Aus Sicherheitsgründen muss die deutsche Literaturgeschichte seit vergangenen Donnerstag umgeschrieben werden: Es gab in der letzten Woche keine Lesung im Verteidigungsministerium, zu der Rudolf Scharping geladen hatte und die zur peinlichsten Veranstaltung des Jahres geriet. Eine Einladungskarte, auf der er mitgeteilt hatte, das Protokoll verlange, dass die Gäste seines Salons in »Straßenanzug /Uniform« zu erscheinen haben, war natürlich auch nicht verschickt worden. Gleich zum Auftakt der Lesung, die nie stattgefunden hat, drohte Scharping dann auch nicht an, das heutige Treffen könne der Beginn einer ganzen Reihe ähnlicher Veranstaltungen werden, weil sich das Verteidigungsministerium nicht auf quasi-militärische und strategische Angelegenheiten beschränken lasse, sondern das »Gesamte« im Blick habe.
Scharping hat also kein Buch präsentiert, das die Journalisten schon kannten, weil es bereits vor einigen Monaten erschienen war, das »Der Gespiegelte Himmel« heißt und das ein Bundeswehrfliegerroman des ehemaligen Bundeswehrfliegers Jochen Missfeldt über einen Bundeswehrflieger namens Gustav Hasse ist.
Der bescheidene Verlag hat auch nie in die Welt posaunt, dass es sich um den »größten Faust-Roman seit Thomas Manns 'Doktor Faustus' handelt, und es ist daraufhin im deutschen Feuilleton auch nicht zum Höhenkoller und zu massenhaften Thomas Mann-Sichtungen gekommen. Ebensowenig hat die militärkritische Süddeutsche Zeitung geschwärmt, das Jagdflugzeug in diesem Buch sei die »Maschine der Weltflucht, in der die Einheit des Lebens über alle seine Widersprüche triumphiert«.
Vergangenen Donnerstag kam unser Thomas Mann also nicht mit rötlichem Gesicht und grünlichem Sakko ins Verteidigungsministerium, und sagte auch nicht mit verlegenem Charme: »Ich freue mich, dass so viele Leute gekommen sind, sonst kommen immer nur so neun Leute zu meinen Lesungen, und meistens sind es Frauen.«
Nach einer Lesung, die niemals stattgefunden hat, unternahm Rudolf Scharping auch keinerlei Versuche, eine wirre Diskussion in Gang zu bringen, indem er völlig verdruckste Fragen stellte, die der Autor nicht beantworten konnte, weil er die weitschweifigen Fragen des Ministers nicht verstand. Der folgende Dialog, in dem sich das Militär und die Literatur und die Macht und der Geist so uneingeschränkt miteinander verbünden,dass es dem Zuhörer den Atem verschlägt, hat sich also niemals ereignet.
Autor und Fliegeroffizier a.D. Missfeldt: »Ich verstehe ihre Frage nicht ganz.« Scharping: »Das ist sehr bedauerlich.«
Es kam dann auch nicht zu weiteren Verhören, bei denen Scharping vergaß, dass er hier der Gastgeber war und den sprachlosen Autor eingeladen hatte, mit ihm zu sprechen.
Scharping sagte nicht: »Sie haben doch mit Bogdan Musial gesprochen.« Und der Autor antwortete nicht: »Wir haben uns doch nur gemailt.«
Scharping fragte nicht: »Mal die Wehrmachtsausstellung gesehen?«
Und der Autor sagte nicht: »Nein, ich halte sie in der jetzigen Form für gut.« Scharping fragte nicht: »Was sagen Sie zum Traditionsverständnis der Bundeswehr?«
Und der Autor sagte nicht: »Sie stellen aber auch Fragen. Ich glaube, ich kann Ihnen darauf keine gute Antwort geben.«
Scharping sagte daraufhin nicht: »Dann geben Sie eben eine schlechte.«
So war das nicht am vergangenen Donnerstag bei Scharpings Literaturquartett im Bundesverteidigungsministerium.