17.10.2001

11. September

Zumindest oberflächlich scheint L.A. mehr oder weniger zur Normalität zurückgekehrt zu sein. Über mir kreist ein Polizeihubschrauber mit dröhnendem Motor, sein Suchscheinwerfer beleuchtet den Nachthimmel. Auf die Ereignisse der letzten Wochen zurückblickend frage ich mich, was noch kommen wird. Wird der 11. September - wie uns eine Lawine atemloser Berichterstattung weismachen will - der Beginn einer neuen Zeitrechnung sein: das Ende der Unschuld?

Eins ist sicher, viele Leute machen sich Sorgen über Dinge, denen sie vorher wenig Beachtung geschenkt haben. Zwar hat sich noch niemand aus meinem Bekanntenkreis eine Gasmaske gekauft, aber viele scheinen das für eine gute Idee zu halten. Dann ist da auch noch die Bedrohung durch einen nuklearen Terroranschlag. Vor einigen Tagen hatte ich ziemliche Angst, er könnte jeden Moment kommen. Aber ich habe mit Nathaniel gesprochen, und er hat mich überzeugt, dass ich mir keine Sorgen machen muss.

Es ist alles ziemlich deprimierend. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll. Bei anderen medialen Großereignissen war ich in eine eigentümliche Schlacht mit den großen Medien verstrickt. Nicht, dass sie das gemerkt hätten, aber ich fand es wichtig, mich in das Geschehen einzuschreiben.

Diesmal war es anders. Vielleicht weil es Nachrichten waren, die diesen Namen auch wirklich verdienen. Am Ende habe ich mich dann doch entschieden nach New York zu fahren. Wenn ich nicht in der Gegend aufgewachsen wäre, wäre ich vielleicht zu Hause geblieben.

Dienstag, 11. September

Wie viele andere Kalifornier auch überraschte mich die Nachricht in Form eines Weckanrufs. Ich ließ meinen Anrufbeantworter rangehen und hörte etwas wie: »Das World Trade Center ist gerade zusammengefallen. Das ist kein Witz.« Ich bin zum Telefon gerannt. Mike hatte mit seiner Freundin in New York telefoniert. Vom Dach ihres Appartmenthauses hatte sie gesehen, wie das zweite Flugzeug in den Turm gerast war. Ich habe das Radio angemacht. Die Berichterstattung war holprig, unredigiert. Sie erinnerte mich an das Erdbeben in San Francisco 1989. Ich musste mich immer wieder gegen den Wunsch wehren, die Geschehnisse als »das Erdbeben« einzuordnen. Das war nicht das, was passiert ist.

Ich habe mich ins Internet eingeloggt, um Bilder zu sehen. CNN brachte auf seiner Webpage ein einziges Bild, das einem Filmstill verblüffend ähnlich sah. Dann habe ich meinen alten Schwarzweiß-Fernseher eingeschaltet, der zwischen meinen Kartons vergraben war. Ohne Kabelanschluss konnte ich nur bei einem Sender (Fox) etwas erkennen. Sie brachten Standbilder von Körpern, die auf halbem Wege beim Sturz von den Twin Towers in der Bewegung eingefroren waren.

Es fiel mir schwer, mich auf die Nachrichten zu konzentrieren. Die rechte Häfte meines Mundes tat so weh, dass ich die Nacht vorher kaum schlafen konnte. Ich rief den Zahnarzt an und vereinbarte einen Termin für den nächsten Tag.

Eigentlich hätte ich um 14 Uhr Unterricht an der University of Southern California (USC) geben sollen, aber es wurden so viele Dinge abgesagt, dass ich erstmal bei der Schule angerufen habe. Sie baten mich, zum Unterricht zu kommen. Die Freeways waren so leer wie an einem Sonntagmorgen. Trotz der Angst vor weiteren Anschlägen habe ich mich gefreut, pünktlich zum Unterricht zu kommen.

Die Hälfte meiner Studenten war nicht da, die Teilnahme am Seminar war freiwillig. Mein Angebot, über die Ereignisse zu sprechen, wurde abgelehnt. Ich habe ihnen dann beigebracht, wie man Filme entwickelt.

