07.11.2001
Der letzte linke Student XV

Schafft Ordnung!

Der letzte linke Student hat Kopfschmerzen. Denn: Es ist Krieg. Und damit ist: alles fürchterlich durcheinander. Was aber lehrt Eduard Bernstein, wenn alles durcheinander ist? Er lehrt: Man muss Ordnung schaffen! Also beginnt der letzte linke Student damit, sich eine Ordnung zu schaffen.

Doch: Das ist nicht so einfach, denn es gibt viel zu ordnen. Daher schreibt sich der letzte linke Student erst einmal alles, was überhaupt zu ordnen ist, auf ein großes Blatt Papier. Und siehe da: Er braucht noch ein Blatt Papier, weil das erste Blatt nicht reicht. Jetzt hat der letzte linke Student zwei Blätter, auf denen steht, was ihn durcheinander bringt. Dort steht zum Beispiel: »Das Zentrum des Kapitalismus ist vom Trikont angegriffen worden.« Und das ist ja eine gute Sache. Aber dort steht leider auch: »Bei dem Angriff des Trikont mussten viele Tausend unschuldige Menschen sterben.« Und das ist nun eher eine nicht so gute Sache. Und richtig nicht gut ist das: »Unter den Unschuldigen, die bei dem Angriff des Trikont starben, waren auch viele Leute aus armen Ländern, und überhaupt waren dabei sehr viele ArbeiterInnen.« Dann aber findet der letzte linke Student auch wieder eine solche These: »Die ArbeiterInnen in den USA sind mehrheitlich für den Krieg. Also sind sie entweder keine ArbeiterInnen oder verführt worden. So oder so aber stellen sie das unbefreite Subjekt dar.« Solche Sätze hat der letzte linke Student auf das eine und das andere Blatt geschrieben, denn: Das alles weiß er.

Dann nimmt er noch ein weiteres Blatt, und darauf schreibt er, was man alles nicht genau weiß, aber ahnt: »Die CIA wusste von dem Anschlag und hat nichts unternommen« beispielsweise, oder: »Die USA haben die Trikont-Terroristen doch erst zu Terroristen ausgebildet.« Aber er schreibt nicht nur Aussagesätze auf, nein, auch Fragen. Fragen wie: »Was wusste Russland?« oder: »Leiden die Frauen des Trikont mehr unter dem Koran oder unter dem Imperialismus?«

Und jetzt schneidet der letzte linke Student die drei Blätter in kleine Stücke, und auf jedem der Schnipsel steht dann nur noch ein Satz, eine These oder eine Frage. Dann macht der letzte linke Student zwei Kategorien auf: Die Schnipsel, die für das Agieren der USA sprechen, legt er auf den kleinen Computertisch. Und die, die gegen die USA sprechen, legt er auf den Schreibtisch. Dann beginnt er die Schnipsel zu ordnen. Das dauert, und es ist nicht immer einfach. Aber: So langsam ordnen sich die Verhältnisse in seinem Kopf. Und schließlich liegen 53 Schnipsel auf dem Computertischchen und 46 Schnipsel auf dem Schreibtisch. Das heißt: Es spricht mehr dafür, dass man für die USA ist. Allerdings nur: Wenn man jeden Schnipsel mit einer Frage drauf nur als halben Schnipsel zählt. Sonst: Ist das Verhältnis entschieden gegen die USA.

Soweit das Ordnen. Jetzt kommt das Fazit. Daher: greift der letzte linke Student zu seinem goldenen Notizbuch. Er schreibt: »Es gibt viele gute Gründe, in diesem Konflikt für die USA zu sein. Doch das gilt nur, wenn man keine Fragen zulässt. Sonst überwiegen die Argumente für den Protest gegen die USA und ihre Methoden.« Das ist nicht unbedingt schlecht, wenn es so dasteht. Aber: auch nicht gut. Denn jetzt: hat der letzte linke Student zwar vieles geordnet, aber: Das Ergebnis befriedigt ihn nicht. Es ist: so relativ. Daher fährt der letzte linke Student jetzt noch einmal in die Uni-Bibliothek, obwohl schon 19.10 Uhr ist. Er schaut: bei den Klassikern nach. Tja, und für uns bleibt auch nichts anderes übrig als weitere Lektüre.