Davos Terminus
1. Episode
Worin man erfährt, dass ein gewisser Tsutsui vorhat, durch die Sprengung einer Relaisstation für mobile Fernsprechverbindungen die Forumsteilnehmer ihrer Gespräche zu berauben.
Am besten fühlt sich Tsutsui nach Mitternacht. Er wollte abwarten, bis der Mond untergeht. Der ist vor zehn Minuten hinter dem Höhengletscher verschwunden. Auf dem Parkplatz am Ortseingang von Davos stellt er seinen Volvo ab, schmiert ein bisschen Schnee auf die Nummernschilder und macht sich auf den Weg. Die Temperatur beträgt fünf Grad unter null. Kein Lüftchen. Drei Zentimeter Pulverschnee bedecken eine feste Schicht, in der man nicht einsinkt. Aber dort oben hat es seit drei Tagen ununterbrochen geschneit, sodass der Schnee fast einen Meter hoch liegt.
Tsutsui kalkuliert, dass er drei Stunden braucht, bis er unterhalb der Relaisstation angekommen ist. Und höchstens zwei Stunden, um wieder unten zu sein. Zurück wird er nicht denselben Weg nehmen, da entlang der Strecke Infrarotkameras installiert sind.
Er hat ihre Manöver im Internet verfolgt. Er weiß, dass die Kameras alle 20 Minuten ein Standbild aufnehmen. Zuerst hat er sich überlegt, sie mittels Klebeband auszuschalten, aber an einem vereisten Mast hochzuklettern, ist nicht leicht. Die Bullen würden sich sofort Gott weiß was zusammenreimen, also hat er es gelassen.
Auf Gefängnisfluren gewöhnt man sich an, nicht mehr auf die Kameras zu achten, sonst wird man verrückt. Tsutsui stopft sich nicht gern den Kopf mit den Vorstellungen seiner Feinde voll. Dabei tappt man schnell in ihre Fallen. Man fängt an, alles zu verdrehen: Man denkt, ein Handy sei etwas Fortschrittliches, Widerstand ein Zeichen von Schwäche, sich Verlieben eine Drüsenkrankheit. Kameras sehen auch nachts, man braucht das Filmobjekt nur mit rotem Licht zu bestrahlen. Das ist nicht nur in japanischen Gefängnissen üblich, sondern auch im Schlafzimmer des Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Hier über den festen Schnee zu laufen, ist beinahe so, als hätte man die hart gewordene Aschekruste des Unzen unter den Füßen. Er steigt den Hang hinauf durch einen Wald aus Tannen, die im Winter ihre Nadeln verlieren. In dieser Gegend stehen komische Nadelbäume. Als er im Sommer hier war, sah der Wald dicht aus. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Wälder in der Schweiz unterm Schnee kahl werden. Er war absichtlich an einem Augustwochenende hergereist, an dem andere Japaner kommen, um die Alpen zu bewundern. Von seinem Hotelzimmer aus konnte man den Bahnhof Davos-Dorf sehen. Die Luft war so milde, dass man Lust bekam, zu zweit spazieren zu gehen. Aber er war allein gekommen, um niemanden in Gefahr zu bringen. Nur ein kleiner Scherz: Man vergräbt ein Kästchen, das nicht größer ist als ein Handy. Die Ladung richtet sich danach, was in die Luft fliegen soll. Drei Kilo gut eingekapseltes Unkrautvernichtungsmittel reichen aus, um einen Sockel ins Wanken zu bringen. Die Relaisstation steht auf einem stählernen Dreibein. Entfernt man eines der Beine, kippt die ganze Anlage, und die Antennen verlieren ihre Ausrichtung. Danach dauert es 48 Stunden, bis alles wieder ordnungsgemäß installiert ist. An dieser Station laufen sämtliche Fernsprechrelais von Davos zusammen.
Tsutsui stellt sich vor, wie die Forumsgäste versuchen, ihresgleichen anzurufen. Ihr genervtes, dann drohendes und schließlich lächerliches Grinsen. Es ist die Lächerlichkeit, die sie am wenigsten ertragen, sie weckt alte Kinderängste. Er stellt sich vor, wie Max vom Pokk, den er am späten Nachmittag jenseits der Polizeiabsperrung erkannt und beschimpft hat, seinen Bankier anruft: Ihre Verbindung kann nicht hergestellt werden. Oder wie der Direktor von Mitsubishi den Premierminister zu erreichen versucht: Der gewünschte Teilnehmer ist nicht verfügbar.
Tagsüber kann man hier von der Bank aus das Panorama bewundern. Tsutsui setzt sich hin und zieht eine kleine Thermosflasche aus der Tasche. Er tut ein wenig frischen Schnee in den Becher, der mit dem Tee schmilzt. Er trinkt ihn in einem Zug leer und bewundert dabei die Silhouette der Berge, die Seitentäler, in denen ungestörte Snowboardfahrer gewagte Spuren hinterlassen haben. Unten im Tal das Dorf. Ein befestigtes Lager hinter seiner mit 100 000 Watt beleuchteten Umfassungsmauer. Lastwagenreihen entlang der weißen Zelte, dem Lager der Sondereinsatzkräfte. Kleine schwarze Punktpaare deuten auf die Hunde hin, die an der Seite ihrer Herrchen patrouillieren.
2. Episode
Worin man erfährt, wie der dem Terrorismus zugeneigte Tsutsui im Gefängnis gelebt hat.
Tsutsui stellt sich vor, wie der von seiner Geliebten abgeschnittene japanische Premierminister am Waschbecken seines Hotelzimmers masturbiert. Er und all die anderen werden die Veranstalter des Forums auf Schadenersatz verklagen. Sie werden sich als Opfer der Globalisierungsgegner, der Terroristen, der vom Wirtschaftswachstum Enttäuschten und anderer Abfallprodukte zukunftsloser Zivilisationen betrachten. Alles nur wegen eines leicht abgesackten Dreibeines.