Mit meiner zweiten Klasse bin ich ins Sekretariat gegangen, wo ein Fernseher aufgestellt worden war. Wir haben eine kurze Ansprache des Präsidenten gesehen und im Anschluss über meine Befürchtungen einer möglichen Wiederwahl George W. Bushs, der Einschränkung individueller Freiheiten und der Gefahr, dass die Republikaner jetzt ungehindert jedes Gesetz durchsetzen können, geredet. Wir hatten auch eine kurze Diskussion über »Realität« und »Simulacrum« - über die Ähnlichkeit von Fernsehbildern, die ich nicht gesehen hatte mit Hollywoodfilmen, die ich auch nicht gesehen hatte. (Kein Problem: Alle schienen zu wissen, wovon ich sprach.) Danach sind wir in die Dunkelkammer gegangen.

Der Vorteil des Unterrichtens war die Ablenkung von beidem, von den Zahnschmerzen und den schmerzhaften Gedanken. Der Tag ging schnell vorüber. Ich bin nach Hause gefahren, habe Nachrichten gehört und bin dann irgendwie eingeschlafen.

Mittwoch, 12. September

Ich bin früh dran für den Zahnarzt, hoffe aber, auf dem Weg eine Zeitung zu finden. Alle sind ausverkauft. (# 1)

Nach einer Röntgenaufnahme erzählt mir der Zahnarzt, dass der Nerv abstirbt und entfernt werden muss. Das sei eine einfache Sache und werde ungefähr eine Stunde dauern.

Ich rufe Bekannte an, um herauszufinden, wo ich es am besten machen lassen kann. Die Zahnärztin, die mir Judy empfohlen hat, kann mich erst am Montag sehen. Der Kollege, mit dem sie sich die Praxis teilt, sitzt an irgendeinem Flughafen fest, und sie hat seine Patienten übernommen.

Donnerstag, 13. September

8.30 bis 16.30 Uhr: Ich entscheide mich für eine Wurzelbehandlung an der Zahnmedizinischen Fakultät der USC. Als Versuchskaninchen ist es billiger. Keine so gute Idee, wie sich herausstellt. Eine iranische Frau mit einem armenischen Assistenten sind die ersten. Ich mag sie, aber es geht nur langsam voran. Ich muss meinen Nachmittagsunterricht absagen.

Der ostasiatische Student der Nachmittagsschicht wird etwas nervös, als ich frage, ob ich die beiden Nerven, die er dann doch irgendwann herausbekommen hat, behalten darf. Er sagt, es würde sich um abgestorbenes Gewebe handeln, und das sei nichts, womit man herumspielt. Er lässt sie absaugen.

Danach kann ich mich kaum auf den Beinen halten, mir ist kalt nach einem ganzen Tag in einem vollklimatisierten Raum. Ich gehe raus in die warme Nachmittagssonne.

Irgendwie überstehe ich mein Abendseminar, fahre nach Hause und stelle das Radio an, bevor ich ins Bett falle.

Freitag, 14. September

Freunde fragen mich schon, ob ich nach New York fahre. Aber hier geht es nicht um Monica Lewinsky oder Elian Gonzales. Ich weiß nicht, was ich zu dieser Story beizutragen habe. Aber ich würde es gerne mit eigenen Augen sehen ...

Um 3 Uhr morgens fange ich an, mich online um Flugtickets zu kümmern. Ich bin überrascht, als ich einen Flug am Samstag für 240 Dollar finde. Es ist nicht klar, ob die Flughäfen bis dahin schon wieder geöffnet sein werden. Außerdem bin ich etwas verunsichert von der Meldung, dass einige arabische Männer festgenommen wurden, nachdem sie versucht hatten, in New York an Bord eines Flugzeugs zu gehen. Die Story - Messer, Übungsstunden an einer Flugschule in Florida, gefälschte Pilotenscheine - klingt sehr nach einer weiteren Zelle von Flugzeugentführern.

