24.04.2002
Meine Zeit in der Hölle XVI

Schweinerei

Ich steh' total auf Wurst. Die beste gibt es meiner Meinung nach in einem kleinen Laden in Hamburg-Eimsbüttel. Der verkauft nur Hausgemachtes aus dem Holsteinischen, zum Beispiel 1A Mettkringel und herrlich geräucherte Spitzensalami. Doch so sehr mich das Sortiment auch begeisterte, ich betrat den Laden nur ein einziges Mal. Es war ein regnerischer Tag, und ich war ganz neu in der Stadt. Um mein Viertel zu erkunden, durchstreifte ich die Straßen und kam zufällig an dem Geschäft vorbei. Im Schaufenster lagen herrliche Würste und Schinken. Auf darum gruppierten Schildern waren fröhlich lachende Comic-Ferkel abgebildet, teilweise mit umgebundenen Lätzchen.

Obwohl ich solcherlei Darstellungen geschmacklos finde, betrat ich den Verkaufsraum. Ein alter, grober Mann in blutverschmierter Schlachterschürze, die Füße in Gummistiefeln, kam mir über den kahlen Steinfußboden entgegengeschlurft. Kein schöner Anblick zwischen all den Fleischprodukten, die sich in den Regalen türmten und an stählernen Haken die Wände zierten. Schnell suchte ich mir eine luftgetrocknete Mettwurst aus, dann fiel mein Blick auf das Foto eines kleinen, süßen Ferkels, das sein Köpfchen über einen Bretterzaun reckte und mich mit hängenden Ohren und unschuldigen Augen anlachte. Kurz war ich versucht, die Wurst fallen zu lassen und wegzulaufen, doch ich bezahlte rasch, wartete nicht aufs Wechselgeld und verließ grußlos den Laden.

Draußen holte ich tief Luft und blickte dann verstört auf die Plastiktüte, die über und über mit lachenden Schweinen verziert war. Doch darin, ich schwör's, konnte ich die Wurst ganz deutlich weinen hören.