Die Paten Palästinas
»Macht sie nieder, allesamt!« So begann nach dem bekannten Zitat von André Breton über die »einfachste surrealistische Handlung« der Text der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) aus Freiburg über die Attentate vom 11. September. Deutsche und Islamisten vereine der gleiche Feind - Israel und die USA - hieß es darin. In Deutschland zeigten sich von links bis rechts unterschwelliges Verständnis und Sympathie für die Attentäter.
Diese Verbindung zu denunzieren, war das Anliegen der Streitschrift, die bereits in ihrem polemischen Titel »Dschihad und Werwolf« auf ihre Folgerungen hinwies: Im Grunde seiner Seele wünsche das vereinte Deutschland den Vereinigten Staaten und Israel das Verderben an den Hals.
Diese These blieb nicht ohne Widerspruch. Im Folgenden dokumentieren wir Ulrich Enderwitz' »Quo vadis Ça ira?« betitelten Antwortbrief an die ISF. Der Autor, der selbst seit Jahren im ISF-Verlag Ça ira zahlreiche Bücher veröffentlicht hat, kritisiert dabei vehement die These des Pamphlets. Anschließend antwortet Manfred Dahlmann von der ISF auf die Vorwürfe. Der Konflikt wird auch Thema auf dem ISF-Kongress »Antideutsche Wertarbeit« sein, der zu Ostern in Freiburg stattfindet.
Die Thesen der ISF, auf die sich Enderwitz auf der folgenden Seite bezieht, werden mit einer Bemerkung zu den Reaktionen in Deutschland nach den Anschlägen in den USA eingeleitet. Nach Meinung der ISF kam dabei ein gewisses Misstrauen gegenüber den deutschen Trauer- und Solidaritätsbekundungen für die Opfer der Anschläge und die Vereinigten Staaten zum Ausdruck. »Wer wirklich trauert, hat den deutschen Staat zu stärken«, behaupten die Autoren in dem Text. In der Krise kenne man eben in Deutschland keine Parteien mehr. Wenn der Feind vor den Toren stehe, habe innerhalb der Mauern jeder Streit zu ruhen. »Und so ist es die Politik der bedingungslosen Forcierung der Souveränität - einer deutschen Souveränität, die sich perspektivisch gegen die Vereinigten Staaten richtet -, die die politische Öffentlichkeit der Nation als Lehre und Konsequenz des Massakers zu ziehen beliebt.«
Wer aber ist der Feind der Deutschen? »Wer ist es schon immer gewesen, weil er gar nicht anders kann?« fragt die Streitschrift. »Der Feind mag viele Namen haben, letztlich findet die 'deutsche Frage' ihren Antagonisten doch in der Gestalt 'des' Juden. Und in seiner politischen Form: Israel.«
Die USA und Israel seien auch die Feinde, gegen die sich der Jihad richte. Zu Beginn der al-Aqsa-Initifada wurde den Gläubigen in den Moscheen von Gaza gepredigt: »Wo immer ihr sie trefft, tötet sie. Wo immer ihr seid, tötet Juden und Amerikaner.«
Seitdem bemühe sich die deutsche Politik, als »ehrlicher Makler« aufzutreten. De facto habe der Bundestag in einer überparteilichen Erklärung zum Thema »Eckpunkte einer neuen deutschen Nahost-Politik« bereits im August verkündet, künftig seine »Rolle als Geburtshelfer und Pate des zukünftigen palästinensischen Staates« zu spielen.
Die Islamisten seien jedoch die Bündnispartner von morgen, zu denen sich die Deutschen heute aus pragmatischer Rücksicht noch nicht bekennen wollten. Es handele sich dabei um die gleichen Partner, die schon einmal an ihrer Seite kämpften - die Moslembrüder und Islamfaschisten, die in den dreißiger Jahren in Amin el-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, ihren Anführer gefunden hatten und die für das Bündnis der Palästinenser mit den Nazis, gegen Juden und gegen die Briten, optierten.
Als Beleg für diese These zitiert die ISF aus einer Rede, die der Mufti im November 1943 gehalten hatte und die das Islamische Zentral-Institut zu Berlin e.V. später veröffentlichte: »Araber und Mohammedaner! (...) Das, was die Deutschen uns annähert und uns auf ihre Seite bringt, ist die Tatsache, dass Deutschland in kein arabisches oder islamisches Land eingefallen ist und seine Politik seit altersher durch Freundschaft den Mohammedanern gegenüber bekannt ist. Deutschland kämpft auch gegen den gemeinsamen Feind, der die Araber und Mohammedaner in ihren verschiedenen Ländern unterdrückte. Es hat die Juden genau erkannt und sich entschlossen, für die jüdische Gefahr eine endgültige Lösung zu finden, die ihr Unheil in der Welt beilegen wird.«
Kurz, der faschistische Islam sei die konkrete Utopie der Deutschen. Die Traumlogik des deutschen Unbewussten verstehe und billige das Massaker vom 11. September als eine Art Brechung der Zinsknechtschaft mit unorthodoxen Mitteln, als ein Attentat auf die »Weltherrschaft des Geldes« (Horst Mahler) - das heißt als eine Aktion für die Weltherrschaft des produktiv schaffenden, des deutschen Kapitals.
Auch müsse die Gesellschaft des Rheinischen Kapitalismus den American way of life strikt ablehnen, weil die deutsch-völkische Kulturkritik im pursuit of happiness nichts als den Angriff auf die Volksgemeinschaft und die Verhunzung der Menschen zu »egoistischen Sozialatomen« (Mahler) sehen möge. So komme es, dass in Deutschland niemand Marinus van der Lubbe, den Reichstagsbrandstifter, verstanden habe, während bei den Attentätern des 11. September munter Motivationsforschung betrieben werde. »Caritas«, so endet der Text der ISF, »haben wir nur für den Werwolf und den Dschihad«.