9 Uhr. Rufe ein paar Reisebüros an. Die Flughäfen sind immer noch geschlossen, es werden keine Tickets verkauft. Der Preis für das Ticket bei hotwire.com ist in inzwischen auf 260 Dollar gestiegen und klettert dann auf 320 Dollar. Meine Zahnschmerzen sind nicht mehr so schlimm, und ich scheine auf die Antibiotika nicht allergisch zu reagieren. Ich habe Angst, dass ich mir das Ticket nicht mehr leisten kann, wenn ich noch länger warte. Von den Leuten, denen ich erzählt habe, ich würde nach New York fahren, hat niemand Einwände erhoben. Und Heather fliegt am Sonntag nach New York zurück. Sie und ihr Freund Mike sind Journalisten und sollten einschätzen können, ob es sicher ist, zu fliegen.

11 Uhr. Gebe meine Kreditkartennummer in den Computer ein. Einen Moment später habe ich eine Bestätigungsnummer, und jetzt kann es losgehen.

Bei meinen Reisevorbereitungen höre ich im Autoradio auf einem öffentlichen Sender einen neuen Sound: Musik. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sich das Leben wieder normalisiert. Die Erinnerung an den Zahnarzt und die Vorstellung von dem Flugzeug, das in das Word Trade Center rast, lassen mich schaudern. Ich versuche, mir die verschiedenen Situationen vorzustellen: Selbstmordattentäter, Passagier, WTC-Opfer.

Im Radio höre ich Bush darüber reden, dass der Terror an der Wurzel herausgerissen werden muss. Ich kann nur an meine Wurzelbehandlung und an den höllischen Schmerz denken, der sich seinen Weg durch die lokale Narkose bahnt.

Andere häufige Gäste im Radio sind Psychologen. Sie fordern uns dazu auf, herauszugehen und »irgendetwas zu tun«, damit wir uns nicht so hilflos fühlen. Sie schlagen zum Beispiel vor, Blut zu spenden. Vielleicht bin ich ja der einzige, der der Information des Roten Kreuzes Aufmerksamkeit geschenkt hat, dass sie schon mehr Blut hätten als sie benötigen würden. Außerdem, sagen die Psychologen, sollten wir so weit wie möglich zu unserer täglichen Routine zurückfinden. Hätte ich doch nur sowas wie eine tägliche Routine!

Ich komme mir komisch vor mit meiner Entscheidung, nach New York zu fliegen. Was will ich da eigentlich? Als Robert erzählt, FedEx würde wegen der geschlossenen Flughäfen nicht arbeiten und sein Film müsste dringend für ein Festival nach New York, biete ich sofort meine Hilfe an. Es erinnert mich an die Zeit als ich Pakete nach Russland mitgenommen habe. (Da hat die Post nie zuverlässig funktioniert.) Plötzlich fühle ich mich wichtig: Ich bin ein Inlandskurier.

Samstag, 15. September

Der Flughafen, normalerweise einer der belebtesten im Land, ist größtenteils verwaist. Die Menschen sprechen leise. Merkwürdigerweise beruhigt mich der Englisch, Japanisch und Spanisch gesprochene Lautsprecherhinweis, dass man den Spendensammlern kein Geld geben muss. Heute abend sind zwar gar keine da, aber zumindest die Flughafenverwaltung macht »business as usual«.

Der Typ hinter mir beim Einchecken trägt eine Art Rettungsdienstuniform und hat eine ganze Reihe von großen Taschen dabei, alle in rot und gelb. Ich überlege, ein Foto zu machen, lasse es dann aber sein. Die Sicherheitsfragen - wenig wahrscheinlich, dass sie irgendeinen Flugzeugentführer abhalten würden - sind die üblichen: »Haben Ihnen unbekannte Personen etwas mitgegeben?« und: »Haben Sie Ihr Gepäck selbst gepackt?« Die Fluglinienangestellte schaut noch nicht einmal von ihren Papieren auf, als sie mir die Fragen stellt.

