El pueblo unido?
»Back to Revolution« - dieses Mal kam die Schlagzeile nicht aus einem linken Revolverblatt, sondern aus der Financial Times, die revolutionärer Umtriebe kaum verdächtig ist. »In den letzten Wochen scheint Lateinamerika zeitweise in einer Zeitschleife gefangen zu sein«, stand am 20. Februar in dem Finanzblatt. »Die prekäre Stabilität der letzten Dekade (...) hat sich in soziales und ökonomisches Chaos, politische Gewalt und Nationalismus gewandelt, was an die siebziger und achtziger Jahre erinnert. Sogar das Symbol der neuen Welle des Protestes - die Demonstrationen mit Kochtöpfen und Pfannen - ist von chilenischen Demonstranten von 1973 übernommen worden«, klagt die Zeitung.
Ihre Krise, unsere Chance? Die Entwicklung in Argentinien seit Dezember scheint revolutionären Hoffnungen ausreichend Nahrung zu geben. »In den Massenmedien, im nationalen Kongress, in der internationalen Presse, im Forum von Porto Alegre und in dem von New York, in den Treffen der politischen Parteien und in den Vorstandsetagen der ganzen Welt ist die argentinische Krise allgegenwärtig, aber es herrscht Schweigen über das Einzige, was in Wirklichkeit auf den Straßen und Plätzen Argentiniens nachhallt: die Nachbarschaftsversammlungen« - so beginnt der Text »Wir sind nicht allein«. »Dieses Schweigen über die Versammlungen ist nicht zufällig«, heißt es später. »Alle diese Sprecher und Verteidiger der Ausplünderung wissen, dass die Frage der Macht auf den Straßen und Plätzen Argentiniens in der Diskussion ist.«
Die Machtfrage - da ist sie wieder. Aber welche? Und wer stellt sie? »Unser alter Freund, das Gespenst der Volksautonomie«, wie es in einem anderen Text des gleichen Autors heißt? Alle gegen »die da oben«? »Wir sind das Volk« auf argentinisch? Die Souveränität des Volkes war der politische Kampfbegriff des Bürgertums gegen die Feudalherrschaft, aber er taugt nicht zur Überwindung der kapitalistischen Klassengesellschaft, auch dann nicht, wenn er mit dem Begriff der Autonomie aufgeladen wird. Und das Umkippen in völkisches Delirium oder vulgärsten Nationalismus liegt nahe.
Wie aber steht es mit der »Führung der Arbeiterklasse«, vermittelt durch eine Partei? »Alle Macht den Räten und nicht den Parteien« war die Losung der radikalen Strömungen der Arbeiterbewegung, seit die russische Revolution sich unter den Bedingungen des Ausbleibens der Revolution in Europa auf das Projekt einer so genannten ursprünglichen Akkumulation zurückgeworfen sah. Die Revolutionen in China, Kuba und anderen Ländern der so genannten Dritten Welt folgten diesem Modell. Die Partei beschlagnahmte den Staat, verkleidete sich als »Macht der Arbeiter und Bauern« und quetschte aus den Bauern den Mehrwert, den sie zum industriellen Aufbau verwandte. Die bürokratische Klasse spielte die Rolle des in diesen Ländern marginalen Bürgertums, das Warenproduktion und Lohnarbeit gesamtgesellschaftlich durchsetzte.
Nun verwaltet sie alleine (wie in China) oder zusammen mit ihren bürgerlichen Gegenspielern (wie in Russland oder nach verschiedenen »historischen Kompromissen« in Europa) die Gesellschaft des Kapitals - ohne jegliche emanzipatorische Perspektive. Die Herrschaft hat sich modernisiert, die Linke nicht, das ist alles.
Weltweit hat sich die Gesellschaft des Kapitals durchgesetzt. Sie funktioniert nicht krisenfrei, und ein Ergebnis dieser Krisen lässt sich in dem argentinischen Freilandversuch beobachten: ein institutioneller Kollaps, gekoppelt mit einer gigantischen Enteignung der Bevölkerung, ein Test, wie weit die Unter- und Mittelklassen sich ausplündern lassen, ohne das kapitalistische System ernsthaft in Frage zu stellen.
Alle Macht den Räten - das scheint in den Versammlungen in Argentinien wieder auf. Gegenwärtig scheint sich der Aufbau einer solchen Gegenmacht zu den kapitalistischen Institutionen noch relativ unbehelligt von staatlichen Repressalien abzuspielen. Sollte sich die Bewegung aber ausweiten und die Frage der Aneignung und Umgestaltung des produktiven Apparates auf die Tagesordnung setzen, ist ein Zusammenstoß unvermeidlich.
Umso wichtiger ist derzeit die Entwicklung eines klaren Bewusstseins über die Aufgaben, die mit einer emanzipativen Überwindung der Gesellschaft des Kapitals einhergehen. An erster Stelle hat dabei die Kritik aller Ideologien - inklusive der von linken Gruppierungen verbreiteten - zu stehen; denn jede Ideologie ist der Feind der Emanzipation. Nicht el pueblo wird das Subjekt der Geschichte sein, sondern allein das Proletariat als Klasse des Bewusstseins.
In den folgenden Texten wird zunächst die Entwicklung der argentinischen Bewegung aus einer antiautoritären Perspektive dargestellt; darauf folgt die Geschichte des Peronismus, der sich mit Präsident Eduardo Duhalde erneut als autoritärer Krisenlöser anbietet, und schließlich eine Analyse des argentinischen Crash-Kurses der letzten zehn Jahre.