In diesem Sommer hätte Tsutsui unter dem Fundament ein metertiefes Loch graben können. Dort hätte er die kleine Ballonflasche und die Fernsteuerung hineingelegt. Danach hätte er es sorgfältig wieder verschlossen, erst mit Steinchen und oben mit vier Erdballen, Moos und einem Büschel Gras. So einer Ladung können weder Wasser noch Frost etwas anhaben. Sogar die Batterie hat ein Jahr Garantie bei einem Gebrauch bis minus 30 Grad. Es müsste nur noch ein Signal kommen, wie ein Schlüssel, der das Schloss öffnet und zu der Ladung Unkrautvernichtungsmittel sagt: Los, mach, es ist so weit. Dann würde die Schaltuhr dem Feuerwerker eine halbe Stunde Pause gönnen, so viel, wie er bräuchte, um sich in Deckung zu bringen.
Auf der Bank sitzend, lauscht Tsutsui den nächtlichen Geräuschen. Er hört nur seinen Atem, der leichter geht als nach einem Basketballspiel im Gefängnishof. Hinter den hohen Mauern hat er immer auf die Hafensirenen gehorcht. Vor allem auf die um zwölf Uhr mittags und um sechs Uhr abends, aber auch auf andere, geheimnisvollere Signale. Einige der Insassen kannten die Hafengewohnheiten und behaupteten jedes Mal, sie wüssten, um welches Containerschiff es sich handle. Es war zwecklos, sie zu enttäuschen, indem man ihnen mitteilte, besagtes Schiff existiere gar nicht mehr. Im Gefängnis wird man nicht älter, man trägt die Welt in sich, die man verlassen hat, mit ihren Schiffen und ihren Ideen. Erst wenn man herauskommt, fühlt man sich altmodisch. Wenn man feststellt, dass die Metrofahrkarten eine andere Farbe haben, dass die Leute sich jetzt grundlos den Kopf rasieren oder wieder Schlaghosen tragen. Ungebrochen bleibt nur die Wut auf die Ordnung der Dinge, auf die, die sich ohne jede Berechtigung zu den Herren der Welt ernannt haben.
Tagsüber dachte Tsutsui nie ans Ausbrechen. Aber abends drang mit den Hafensirenen der Ruf der Ferne zu ihm herüber. Er schlief ein in der Gewissheit, dass einer der Dampferkräne den Arm über die Gefängnismauer strecken, sein Bett an den Haken nehmen und es neben seiner Liebsten abstellen würde.
Sie hatte ihn während der acht Gefängnisjahre jeden Monat besucht, hatte ihm in allen Einzelheiten das Leben ihrer Tochter geschildert. Er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, ein Kind zu haben, das er nicht aufwachsen sah. Auch er hatte seinen Vater nicht gekannt. Inzwischen weiß er, dass der Typ auf die Gegenseite übergewechselt ist, in deren befestigtes Lager. Ein Feind.
Diesmal werden sie ihn nicht kriegen, er wird ihnen nicht die Gelegenheit zu einem neuen Scheinprozess geben. Das Urteil dieser Leute trifft ihn nicht mehr. Sie haben sich dort unten verschanzt, von ihren Stacheldrähten und ihren Bullen beschützt. Sie werden von der Welt abgeschnitten sein, aller Fäden beraubt, die sie mit ihren elektronischen Papierkörben, ihren bezahlten Liebschaften, ihren manipulierten Akten verbinden. Die Wölfe werden ihren Bau verlassen wollen. Oder einander auffressen.
Tsutsui hätte sich unter die Demonstranten mischen können, wie er es in Seattle getan hat. Eine bunte Menge, Leute aus der ganzen Welt, die sich gegenseitig Anweisungen unter den Kopfschützer schoben, Adressen austauschten, gemeinsam Musik hörten. Aber es gab auch die endlosen Wartereien hinter den Polizeiabsperrungen, die uneinnehmbaren Festungen, die wirkungslosen Attacken und die Angst, verhaftet zu werden. Der Feind tritt den Demonstranten nicht ungedeckt gegenüber, er schickt uns seine Bullen und sähe es gern, wenn Leute wie Tsutsui noch einmal ihre Haut riskierten. Aber der hat aus Seattle eine Lehre gezogen: den Feind entlarven, das ja, aber nie mehr ungedeckt.
Bei symbolischen Sabotageakten erübrigt sich jeder Kommentar. Mirafiori Tsutsui lässt grüßen und bittet, die Zerstörung der Telekom-Relaisstation oberhalb von Davos als einen Teil des Kampfes zu betrachten, mit dem die Menschheit von ihren Verleumdern und der Planet von seinen Verschmutzern und Besatzungsmächten befreit werden soll. Es lebe die Zone vorübergehender Autonomie. Die Sondereinsatzkräfte werden gebeten, Davos bedingungslos zu räumen. Und den Ort den Berghirten, Snowboardern und ehemaligen Insassen eurer Vollzugsanstalten zurückzugeben. Aber ein bisschen plötzlich!
Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle.
Daniel de Roulet arbeitete als Journalist, Architekt und Informatiker in Genf, war in der radikalen Linken aktiv und lebt heute als Autor in der Schweiz und in Frankreich. Sein Internet-Fortsetzungsroman Davos Terminus, aus dem der Auszug stammt, erscheint bis zum 31. Januar 2002 in französisch (www.largeur.com) sowie in englischer (www.autonomedia.org) und deutscher (www.paranoiacity.ch)Übersetzung. Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Limmat Verlags, © Limmat Verlag, Zürich, 2001, 2002.