Im Securitybereich ist die Schlange wegen der strengeren Sicherheitskontrollen etwas länger. An meiner Tasche mit ungefähr sieben Kilo Metall - eine 20minütige 16mm-Schwarzweiß-Filmrolle, zwei Kameras, Objektive und eine Videokamera - sind sie aber nicht interessiert. Die Frau hinter mir kommt nicht so leicht davon. Sie wurde mit einer Nagelschere erwischt.

Soviel zu den verschärften Kontrollen. Mein Flugzeug ist aber relativ klein und fast ausgebucht (wenig Treibstoff, schwierig zu entführen). Ich bin mir fast sicher, dass das Paar neben mir Arabisch spricht. Aber sie sind jung und verliebt. Schwer vorzustellen, dass sie ein Flugzeug entführen würden.

Sonntag, 16. September

Zwischenlandung in Detroit. Es ist unbequem, keinen Dirketflug zu nehmen, aber wenigstens fliege ich nicht mit einem Flugzeug mit großen Mengen Treibstoff an Bord. Ich bin hungrig, aber bei Burger King stehen 39 Menschen an. Ich gehe zum Zeitungsstand, der gerade aufmacht, und kaufe eine Oakland Press (»Angriff auf Amerika: Tag 5«, »Befreie die Welt vom Bösen«) und eine Detroit News ( »Terror reißt uns mit sich«). Die Verkäuferin wünscht mir freudestrahlend »einen wunderschönen Tag«.

Auf den Fernsehern am Flughafen ist überall CNN mit seinem »America's New War«-Banner eingeschaltet. Brian Palmer (Jungle World, 50/00: »Chad Fever«) stellt autoritär fest, dass es bis zu einem »normalen Leben wie vorher wahrscheinlich noch Jahre dauern wird«.

Um 6.40 Uhr sehe ich dann zum ersten Mal die Bilder, wie das zweite Flugzeug in das WTC rast. Sie zeigen die Sequenz zweimal in Folge, aber es ist immer noch zu schnell. Ich fühle fast nichts.

Gehe an Bord des Flugzeugs nach Newark. Es ist fast leer. (So viel zur Sicherheit in der Menge.) Wir fliegen kurz nach Sonnenaufgang ab. Es ist ein herrlicher Tag. (# 2) Ich muss daran denken, dass solche Tage günstig sind für Terroristen, die gut im Lenken aber schlecht in der Navigation sind.

Ich versuche, mich zu entspannen und nutze die leere Sitzreihe. Wir fliegen über eine Art (Kern-?) Kraftwerk. Dann fangen meine Zahnschmerzen wieder an. (Hat mit der Flughöhe zu tun.) Schon bald verlieren wir aber wieder an Höhe und fliegen über Ölraffinerien. Etwas später starren die Passagiere stumm aus den Fenstern an der rechten Seite des Flugzeugs auf eine fremde Skyline. Eine gigantische Rauchwolke steigt über Lower Manhattan auf und erstreckt sich meilenweit über die Bucht. Ich greife zu meiner Kamera (eine Abwehrreaktion gegen den Horror?) und mache vor der Landung noch schnell ein paar Fotos.

Beim Auschecken versuche ich, ein neues Schild (»Absolutely No Knives Beyond This Point«) zu fotografieren. Das ist aber unter keinen Umständen erlaubt, noch nicht einmal im Bereich vor dem Schild.

Ich frühstücke bei McDonald's am Flughafen und warte in der warmen Sonne, einige Meilen von dem Ort entfernt, an dem ich aufgewachsen bin, auf den Bus nach New York. Dann nehme ich die U-Bahn über die Manhattan Bridge. Wie auch schon im Flugzeug hören die Passagiere mit dem auf, was sie gerade tun und starren aus dem Fenster. (# 3)

Komme bei Armen und Regina am Rande von Brooklyn an. Herzliche Umarmungen und ein schönes Essen. Als ich in New York ankam, war ich etwas erstaunt, nichts zu riechen. Aber jetzt muss der Wind seine Richtung geändert haben: Ein leichter Rauchgeruch ist zu bemerken.

