsentiert sich »Qui a tué à Bentalha?« von Nesroulah Yous trotz einiger Schwächen wesentlich seriöser.
Yous ist Überlebender eines der größten Massaker an der Zivilbevölkerung, das am 22. September 1997 in Bentalha stattfand. Und der Eindruck der Seriösität, den sein Buch erweckt, ist vor allem darin begründet, dass er seine Erzählung an die Entwicklung des sozialen Mikrokosmos zweier Trabantenstädte südöstlich von Algier koppelt, Baraki und Bentalha.
»Qui a tué à Bentalha?« schildert, wie sich der Klimawandel in den Vororten Algiers von 1991 bis 1997 vollzieht. Einige Zeit nach dem Verbot der Islamistenpartei Fis (Islamische Rettungsfront) Anfang 1992, die zur Hoffnung mancher Teile der ärmeren Bevölkerung geworden war, erscheinen die ersten bewaffneten Gruppen. In der Bevölkerung finden sie zunächst Sympathie, da sie gegen ein verhasstes Regime kämpfen. Die Gruppen beginnen, Verbote zu verhängen. Die Bevölkerung soll aufhören zu rauchen, keinen Alkohol trinken, nicht fernsehen, nicht ins Café gehen und kein Domino spielen. Zunächst bleibt es bei simplen Ratschlägen, doch bald werden die Verbote mit immer rigoroseren Strafen durchgesetzt. Anfangs werden die Gruppen von den Bewohnern der Viertel unterstützt, doch bald beginnen sie, materielle Hilfe zwangsweise einzutreiben. Die Sympathien der Bevölkerung werden geringer, und es verbreitet sich die Angst vor der Tyrannei der islamistischen Gruppen.
Diese Schilderungen Yous' decken sich mit den Analysen, die man in »La guerre civile en Algérie« von Luis Martinez findet, einem der besten Bücher über den algerischen Bürgerkrieg. Martinez beschreibt ausführlich die »islamistische Kriegsökonomie«. Er schildert sie als eine Raubökonomie im Kontext einer zusammenbrechenden Dritte-Welt-Wirtschaft, an deren Entwicklungsmodell längst nicht mehr alle Bewohner partizipieren können.
Mit der Unabhängigkeit entstanden 1962 zwei verschiedene Methoden zur Verteilung der Güter, die die Kolonisatoren zurückgelassen hatten. Erstens eine Bewegung zur kollektiven Aufteilung und Bewirtschaftung des Großgrundbesitzes und zur Selbstverwaltung in der Produktion. Zweitens teilte die Armee die »Beute« unter ihren Angehörigen und deren Klientelgruppen auf. Und dieser Verteilungsmodus wurde schließlich autoritär durchgesetzt. Die nach dem Krieg aufgewachsenen Jugendlichen sahen sich mit einer Kaste konfrontiert, die ihren Reichtum mit ihrer Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg rechtfertigte. Laut Martinez träumten diese jungen Leute nun davon, dasselbe zu erreichen und sich durch ihre Teilnahme an einem gerechten Krieg, in diesem Fall gegen ein »gottloses Regime«, zu bereichern. So entwickelte sich die parasitäre Raubökonomie. Schnell wandte sich die Bevölkerung von den islamistischen Gruppen ab.
Genau diesen Prozess untersucht Yous. Die Bewohner der von ihm beschriebenen Viertel beginnen 1996/97, Selbstverteidigungsgruppen und Milizen zu bilden, die Waffen von den Militärs erhalten. Die islamistischen Gruppen werden immer brutaler und sehen gleichzeitig ihren Einfluss schwinden. In dieser Situation kommt es zu den großen Massakern an der Zivilbevölkerung im Spätsommer 1997. Yous erklärt sie damit, dass die Terrorgruppen mehr und mehr in die Enge getrieben wurden.
Allerdings entscheidet er sich dafür, in die ansonsten bedrückend realistische Schilderung des Massakers von Bentalha immer wieder Anspielungen einzustreuen, mit denen er zu verstehen gibt, dass er nicht die Islamisten der Gia für die Täter hält, sondern Angehörige der Armee. Natürlich ist in der Dunkelheit und im Angesicht des Todes eine Identifizierung mehrerer Hundert Angreifer nicht möglich. Meist operiert Yous daher mit Vermutungen, wobei er manchmal Details erwähnt, die auf eine Täterschaft der Armee schließen lassen. Etwa wenn er sagt, er habe einen Hubschrauber gesehen. Seinen Hauptvorwurf begründet er mit der Tatsache, dass Soldaten in geringer Entfernung in einer Kaserne stationiert waren, aber nicht eingriffen. Algerische Journalisten schrieben jedoch unmittelbar nach dem Massaker, die Soldaten hätten dies versucht, aber Verluste erlitten, da alle Zufahrtswege vermint worden seien. Fest steht jedenfalls, dass andere Überlebende des Massakers von Bentalha in dieser zentralen Frage Yous widersprochen haben, etwa im Dezember 2000 in der Zeitschrift Marianne, deren Gesprächspartner auch in Yous' Buch namentlich erwähnt werden. Ihnen zufolge sind Angreifer als Islamisten aus der Gegend identifiziert worden.
Was sind die Gründe, die Yous bewegen, diese These von der Täterschaft der Armee zu verteidigen? Da wäre zum einen seine Co-Autorin. Salima Mellah ist eine in Berlin lebende, aus Algerien stammende Journalistin, die eine tendeziell pro-islamistische Sicht auf den algerischen Bürgerkrieg hat. Zweitens nährt Yous' eigene Rolle Zweifel an seiner Objektivität. Er schreibt, als Bauunternehmer für militärische Einrichtungen gearbeitet zu haben, so für die Kaserne in Meftah. Kenner der Örtlichkeiten schildern diese jedoch als festungsähnlichen Sitz der Spezialkommandos der Armee und gehen davon aus, dass Yous kaum unbehelligt in der Gia-Hochburg Bentalha hätte leben können, ohne Kontakte zu beiden Seiten unterhalten zu haben. Dieser Umstand könnte auch erklären, warum Yous das Massaker überlebte.
Zum dritten darf man nicht unterschätzen, welche Macht eine intellektuelle Lobby in den Medien und in der Politik Frankreichs ausübt. »Qui a tué à Bentalha?« erschien bei La Découverte, dem Verlag von François Gèze, wo auch »La sale guerre« herausgekommen ist. Ein Algerier, der als politischer Flüchtling nach Frankreich kommt und der Behauptung, man wisse nicht, wer tötet, oder die Armee töte allein, Belege liefert, kann deshalb auf eine rasche und erfolgreiche Eingliederung hoffen.
Nesroulah Yous, Salima Mellah: Qui a tué à Bentalha? Algérie: chronique d'un massacre annoncé. La Découverte, Paris 2000, 312 S., FF 120