Ein paar Blocks von der Unglücksstelle entfernt ist der Gestank penetrant und abstoßend. Die Straßen sind voll von Touristen, Polizisten und Journalisten. Ich laufe ziellos umher und fange an, Fotos zu machen (# 4 - 8). Ich denke mir, dass eine Presseakkreditierung mir helfen könnte, hinter die Polizeiabsperrungen zu gelangen, und mache mich auf den Weg zum Polizeihauptquartier. Da wartet aber schon eine Vier-Stunden-Schlange auf zeitlich befristete Presseausweise. (Ist das ihre Methode, sich die Presse vom Hals zu halten?)

Ich gehe zurück auf die Straße. Am Ausgang zur Canal Street scheinen zwei Polizeiwagen zur Beweisaufnahme abgestellt worden zu sein. (# 9) Sie sind mit Plastikplanen abgedeckt, aber immer wieder kommen Leute vorbei und versuchen, in die mit Staub überzogenen Autos zu gucken. Andere kratzen den Staub ab. Ein Typ ist mit einem Löffel und kleinen Plastiktüten ausgestattet. Er bereitet Souvenirbeutel vor. Sie sollen von einem Foto ergänzt werden. Ein Beutel ist für seine Mutter. Ich habe ein paar Glasscherben mitgenommen, zögere aber bei dem Staub. Der Souvenirjäger erinnert mich daran, dass der Staub zweifellos auch Asche verbrannter Körper enthält. Später denke ich an das Asbest ... Ich glaube nicht, dass ich dieses Mal so viele Dinge wie sonst mitnehmen werde.

Ich beschließe, nicht an den Ort zu gehen, wo die Stadt DNA-Proben und Fragebögen von denen sammelt, die einen ihrer Lieben vermissen. Auch das Paar, das die Straße hinuntergeht und Zettel mit einer vermissten Person aufhängt, fotografiere ich nicht.

Ich fahre nach Brooklyn zurück. Überall sind Flaggen.

Montag, 17. September

Nehme die Sechs-Uhr-U-Bahn nach Manhattan und komme frisch und munter am Polizeihauptquartier an. Es gibt keine Warteschlange, aber dafür finde ich heraus, dass man für einen Presseausweis zwei Passfotos braucht. (Das hätte ich mir denken können, als ich gestern die Papierschnipsel am Boden sah.) (# 10) Kein Porträtfotograf macht um 8 Uhr, vielleicht noch nicht einmal um 9 Uhr auf. Ich mache mich auf den Weg zum Lincoln Center, um Roberts Film abzuliefern.

Gebe den Film ab. Auf dem Weg zurück nach Downtown steigt eine Frau in meinen U-Bahnwagen ein und erklärt mit lautem karibischen Akzent: »Guten Morgen. Gott lebt, es geht ihm gut, und er liebt uns ... Es spielt keine Rolle, was der Teufel versucht, uns einzuflüstern.« Und so weiter. Alle versuchen, sie zu ignorieren.

Finde einen Porträtfotografen, werde fotografiert. Während ich auf die Fotos warte, diskutiere ich über den Ansturm auf dieses Schnelllabor am vergangenen Dienstag und die Schwierigkeit, wieder zur Arbeit zu gehen, ohne eine Bescheinung zu haben, dass man auch wirklich dort arbeitet.

Als ich wieder am Polizeihauptquartier ankomme, hat ein anderer Typ Dienst und den kümmert es wenig, was sein Vorgänger gesagt hat: Ich brauche ein Fax von meiner Zeitung. Also gehe ich ein paar Kilometer zu Fuß (# 11) (es gibt immer noch keine funktionierenden Telefone in der Gegend), bevor ich einen altmodischen Papierwarenladen (Joseph Meyer Office Supplies Inc.) finde, der bereit ist, ein Fax für mich anzunehmen.

Im Polizeihauptquartier spricht ein Journalist in sein Handy. Er wartet darauf, dass ein Beamter zurückkommt und mit seinem Büro spricht. Als der endlich zurückkommt, hat das Büro des Journalisten den Beamten in die Warteschleife für eine Konferenzschaltung gehängt. Er bittet den Beamten, einen Moment zu warten, aber der Polizist »macht keine Konferenzschaltungen«. Als der Journalist protestiert, wird er aus dem Bereich hinausgeschafft.

Irgendwie gelingt es mir, die Warteschlange ein weiteres Mal zu umgehen; ich komme rein und mit einem Presseausweis wieder raus. Stolz zeige ich ihn bei einem der freiwilligen Helfer vor, als ich einen Stapel von Essensschachteln fotografiere. Er brüllt mich an, er habe jetzt schon soundsoviele Stunden nicht geschlafen, sei selbst 16 Jahre Fotograf gewesen, würde ein gutes Foto auf den ersten Blick erkennen und dies sei kein gutes Foto. Er versichert mir, es würde anderswo sehr viel interessantere Dinge zu fotografieren geben. Ich schleiche davon.

Ein paar Blöcke weiter kann man einen Blick auf die schwelenden Ruinen erhaschen. Ich verstehe nicht ganz, warum ein Bauarbeiter eine Wegwerfkamera so merkwürdig in seiner Hand zerdrückt, finde es aber heraus, als ich meine Kamera ansetze, um ein Foto zu machen. Ein Mann in Tarnanzug teilt mir mit, dass ich die Kamera nicht in diese Richtung halten darf. Ich gehe ein paar Schritte zurück, und als ich denke, dass er mich nicht sieht, mache ich schnell ein Foto. Er kommt zurück und droht mir mit einer Anzeige wegen Eingreifens in laufende Untersuchungen. (Ich frage nicht, warum das Ausrichten einer Kamera in die eine Richtung ein »Eingriff in laufende Untersuchungen« ist, in die andere Richtung aber nicht.) Er erlaubt mir in höflichem Ton, weiterzugehen.

Ein paar Meter weiter scheint mich niemand dabei zu beobachten oder sich daran zu stören, als ich das »Keep Walking«-Schild (# 12) (hier muss vorher eine Polizeiabsperrung gewesen sein) und Schuhe, die wohl für die Rettungsdienste gespendet worden sind, fotografiere. (# 13)

Irgendwie finde ich den Weg zu der Stelle, wo die Fernsehjournalisten ihre Aufsager machen (# 14) und Bürgermeister Rudolph Giuliani (oder jemand anders) hinkommt, wenn er eine Pressekonferenz geben will. Nach ein paar Minuten kommt Guiliani vorbei. Ich mache ein paar schlechte Fotos und nehme die Handys, die jemand zur Unterstützung der Rettungsarbeiten gespendet hat, auf Video auf. Ich mache noch schlechtere Fotos von der Pressekonferenz. Später stolpert ein Kameramann fast über mich, als ich versuche, aus einem niedrigen Kamerawinkel »künstlerische« Videoaufnahmen der Füße des Bürgermeisters zu machen.

Ich weiß immer noch nicht, was ich fotografieren soll. Ich schmuggle mich in den Cateringbereich und fotografiere zwei Leute von der Nationalgarde (Specialist Sterns und Specialist Quiones), wie sie beim kostenlosen »All-You-Can-Eat«-Menü von McDonald's zulangen. (# 15) Ein Falasha-Jude (das behauptet er zumindest) erkennt, dass ich jüdisch bin und fängt ein Gespräch mit mir an. Er versucht, mich mit einigen Brocken Jiddisch, die ich nicht verstehe, zu beeindrucken, und lässt eine ganze Reihe von Namen ungeheuer wichtiger Personen, mit denen er ausgeht, fallen. Von den meisten habe ich noch nie gehört. (Was nicht heißen muss, dass sie nicht berühmt sind. Ich würde es einfach nicht wissen.) Irgendwann schaffe ich es, mich abzusetzen. Vorher durfte ich aber noch etwas von seinem Ruglach essen.

Im nächstgelegenen Pressebereich mache ich Fernsehjournalisten damit nervös, dass ich mich rumtreibe und Fotos mache. Dann unterhalte ich mich eine Weile mit einem Belegschaftsmitglied, das sorgfältig die Umgebung seines Satellitentrucks von Dreck und Steinchen säubert.

Ich soll Armen, Regina und die Kinder zu einer gemeinsamen Rosh Hashana-Feier treffen. Die U-Bahnstationen habe ich sorgfältig aufgeschrieben, nicht aber die Uhrzeit. An einem besseren Tag hätte ich mich erinnert, aber ich kann in diesen Tagen nicht so gut denken. Ich bin 55 Minuten zu spät und nicht, wie ich dachte, fünf Minuten zu früh. Ich warte eine Stunde, werde immer frustrierter und trauriger. Ich mache mich auf die Suche nach einer Telefonzelle, um einige Freunde, die ich besuchen wollte, anzurufen. Niemand ist zu Hause. Zu meiner Überraschung erreiche ich Heather, die Journalistin, die eigentlich gestern nach New York zurückfliegen wollte. Sie ist irgendwo außerhalb von Chicago im Auto unterwegs. Sie und Mike haben sich entschlossen, doch mit dem Auto zu fahren. Ich erzähle Heather, dass ich mich auch deswegen für einen Flug entscheiden hatte, weil sie ja auch fliegen wollten. - »Oh!«

Ich kämpfe mich durch eine Mahlzeit. (Essen ist immer noch kein Vergügen: Wenn Sachen in die rechte Hälfte meines Mundes gelangen, tut es weh.) Dann fahre ich zurück nach Brooklyn. Armen ist ziemlich wütend: Er hat lange auf mich gewartet. Ich fühle mich schrecklich, aber was kann ich tun? Ich gehe schlafen.

Dienstag, 18. September

Wache spät auf. Bis ich mich entschieden habe, zu Rosh Hashana in die Synagoge meiner Kindheit zu gehen und in New Jersey angekommen bin, ist die Messe schon fast vorüber und ich nehme im hinteren Teil Platz. Mir fällt unangenehm auf, dass ich so ungefähr der einzige männliche Teilnehmer über fünf Jahren ohne Jacket und Krawatte bin. Fast alle Männer hier tragen Anzüge. Es ist merkwürdig, an diesem vertrauten, aber doch fremdem Ort zu sein. Ich komme mir wie eine Art Geist vor. Meine alte Nachbarin kommt vorbei. Ich gehe auf sie zu und sage Hallo. Sie fragt mich nach meiner Familie. Dann erzählt sie mir, dass der Vater der Familie, die in das Haus gezogen ist, in dem ich aufgewachsen bin, im World Trade Center ums Leben gekommen ist. Er hat im 103. Stock einer der beiden Türme gearbeitet.

Danach vollziehen wir das uralte Ritual des Tashlikh, bei dem Brotkrumen ins Wasser geworfen werden. Es ist aber »nicht gestattet, Wasservögel zu füttern« (Anweisung des Gesundheitsamts) und darum werden Kieselsteine verteilt. Ich habe ein kleines Stück Glas in der Hosentasche, das ich am Sonntag aufgesammelt habe. Ich werfe es hinein.

Später holt mich Nina (eine Freundin aus der Highschool) am Bahnhof ab (# 16) und zeigt mir ihr neues Haus. Sie ist meine erste Bekannte mit einer amerikanischen Flagge vorm Haus. (# 17) Eigentlich war es die Idee ihres Ehemanns Mohammed. Es war eines der ersten Dinge, die er machen wollte, nachdem sie in das Haus eingezogen sind. In der Nachbarschaft sind sie die einzigen, die schon vor dem 11. September eine Flagge hatten. Mohammed, ein Einwanderer aus Ägypten, wollte vermeiden, dass irgendjemand auf falsche Gedanken kommt.

Sie bieten mir Tee an. Das klingt eigentlich nicht schlecht, aber der Tee verursacht eine gehörige Portion Zahnschmerzen. Ich rufe bei der Zahnmedizinischen Fakultät der USC an. Sie empfehlen mir, nicht zu warten und morgen einen Zahnarzt aufzusuchen.

Mittwoch, 19. September

Nehme den Zug zum Times Square. (# 18) Finde ein Telefon. Rufe überall an, um einen Zahnarzt zu finden, der mich gleich drannimmt. (Dass immer noch Rosh Hashana ist, ist nicht sonderlich hilfreich.) Einige wenige Meter weiter ist einer der zahlreichen »Schreine«. Beim Telefonieren beobachte ich, wie Leute jeden einzelnen der »Vermisst«-Zettel sorgfältig lesen - wahrscheinlich in der Hoffnung, kein vertrautes Gesicht, keinen vertrauten Namen zu finden.

Südlich des Central Park sind die Flaggen nicht weniger zahlreich, sondern einfach nur kleiner oder eleganter. Die Fahne in der Zahnarztpraxis ist aber sicherlich nicht kleiner als in irgendeiner anderen Praxis. (# 19) Im Wartezimmer habe ich einen tollen Ausblick auf den Central Park. Die Behandlungsräume haben hölzerne Schiebetüren. Klassische Musik durchflutet angenehm die Räume. Der Zahnarzt pfeift bei der Arbeit. Ich bekomme eine Novokain-Spritze, der Zahnarzt entfernt die provisorische Füllung und säubert den Zahn ein bisschen. (# 20) Ich verlasse die Praxis mit 200 Dollar und einer Sorge weniger. (Habe ich erwähnt, dass Ninas Schwester infolge einer Infektion im Mund jetzt auf einem Ohr taub ist?)

Gehe zur Wall Street runter. (# 21, 22) Versuche an mehreren Stellen, näher an das WTC heranzukommen, aber der Presseausweis scheint dabei überhaupt nicht zu helfen. Ich schleiche mich an eine Kontrollstelle heran, von der aus Anwohner von der Nationalgarde begleitet werden, um Sachen aus ihren Wohnungen zu holen. Ich frage, ob ich mitkommen darf, aber das geht nicht. Auf dem Weg zurück sehe ich einen älteren Mann, der sich mit zwei schweren Koffern abmüht. Ich biete ihm meine Hilfe an. Er guckt mich von oben bis unten an, bedankt sich für das Angebot und macht alleine weiter.

Ich hätte schon längst am Fluhafen sein sollen, aber mein Flug ist storniert worden. Vor morgen früh komme ich hier nicht weg. Also treffe ich mich mit Heather und Mike, die von ihrem Überlandtrip zurück sind. Ich trinke Jägermeister gegen meine Zahnschmerzen. (Ich frage mich, ob Wodka nicht besser gewesen wäre.)

Sie fahren nach Brooklyn zurück, ich nehme die U-Bahn zum Busbahnhof, von dort aus gelange ich zum Flughafen und irgendwann dann auch in ein Flugzeug zurück an die Westküste.

Donnerstag, 11. Oktober.

Es ist jetzt einen Monat her und ich bin inzwischen sehr viel ruhiger geworden. Eine gute Sache, die geblieben ist, ist dass sich unsere Prioritäten geändert haben. Dinge, die uns am 10. September noch bedeutend vorkamen, sind jetzt nicht mehr so wichtig. Wir achten mehr auf das Grundlegende. Am Ende stellte sich heraus, dass der Zahn nicht mehr zu retten war: Er wurde mir heute gezogen.

Über diesen Verlust bin ich traurig, wie über viele andere Dinge im letzten Monat. Ich habe das Gefühl, dass ich Glück gehabt habe, noch hier zu sein, und denke an das hebräische Gebet, das wir an Rosh Hashana und dann noch einmal an Yom Kippur sprechen: »Baruch ata, A. Eloheinu, melech ha'olam, sche'hechejanu, we'kijemanu, we'higianu la'sman hase.« (»Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns hat Leben und Erhaltung gegeben und uns hat diese Zeit erreichen lassen.«)

Aber irgendwie vermitteln die Worte nicht so richtig das Gefühl, wie es ist, in einem großen Saal voller Leute zu sitzen und zu hören, wie sie diese Verse rezitieren. Ich kenne diese Klänge seit meiner Kindheit. Und obwohl ich einige Zweifel an der Idee eines »Gottes« habe, berührt mich dieses Ritual.

Aus dem Amerikanischen von Annette Grund.